Heroen haben ausgedient

Heilen als Aufgabe Ist der Arzt Monteur, Dienstleister oder fürsorglicher Ratgeber? Gedanken zum Wandel eines Berufes

Was waren die Ärzte mal für Kerle! Über 70 Stunden die Woche, über 32 Stunden am Stück zu arbeiten, gehörte noch vor fünfzehn Jahren zum guten Ton, danach wurden Artikel geschrieben, Vorträge vorbereitet und Briefe diktiert. Da geriet mancher regelrecht in Trance. Nach dem neuen Arbeitszeitgesetz sollen dagegen nur noch längstens dreizehn Stunden am Stück erlaubt sein, und Ruhezeiten während des Bereitschaftsdienstes gar als Arbeitszeit gelten. Was ist bloß mit den Ärzten los? Sind sie endlich auch im "Freizeitpark" Deutschland angekommen?

Was im Mittelalter das Uringlas war, ist seit knapp zweihundert Jahren das Stethoskop: Sinnbild des Arztes und ärztlicher Tätigkeit. Doch am Beginn des 21. Jahrhunderts vollzieht sich schleichend ein Wandel im ärztlichen Tun. War sein Arbeitsplatz bisher hauptsächlich das Krankenbett, wechselt der Doktor nun zunehmend zum Computer, legt seine Hände immer häufiger auf Gerätetastaturen statt auf den Bauch von Patienten. Immer wenn ein Arzt im Krankenhaus oder in seiner Praxis einen Patienten behandelt, geht es auch um Geld. Seit gut zwei Jahren wird ein Klinikaufenthalt nicht mehr pro Tag vergütet, sondern pro Patient und Krankheit. Die Folge: Die Verweildauer ist weiter gesunken, weil das Krankenhaus bei einem zu langen Aufenthalt draufzahlt. In immer kürzerer Zeit müssen immer mehr Patienten behandelt werden, klagen die Krankenhausärzte. Von der zusätzlichen "Arbeitsverdichtung" durch Verwaltungsaufgaben noch gar nicht zu reden.

Warum aufopfern?

Ärzte nehmen selbstverständlich auch an gesellschaftlichen Entwicklungen teil. Kaum jemand glaubt noch, es sei richtig, zugunsten der Allgemeinheit auf etwas zu verzichten. Warum sollten Mediziner in dieser Entwicklung eine Ausnahme darstellen und sich für das Gemeinwohl aufopfern? Aber es gibt auch ganz praktische Gründe für eine geregelte Arbeitszeit von Ärztinnen und Ärzten: Sie wollen Familie, Beruf und womöglich noch ein paar andere Interessen unter einen Hut bringen, und das ist mit einer 70-Stunden-Woche schlicht nicht möglich. Das Standesorgan der deutschen Ärzteschaft porträtiert sie zwar noch, die Heroen, die auf dem Feld der Medizin zweifellos Außergewöhnliches leisten. Doch als Vorbilder haben diese Kraftnaturen, die angeben, an sieben Tagen in der Woche vierzehn Stunden zu arbeiten und im Urlaub Bücher zu schreiben, für die meisten ausgedient.

Nach einer 24-Stunden-Schicht entspricht das Reaktionsvermögen eines Menschen dem eines Autofahrers mit 1,0 Promille Alkohol im Blut. Und, mal ehrlich, wer möchte von so einem Arzt schon morgens um fünf behandelt werden? Die Kehrseite der Medaille: Früher haben Ärzte durch Bereitschaftsdienste ihr Grundgehalt deutlich erhöht. Bei konsequenter Umsetzung des neuen Arbeitszeitgesetzes fiele dieser Zusatzverdienst weg. Übermüdung hin oder her: Solche Einkommenseinbußen finden in der Ärzteschaft durchaus keine ungeteilte Zustimmung. Im Ende Juni abgeschlossenen Tarifvertrag der Uniklinikärzte ist denn auch abweichend vom Arbeitszeitgesetz eine Ausdehnung der Arbeitszeit auf 24 Stunden weiterhin möglich; die maximal mögliche Wochenarbeitszeit von 66 Stunden ist von den eingangs erwähnten 70 nicht weit entfernt. Eins ist klar: Was eine Gesellschaft keinesfalls brauchen kann, sind kranke Heilkundige. Ärzte sind vielfältigen Belastungen ausgesetzt und müssen schauen, dass sie selbst gesund bleiben. Sucht und Suizid, Trennung und Scheidung kommen bei Medizinern häufiger vor als beim Rest der Bevölkerung.

