Höher, schneller, weiter – und ökologischer?

Nobelpreis Zwar scheint der Klimawandel endlich auch bei der Jury in Stockholm angekommen zu sein – doch am Mantra des Wachstums rüttelt quer durch die Institutionen kaum jemand
Höher, schneller, weiter – und ökologischer?
Nobelpreisträger William Nordhaus

Foto: Eduardo Munoz Alvarez/Getty Images

„Wie Wirtschaft mit Klima und Wissen zusammenhängt“; so betitelte gestern die Frankfurter Allgemeine Zeitung die Ankündigung, dass der Wirtschafts-Nobelpreises dieses Jahr an die US-Amerikaner William Nordhaus und Paul Romer verliehen werde. Weiter unten im Artikel der FAZ heißt es dann: „In diesem Jahr setzt die Jury mit ihrer Entscheidung ein politisches Zeichen.“ Nordhaus, Professor an der Yale Universität, wurde für seine Arbeit zur Integration des Klimawandels in makroökonomische Modelle geehrt. Romer, Lehrender an der New York University und ehemaliger Chefökonom der Weltbank, überzeugte das Verleihungskomitee mit seiner Forschung zur Rolle von Innovation in langfristigen gesamtwirtschaftlichen Entwicklungen. Das Zeichen: der Klimawandel ist nun endlich auch in den Wirtschaftswissenschaften angekommen. Bravo! Und das gerade zu Zeiten, in denen der amerikanische Präsident Donald Trump, Entscheidungsträger des zweitgrößten CO2-Emittenten der Welt, den Klimawandel als Humbug abtut. In die gleiche Kerbe schlägt auch das Handelsblatt. Doch wird bei all den Beifallsbekundungen und Lobpreisungen eines nicht erwähnt – oder eher zu oft.

Allein in der kurzen Nachricht des Handelsblatts fällt der Begriff „Wachstum“ sechsmal. Es ist der Motor der modernen Gesellschaft und das ewige Versprechen an die Abgehängten. Die Hoffnung ist, dass die technische Innovation dem Menschen einen stetigen Anstieg des Lebensniveaus ermöglicht, ohne dabei die Erde zu zerstören. Dies zeigt auch die Vergabe des Preises. Ohne Wachstum kann das nicht gehen. Interessanterweise fiel die Verkündung der Preisträger auf den gleichen Tag wie die offizielle Vorstellung eines Berichts des Weltklimarats IPCC bezüglich der Einhaltung der Klimaziele von Paris. Diesem Report zufolge stehe die Menschheit vor einer nie dagewesen Herausforderung, wünsche sie es denn tatsächlich, die Auswirkungen des Klimawandels in Schach zu halten. Der Bericht nennt eine Vielzahl an essentiellen Maßnahmen, um dieses Ziel zu erreichen: oft angeführte Änderungen wie ein zügiges Umsatteln von fossiler zu erneuerbarer Energie, futuristisch anmutende Möglichkeiten wie die CDR-Methode, bei der Kohlendioxid aus der Atmosphäre gezogen wird, aber auch individuelle Verhaltensänderungen, beispielsweise im Fleischkonsum. Eines wird im Bericht jedoch nie in Frage gestellt: dass der allgemeine Wachstumszwang grundlegende Triebkraft hinter dem Klimawandel ist.

Mehr, immer mehr – zu welchem Preis?

Dabei gibt es sie doch, die Anti-Wachstumsbewegung. In Großbritannien und den USA nennt sie sich elegant „Degrowth“, in Deutschland trägt sie den wesentlich sperrigeren Namen „Postwachstumsökonomie“. Vorreiter wie Tim Jackson oder Nico Paech warnen vor den Gefahren des ständigen Huldigens des Heilands Wachstum. Gerade im Licht der steigenden Weltbevölkerung, die vor allem in ärmeren Regionen der Welt stetig wächst, und dem vermuteten Anziehen des Lebensniveaus dieser Bevölkerungsteile, könne eine reine Umstellung auf „Grünes Wachstum“ nicht ausreichen, um den Planeten vor irreparablen Klimaschäden zu schützen. Auch wäre die Umrüstung so CO2-intensiv, dass sie ohne Einschnitt in unsere Lebensweise ökologisch nicht tragbar sei.

Doch dieses Umdenken darf und kann nicht nur auf Ebene des Konsumenten geschehen – Produzenten und Institutionen müssten die Idee ebenfalls ernsthaft diskutieren. Wenn ich heute in den Supermarkt laufe, werde ich förmlich erschlagen von Angeboten. Nichts, was es hier nicht gibt. Exotische Früchte zu jeder Jahreszeit, zig Kaffeesorten, tausende Produkte, ein Sammelsurium an Konsumentscheidungen. Die Produktion und mit ihr die Angebotsvielfalt hören nicht auf, sich auszuweiten. Ich kenne Leute, die holen sich jährlich das neue iPhone, auch wenn das alte noch tadellos funktioniert. Es dreht sich und dreht sich das Konsumrad, angetrieben von Marketingkampagnen und Verkaufsstrategien. Eine Wirtschaft, ähnlich einem Unternehmen, muss wachsen, das ist allgemeiner Konsens in der Ökonomie. Es verwundert also nicht, dass das Nobelpreiskomitee auch weiterhin fest an die Möglichkeit des grünen Wachstums glaubt und sie als ultima ratio in der Eindämmung des Klimawandels sieht. Das Zusammenspiel aus Romers Ideen über Innovationen und Nordhaus‘ Analyse über die Auswirkungen des Klimas auf das Wirtschaftswachstum deutet klar in diese Richtung. Ohne die Einsicht, dass unser fortwährendes Verlangen nach Mehr jedoch weit über jedes tragbare Maß hinausgeht, wird auch die – leider noch sehr weit entfernte – komplett grüne Produktion nicht weiterhelfen.

Mehr produzieren und mehr konsumieren – dies ist das Mantra der industriellen Welt. Und wozu? Um den Gott des Wachstums zu befrieden. Da lässt man sich auch von einem endlichen Planeten nicht stoppen.

12:06 09.10.2018

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