Hilfestellung

Berliner Abende Kolumne

Ich bin spielsüchtig! Jetzt ist es raus. Ich glaubte meiner Psychologin sofort, als sie mir dies mit leichtem Zittern in der Stimme und Betroffenheit in den Augen mitteilte. Wer bin ich, dass ich ihr widersprechen würde? Die Frau hat ein Diplom an der Wand, und ich besitze nicht mal einen Führerschein.

Also sitze ich heute Abend im Prenzlauer Berg bei den A.S., den Anonymen Spielsüchtigen, die sich passenderweise in einer Grundschule treffen. Mir gegenüber sitzt Andrea B., die zwar fresssüchtig ist, sich jedoch im Zimmer geirrt hat - vielleicht gefallen ihr aber auch nur die Plunderteilchen in diesem Raum besser als die erfrischenden Karottenstäbchen bei den A.F. nebenan. Mario M. berichtet uns von seiner Kindheit und dem erschütternden Weihnachtsabend, als ihn sein Vater beim Halma schlug - ein traumatisches Erlebnis, für das die anwesende Psychologin nicht nur Zittern und Betroffenheit parat, sondern auch ein verständnisvolles Nicken im Angebot hat.

Mir gefällt´s hier. Ich bin so dankbar für jede hilfreiche Geste, für diese Gruppe und für das Verständnis der sozialen Einrichtungen, die es mir ermöglichen, meine Selbstständigkeit in ihre Hände zu legen. Danke! Ist das Leben nicht schon schwer genug, wer wollte das auch noch alleine bestehen? Birgit S. - schräg gegenüber - kann zum Beispiel nicht an einem Häuserblock vorbeigehen, ohne den inneren Zwang zu verspüren, jeweils vier Häuser in ein Hotel umzutauschen. Die Psychologin nennt dies das "Monopoly"-Syndrom. Thomas G. sitzt schweißgebadet neben Birgit und füllt seinen wöchentlichen Lottoschein aus, ohne den er nicht mehr existieren kann.

Ich selbst bin süchtig nach Flipper-Automaten. Für mich ist das Flippern eine Metapher aufs Leben. Ich genieße das Abschießen der kleinen Stahlkugel aus ihrem metallenen Geburtskanal, ergötze mich daran, sie wieder und wieder hinauf zu katapultieren und zuzusehen, wie sie links, rechts, oben und unten abprallt, immer aufs Neue weggestoßen, von magnetischen Rammböcken geprügelt, erniedrigt und gedemütigt wird, nie ans Ziel kommt wie ich, bis sie schließlich müde und ausgebrannt ins Aus rollt, um sofort wieder hochgejagt zu werden. Es hat kein Ende, es darf kein Ende haben. Deswegen muss ich spielen. Sicher, ich könnte mit meiner Zeit Sinnvolleres anfangen: mich um hungernde Kinder kümmern, meiner Oma beim Einkaufen helfen oder sanft einschlafen beim monotonen Zischen des Gashahns. Aber es geht nicht. Ich bin unentschlossen, willen- und gedankenlos. Und brauche deshalb ein wenig Führung. Lebenshilfe, am besten rund um die Uhr, schließlich zahle ich Steuern. Ich brauche Warnhinweise am Waldrand, sonst rechne ich nicht mit herumliegenden Ästen, über die ich stolpern könnte. Ich brauche gesetzlich angeordnete Werbe-Auflagen für Wettanbieter, sonst wüsste ich nicht, dass sie Abzocker sind, die es besonders auf Loser wie mich abgesehen haben. Ich will ausführliche Gebrauchsanweisungen für Mikrowellen, in denen explizit steht, dass ich keine Kleintiere hineinstecken darf. Ich brauche Warnungen auf Zigarettenschachteln, sonst weiß ich ja nicht, dass sie womöglich tödlich sind; und wenn ich schließlich Tbc bekomme, kann ich den Tabakkonzern für meine Blödheit blechen lassen. Wen aber kann ich verklagen, weil ich unfähig zum Leben bin? Gott?

Hilfe ist gut! Nicht umsonst ist unsere Lebenserwartung in den letzten Jahrzehnten um ein Vielfaches gestiegen. Ist doch klar, dass die Neandertaler nur Mitte 20 wurden, denen hat einfach niemand geholfen! Meine Eltern meinten, ich müsse mein Leben als Erwachsener selbst in die Hand nehmen, aber was wissen die schon? Die hatten kein Diplom an der Wand, sondern nur einen gestickten Goldhelm von Rembrandt, dafür waren sie stark alkoholabhängig, weil sie nicht wussten, dass Alkohol süchtig machen kann - steht ja nicht drauf.

Die Gruppensitzung ist beendet, endlich. Jetzt kann ich mir zu Hause noch die zweite Halbzeit der Champions League ansehen - bin ich fernsehsüchtig? - und Marcel Reif zuhören, der mir unentwegt erklärt, wie ich das Spiel zu finden habe, denn alleine kann ich das unmöglich beurteilen. Ich gehe auf die Straße, ein hagerer Mann in schwarzer Uniform sagt mir, dass ich jetzt stehen bleiben muss. Er gehört zu einer neuen Behörde, die Beamte losschickt, um die Bürger vor etwaigen Gefahren im Straßenverkehr zu schützen. Auf diese Weise sind Tausende neuer Jobs entstanden. "Sie glauben ja gar nicht, wie viele Leute zu blöd sind, nach links und rechts zu schauen, bevor sie die Fahrbahn überqueren." Seit diese Engel der Großstädte im Einsatz sind, ist die Zahl der Verkehrstoten um 50 Prozent zurückgegangen. Ich halte mich an seinem wehenden Mantel fest, während er mich über die Straße führt, mein sicherer Lotse, und schenke ihm ein Lächeln. Ich bin so dankbar für jede Art von Hilfestellung.


Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

00:00 07.04.2006

Ausgabe 14/2021

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Kommentare