Hitlers willige Partner

Gastbeitrag Deutsche Historiker konzentrieren sich häufig allein auf deutsche Täter. Das ist nicht zielführend, sagt ein polnischer Holocaustforscher

Die meisten israelischen und amerikanischen Holocaust-Historiker konzentrieren sich auf die jüdische Opfer, während deutsche Wissenschaftler umfassend die „Tätergeschichte“ erforschen. Das birgt heute die Gefahr der Verzerrung, ja sogar Verfälschung. Um das zu verstehen, lassen Sie uns nach Tutzing reisen, ein malerisches Dorf bei München, wo ich zu einem Workshop mit deutschen und nicht-deutschen Experten eingeladen war. Schnell kristallisierte sich die Ansicht vieler deutscher Kollegen heraus, mit ihrer „Tätergeschichte“ vor einem Abschluss zu stehen. Mehrere ausländische Wissenschaftler (auch ich) widersprachen. Die Kollegen müssten ihre grundlegende Definition des Täters aufgeben und zumindest einen Teil der Schuld bei nicht-deutschen Akteuren suchen, die sich in fast allen Nationen des besetzten Europas bereitwillig und oft ohne Zwang dem Völkermord Nazi-Deutschlands anschlossen. Meist reagierten die Deutschen mit Schweigen auf den Vorschlag, ihr Forschungsfeld zu erweitern. Das hat zwei Hintergründe.

Den Deutschen diente die Erforschung des Holocaust dazu, zu verstehen, was so schrecklich falsch gelaufen ist. Sie wollten wissen, welche Trends, Eigenschaften, politische und religiöse Wesenszüge zusammengewirkt hatten, um den Genozid zu ermöglichen. Ihre selbst gewählte Mission war, herauszufinden, ob diese Eigenschaften nach 1945 aus der nationalen Gemeinschaft und dem deutschen Staatswesen verschwunden waren.

Als der US-Historiker Daniel Jonah Goldhagen 1996 Hitlers willige Vollstrecker veröffentlichte, reagierte die Historikerwelt verhalten. In Deutschland war das Buch sofort ein großer Erfolg. Goldhagen erforschte den „eliminatorischen Antisemitismus,“ den er als für die deutsche Gesellschaft einzigartig präsentiert. Er gab deutschen Lesern den Beweis dafür, was schief gelaufen war und bot gleichzeitig eine gewisse mentale Beruhigung. Da der Antisemitismus in Deutschland weitgehend eingedämmt war (Ende der 1990er wurde das kaum hinterfragt), konnte es solchen Horror nie wieder geben. Deutschland war immun geworden.

Deutschland war immun

Ein zweiter Grund war, dass jeder Versuch, selbst den kleinsten Teil der Schuld für den Völkermord von den Deutschen weg und hin zu anderen Europäern zu verschieben, als im besten Falle revisionistisch galt. Das konnte die Karriere kosten – ein No-Go. Doch die Zeiten haben sich geändert. Im Laufe der vergangenen zehn Jahre entwickelten mehr und mehr demokratisch oder nicht demokratisch ausgerichtete Staaten in Europa ihre eigenen historischen Erzählungen und zwingen sie der heimischen wie ausländischen Öffentlichkeit auf. Gemeinsam ist ihnen eines: Die Annahme der eigenen nationalen Unschuld. Die offene Leugnung des Holocaust – der Fluch der Vergangenheit – ist nicht mehr an der Tagesordnung. Stattdessen gibt es in Polen, der Ukraine, Ungarn und Litauen (die Liste ist länger) Bestrebungen, die Geschichte des Holocaust zu verzerren. Der Holocaust ist geschehen, wird argumentiert, aber unser Volk hatte nichts damit zu tun. Die wenigen Mittäter schlossen sich demnach automatisch selbst aus der nationalen Gemeinschaft etwa der Polen oder Letten oder Ungarn aus. Den Staaten und Institutionen, die an solcher historischer Verzerrung beteiligt sind, und ihren nationalistischen Politikern, die sie fördern, ist die deutsche Übernahme der Alleinschuld sehr willkommen. Goldhagens Generalschlüssel, alle Deutschen seien eliminatorische Antisemiten gewesen, wäscht andere Europäer rein, die zur Vernichtung der europäischen Juden beitrugen.

