Held der Arbeit oder Workaholic?

Geschlecht und Habitus Auf den ersten Blick unterscheiden sich Männer ostdeutscher und westdeutscher Herkunft wenig. Sieht man genauer hin, sind zwei dominante Modelle von Männlichkeit zu entdecken

Durch die deutsche Wiedervereinigung 1989 ist die historisch ungewöhnliche Situation entstanden, dass eine Nation nach über 40 Jahren einer rigiden Teilung in zwei Staaten, eingebunden in gegensätzliche sozialpolitische Systeme, davon 30 Jahre mit einer fast unüberwindlichen Grenze, in kürzester Zeit wieder friedlich zusammengeführt wurde. Für die Sozialwissenschaften stellt diese Konstellation eine besondere Herausforderung dar, insofern hieran wie in einem quasi ungewollten natürlichen "Feldexperiment" der Einfluss komplexer sozialer Variablen auf die Entwicklung der betroffenen Individuen untersucht werden kann. Auch für die Geschlechter- und Männerforschung bietet sich hierdurch die vermutlich einmalige Situation, die Frage der Entwicklung und Veränderung von Geschlechtermustern unter unterschiedlichen gesellschaftlichen Bedingungen untersuchen zu können.

Um so mehr verwundert, wie relativ wenig diese Thematik in der wissenschaftlichen Forschung aufgegriffen wurde. Dies gilt besonders für die Männerforschung. Mit Ausnahme weniger populärwissenschaftlicher bis belletristischer Publikationen sind mir hierzu keine umfangreicheren Arbeiten bekannt. Diese Abstinenz erstaunt und wäre an sich schon einer Analyse wert. Aus der Sicht der Männerforschung ist es jedoch eine in höchstem Maße interessante Frage, ob wir bezogen auf die beiden deutschen Staaten von unterschiedlichen Männlichkeiten ausgehen können, und wie sich im Prozess der Wiedervereinigung das Verhältnis dieser Männlichkeitsformen entwickelt hat. Ich will versuchen, einige vorläufige Überlegungen hierzu anzustellen.

Tiefeninterviews

Um sich der Frage nach Unterschieden in ostdeutscher und westdeutscher "Männlichkeit" empirisch anzunähern, bieten sich grundsätzlich Tiefeninterviews als Methode an. Diese können zwar keine repräsentativen Aussagen begründen, aber weitergehende theoretische Reflexionen anstoßen und strukturieren.

Auf meine Anregung führten zu diesem Zweck 1997 und 1998 in Dresden und Umgebung Studierende themenzentrierte Interviews mit Männern im Alter von Mitte 20 bis Anfang 30 durch. Dabei ging es uns besonders um die Frage, wie diese Männer den Veränderungsprozess und die Unterschiede zwischen Ost- und Westmännern reflektieren. Die Auswahl der befragten Männer war dadurch bestimmt, dass sie in der DDR geboren und zu Männern herangewachsen sein sollten, aber auch noch hinreichend jung, um sich von den neuen Entwicklungen in ihrer männlichen Identität angesprochen zu fühlen.

Ohne Anspruch auf eine systematische Auswertung will ich einige Aussagen aus diesen Interviews zum Ausgangspunkt meiner Überlegungen nehmen.

R., 33 Jahre alt, verheiratet und Vater von zwei Kindern, von Beruf Trockenbauer, antwortet auf die Frage, was ihm zum Begriff Männlichkeit einfalle: "Also ich weiß nicht. Diese Frage habe ich mir auch noch nicht gestellt. Im Allgemeinen stellt man sich so´ne Frage ja auch nicht." Und nach einer kurzen Denkpause: "Aber du solltest vielleicht eher meine Frau fragen, was sie von Männlichkeit hält. Das ist vielleicht ein Begriff, der aus einem Frauenjournal entsprungen ist. "

M., 26 Jahre, gelernter Forstfacharbeiter und nach der Wende in einen sozialen Beruf übergewechselt, hat auf diese Frage bereits eine Antwort parat: "Na - muskulös, sexistisch, karrierebewusst, attraktiv und dienstbeflissen". Auf die Nachfrage nach der spezifisch ostdeutschen Männlichkeit stellt er fest, dass diese für ihn nicht so leicht zu beantworten ist, da nach seiner Wahrnehmung erst nach der Wende das Geschlechterverhältnis stärker problematisiert und pointiert wird: "Schwierig ... Das Karrierebewusstsein war in der DDR nicht so stark ausgeprägt beziehungsweise die Möglichkeiten dafür waren eingeschränkter. Und das Männlichkeitsideal wird in letzter Zeit stärker forciert. Na, so wie allgemein die Gesellschaft in der DDR aufgebaut war, so war och zwisch´n Geschlechtern ´ne verwischte Neutralität. Also geschlechterspezifische Aussagen oder Ausdrücke oder Äußerlichkeiten wer´n jetzt stärker hervorgehoben."

