Kerstin Kempker
08.02.2002 | 00:00

Hotel Stadtrand

Alltag Ein Weg-Lauf-Haus, in dem nur die Dinge geduldig sind

Das Weglaufhaus "Villa Stöckle" in Berlin ist das einzige antipsychiatrische Wohnprojekt für Psychiatrie-Betroffene in Deutschland. Hier finden dreizehn Menschen für jeweils sechs Monate Unterschlupf um sich - ohne Therapie und Medikamente, aber mit Unterstützung von Mitarbeitern - zu stabilisieren und in ihren Alltag zurückzukehren. Psychiater haben keinen Zutritt. Die Einrichtung besteht seit sechs Jahren. Kerstin Kempker ist eine der Mitbegründerinnen des Projekts. Im letzten Jahr gab sie ihre Arbeit im Weglaufhaus auf. "Um diesem Haus, mit dem mich so viel verbindet, Lebewohl sagen zu können", meint sie, "schrieb ich es mir zu Staub."

Im Vorgarten liegt der große Engel, der vom Dach fiel, die Nachbarn schießen ihre Kameras ab. Elektrogeräte fallen laut knallend in die Gelbe Tonne, und die Grüne befreit den Walnussbaum von der Wäscheleine. Im Teich schwimmen zwei überlebende Goldfische und die Papiere aus einem aufgelösten Leitz-Ordner. Die Damen und Herren im Empfangszimmer lauschen am Telefon den Lebensgeschichten. Sie horten heimlich Schokolade und stolpern manchmal über Schlafende. Mit letzter Kraft hindern sie hohe, wackelige Papiertürme am Einsturz, beten manchmal kurz, schauen auf die Bahnhofsuhr und überreichen einander die Schlüssel.

In der Küche brennt ein Stuhl, der blonde Wuschelkopf sitzt auf der Herdplatte, fischt sich die Fleischbrocken aus dem Kochtopf und schaut dem jungen Koch zu, der einen riesigen Strudel faltet. Silberne Schuppen fliegen vom Lachs, der Asiate mit dem flinken Messer folgt mit den Augen den Eichhörnchen vor dem Fenster. In Zeitlupe bewegt sich die Hand des Bebrillten, fischt im trüben Spülwasser nach der einen Tasse, die er zu Tisch tragen will. Vom blauen Sofa im Salon haben die Gäste alles im Blick. Sie sitzen in dichtem Rauch, ducken sich unter dem Erkerfenster und weichen hin und wieder mit leichter Neigung des Kopfes den Wurfgeschossen aus. Sie warten, schauen, was die gewundene Holztreppe herunterpoltert, und hören die Schreie der Kahlgeschorenen, die sich vor ihnen auf dem Boden krümmt.

Vom Eingang gelangt man über Säcke, Schuhe und Kleiderberge in den Speisesaal, der durch ein großes zerbrochenes Panoramafenster auf die Terrasse führt. Das Mädchen sitzt am Tisch und spuckt alles, was es nicht schlucken will, in seinen Spuckbecher aus Plastik. Es kann auch brüllen, kratzen und Stühle zerbrechen. An der Orgel schreit es seine Rapsongs.

Eine steile Treppe führt an schmutzbehangenen Besen, halbvollen Wischeimern und stinkenden Feudeln vorbei tief in den Keller, wo nachts der Portier hinter der zweiten Türe auf der Lauer liegt und der Alarmglocke lauscht. Er hat ein feines Ohr für Feuerknistern, das hohe, kreischende Sägen an Gasleitungen, dumpfe Fälle. In der hintersten Kammer, deren Wände von den Dünsten der Waschküche vollgesogen sind, hockt in einer Lache auf dem kalten Betonboden das Mädchen mit den großen Augen und klammert sich an ein Tischbein. Hier ist es sicher, kein Blick wird es streifen, kein Licht, nur die leuchtendrote Glut der Zigarette gibt Alarmzeichen. Die Wirtschaftsräume sind voller in Kartons und Müllsäcken abgepackter Geschichten, mit Namen versehen, voller Möglichkeiten: ätzende Stoffe, Farbkübel, Stichsägen, defekte Elektrogeräte, Vorschlaghämmer, ein Berg Schuhe und kastenweise Flaschen zum Werfen. Die Gäste mögen Polternächte. Sie ahnen, wenn es wieder so weit ist, lassen ihre Zimmertüren dann dankbar ins Schloss fallen und stürmen aus dem Dachgeschoss und dem ersten Stock gleichzeitig hinunter, rutschen auf dem roten Geländer, purzeln die zweimal 23 Stufen, flattern an der Wand entlang und stehen im Salon Spalier. Ertönt aber der Gong aus dem Speisesaal, springen sie zurück auf ihre Zimmer, verschließen die Türen und wollen einzeln zum Essen gebeten sein.

