Höhepunkte der Dekadenz

Ost und West Das geteilte Deutschland führte zu geteilter Lektüre. Erinnerungen an Sartre und die DDR

An eine frühe Begegnung mit Sartre erinnere ich mich besonders deutlich: an sein Stück Nekrassow, das an der Volksbühne am Luxemburgplatz aufgeführt wurde. Die Geschichte eines Hochstaplers, der sich in Paris als sowjetischer Dissident ausgibt und mit Gewinn von der antikommunistischen Presse ausnutzen lässt, war in diesem Jahr 1958 hinreichend political correct, um nach der Veröffentlichung 1955 nun auch auf einer bekannten Hauptstadtbühne aufgeführt zu werden. Ich erinnere mich nicht mehr, was mich damaligen Schüler der 11. Klasse der Kant-Oberschule in Berlin-Rummelsburg mehr faszinierte: das Stück von Sartre, die Inszenierung von Fritz Wisten, das Bühnenbild von Roman Weyl oder das Spiel einiger großartiger Schauspieler.

Nekrassow war nur als Theaterstück in Sachen Sartre eine Premiere: ein Jahr zuvor, 1957, hatte der Aufbau Verlag die Erzählung Die Kindheit eines Chefs herausgebracht - die bald darauf aus den öffentlichen Bibliotheken zurückgezogen wurde, weil jemand in ihr einen pornographischen Text erkannt hatte! Abgesehen davon hatte Sartre wenig Gelegenheit geboten, Anstoß zu erregen. Der erste Sartre-Text, den Leser aus einem DDR-Verlag lesen konnten, war Wider das Unrecht. Die Affäre Henri Martin. Der Verlag Volk und Welt hatte 1955, zwei Jahre nach dem Original, die von Sartre kommentierte Dokumentation über den zu Zuchthaus verurteilten kommunistischen Matrosen in der Übersetzung von Karl Heinrich herausgebracht. In der erst 1983 bei Rowohlt erschienen, von Eva Moldenhauer übersetzten westdeutschen Ausgabe, findet sich in der Bibliographie (auf Seite 276) ein Hinweis auf diesen ersten DDR-Sartre-Text, doch im Impressum stellt sie sich als "Deutsche Erstausgabe" vor. Solche Widersprüche weisen auf die Anfänge deutscher Sartre-Rezeption zurück.

Sartres "Rückkehr" nach Deutschland, das ihn 1933/34 wegen der Philosophen Husserl und Heidegger nach Berlin gezogen und 1940 als Kriegsgefangenen bei Trier festgehalten hatte, begann mit einem theatralischen Donnerschlag: Ende 1947 inszenierte Gustav Gründgens in Düsseldorf Die Fliegen und spielte selbst den Orest, und Anfang 1948 war es Jürgen Fehling, der die barbarische, blutrünstige Gesellschaft von Argos auf die Bretter des Hebbel-Theaters im Westen Berlins stellte. Begeisterung und Ablehnung stießen aufeinander - mitunter bei ein und demselben Kritiker. In der Täglichen Rundschau, einer im sowjetischen Sektor von Berlin unter Kontrolle der sowjetischen Militäradministration erscheinenden Tageszeitung, schrieb der junge Philosoph Wolfgang Harich enthusiastisch über Fehlings Inszenierung, bezeichnete jedoch das Stück selbst als "Heidegger-Seminar in der Abdeckerei". Das Ereignis erreichte erst seinen Höhepunkt, als Sartre und Simone de Beauvoir nach Berlin kamen. Am 1. Februar 1948 wurde das Stück in ihrem Beisein aufgeführt, anschließend sprach Sartre zum Thema "Was ist der Existentialismus?" Um einen runden Tisch versammelten sich dann in der Möwe, dem späteren Club der Film- und Theaterschaffenden der DDR, Intellektuelle aus Ost- und Westberlin sowie Kulturoffiziere der vier Sektoren und Diplomaten. So wurden Sartres Fliegen und sein Vortrag über den Existentialismus Anlass der letzten großen, offenen, geistigen Ost-West-Auseinandersetzung, bevor der kalte Krieg die institutionalisierte Spaltung zunehmend erstarren ließ und derartige Debatten unmöglich machte. Doch auch hier zeichneten sich die künftigen Fronten, Argumentationsstrukturen und demagogischen Topoi bereits recht deutlich ab.

