Havanna: 29. Internationales Festival des neuen lateinamerikanischen Kinos

Festival An Prominenz hatte es in diesem Jahr in Havanna nicht gefehlt - und der Feind spielte von Beginn an brav mit. Hanna Schygulla, Javier Bardem, Gael ...

An Prominenz hatte es in diesem Jahr in Havanna nicht gefehlt - und der Feind spielte von Beginn an brav mit. Hanna Schygulla, Javier Bardem, Gael García Bernal, Carlos Sorín - das waren nur einige der bekanntesten Namen aus der internationalen Filmwelt, die sich in tropisch-warmen Dezembertagen in der kubanischen Metropole aufhielten und für einige Aufregung sorgten. Der traditionelle Auftakt im Karl-Marx-Theater in Havannas vornehmem Stadtteil Miramar war so fulminant wie schon lange nicht mehr: Der umjubelte Auftritt des argentinischen Rockbarden Fito Paez, bildete das Vorspiel zur Lateinamerika-Premiere von Brian de Palmas Redacted. Das in Venedig preisgekrönte, wütende Fake-Doku-Drama des Amerikaners de Palma um die - schwer erträglichen - Exzesse einer Handvoll US-Soldaten im Irak-Krieg diente dem hiesigen Regime in exzellenter Weise als Agit-Prop. Und mit der Tatsache, dass die Bush-Administration dem Regisseur ausdrücklich die Reise nach Kuba verboten hatte, konnte Kubas Regierung noch einmal mehr auftrumpfen. De Palma ließ zur Eröffnung eine Grußbotschaft verlesen. Einige Tage später war die Reihe am spanischen Schauspieler Bardem, der auf einer Pressekonferenz die Überstellung von Bush, Blair und Aznar an ein internationales Kriegsverbrechertribunal forderte. Man hatte solch heftige Töne beim Filmfestival von Havanna schon seit Jahren nicht mehr gehört, und schon gar nicht aus dem Mund von einem wie Bardem, der in Havanna den von ihm produzierten Dokumentarfilm Invisibles präsentierte, ein Projekt für Ärzte ohne Grenzen.

Das Programm war von einer selten gesehenen Breite; neben dem Wettbewerb der Filme aus Lateinamerika gab es in den unzähligen anderen Sektionen einige Beiträge, die aufhorchen ließen. An erster Stelle Florian Henckel von Donnersmarcks Film Das Leben der Anderen, der erwartungsgemäß an den Eingängen zu tumultartigen Szenen führte. Wenn man weiß, dass die Stasi in den 1970er Jahren den kubanischen Genossen ein Handwerk beibrachte, das diese bis heute gut beherrschen, dann darf man die Projektion des Films als kleine Sensation bezeichnen. Man sah danach nicht wenige Leute weinen, und oppositionelle Intellektuelle äußerten sich gegenüber den zahlreichen ausländischen Medien dahingehend, sie hätten Hoffnung, dass sich in Kuba gewisse Dinge veränderten, wenn ein derartiger Film gezeigt werden könne. Das dürfte eine optimistische Sicht sein. Aus Kreisen, die der deutschen Botschaft nahe stehen, war zu erfahren, Kuba habe Schaden begrenzen und einen erneuten Trubel vermeiden wollen, wie er im letzten Jahr beim Zensurentscheid der Festivalleitung für die Dokumentation Havanna - Die neue Kunst, Ruinen zu bauen entstanden war.

Emotional noch nachhaltiger als das deutsche Stasi-Drama wirkte ein spanischer Dokumentarfilm. Old Man Bebo von Carlos Carcas, einst Assistent bei Fernando Trueba, hieß ein zweistündiges Porträt über den mittlerweile 89-jährigen Latin-Jazz-Pianisten Bebo Valdés, Vater des kubanischen Klaviervirtuosen Chucho Valdés. Bebo Valdés, seit den frühen 1940er Jahren eine der wichtigsten Musikerpersönlichkeiten der Insel, verließ Kuba 1960 und kehrte nie mehr zurück. In Interviews hat der abwechselnd in Schweden und Spanien lebende Pianist immer wieder erklärt, sein Weggang sei politisch motiviert gewesen; er gehe nicht mehr in das Land zurück, solange dort die jetzige Regierung an der Macht sei. Chucho Valdés sprach am drittletzten Festivaltag in Havannas zentralem "Rampa"-Kino die einführenden Worte zu Old Man Bebo. Und wie bei keinem anderen Film auf dem Festival gab es während der Vorführung mehrmals lang andauernde stehende Ovationen. Vielleicht beginnen Veränderungen in Kuba ja mit der Musik.

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00:00 21.12.2007

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