Heldendämmerung

USA Der Fall Pat Tillman - ein Footballstar in Afghanistan

The Right Stuff - "Der Stoff, aus dem die Helden sind" - hieß der 1983 gedrehte Hollywoodstreifen über die sieben US-Mercury-Astronauten, die es übernommen hatten, "für Amerika" auf dem Mond zu landen. Allerdings hatte das Heldenepos seinerzeit mit der tatsächlichen Geschichte des berühmten Mercury-Programms der NASA nur wenig zu tun. Ebenso wenig reflektieren heute die Legenden, die das Pentagon über neue Kriegshelden spinnt, die barbarische Realität im Irak und in Afghanistan. Doch die Army braucht den patriotischen Kämpfer dringender denn je, so dass notfalls Donald Rumsfelds Ghostwriter einspringen, frei nach Hollywood "den richtigen Stoff" produzieren und Geschichten wie die von Jessica Lynch oder Pat Tillman liefern.

Die dank Pentagon-PR über Nacht weltberühmte 19-jährige Soldatin Jessica war während der Irak-Invasion schwer verwundet worden. Trotzdem hatte sie ihre Kameraden verteidigt und dabei noch angreifende Iraker erschossen. In Gefangenschaft war die junge Frau dann von den "irakischen Bestien auf das Schlimmste" misshandelt worden, bevor sie von US-Spezialtruppen befreit werden konnte. So hörte sich im April 2003 die offizielle Version der Geschichte an, die genau so frei erfunden war wie der Heldentod von Amerikas Kriegshelden Pat Tillman.

Von "patriotischen Gefühlen" übermannt hatte der Footballstar nach dem 11. September 2001 einen 3,6 Millionen Dollarvertrag ausgeschlagen und sich bei den Rangers, einer Eliteeinheit des US-Militärs, gemeldet. Dort erledigte er als einfacher Soldat seine Pflicht. Zunächst im Irak, danach bei der Jagd auf Taliban in Afghanistan. Zur nationalen Legende wurde Tillman nach seinem "Heldentod" am 22. April 2004, der das Pentagon zu einer Story animierte, die einem Drei-Groschen-Kriegsroman entliehen schien: Der allseits beliebte Corporal Tillman geriet beim Sturm auf eine Stellung "islamistischer Fanatiker" in einen Hinterhalt. Bevor er jedoch von den "Terroristen niedergemäht" wurde, gelang es ihm noch, seine Ranger-Kameraden zu warnen. Pat Tillman habe vorbildlich gekämpft und sein junges Leben für Amerika geopfert, so die kolportierte Version.

Obwohl die US-Militärführung laut New York Times bereits kurze Zeit später über die wahren Umstände von Tillmans Tod Bescheid wusste, blieb man im Pentagon bei der zuvor verbreiteten Heroen-Geschichte. Tillman bekam ein Ehrenbegräbnis, das von diversen Fernsehkanälen übertragen wurde. Politiker hielten patriotische Reden und drückten den trauernden Eltern die Hand. Erst langsam, aber schließlich unaufhaltsam sickerte die Wahrheit über Tillmans Tod durch. Ein inzwischen vorliegender Untersuchungsbericht hält fest, dass er von seinen eigenen Leuten, die "grob fahrlässig" gehandelt hätten, erschossen wurde. Nach diesem Report waren Tillman und seine Einheit bei einer Operation in den afghanischen Bergen von einer anderen Ranger-Einheit beschossen worden. Wiederholte Versuche, den eigenen Soldaten zu signalisieren, dass sie die falschen Leute angriffen, fruchteten nichts. Erst nachdem Tillman eine Signalgranate geworfen hatte, deren Rauch deutlich zu sehen war, hörte das Maschinengewehrfeuer auf. "Feuer einstellen. Wir gehören zu euch!", rief Tillman und kam aus seiner Deckung hinter einem Felsen hervor. Doch als er in Richtung seiner Leute winkte, wurde er von dort durch den Feuerstoß eines MGs getötet.

Ende Mai nun haben Tillmans schockierte Eltern eine Medienkampagne gegen das Pentagon begonnen, dem sie vorwerfen, die Nation schamlos betrogen zu haben, nur um "patriotische Gefühle" in der amerikanischen Jugend zu wecken.

Seit Monaten bleibt die Zahl der frisch angeworbenen Rekruten weit unter dem Bedarf der Streitkräfte. Fast 1.700 Amerikaner sind allein im Irak gefallen, über 12.000 wurden zum Teil schwer verwundet, das schreckt ab.

Unter diesen Umständen dürfte die Aufklärung über die wahren Gründe für Tillmans Tod für das Pentagon einer mittleren Katastrophe gleich kommen. Inzwischen sind nach offiziellen Angaben über 5.000 Soldaten "AWOL", das heißt, nicht zu ihren Einheiten zurückgekehrt, also fahnenflüchtig. Und im ganzen Land machen Universitäten gegen die Werber der Army mobil und versuchen, sie mit juristischen Mitteln vom Campus fern zu halten. Auch hat der "patriotische Eifer" spürbar nachgelassen und immer weniger junge Amerikaner können sich eine Karriere im Militär vorstellen. Folglich steckt die Freiwilligenarmee in einer schweren Krise. Befürchtungen werden bereits laut, irgendwann könne nur noch die Wiedereinführung der Wehrpflicht helfen. Diese Sorgen werden von der New York Times geteilt, die jüngst mit dem Leitartikel The Death Spiral of the Volunteer Army warnte, ein katastrophaler Rekrutenmangel könne nach drei erfolgreichen Jahrzehnten das Ende der Freiwilligenarmee bedeuten.


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00:00 17.06.2005

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