Helft euch selbst!

Demokratie In Amerika ruft Barack Obama die Perestroika des Westens aus. In Deutschland schlafen alle weiter. Ein Weckruf von Christoph D. Brumme

Man reibt sich die Augen und wackelt mit den Ohren, denn die Geschichte spielt Theater, sie führt zweimal das gleiche Stück auf. Glasnost und Perestroika in Washington - Barack Obama hat von Michail Gorbatschov gelernt! Der amerikanische Präsident verspricht eine Überprüfbarkeit des Regierungshandelns und scheint sie vorerst auch zu praktizieren. Er schafft Transparenz in wichtigen Entscheidungen, er unterbreitet Abrüstungsvorschläge. Er ist der junge Kommunikator, er hat Charme und beherrscht die freie Rede, er wirkt menschlich und ehrlich. Man staunt, dass er an den Politbüros vorbei an die Spitze der Macht gelangen konnte. Er will den Schritt von der formellen zur reellen Demokratie wagen, also angesichts der Gefahr eines Staatsbankrotts eine Revolution auslösen, welche das Risiko eines anderen Scheiterns in sich birgt. Ob das Kapital nämlich nach derzeitigen Marktkriterien effizient arbeitet oder nicht, ist gänzlich nebensächlich angesichts der unheimlichen Tatsache, dass die Ressourcenknappheit zur eigentlichen Gefahr wird.

Deutschland wird hingegen von historischen Drückebergern regiert, für sie gilt: Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben. Keinem der Spitzenpolitiker mag man zutrauen, dass er „einen Hund hinter dem Ofen hervorlockt“, dass er angesichts eines Desasters auch noch Leute für Politik zu begeistern vermag. Die Regierung hat bis heute keine politische Antwort auf die Krise, sie ist ein Fachorgan, Hüter der gesetzgebenden Industrie, sie verbastelt sich mit Details, ihr fehlen die Begriffe, die eigene Gefährdung zu beschreiben. Das Damoklesschwert wird noch geschärft. Statt den Dialog zu suchen, wird beschwichtigt.

Der Regierung fehlen die Begriffe, die eigene Gefährdung zu beschreiben

Doch mit wem sollte die Regierung reden? Soll sie die Opposition zur Mitarbeit auffordern? Aber zur Mitarbeit wobei? Soll sie mit den Gewerkschaften über die Pendlerpauschale reden? Soll sie sich an die Medienkonsumenten wenden, und der Allgemeinheit gebührenfrei ihr Versagen erklären? Soll Angela Merkel üben, wie Barack Obama fernsehgerecht zu winken und nicken ? Der Kanzlerkandidat der SPD trainiert ja schon den schlaksigen Gang, bald wird er auch Baseball spielen. (Mit der Pausenhymne: "Sonne, scheine auch auf mich!")

Deutschland ist ein unglaublich verschnarchtes Land. Mit Verstand begabtes Phlegma, so beschrieb Immanuel Kant den deutschen Nationalcharakter. Selbst wenn Revolution ist, muss man den Deutschen sagen: Es darf getanzt werden! Und dann tanzen sie immer noch nicht. (Heiner Müller 1989 auf dem Berliner Alexanderplatz.)
Das Volk solle die Führung übernehmen, hieß es vor kurzem auch auf einer Veranstaltung der Bertelsmann-Stiftung. Und der Sprecher wurde nicht ausgelacht oder des Saales verwiesen. Das ist ein historischer Vorfall ersten Ranges. Es war kein politischer Romantiker, der da sprach, kein Trotzkist oder etwas ähnlich Exotisches. Ein Bürger machte diesen ungenauen Vorschlag, und es soll ernsthaft darüber geredet worden sein. Die Eliten haben versagt, die Parteien, die Gewerkschaften, die Fachverbände, die wissenschaftliche Institute, die Medien.

Das Volk soll es nun richten. Demokratie von unten. Vielleicht helfen gar (vorerst virtuelle) Räte, und wir nutzen wie Barack Obama die Netzkultur? Ein Volk errötet nicht, meinte Heinrich von Kleist. Wie kann es sich also ein besseres Leben organisieren, ohne Schamgefühle, im Moment auch des eigenen Versagens?

Autos kann man nicht essen

Ich als Volk würde das Problem methodisch angehen. Ich würde mich daran erinnern, dass man Autos nicht essen kann. Ich würde, wenn ich weltweite Demokratie für alle fordere, aber auch bedenken, dass ich dann zu den großen Verlierern gehöre, denn dann müssen die Ressourcen gerecht geteilt werden. Dann darf ich nicht mehr sagen: Vor den chinesischen Arbeitern habe ich Angst, weil die viel schneller und für viel weniger Geld arbeiten. Oder: China hat Deutschland als Wirtschaftsmacht bald überholt. Dann muss ich sagen: Deutschland ist als Wirtschaftsmacht bald nur noch sechzehn Mal so stark wie China, oder Italien ist als Wirtschaftsmacht nur noch fünfundzwanzig Mal so stark wie Indien. Ein Italiener kann also so viele Autos und Häuser bauen oder besitzen, soviel Spagetti essen und Wein trinken, wie fünfundzwanzig Inder.

Ich würde auch sagen, dass ich es äußerst befremdlich finde, dass die freien, demokratischen Staaten des Westens 70% aller weltweiten Rüstungsausgaben ausgeben, weshalb sich bitte schön niemand wundern möchte, dass im Kongo eine Maschinenpistole bloß 50 Dollar kostet.

Den Schatz der Vorfahren hüten

Ich würde aber auch sagen, dass ich nicht aus Nummern bestehen möchte, und dass für mich „die Prinzipien der Selektion, die zu Auschwitz führten“ (Heiner Müller), nicht gelten sollen. Ich will nicht, dass elementare rechtstaatliche Regeln schweigend außer Kraft gesetzt werden, wie in der Praxis der Hartz-IV-Gesetze, und ich möchte nicht, dass mein Vermögen vernichtet wird, damit Jahrzehnte alte Paragrafen eingehalten werden. Ich würde hingegen fordern, den amerikanischen Geheimdiensten zu verbieten, humanitäre Organisationen und die Weltbank und andere Institute zu unterwandern. Ich würde fordern, dass sich das Europäische Parlament endlich entscheiden sollte, wo es tagen möchte, statt mit Akten spazieren zu fahren. Ich würde über das grausame Phänomen reden, dass in Deutschland Jahr für Jahr wahrscheinlich etwa eine Million Kinder schwer misshandelt werden.

Und ich würde den unglaublichen Schatz hüten, den die Vorfahren geschaffen haben: Eine Verfassung, die zu höchsten Zielen verpflichtet. Ich würde nicht selber regieren und auch nicht die Gewaltenteilung aufheben. Ich würde aber stets auf die Einhaltung der Menschenrechte dringen, das heißt auch auf das Recht dieser Rechte, wenigstens die gleiche öffentliche Aufmerksamkeit zu erhalten wie eine Werbekampagne für Rasierklingen. Und ich würde dem Mantra der Medien: „Obama vertrauen“ entgegnen: Helft Euch selbst!

Christoph D. Brumme, geboren 1962, lebt als freier Schriftsteller in Berlin. 2008 erschien sein Roman No. Im März 2009 erscheint sein Reisebericht Auf einem blauen Elefanten - 8353 Kilometer mit dem Fahrrad von Berlin an die Wolga und zurück. Im Netz ist Brumme unter www.honigdachs.com zu finden
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13:50 06.02.2009

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