Nehmen wir Fritz Erpenbeck als Beispiel: er gab zu jener Zeit den Theaterdienst Eilnachrichten - Informationsblätter für Bühne, Film und Musik heraus. Bereits am 7. Januar 1948, drei Wochen vor der Diskussion mit Sartre, hatte er in seinem Blatt die Prolegomena einer jeden künftigen Pseudokritik entworfen. Er erklärte, dass die existentialistische Philosophie - nicht nur die Sartres - als dekadent, als Höhepunkt des subjektiven Idealismus abzulehnen sei, könne (in einer Theaterkritik) nur festgestellt, jedoch nicht begründet werden. Dies sei aber auch gar nicht nötig, denn der Existentialismus werde "bei uns" mehr noch als in Frankreich Angelegenheit eines beschränkten Kreises von Intellektuellen von "besonderer geistiger (Ver)bildung" bleiben. Zum Schluss dekretiert Erpenbeck, Sartre bleibe den Massen unverständlich, das Theater jedoch, mehr als jede andere Kunst, sei eine Massenkunst.

Diese anmaßende, elitär-demagogische Haltung wird sich bis zum Ende der DDR wiederholen: zum Glück gibt es Intellektuelle (à la Erpenbeck), und diese verstehen (im Auftrag der Partei), dass die (von der Partei geführten) Massen nicht das verstehen können, was sie, die Intellektuellen, verstehen, weshalb sie diesen Massen das erklären, damit die Massen gar nicht erst versuchen zu verstehen, was zu verstehen sich sowieso nicht lohnt.

Die Tägliche Rundschau hatte schon ein Jahr zuvor den Ton angegeben, als am 10. Januar 1947 ein Artikel von Ernst Niekisch unter der Überschrift "Der Existentialismus, eine neofaschistische Nachkriegsmode" erschien. Die Beispiele ließen sich vervielfachen, wobei gerechterweise erwähnt werden muss, dass Sartres Philosophie nicht nur bei den Kommunisten auf Ablehnung stieß.

Überhaupt hat man im Rückblick den Eindruck, dass auf allen Seiten nicht nur Ablehnung, sondern auch Missverständnisse vorherrschten. Sartre selbst schien von der Berliner Fliegen-Aufführung alles andere als begeistert, wenn man Simone de Beauvoirs Bericht glaubt. Über den anschließenden Abend in der Möwe schrieb Simone de Beauvoir: "Dann fand im russischen Club ein langes Abendessen statt mit schlechter Kost, aber viel Wodka ... Es war sehr interessant, mit russischen und deutschen Kommunisten zu reden, sie waren wirklich freundlich, hielten freundliche Reden, während uns die französischen Kommunisten, wie Sie wissen, in Stücke reißen."

Ein Jahr später war von der Freundlichkeit der russischen und deutschen Kommunisten nicht viel übrig geblieben. Während am 15. Januar 1949 im Westberliner Renaissance-Theater die Premiere von Die schmutzigen Hände gefeiert wurde, war Sartre nebenan im sowjetischen Sektor erneut zu einem der ideologischen Hauptfeinde geworden. Vom 18. bis 23. Mai fand im Haus der sowjetischen Kultur eine großangelegte Konferenz statt, vorbereitet von einem "Initiativkomitee sowjetischer und deutscher Genossen" anlässlich des 40. Jahrestages des Erscheinens von Lenins Schrift Materialismus und Empiriokritizismus. Die Konferenz verstand sich als "ideologische Offensive", als "allgemeine Offensive des dialektischen Materialismus gegen die fortschrittfeindlichsten Formen des heutigen Idealismus" - zu denen vor allem Sartre gehörte!