Doch die deutsche Position ist zur Bedrohung unabhängiger Wissenschaftler geworden: Historiker werden zunehmend Ziel institutionellen und staatlich finanzierten Hasses. Solange die (umstrittene) Exklusivität der deutschen Verantwortlichkeit im Bereich der akademischen Debatte blieb, hatte sie wenig gesellschaftlichen Einfluss. Aber als halb-offizielle Erklärung, unterschrieben von höchsten politischen Vertretern, bekommt die Sache eine andere Dynamik und erfordert eine stärkere Antwort. Ein anlässlich des 75. Jahrestages der Kapitulation Nazi-Deutschlands veröffentlichter Artikel, gemeinsam verfasst von Außenminister Heiko Maas und Andreas Wirsching, dem Direktor des Instituts für Zeitgeschichte in München, ist exemplarisch für das Problem. Keine Politik ohne Geschichte wurde in mehreren Sprachen publiziert. Die Autoren schreiben: „Deutschland allein trägt die Verantwortung für das Menschheitsverbrechen des Holocaust. Wer daran Zweifel sät und andere Völker in eine Täterrolle drängt, der fügt den Opfern Unrecht zu. Der instrumentalisiert Geschichte und spaltet Europa. “

Bei allem Respekt: Als Pole und Professor für die Geschichte des Holocaust muss ich widersprechen. Ja, der Holocaust war ein deutsches Projekt, und ich verstehe, dass Minister Maas und Professor Wirsching anständig und ehrenhaft handeln wollen, indem sie die Verantwortung dafür übernehmen – so wie es deutsche Akademiker seit Jahren getan haben. Auch ist mir klar, dass ihr primäres Ziel ist, vor dem Erstarken der deutschen extremen Rechten zu warnen. Auch wenn ich die Motive verstehe, halte ich das angebotene Heilmittel für falsch. Mit dem Impuls, die Alleinschuld auf sich zu nehmen, vergessen die Deutschen, dass die jüdische Katastrophe eine komplexe Angelegenheit ist. Es gibt absolut keinen Zweifel (und das betone ich sehr stark), dass das Projekt des Völkermords von Deutschland ausging. Aber dieses deutsche Projekt fand in Europa viele willige Partner und Ermöglicher. Die Bereitschaft, die Schuld für den Holocaust zu übernehmen, ist ehrenwert, aber im Fall der Vernichtung der europäischen Juden gibt es so viel Schuld, dass das nicht nötig ist. Denn damit nehmt ihr uns Polen, Ungarn, Franzosen, uns Bürgern so vieler anderer Nationen, das Recht und die Pflicht, die Schuld für unsere eigene, problematische und dramatische Geschichte zu übernehmen. Ja, ihr Deutschen, eure Vorväter haben den Masterplan geschaffen, ihr habt die Räder in Bewegung gesetzt und den schrecklichen Plan ausgeführt – daran ist kein Zweifel. Aber könnt ihr uns anderen Europäern das Recht verweigern, uns unserer eigenen Vergangenheit zu stellen?

Als Pole habe ich das Recht, nein, die Pflicht, alle polnischen Juden zu zählen und zu berücksichtigen, die mit Hilfe meiner Landsleute ausgeraubt, ermordet, denunziert wurden. Es gehört zu unserer Bürgerpflicht, über die Leute zu reden und nachzudenken, die den deutschen Plan zur Vernichtung bereitwillig, mit Enthusiasmus unterstützten. Sicherlich werden auch die Litauer einen Teil der Schuld und Verantwortung für die schrecklichen „kommunalen Völkermordaktionen“ übernehmen wollen, die von ihren Landsleuten verübt wurden. Und die Letten die Schuld für Mörderkommandos und andere freiwillige Vollstrecker. Und die Ukrainer sollten über die Menschenmengen in Zivil und Uniform nachdenken, die sich am Massenmord an den ukrainischen Juden beteiligten. Die Niederländer sich weiter mit den freiwilligen Nazi-Helfern beschäftigen, die nicht müde wurden, in Amsterdam und anderswo auf die Jagd nach Juden zu gehen. Den Slowaken gehört die Verantwortung für die Hlinka-Garde und die Zehntausende slowakischer Juden, die in deutsche Todesfabriken geschickt wurden, während die Kroaten dasselbe „Recht“ zumindest auf einen kleinen Teil der Schuld für den Holocaust haben.

Als Historikern ist uns kein Genozid bekannt, der ohne Beteiligung der lokalen Bevölkerung möglich gewesen wäre. Maas und Wirsching erklären, jeder, der Deutschlands Alleinschuld widerspreche, instrumentalisiere die Geschichte und spalte Europa. Eine düstere – und falsche – Aussage. Hastig darauf bedacht, das Richtige zu tun, instrumentalisieren und verzerren sie. Und sie ermutigen die spalterischen Kräfte des Nationalismus und der Diskriminierung. Sie tun das, indem sie die Menschen ermächtigen, die sich derzeit in ganz Europa weigern, die Schuld und die Verantwortung für die Vergangenheit auf sich zu nehmen; die sich weigern, etwas aus der Geschichte zu lernen. Deutschland darf uns nicht das Recht und die Pflicht nehmen, unsere eigene Geschichte zu bewältigen.

Info

Dieser Text erschien zuerst in Haaretz

Jan Grabowski lehrt an der University of Ottawa und am Advanced Holocaust Studies Center des US Holocaust Memorial Museum. Für Judenjagd erhielt er den Yad-Vashem-Buchpreis für Holocaustforschung 2014

Übersetzung: Carola Torti

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06:00 04.08.2020

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