Hier die Zivilisation - dort die Barbarei

Der Iran-Konflikt und der "Kampf der Kulturen" Eine Intervention würde die persische Zivilgesellschaft nicht nur schwer erschüttern, sondern möglicherweise zerstören

Es riecht wieder einmal nach Krieg. Ich schreibe dies nicht, um den Teufel an die Wand zu malen, sondern aus den Erfahrungen der vergangenen Jahre. Gab es nicht auch im Vorfeld der Kriege in Afghanistan und im Irak eine ähnliche Atmosphäre, wie wir sie seit Monaten schon spüren? Gab es nicht auch damals eine psychologische Kriegführung, eine Dämonisierung des Islam? Man erinnere sich der Drohkulissen und der Lügen, die der Weltöffentlichkeit als Fakten präsentiert wurden, um Angst zu schüren und den Krieg zu legitimieren.

Jenseits der Grenzen der zivilisierten Welt herrsche Finsternis, wird uns suggeriert. Man spricht vom "Kampf der Kulturen", dem Kampf des Bösen gegen das Gute. Hier die Zivilisation, dort die Barbarei, hier die Freiheit, dort die Knechtschaft, hier der Fortschritt, dort die Stagnation.

Wer will leugnen, dass der Westen Wunderbares hervorgebracht hat, in den Wissenschaften, den Künsten, der Literatur, der Technik. Demokratie und Menschenrechte sind seine Errungenschaften, die oft aufgegeben werden, sobald man die Grenzen des Abendlands hinter sich lässt. Ich bin kein Glaubensfanatiker und weiß wohl, welche Verbrechen im Namen des Islam begangen wurden und werden. Allein in meinem Land, dem Iran, hat man Zehntausende im Namen des Islam hingerichtet.

Aber es waren nicht die Muslime, es war die zivilisierte Welt, die sechs Millionen Juden vergast und verbrannt, Millionen Vietnamesen mit Napalm verstümmelt und mit Pflanzengiften verseucht hat. Es war die zivilisierte Welt, die in Chile geputscht und Zehntausende in den Tod geschickt hat und die Südafrika die Apartheid aufzwang. Es war die zivilisierte Welt, die nahezu in sämtlichen Entwicklungsländern Diktaturen errichtet und sie mit Waffen versorgt hat. Und waren es Muslime, von denen die Natur zerstört und die Umwelt verseucht wurden? Zeugen diese Taten von Humanität, von geistiger und moralischer Erhabenheit, von Zivilität? Wenn man sich vor Augen hält, wie viele Kinder täglich Armut, Hunger und Seuchen zum Opfer fallen - wenn man weiß, dass unzählige Menschen in den Entwicklungsländern ihre gesunden Organe gegen ein Handgeld an reiche Europäer und Amerikaner verkaufen, um ihr Dasein zu fristen, dann sollten die Begriffe Zivilisation und Barbarei nicht allzu leichtfertig gebraucht werden.

Nein, was uns trennt sind nicht Ideologien, Religionen und Rassen - uns trennen die Fakten, die demütigend, erniedrigend und entwürdigend sind. Sie sorgen für Hass und Rachegefühle. Sie - und nicht etwa ein vermeintlicher "Kampf der Kulturen" - reißen Wunden auf. Man kann den Terrorismus nicht mit Terror und Gewalt beseitigen, auch nicht mit Arroganz und Überheblichkeit. Um die Wurzeln des Terrorismus auszurotten, muss man die Fakten ändern und dabei nicht Werte über Bord werfen, auf die Europa mit Recht stolz ist. Universale Werte, denn wenn wir sagen: "Die Würde des Menschen ist unantastbar", gilt dieser Satz nicht nur für Europäer und Amerikaner, sondern auch für Asiaten und Afrikaner. Wenn wir sagen, dass Folter und Menschenraub einen eklatanten Verstoß gegen die Menschenrechte darstellen, dann gilt dieser Grundsatz nicht nur in den USA, sondern auch auf Kuba, im Irak oder in Afghanistan. Man kann nicht mit zweierlei Maß messen und erwarten, dass die Benachteiligten das Unrecht unwidersprochen hinnehmen. Man kann nicht für Israel das Recht auf Existenz und Sicherheit fordern und zugleich Augen und Ohren schließen, wenn von Palästina die Rede ist und eine israelische Siedlungspolitik das Land der Palästinenser so zerstückelt, dass ein palästinensischer Staat unmöglich wird.

