Heimtechnik im Foyer

Tradition und Innovation Mit dem 5. Internationalen Tschechow-Festival etabliert sich Moskau als europäische Theatermetropole

Es scheint keinen idealeren Ort für ein Theaterfestival zu geben, als Moskau. Allein in Fußnähe des Roten Platzes befinden sich an die 20 Theater - in der restlichen Stadt sind es insgesamt noch fünf Mal mehr Bühnen. Darunter befinden sich so traditionsreiche mit schillernden Namen wie das Moskauer Künstlertheater (gespalten in zwei Häuser, von denen das eine den Namen Gorkis und das andere den Tschechows im Titel führt), das Puschkin- und Wachtangow-Theater. Beim Spaziergang zwischen diesen historischen und realsozialistischen Bauten kommt man zwangsläufig an den neuerbauten Palästen der Banken und Ölkonzerne vorbei, streift teure Modeboutiquen, ein Meer von Handyläden und stilvolle Kaffeehäuser - alles Zeichen einer beschleunigten Kommerzialisierung. Daneben setzen die frisch renovierten, viel besuchten orthodoxen Kirchen samt zugehöriger Geschäfte voll religiöser Utensilien aller Art sowie die zahlreichen Bettler an den U-Bahn-Eingängen eigene Akzente.

Die erkennbare Spannung in den sozialen Verhältnissen spiegelt sich inhaltlich auf den Moskauer Bühnen in einer Theaterästhetik wider, die man als "Zwei-Klassen"-Phänomen bezeichnen könnte. Einerseits gibt es die zahlreichen in altmodischer Konventionalität aufgeführten Klassiker-Inszenierungen, in denen sowohl die sowjetische Vergangenheit als auch die vom permanenten Übergang geprägte Gegenwart gänzlich ausgeklammert bleiben. Andererseits hat Moskau ein vitales und modernes Bühnenleben zu bieten, in dem eine Regie-Generation um die 40 weder vor "Klassikerzertrümmerung" noch der Aufarbeitung der Geschichte zurückschreckt. Den westlichen Besucher beeindruckt zudem die blühende Aufführungskultur russischer Gegenwartsdramatiker. Polarisierende Autoren wie Vladimir Sorokin, Jevgenij Grischkovec oder Aleksander Galin setzen hier Impulse für eine ästhetische und politische Kontroverse im künstlerischen Rahmen.

Im Rahmen des Tschechowfestivals präsentierten die Gastgeber - im Unterschied zu den Vorjahren - dieses Mal vor allem die neue Regie-Generation, daneben gab es das üblicherweise Ausgezeichnete und Bewährte des internationalen Festspielbetriebes. Nachdem in den vergangenen vier Jahren hier so namhafte Theaterveteranen wie Peter Brook, Robert Wilson oder Peter Stein zum Zuge gekommen waren, legte man dieses Jahr den Schwerpunkt auf visuell Attraktives aus Asien. Auch dem weniger Renommierten wurde Platz eingeräumt, es gab einen eigens eingerichteten Sektor für Experimentelles Theater, wovon vor allem die kleinen freien russischen Theater profitierten. Insgesamt stehen auf der Agenda des Festivals fast 90 internationale und russische Vorführungen, die in drei Monaten noch bis Ende Juli zu sehen sind.

Das hat natürlich seinen Preis. Rund fünf Millionen Euro beträgt das Budget des Theaterereignisses - subventioniert vom russischen Kulturministerium, der Stadt Moskau, aber auch von privaten Unternehmen. Die Sponsoren nutzen die Foyers der Theater als Werbe- und Verkaufsfläche. Im Puschkin-Theater können die Zuschauer zum Beispiel vor Stückbeginn neben Kosmetik auch neueste Flachbildschirme und andere Heimtechnik erwerben. Solch vereinzelte skurrile Momente vermögen jedoch kaum den positiven Gesamteindruck zu stören, mit dem Moskau und sein theaterbegeistertes Publikum sich als europäische Festivalalternative zu Avignon oder Wien empfehlen.

Besonders stolz waren die Veranstalter auf die Weltpremiere der Cheveaux de vent (Windpferde) des in Deutschland noch unbekannten Franzosen Bartabas und seiner im Zirkus am Stadtrand auftretenden Kompanie Zingaro. Erst anschließend wird dieses "Pferdetheater" auf dem Festival in Avignon zu sehen sein. Nach seiner persönlichen Initiierung in einem tibetanischen Kloster hat Bartabas aus diesem Mönche eingeladen, die vor einer jurtenähnlichen Kuppel minimalistische Gebetsmusik vortragen. Mit prächtigen Masken geschmückte Reiter führen zu dieser geheimnisvollen Klangkulisse Dressurkunststücke vor, die gleichzeitig an Steppe und Vorzivilisatorisches erinnern. Zwar ist die dargebotene Akrobatik verglichen mit dem Repertoire eines normalen Zirkus eher Mittelmaß. Jedoch soll hier das Spirituelle überwiegen und die Einheit von Mensch und Natur demonstriert werden. Ob es gelingt, sei dahingestellt. Am Schluss des Abends treten die Schauspieler in Straßenkleidung vor das Zirkusrund, schlüpfen in traditionelle Nomadenkostüme und galoppieren verzückt zu Videoprojektionen von mongolischen Stämmen von dannen. Vielleicht in Richtung Freiheit.