Zwischen dem Tod Stalins 1953 und dem 20. Parteitag der KPdSU im Februar 1956, auf dem Nikita Sergejewitsch Chruschtschow seine berühmte Geheimrede hielt, zeichnete sich eine zeitweilige Unsicherheit über die Entwicklung in der Sowjetunion ab, die in der DDR zu einer Teilliberalisierung und zu breiteren Publikationsmöglichkeiten führte - die Veröffentlichung erster Sartre-Texte 1955 ist ein kleines Indiz dafür.

Es folgten beim Aufbau Verlag 1956 Die Fliegen, Die ehrbare Dirne und Nekrassow, und 1967 ging der Reclam Verlag Leipzig einen Schritt weiter, indem er ebenfalls drei Stücke herausbrachte, doch nun Nekrassow durch Die Eingeschlossenen von Altona austauschte. Eine große Ausnahme bildeten Die Wörter: sie kamen 1965 in der Übersetzung von Hans Mayer zeitgleich bei Rowohlt und im Aufbau Verlag heraus - vermutlich war diese beinahe gesamtdeutsche Ausgabe dem 1964 Sartre verliehenen, wenn auch nicht angenommenen Nobelpreis für Literatur zu verdanken.

Es kamen zwar noch einige Stücke hinzu, dennoch blieb einem in der DDR auf die inländische Buchproduktion angewiesenen Leser ein Großteil des Sartreschen Werkes vorenthalten: sowohl die philosophischen, die literaturkritischen und ästhetischen als auch die politischen Texte waren bestenfalls in wissenschaftlichen Bibliotheken zugänglich. Doch das Interesse an Sartre beschränkte sich keinesfalls auf jene, die ihrer wissenschaftlichen Beschäftigung wegen einen besonderen Zugang zur "Sperrliteratur" dieser Bibliotheken hatten. Neben Künstlern und Geisteswissenschaftlern suchten besonders viele sogenannte Angehörige der naturwissenschaftlichen oder technischen Intelligenz Zugang zu einer Literatur, Kunst und Philosophie, die ihnen jenseits der Angebote des "marxistisch-leninistischen Grundstudiums", der SED-Presse und Propagandaschriften Antworten auf ihre Sinnfragen bot. Das konnten Texte des 18. und 19. Jahrhunderts sein oder auch die kaum, spät oder in zu geringen Auflagen erschienen Autoren wie Nietzsche, Freud, Proust, Kafka, Camus, Simone de Beauvoir und eben auch Sartre. Neben dem Fernsehen und Rundfunk schmuggelte manch ein Rentner die begehrte Konterbande aus dem Westen, und es fanden sich auch noch andere Gelegenheiten, sich Informationen zu verschaffen. So wurde ich regelmäßig von "Klubs der Intelligenz", Hochschulklubs, Einrichtungen des Kulturbundes oder der Gewerkschaften eingeladen und hielt Vorträge über Sartre in Dresden, Leipzig, Frankfurt/Oder und anderen Städten, vor allem seitdem ich mit einer Dissertation, die 1977 unter dem Titel Jean-Paul Sartre - Theorie und Praxis eines Engagements veröffentlicht worden war, einen gewissen Ruf als Sartre-Experte erworben hatte.