Und man kann nicht auf der einen Seite mit Indien, das nicht einmal wie der Iran den Atomwaffensperrvertrag unterzeichnet hat, einen Vertrag über die Lieferung von Atomtechnologie und atomaren Brennstoffen abschließen und einem Land wie Israel, das im Besitz von mehr als 200 Atombomben ist und sein Nukleararsenal mit amerikanischer und europäischer Unterstützung immer weiter aufstockt, unwidersprochen die Aufrüstung gewähren - und Iran das Recht auf die Urananreicherung, das jedem Mitglied des Atomwaffensperrvertrags zusteht, verweigern. Natürlich besteht der Verdacht, dass Teheran den Bau der Bombe plant, natürlich würde eine Atommacht Iran die ohnehin unsichere Region zusätzlich gefährden. Aber kann man auf den bloßen Verdacht hin ein international anerkanntes Recht außer Kraft setzen?

Ich lehne nicht nur Atombomben, sondern auch die friedliche Nutzung der Kernenergie für den Iran ab. Kernreaktoren sind nicht nur viel zu kostspielig, sondern in einem potenziellen Erdbebengebiet viel zu riskant. Doch wäre es ein Irrtum zu glauben, es gehe beim Konflikt mit dem Iran nur darum, die nukleare Gefahr in der Region zu bannen. Wäre das der Fall, müsste dann nicht der Vorschlag der iranischen Reformer aufgenommen werden, die gesamte Region zu einer atomfreien Zone zu erklären? Man könnte auch fragen, warum Washington bereit ist, mit Nordkorea zu verhandeln, aber direkte Gespräche mit Teheran verweigert.

Die Erklärung dafür kann nur sein: Die USA haben ganz andere Ziele, als sie vorgeben. Das ist der Grund, weshalb sich Präsident Bush auf keine Kompromisse einlässt und vom Sicherheitsrat harte Sanktionen verlangt, an deren Ende möglicherweise eine Intervention mit verheerenden Folgen für die Region - aber auch für Europa und die USA - steht.

Man wird mit einem solchen Vorgehen genau das Gegenteil dessen bewirken, was man zu erreichen vorgibt. Statt das Regime in Teheran zu isolieren, wird man eine beachtlich entwickelte iranische Zivilgesellschaft um Jahre zurückwerfen und Fundamentalisten vom Schlage Mahmud Ahmadinedschads und seiner Gefolgschaft den besten Dienst erweisen, die Hass und Rache schüren und dadurch ihre Basis erweitern können.

Eine kluge Politik, die dem Frieden dient und einer iranischen Demokratie nützt, kann nur darin bestehen, nicht das iranische Volk, sondern das Regime zu isolieren. Hätte man den Druck, den man wegen des Atomkonflikts auf Teheran ausübte, gegen die Missachtung der Menschenrechte, gegen die Unterdrückung von Frauen, gegen eine rigorose Medienzensur, gegen die Unterjochung der ethnischen und religiösen Minderheiten und gegen die Misshandlung der Regimekritiker in den Gefängnissen mobilisiert, wäre die iranische Zivilgesellschaft sehr viel weiter, als es heute der Fall ist. Ein Krieg würde sie nicht nur schwer erschüttern, sondern möglicherweise gar zerstören.


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Bahman Nirumand ...

... arbeitet als freier Schriftsteller und Autor in Berlin und ist seit 2001 der Verfasser des monatlich erscheinenden iran-reports der Heinrich-Böll-Stiftung. Nirumand ist zudem Autor zahlreicher Bücher, unter anderem der Khomeini-Biografie Mit Gott für die Macht sowie der Titel Feuer unterm Pfauenthron. Verbotene Geschichten aus dem persischen Widerstand und Iran - hinter den Gittern verdorren Blumen. Demnächst erscheint von ihm Iran - die drohende Katastrophe.

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00:00 03.05.2006

Ausgabe 39/2020

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