Helmholtztaler für ein besseres Leben

Robinson 4 Tauschringe sind beliebt, weil durch sie mancher Luxus leistbar wird. Doch sind sie auch eine Alternative zur Marktwirtschaft?

"Ohne Geld!" verkündet in großen Lettern eine Postwurfsendung, die den Anrainern rund um den Helmholtz-Platz Mitte März ins Haus flattert. Prompt bildet sich am darauffolgenden Montagabend ein Kreis von Stühlen vor dem Platzhaus. Die Palette der Neugierigen reicht von Öko-Mittdreißigern bis zur gesetzteren Dame, die nebenbei den spielenden Enkel im Auge behält. Der Initiator Tino Kotte beginnt immer wieder aufs Neue, seinen Tauschring vorzustellen. Hier soll ab sofort konsumiert werden können, was weniger Betuchte sich nicht so ohne weiteres leisten können - professionelle Hilfe bei der Steuererklärung etwa. Oder Musikunterricht.

"Es gibt im Kiez eine verdeckte Armut. Manche Leute kriechen wirklich auf dem Zahnfleisch", erzählt er. Hinter der Fassade gestylter Jungfamilien, die sich hier ansiedeln, verbirgt sich oft die Unsicherheit befristeter Beschäftigungsverhältnisse, falls man von der wachsenden Arbeitslosigkeit nicht unmittelbar betroffen ist. Tino Kotte bildet hier keine Ausnahme. Als Familienvater, der im zweiten Bildungsweg Abitur gemacht hat und jetzt an der Humboldt-Universität Germanistik und Europäische Ethnologie studiert, ist er immer auf der Suche nach Projekten, die ihn zumindest kurzfristig aus finanziellen Engpässen befreien. Am Anfang des bargeldlosen Tauschens standen Geldnöte.

Was lag also näher, als eine Initiative zu starten, die Leistungen "unabhängig vom Geldbeutel" vermittelt? Getauscht wird nach dem Ring-Prinzip. In einer monatlich erscheinenden Zeitung können Angebote und Gesuche veröffentlicht werden, die Vergütung erfolgt nach Vereinbarung der Tauschpartner. Der jeweilige Betrag wird in virtuellen "Helmholtztalern" als Gut- beziehungsweise als Lastschrift verbucht. Corinne, eine der KiezbewohnerInnen, will zum Beispiel Nachhilfeunterricht und Babysitting anbieten. Kinderbetreuung könnte sie auch selbst hin und wieder brauchen. Außerdem kann man so Kontakte knüpfen und lernt seine Nachbarn kennen, bei der relativ hohen Fluktuation vor Ort ist das sonst nicht so einfach.

Konstanze wundert sich, warum solche Initiativen von der Europäischen Union gefördert werden. Auch sie ist aufgrund der Plakate und Zusendungen neugierig geworden und findet es paradox, dass für lokale Mikroökonomien abseits der Geldwirtschaft der Euro rollt. In ihren Augen müsste ein Tauschring der Wirtschaft schaden, da er doch Bedürfnisse befriedigt, für die man sonst bezahlen muss. Das Gegenteil ist der Fall. Bisherige Experimente mit Tauschringen haben gezeigt, dass diese als Motor für Lokalökonomien sehr effektiv sind. Indem vor Ort angebotene Leistungen und Waren statt Billigprodukten und Dienstleistungen größerer Betriebe konsumiert werden, bleiben Zahlungsmittel und Kaufkraft in der Region.

Konstanzes Freund Adolfo bezweifelt grundsätzlich, dass sich das Tauschprinzip wesentlich von der Marktwirtschaft unterscheidet: "Damit wird nur die gleiche Logik reproduziert, die im Staat und im Geldsystem auch besteht. Du konsumierst etwas und dann bist du jemandem statt 250 Euro eben 250 Helmholtztaler schuldig." Zudem hat der Unterschied zwischen Phantasie- und echter Währung für gewerbliche Teilnehmer keine Bedeutung: Wenn es für sie an die Steuererklärung geht, ist der Helmholtztaler 1:1 in Euro umzurechnen, um Einkommens- und Umsatzsteuer abzuführen.