Der Umgang mit Sartre wurde für die Herrschenden in der DDR noch problematischer, als dieser mit der Kritik der dialektischen Vernunft seinen Existentialismus in den Marxismus zu integrieren vorgab. Zunächst überließ die DDR vorsichtshalber die "Auseinandersetzung" Ausländern. Besonders zu erwähnen ist die Schrift des bald als Revisionisten verdammten Polen Adam Schaff Marx oder Sartre - Versuch einer Philosophie des Menschen, die 1965 im VEB Deutscher Verlag der Wissenschaften erschien. Schon der Untertitel zeigt eine Richtung an, die bald der Verdammnis anheimfallen sollte - obwohl das Buch die Überlegenheit des Marxismus über den Existentialismus beweisen wollte. In meinem Exemplar fand ich ein Blatt mit einigen Exzerpten, die mich daran erinnern, was mich von früh an und bis heute an Sartre faszinierte. Sie stammen sämtlich aus dem Kapitel "Über die moralische Verantwortung". Für damalige Leser, denen Stalins Tod und die vorangegangenen Jahre, 1956, der 20. Parteitag der KPdSU und der Einmarsch russischer Truppen in Budapest gegenwärtig waren, waren Schaffs Sätze bedeutungsschwer. Er schrieb: "Ich persönlich betrachte es als großes theoretisches Verdienst des Existentialismus, dass er die Bedeutung der moralisch zwiespältigen Lebenslagen an den Tag gebracht hat. [...] Hier ist das Individuum wirklich zur Wahl ›verurteilt‹ und die Erfahrungen der vergangenen Epoche zeigen, dass uns von solcher moralischen Verantwortung weder die öffentliche Meinung befreit noch die Meinung der Gruppe." Derartige Gedanken hatte ich bereits früh gehabt, vermutlich vor dem Hintergrund meiner französischen Sozialisation und der Konfrontation mit besonders rigiden Formen des preußischen Sozialismus in meinen Internatsjahren in Wiesenburg von 1955-1957. Sartres Betonung des Individuums, seiner Freiheit und Verantwortung traf sich mit meinen Erfahrungen und Bedürfnissen und verband mich dauerhaft mit diesem Autor.

Der 1977 veröffentlichte Teil meiner Dissertation war vermutlich auch der Grund, warum mir der Kiepenheuer Verlag 1981 anbot, eine Auswahl von literaturkritischen Aufsätzen herauszubringen und mit einem Nachwort zu begleiten. Obwohl die erste Reaktion des mir vorstehenden Direktors des Zentralinstituts für Philosophie, ohne dessen Zustimmung ich das Angebot des Kiepenheuer Verlages nicht annehmen konnte, darin bestand mir zu bedeuten, meine Aufgabe sei es, Sartre zu kritisieren und nicht zu propagieren, führte schließlich ein Briefwechsel zwischen Verlagsdirektor und Institutsdirektor zu grünem Licht, und 1982 erschien ein Band unter dem Titel Jean-Paul Sartre - Situationen. Reden, Aufsätze, Interviews zur Literatur.

Nachdem diese Veröffentlichung keinen Anstoß erregt hatte, konnten weitere folgen. Im gleichen Jahr brachte der Aufbau Verlag den Roman Der Ekel und fünf unter dem Titel Die Wand vereinte Erzählungen Sartres heraus. 1987 folgten Sartres Tagebücher November 1939 bis März 1940 und schließlich 1988 bis 1990 die drei Bände der Trilogie Wege der Freiheit. Besonders freute es mich, Anfang 1989 beim Reclam Verlag in Leipzig eine Neuausgabe der Stücke herausbringen zu können, die nun erstmalig auch Die schmutzigen Hände enthielt. Um die Anerkennung dieser unter DDR-Verhältnissen nicht selbstverständlichen Leistung brachte mich ihr Ende mit dem Sturz der Mauer - ein Kummer, den ich angesichts der gewonnenen realen Freiheit gern verschmerzte.

Vincent von Wroblewsky ist heute weiterhin als Sartre-Spezialist und Übersetzer tätig. Im Frühjahr erschien in seiner Übersetzung erstmals auf Deutsch Sartres Entwürfe zu einer Moralphilosophie, Rowohlt-Verlag.

00:00 17.06.2005

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