Eine weitere hochkarätige Entführung ins Fernöstliche lieferte das Kabukitheater aus Tokio. Liebe und Selbstmord in Sonezaki, ein Stück aus dem 18. Jahrhundert, ist eine Adaption der Romeo und Julia-Geschichte. Nach alter patriarchalischer Vorschrift - das Gesetz geht auf 1628 zurück - werden sämtliche Frauenrollen von Männern gespielt. Das Stück bot exotisches Erleben von Masken und Klängen, die ein verlorenes und befremdliches, dafür aber farbenprächtiges Japan vorstellten. Moderner ging es in dem multiethnischen Tanztheater des Finnen Tero Saarinen und seiner Aufführung Wind zu. Bereits für das Wiener Theaterfestival 2001 produziert, erwies sich das hochenergetische Perkussionsfeuerwerk, abgemischt mit Elektrobeats, als auch in Russland vorzeigbare Kontinentalbrücke zwischen den beteiligten Performern und Tänzern aus Senegal, Korea und Skandinavien. Ein Theater zum Träumen, das unter dem Dach unterschiedlicher traditioneller Musik und expressivem Tanz dem Gemeinsamen einer archaischen Urkultur nachspürt.

Asiatische Exotik, angereichert mit Klamauk, lieferte die südkoreanische Gruppe des Filmregisseurs, Schauspielers und TV-Talkers Seung Whan Song, die auf dem Festival ihre auch in Deutschland zum Kassenschlager avancierte Theatershow Cookin´ präsentierte. Etwa 2.000 Mal wurde das Stück bisher rund um den Globus gezeigt: Für eine Hochzeitsgesellschaft sollen unter dem wachsamen Auge ihres cholerischen Chefs drei Köche ein Essen zubereiten. Dafür haben sie 90 Minuten Zeit, die sie sich mit clownesken Einlagen, Gemüsezerhacken oder der Jagd nach einer Plastikgans vertreiben. Das Publikum ist aufgefordert, lauthals mitzugehen oder gar auf die Bühne zu klettern, um gegeneinander im Kochwettkampf anzutreten. Eine Fastfood-Show, die ihren Erfolg wohl aus eben der leichten Kost und universellen Verdaulichkeit bezieht wie entsprechende Hamburgerketten.

Trotz reichlich Vorschusslorbeeren wurde auch die Shakespeareinszenierung Was ihr wollt, die der Engländer Declan Donnellan mit russischen Schauspielern besorgte, zur Enttäuschung. Deutlich konnte man hier jedoch den Unterschied zwischen dem für Westeuropa typischen Regietheater und der auf den Schauspieler konzentrierten russischen Aufführungsweise beobachten. Bis zur kleinsten Nebenrolle hin ist jeder Darsteller um Virtuosität bemüht und will lebensechte Emotionen an das Publikum weitergeben.

Auf seine Weise unbestechlich gab sich nach wie vor der Regieguru Anatolij Vasil´ev. Als Festivalbeitrag hatte sein Stück Aus Onegins Reise Premiere, das auf einem nachgelassenen Fragment des unvollendet gebliebenen Puschkin-Poems beruht. Wie zu Eis erstarrte Schauspieler sezieren und zerhacken, vermeintlich philologisch exakt, den Text, um - so das erklärte Ziel - die Grenze hin zum mystischen Erlebnis zu überqueren.

Die jetzt nachwachsende Regie-Generation will von derartigen Gratwanderungen zwischen Spiel und Ritual nichts mehr wissen. Mehrere Bühnen, die das Tschechowfestival nun einem internationalen Publikum vorstellte, stehen ihnen dabei zur Verfügung. Zum einen das vom Bürgermeister Juri Luschkow mitfinanzierte und letztes Jahr eröffnete Meyerholdzentrum, in dem zum Beispiel das Enfant terrible der Moskauer Theaterszene, Wladimir Epifanzew, seine anarchischen und von der Presse mit dem Etikett "sadomasochistisch" versehenen Stücke präsentieren kann. Eine weniger radikale, dafür durchdachte Variante von Antonin Artauds Das Theater und sein Double zeigte im Rahmen des Festivals Valerij Fokin. Anhand von Briefen und Zeitzeugentexten stellte er Artauds Leben und seine Auseinandersetzung mit dem damals gängigen Theatergeschmack nach. Gespielt wurde im Foyer-Café. Höhepunkt der Aufführung ist fraglos die Szene, in der Artaud, selbst als Zuschauer im Cafe sitzend, einer im Bühnenguckkasten veranstalteten Inszenierung im viktorianischen Stil folgt. Zunächst leidet er mit den Schauspielern, dann aber beginnt er stotternd eine Rede gegen die überholte Spielweise zu halten, die schließlich in einen rebellierenden Schrei mündet, in dem Wahnsinn und Kritik nicht mehr zu unterscheiden sind. Im Moskauer Rahmen der erwähnten "Zwei-Klassen-Ästhetik" kommt Artauds Kritik am herkömmlichen Theater durchaus Aktualität zu.

Die aktuelle soziale Lage fand sich paradoxerweise jedoch am Besten in einem Gastspiel gespiegelt. Frank Castorfs Bulgakowbearbeitung Meister und Margarita, in Berlin verhalten aufgenommen, scheint in Moskau endlich ihren gesellschaftlichen Kontext gefunden zu haben. Wenn zu Beginn des Stückes die Figur des Berlioz erklärt, in Russland habe die Mehrheit der Bevölkerung nun Bewusstsein und glaube schon lange nicht mehr an die Märchen von Gott, erinnert sich der Besucher an die frisch vergoldeten Kirchtürme und die neuerlich sprießenden Devotionalienläden draußen vor der Tür. Bulgakows Roman, in der Stalinzeit geschrieben, wirkt 2003 mit seinen Fragen nach Religion und Gesellschaft äußerst modern, so dass sich Castorf in Moskau als politischer "russischer" Gegenwartsregisseur zeigen konnte.

00:00 11.07.2003

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