In der Abgrenzung zu seiner Erfahrung von "Mannsein" in Ostdeutschland macht er den "Westmann" an der Abhängigkeit von "Äußerlichkeiten" fest: "Unterschiede vielleicht in soweit, dass der Westmann vielleicht stärker wie der Ostmann von äußeren Einflüssen geprägt is´..."

Der Akzent auf "Äußerlichkeiten" als ein Aspekt der Veränderung nach der Wende und im Bezug auf Westmänner kommt auch in anderen Interviews zum Ausdruck.

M. bringt bei dem Vergleich zwischen der Jetztzeit und der Zeit vor der Wende den Begriff "prollhaft" ins Spiel: "Wüsste jetzt nicht, wo ich Unterschiede machen soll. Hm. Na, vielleicht dass es früher prollhafter war". Interviewer: "Prollhafter? Was heißt´n das?" "Na ja, so die ... also die Emotionalität eines Mannes aber überhaupt der Gesellschaft, war im Osten vielleicht mehr unter´n Teppich gekehrt worden, also dort stand das Rationale immer viel mehr im Mittelpunkt."

Trotz aller Begrenztheit der Verallgemeinerbarkeit solcher exemplarischer Aussagen verweisen sie meines Erachtens auf drei verschiedene Aspekte des Unterschieds zwischen West- und Ostmännlichkeit: Zum einen ist das der generell geringere Stellenwert des Geschlechtsunterschieds in der DDR-Gesellschaft, der von M. als "verwischte Neutralität" bezeichnet wird und dem er eine "rabiatere" Festlegung auf eine durch Medien und Gesellschaft vorgegebene Geschlechtsrolle in der jetzt stärker westlich geprägten Gesellschaft gegenüberstellt.

Eine Konkretisierung gewinnt diese Antworttendenz durch den in allen Interviews auftauchenden Aspekt der "Äußerlichkeit". Die befragten in der DDR aufgewachsenen Männer empfinden die nach der Wende zum Tragen gekommenen Veränderungen in Bezug auf Männlichkeit im Sinne einer stärkeren Orientierung auf Äußerlichkeiten, als "nach Außen was zeigen" oder als Karrierebewusstsein und Attraktivität.

Ein dritter Aspekt kommt mit dem Begriff des "Prollhaften" in einem Interview zum Ausdruck. Obwohl der Befragte diesen Begriff nur vage konkretisiert und kaum nachvollziehbar inhaltlich fühlen kann, ist deutlich, dass damit eine proletarische Akzentuierung gemeint ist.

Die proletarische Färbung

Im Folgenden will ich versuchen, die in den Interviews zum Ausdruck kommenden subjektiven Reflexionen des Unterschieds von "Männlichkeit" in Ost- und Westdeutschland zuzuspitzen auf die Frage nach der "hegemonialen Männlichkeit" im Sinne des Männerforschers Robert Connell. Dieser definiert hegemoniale Männlichkeit "als jene Konfiguration geschlechtsbezogener Praxis ..., welche die momentan akzeptierte Antwort auf das Legitimationsproblem des Patriarchats verkörpert und die Dominanz der Männer sowie die Unterordnung der Frauen gewährleistet." Mit diesem Konzept wird weder beansprucht, "alle Männer" in ihrer "Männlichkeit" konkret zu beschreiben, noch werden abweichende Ausdrucksformen von Männlichkeit damit ausgeschlossen. Das "Hegemoniale" bezeichnet nur die jeweils dominante und gesellschaftlich am meisten akzeptierte Form von Männlichkeit.

Bezogen auf die führenden Industrienationen macht Connell die hegemoniale und damit Standards setzende "Männlichkeit" fest an den Managern, "die in den globalen Märkten operieren sowie den politischen Führern, die mit ihnen interagieren". In "erster Annäherung", so schreibt Connell, lässt sich die "Männlichkeit", die diese Vorbilder und Führungspersonen repräsentieren, charakterisieren "durch einen gesteigerten Egozentrismus, sehr relativierte Loyalitäten (sogar der eigenen Firma gegenüber) und ein sinkendes Verantwortungsgefühl für andere."