Die Frage, wie eine Alternative zum Kapitalismus aussehen könnte, hat beide bereits beschäftigt und löst Emotionen aus. Immer wieder kontert Konstanze auf Spanisch - Adolfos Muttersprache - und vergisst, zu übersetzen. Durch Tauschringe entstünde ein anderes Verhältnis zu Produktion und Konsum, argumentiert sie. Man erlebe bewusster, wie das, was man bekommt, von dem abhängt, was man gibt. Andererseits ziehen Menschen, die keine Leistungen anbieten können oder deren Angebote keinen Absatz finden, hier genau wie auf dem freien Markt den Kürzeren, hält Adolfo dagegen und berührt damit einen heiklen Punkt der Tauschwirtschaft.

Forscht man nämlich nach deren Grundlagen, stößt man in der Regel auf Anhänger der sogenannten "Freiwirtschaftslehre" und deren Gründungsvater Silvio Gesell. Konstanze und Tino Kotte ist der Name ein Begriff - Gesell gilt als Anarchist und Begründer eines alternatives Wirtschaftsmodells. Eine gleichmäßige Verteilung von Wohlstand schwebte ihm ganz und gar nicht vor. Vielmehr sollen nur die "wirklich Tüchtigen" den verdienten Erfolg haben. In seinen Schriften lassen sich auch krude Theorien rassischer Hochzucht finden, mit denen die meisten Tauschringe glücklicher Weise nichts zu tun haben wollen. Tino Kotte reagiert mit sichtlichem Unbehagen. Ihm gehe es um die Organisation von Nachbarschaftshilfe und eine Stärkung des Zusammenhalts derer, die hier wohnen. Er versteht sich nicht als Revolutionär oder Weltverbesserer. "Klar müsste man, wenn man Anfang 20 ist, auf die Straße gehen und eine Revolution anzetteln. Ich finde es gut, wenn junge Leute so denken, aber ich bin über 30 und denke mittlerweile anders."

Konstanze hält es aber für möglich, dass ein Tauschring auch über die Vermittlung von Kontakten und Leistungen hinaus im Leben der Menschen wirksam sein kann. Bevor sich die Gesellschaft wirklich verändern kann, muss sich ihrer Meinung nach erst das Bewusstsein verändern. Dafür liefere eine alternative Art des ökonomischen Kreislaufs dringend nötige Erfahrung. "Wenn es wirklich zu einer Krise kommt, was bei der jetzigen Lage in Deutschland nicht ausgeschlossen ist, dann weiß ich schon, wie ich mich bewegen kann. Natürlich handeln die Leute in Krisensituationen, aber wenn sich ihr Denken nicht ändert, machen sie wieder das, was sie auch vorher getan haben, sobald das Gröbste vorbei ist."

Tauschringe als Vorbereitung auf post-kapitalistische Verhältnisse? Adolfo ist skeptischer: "Das System benutzt uns dabei doch, es profitiert davon, dass du in deiner Notlage Ideen hast beziehungsweise aus deiner Angst heraus selber etwas tust, wofür eigentlich der Staat verantwortlich ist." Im Grunde wirken solche Initiativen dann sogar als Stütze der Marktwirtschaft, indem wieder bessere Bedingungen für deren Funktionieren geschaffen werden. Ein Vorwurf, den Tino Kotte nicht ganz zurückweisen kann. Eine wirkliche Alternative sieht er aber nicht.

Am Helmholtz-Platz ist es ruhig geworden. Die kleine Ansammlung der Tauschwilligen hat sich aufgelöst. Der Tauschring ist um einige Mitglieder angewachsen, neue Ideen sind diskutiert worden. Adolfo und Konstanze gehen mit gemischten Gefühlen nach Hause. Die Frage, ob man gegen ein paar Helmholtztaler ein kleines Stück des besseren Lebens tauschen kann, bleibt ungeklärt.


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00:00 20.08.2004

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