Hinter Mauern aus Beton

Irak Alltägliche Gewalt im Großteil des Landes - Aufbruchsstimmung in den kurdischen Provinzen

Die Felder an der Straße zwischen Erbil und Dohuk im kurdischen Norden des Irak grünen, und mancherorts in den geschützten und fruchtbaren Tälern ernten Frauen den Winterkohl. Es ist Freitag, muslimischer Feiertag.
Auf der weiten Wiese an einem Fluss feiern zwei-, dreihundert Männer und Frauen in Festtagstracht eine Hochzeit an diesem sonnigen Frühlingstag. In großem Kreis tanzen sie zu traditioneller Musik.

Es ist ein zerrissenes, gegensätzliches Land, der Irak, nicht erst seit der amerikanisch-britischen Invasion, aber von da an noch viel mehr. Die drei Provinzen, die der kurdischen Regionalregierung unterstehen, sind stabil und weitgehend sicher. Auch europäische Besucher können sich hier frei bewegen. Vor den öffentlichen Gebäuden, den Parteibüros der beiden großen kurdischen Parteien PUK und KDP und den neuen gläsernen Hotels allerdings stehen drei Meter hohe Betonmauern, kontrollieren mit Kalaschnikows bewaffnete Peshmergas den Zugang, muss jeder Besucher eine Metallkontrolle passieren.

Tausende Lastkraftwagen, die sich tagelang vor den Grenzübergängen stauen, bringen aus der Türkei und dem Iran alles, was Bauwesen, Handwerk und Handel benötigen. In den kurdischen Städten entstehen moderne Regierungsgebäude, Kongresszentren, neue, komfortable Wohngebiete. Es fehlt an Vielem, aber anders als im ölreichen Süden oder gar im sunnitischen Dreieck gibt es eine rasche wirtschaftliche und soziale Entwicklung (welche die armen Bergdörfer jedoch nicht erfasst und die Landflucht verstärkt).

Gelegentlich sieht man südkoreanische Soldaten, aber sie spielen nur eine symbolische Rolle bei der Besatzung des Irak. An den Grenzen zwischen der Türkei und dem Iran zum kurdisch-irakischen Norden und Osten stehen keine Besatzungssoldaten und niemand von der irakischen Armee oder Polizei, nur die Peshmergas der PUK oder der KDP, die sich in den neunziger Jahren einen heftigen Bürgerkrieg geliefert hatten. Irakisch-Kurdistan besitzt ein gemeinsames Parlament und einen Präsidenten, noch aber zwei Regierungen, und die drei Provinzen sind aufgeteilt in die Herrschaftsgebiete der PUK und der KDP. Erst Ende Januar wurde beschlossen, die beiden Regierungen und Verwaltungen zu vereinen, und bis dahin sind noch viele Schwierigkeiten zu meistern. Doch hier in Dohuk, Erbil oder Sulaimaniya lässt sich hoffen, dass es doch einen friedlichen Weg für den Irak geben könnte.

Aber bin ich hier im Irak? Mehr als 80 Prozent der Kurden wünschen sich die Trennung, ein unabhängiges Kurdistan. In einem Parteibüro sehe ich eine Landkarte mit einem Großkurdistan vom Kaukasus bis an das Mittelmeer, weit in den Irak und den Iran hinein. Die Führer der PUK, Talabani, derzeit irakischer Staatspräsident, und der KDP, Barzani, kurdischer Regionalpräsident, versuchen auch in den gegenwärtigen Verhandlungen zur Regierungsbildung, verantwortungsvoll zwischen arabischen Schiiten und Sunniten zu vermitteln; aber klar ist auch, sie wollen die kurdische Herrschaft auf Kirkuk und die Ölgebiete des Nordens ausdehnen. Alle meine kurdischen Gesprächspartner scheinen einer Sprachregelung zu folgen. "Im Moment", und diese Worte betonen sie unmissverständlich, "sind wir zufrieden mit einem autonomen Kurdistan in einem föderalen Irak."