Ein herausragendes Charakteristikum hegemonialer Männlichkeit in der BRD-Gesellschaft sehe ich in der Prägung durch die Lebensbedingungen und ästhetischen Standards einer Mittel- und Oberschicht, in der die Verfügung über ökonomisches Kapital, der berufliche Erfolg im Sinne von persönlicher Karriere und die Nähe zur gesellschaftlichen Macht in Politik, Wirtschaft oder Kultur an erster Stelle stehen. Damit verbunden sind eine ausgeprägte Konkurrenz- und Dominanzfähigkeit, die Verfügung über Statussymbole sowie Erfolg bezogen auf Frauen. Zumindest seit den achtziger Jahren behauptet sich diese Männlichkeit als hegemoniale nicht nur gegenüber anderen Männlichkeitsentwürfen in der eigenen Gesellschaft (beispielsweise dem Alternativentwurf des "Hausmannes" oder auch traditionell proletarischen oder soldatisch geprägten großbürgerlichen Männlichkeitsformen), sondern auch gegenüber dem feministischen Anspruch stärkerer Frauenrepräsentanz in Führungspositionen.

Versucht man im Kontrast hierzu die hegemoniale Männlichkeit in der DDR-Gesellschaft zu skizzieren, muss man als erstes die kulturelle Hegemonie der sich als Arbeiterpartei verstehenden SED und der von ihr kontrollierten gesellschaftlichen Institutionen in den Blick nehmen. Es ist, glaube ich, kein aus der Westperspektive verzerrtes Bild, sondern lässt sich verifizieren, dass die Realität der DDR-Gesellschaft bis in alle relevanten Alltagsstrukturen und Ausdrucksformen des ästhetischen Geschmacks hinein proletarisiert war. Der Soziologe Wolfgang Engler spricht in diesem Sinne auch von der DDR als einer "arbeiterlichen Gesellschaft".

Obwohl die Berufsarbeit den zentralen Bezugspunkt der Männlichkeitskonstruktion in beiden deutschen Staaten darstellte, lassen sich vor diesem Hintergrund wichtige unterschiedliche Akzente ausmachen: Einerseits war die Berufsorientierung stark geprägt durch den Anspruch der Zugehörigkeit zur "Arbeiterklasse", wobei der Klassenbegriff auch theoretisch so erweitert worden war, dass die meisten Berufsgruppen unter die Arbeiter-Kategorie fielen. Darüber hinaus war die Berufsorientierung in der ehemaligen DDR weit weniger individualisiert als in der BRD und stärker auf den Beitrag zum "Kollektiv" bezogen als auf individuellen Erfolg und Karriere. Deutlich wird dies auch an den Kontexten und Kategorien, in denen herausgehobene oder extreme Arbeitshaltungen thematisiert werden. In der DDR ist es der "Held der Arbeit" als formeller Ehrentitel, der in 90 Prozent der Fälle an Männer vergeben wurde. Sein kapitalistisches Pendant ist der "workaholic" als ein mehrdeutiger Begriff, der Missbrauch und Selbstzerstörung andeutet, aber zugleich offensiv als ein quasi "informeller Ehrentitel" gehandelt wird: In beiden Fällen schwingt mit, dass ohne Schonung und Rücksicht auf sich selbst außergewöhnliche Leistungen erbracht werden - freilich mit der bedeutsamen Akzentverlagerung vom Kollektiven (beim "Held der Arbeit") zum Individuellen (beim "workaholic").

Nicht nur auf der Ebene der offiziellen Staatsdoktrin dominierte mit Klischees vom "Helden der Arbeit" ein männlicher Habitus, der ursprünglich in der klassischen Industriearbeit und ihren Qualitätsmerkmalen von körperlichem Einsatz, Disziplin und Ausdauer verankert war. Vielmehr kann man nach meiner Beobachtung davon ausgehen, dass es zu DDR-Zeiten eine in alle Lebensbereiche reichende Dominanz eines Habitus gab, der wohl am besten als eine Mischung von proletarischen und kleinbürgerlichen Traditionen beschrieben werden kann. Die proletarische Färbung wird dabei im direkten Vergleich zur BRD-Gesellschaft deutlich, deren hegemoniale Kultur entschieden stärker von einem neuen Unternehmertum und einer aufstrebenden und quantitativ wachsenden Mittelschicht bestimmt wurde.

Im Sinne von Connell kann man diesbezüglich vielleicht am angemessensten von einer "proletarischen Färbung" der hegemonialen Männlichkeit in der DDR sprechen. Im Kern geht es dabei darum, dass die DDR sich nicht nur offiziell als "Bauern- und Arbeiterstaat" definierte, sondern bis in die banalsten Ausdrucksformen alltäglichen Lebens von einem entsprechenden Habitus geprägt war, der sich auch als ästhetischer Geschmack, in Kleidungs- und Ernährungsgewohnheiten, Umgangsformen und Freizeitbeschäftigungen ausdrückte.