Ach, könnte man diese ganzen lästigen Krankheiten doch einfach abschaffen! Seit der Aufklärung träumen die Menschen den Traum von der "leidensfreien Gesellschaft". Ein möglicher Weg dahin schien molekular orientierten Medizinern die Gentherapie zu sein. So hegte Anfang der neunziger Jahre ein deutscher Krebsmediziner die Hoffnung, Gene künftig an- und ausknipsen zu können wie Lichtschalter. Nach Entschlüsselung des menschlichen Genoms hat sich jedoch gezeigt, dass die Verhältnisse überaus komplex sind und das Lichtschalterbild zur Beschreibung realistischer Erwartungen nicht taugt.

Bis auf weiteres werden wir weiter mit unseren Krankheiten leben müssen. Lichtblicke gibt es gleichwohl: Lange hat die Medizin nämlich in erster Linie gefragt, was Menschen krank macht und sie folgerichtig vor allem als Patienten gesehen. Doch Anfang der siebziger Jahre zäumte der israelische Soziologe Aaron Antonovsky das Pferd von hinten auf: Er fragte, was Menschen eigentlich gesund erhält. Die Idee der Salutogenese (Gesundheitsförderung) war geboren. Demnach sind Gesundheit und Krankheit zwei Pole, zwischen denen unser "relatives Gesundsein oder Kranksein" sich bewegt: "Wir sind alle ›terminale Fälle‹, aber wir sind auch, solange noch ein bisschen Leben in uns ist, in gewissem Maße gesund." Seit gut zehn Jahren hat Salutogenese insbesondere im Bereich Psychiatrie und Psychotherapie ihren Platz an der Seite der Krankheitslehre.

Arzt als Partner

"Gesundheit ist ein hohes Gut, aber sie ist keine Ware - Ärzte sind keine Anbieter, Patienten keine Kunden. Die medizinische Versorgung darf nicht auf eine Dienstleistung reduziert werden", sagte Johannes Rau 2004 zur Eröffnung des Ärztetages in Bremen. Der Hausarzt als Dienstleister, der Chirurg als Monteur und der Patient als Kunde - das sind Szenarien, die offenbar weder Ärzte noch Patienten wollen. So wünschten sich in einer Umfrage des Uniklinikums Aachen mehr als zwei Drittel den Arzt als partnerschaftlichen Ratgeber; der Wunsch nach einem professionellen Dienstleister stand hier weit im Hintergrund. Also alles wie gehabt? Zweifellos unterliegt jedoch das Arzt-Patienten-Verhältnis in den letzten Jahren einem Wandel. Medizinischer Fortschritt führt zu technischer Diagnostik und Behandlung, individuelle Betreuung wird zunehmend durch Teamarbeit von Spezialisten ergänzt. Die "informierte Zustimmung" des mündigen und aufgeklärten Patienten ersetzt - von Notfällen abgesehen - nahezu vollständig die "paternalistische" Fürsorge des Arztes.

Doch wie man es auch dreht und wendet, an der Asymmetrie der Arzt-Patienten-Beziehung führt auch künftig kein Weg vorbei - schließlich ist der Patient derjenige, der Hilfe sucht. Standards oder Leitlinien helfen den Medizinern zwar, sich im Datendschungel zurecht zu finden, und führen zu einheitlichem ärztlichen Handeln. Doch Menschen sind nicht einheitlich, und jeder Patient ist anders; deshalb kommt kein Arzt daran vorbei, bei allen Entscheidungen zu Diagnostik und Therapie das Besondere des einzelnen Kranken zu berücksichtigen.

Der Schweizer Psychiater Eugen Bleuler notierte 1919: "... von hundert Anwendungen, die man so gewöhnlich macht, kann man vielleicht neunzig sparen ... Und wenn man es kann, ohne einen Nachteil zu ziehen, sollte man es doch wohl?" Dem entspricht, was der Arzt Samuel Shem als Regel formulierte: "Ärztliche Betreuung besteht darin, so wenig wie möglich zu tun." Solches Verhalten erfüllt sicher nicht alle Patientenwünsche; doch dem Kern ärztlichen Selbstverständnisses, dem hippokratischen Eid "Primum nihil nocere - vor allem nicht schaden!" wäre so auch künftig Genüge getan.


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00:00 28.07.2006

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