Seit dem Anschlag auf die schiitische Moschee in Samara sprechen die europäischen Zeitungen davon, das Land stehe am Rande eines Bürgerkriegs. Doch was erleben die Iraker seit der Okkupation anderes als einen bereits blutigen Bürgerkrieg? Zehntausende sind Opfer der Besatzungsmächte, der Terroranschläge und des alltäglichen Mordens jener in den westlichen Medien kaum zur Kenntnis genommenen Milizen und Todesschwadrone geworden. Eine mafiose Massenkriminalität tut ein Übriges. Der stabile kurdische Norden wird von arabischen Sunniten und Schiiten sowie der Türkei und dem Iran mit Argwohn beobachtet. Kurdische Extremisten schüren selbst Konflikte in den beanspruchten Nachbarregionen und hoffen auf das Auseinanderfallen des Irak. Auch der schiitische Süden erscheint nur dem europäischen Zeitungsleser ruhig; denn zum einen handelt es sich um eine Ruhe, die fundamentalistische Milizen - teilweise vom Iran finanziert und massiv unterstützt - mit Waffengewalt, Terror, Einschüchterung und extremistischer Ideologie durchsetzen. In die Großstädte dort wagen sich die Besatzungsmächte kaum noch. Die USA und Großbritannien schicken sich angesichts des Scheiterns ihrer Okkupationspolitik in das Übel fundamentalistischer Herrschaft. Zum anderen spiegelt diese behauptete "Ruhe" nur das Desinteresse der westlichen Medien an den wirklichen Vorgängen im Süden. Frauen, die sich mit dem reaktionären Rollenbild der religiösen Eiferer nicht abfinden, sowie liberale, säkulare und gemäßigte Politiker, ferner die Offiziere und anderen ehemaligen Gefolgsleute des Baath-Regimes kennen keine Ruhe, sondern nur Repression, Drohungen und Mord.

Über die Täter von Samara wird weiterhin nur gemutmaßt: Waren es Anhänger al Sarkawis, des Iran, der Sadr-Armee? Jedenfalls wussten sie, was sie taten, und so unterschiedlich die bewaffneten Gruppen sind, sie eint ein Interesse an der endgültigen Destabilisierung des Landes: um die Besatzer zu treffen, um den iranischen und fundamentalistischen Einfluss auszudehnen, um eine schiitische Militärherrschaft durchzusetzen, um eigene Dominanz zu erreichen. In jedem Fall leiden zuerst Iraker, hunderttausendfach. Und die ganze Region vom Nahen Osten, dem Kaukasus, von Zentralasien bis nach Afghanistan kann mit in den Abgrund gerissen werden. Diese absehbaren Folgen haben die USA bewusst in Kauf genommen. Sie sind mit ihrer Strategie offensichtlich gescheitert, aber den Preis bezahlen die Menschen im Irak und die internationale Gemeinschaft.

Welche Auswege gibt es? Kurdistan ist ein Beispiel, doch darf nicht ignoriert werden, dass seine Stabilität ambivalent bleibt. Die Sicherheit und das dort vorhandene vergleichsweise liberale Klima könnten von der internationalen Gemeinschaft aktiv genutzt werden, um im gesamten Irak die vorhandenen demokratischen Kräfte, die unabhängigen Medien und den wirtschaftlichen und sozialen Wiederaufbau aktiv zu unterstützen. Denn davon ist bisher nichts zu sehen. UNO, Weltbank, Botschaften und die meisten internationalen Hilfsorganisationen haben sich in den Festungen der Amerikaner und Briten verbarrikadiert. Das Hauptproblem bleibt die Okkupation, die kein Problem des Irak löst, sondern viele verursacht oder verschärft. Nur: Die USA haben das Land in eine Situation gestürzt, die selbst bei einer anderen internationalen und innerirakischen Politik nicht innerhalb von zwei oder drei Jahren lösbar ist und noch lange Opfer kosten. Nur eine konsequent realistische Einschätzung kann dazu beitragen, Veränderungen überhaupt möglich zu machen. Aber davon ist weder in den USA noch in Europa etwas zu spüren.


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00:00 10.03.2006

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