Differenz versus Egalität

Darüber hinaus gehört zu dieser proletarisch gefärbten hegemonialen Männlichkeit das, was in einem Interview mit der "verwischten Neutralität" im Geschlechterverhältnis angesprochen wird. Dies scheint mir ein treffender Ausdruck dafür zu sein, dass Gegensätze und Konflikte zwischen den Geschlechtern in der DDR hinter der immer wieder beschworenen staatlichen Gemeinschaft und dem Antagonismus zum westdeutschen Kapitalismus verschwanden. Es gehört zu den Besonderheiten der DDR-Gesellschaft, dass ihr "egalitärer Grundzug" (Engler) das Geschlechterverhältnis einschloss, obwohl die obersten Führungsgremien der DDR fast ausschließlich durch Männer besetzt waren. Auf allen Ebenen der Gesellschaft wurde eine Kameradschaft von Männern und Frauen beschworen, die für den westlichen Blick wenig erotische Spannung aufweist und bei der es kein eigenständiges männliches Profil gab. Wenn man auf der Ebene staatlicher Macht und Ideologie ein erotisches Element ausmachen will, dann im übertragenen Sinne zwischen Frau und Staat. Sozialismus und Staat wurden unter der Hand so selbstverständlich mit Männern identifiziert, dass deren eigenständige Rolle keiner Hervorhebung bedurfte. Die Frau dagegen besaß eine gewisse Eigenständigkeit in der offiziellen DDR-Realität. Sie wurde gesondert genannt als die Frau an der Seite des Staates, die Frau in der Partei oder im FDGB. Nicht nur implizit, sondern ausdrücklich wurde ihr damit eine eigene Rolle zugestanden, die nicht nur am 8. März mit roten Nelken und Reden ihren Ausdruck fand, sondern in der ganzen Staatsideologie permanent präsent war.

Als unmittelbar nach der Wende west- und ostdeutsche Männer in Konkurrenz traten und sich mit der Verschiebung des ganzen Wertesystems auch die Gewichte zwischen der proletarisch gefärbten ostdeutschen und der mittelschichtorientierten westdeutschen "Männlichkeit" in Richtung auf eine Hegemonie des westdeutschen Modells verschoben, erwuchs aus dieser Situation das Phänomen eines völligen Missverhältnisses bei Ost-West-Eheschließungen. Anfang der neunziger Jahre, waren 99,2 Prozent dieser Eheschließungen Verbindungen von Ostfrauen mit Westmännern, aber nur 0,8 Prozent von Westfrauen mit Ostmännern. Man liegt wahrscheinlich nicht falsch, wenn man dies als ein Übergangsphänomen interpretiert, das auch damit zusammenhängt, dass nach der Wende eine große Anzahl relativ statushoher Westmänner in den Osten strömte, während kaum Frauen diesen Weg gingen und auch vergleichsweise weniger Ostmänner in die westlichen Bundesländer. Trotzdem drückt sich in diesem Zahlenverhältnis auch eine Wertung von "Männlichkeit" aus, bei der die Ostmänner zunächst nicht mit den Westmännern mithalten konnten. Darüber hinaus ist der auf eine proletarische oder kleinbürgerliche Erfahrung der Sozialwelt bezogene hegemoniale männliche Habitus aus der DDR-Zeit eher auf Unauffälligkeit und Zurückhaltung ausgerichtet, die hegemoniale Männlichkeit, an der sich westdeutsche Männer orientieren, dagegen eher auf Dominanz, Extravaganz und Eroberung. Dies bestätigt Rohnstock in ihrem Band Stiefbrüder (1995): "Ostmänner verstehen sich nicht als ›Eroberer‹, sie ›machen nicht an‹, sie lernen kennen - und das braucht Zeit und Geduld, da sind die Zwischentöne wichtig." Ihr Verweis auf die "Zwischentöne" deutet aber auch gleich eine mögliche Ursache dafür an, dass viele der angesprochenen West-Ost-Eheschließungen wenig dauerhaft waren. Es wäre ein fundamentales Missverständnis, würde man den westdeutschen männlichen Habitus, der sich aufgrund der Machtverhältnisse nach der Wende in ganz Deutschland als hegemonial durchsetzt, als positiver für die Bewältigung persönlicher Partnerschaften und Lebensgestaltung interpretieren.

Holger Brandes ist Professor für Psychologie an der Evangelischen Hochschule für soziale Arbeit in Dresden. Er veröffentlichte die Studie Der Männliche Habitus (Band 1: Männergruppen und männliche Identitäten, Leske und Budrich-Verlag, 2001; Band 2: Männerforschung und Männerpolitik, 2002) Der vorliegende Text ist die stark gekürzte Version eines Kapitels aus dem kürzlich erschienenen zweiten Band.

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00:00 06.12.2002

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