So stehen die Serviererinnen in ihren weißen Schürzchen oft Stunden vor einer Türe, schmeicheln und locken, singen, betteln, beten hingebungsvoll lange Speisefolgen herunter und trotzen allen Flüchen. Dreht sich endlich ein Schlüssel im Türschloss, so springen sie behände zur Seite und machen einen Strich auf ihrer Liste. Im Speisesaal wird der Fernseher kaputtgeschlagen und gepflegt geplaudert, in vielen Sprachen lacht und brummt es, keiner kennt keinen, und alle wollen an den Topf, der riesig und silbern in der Tischmitte auf wackeliger Unterlage aufragt und für keinen der Umsitzenden einsehbar ist. Der Kellner kommt und teilt aus. Er ist auch der Pförtner, Nachtwächter, Hauswart, Koch, Empfangschef und Laufbursche, der Chef vom Dienst und der Putzmann. Jetzt aber ist er Kellner, schöpft gleichmäßig aus dem großen Topf und bedient alle streng der Reihe nach, reagiert nicht auf Zwischenrufe, vorgehaltene Teller und Erbrochenes, ist taub für das Telefon und die Türglocke, verschiebt alle Katastrophen auf später und ist dann Mitesser, Mitplauderer, bis er nach dem Essen zum Antreiber, Abräumer, Tellerwäscher wird und sich endlich zu den Gästen aufs blaue Sofa setzt und die angestauten Krisen empfängt. Er trägt alles in Listen ein, viele Bücher mit Strichen, Telefon-, Warte-, Rede-, Putz-, Schreib-, Laufstriche. Viele Striche bedeuten viel Gutes, Getanes. Die Gäste wissen das und helfen mit, laufen manchmal mit dicken schwarzen Markern durchs Haus und halten in fetten oder zitternden, aufrechten und schrägen Strichen das Geschehen fest. Sie schreiben sich ein in die Wände und Möbel, ritzen, kerben und bohren sich in das Gemäuer, bevor sie wieder verschwinden.

Der Küchentisch mit all seinen Narben und Brandwunden ist - leer und gewischt - so voll, dass seine tapferen Beine wackeln. Er will dann nicht mehr, spuckt die Milch über die Kante, schüttelt Tassen und Teller ab auf den Steinboden und bringt die unbarmherzige Glühbirne, die ihn mittig erhellt und versengt, zum Platzen. Der Kühlschrank rächt sich an dem ständigen Aufgerissen- und Zugeworfenwerden, indem er alle geöffneten Milchpackungen gleichzeitig aus seiner Türe entlässt und ihnen die rohen Eier aus der oberen Etage hinterherschickt. Die Dinge sind geduldig. Oft geschlagen, missbraucht, getreten, besudelt, halten sie schon lange an sich, ächzen allenfalls, knirschen ein wenig, geben so schnell nicht auf, als dächten sie, jetzt erst recht. Einzig die elektrische Brotschneidemaschine, die robuste und gefährliche, muss keine Attacke befürchten. Einmal in Gang gesetzt, hört sie nicht auf zu schneiden. Sie schneidet ohne Unterlass alles und macht keinen Unterschied. Gnadenlos und gerecht, zollen ihr die Gäste den größten Respekt.

Die Nachbarn schlecken den herübergeschwappten Kaffee von ihrer Hauswand, pflanzen zugeflogene Stuhlbeine auf ihren Dächern an und telefonieren anonym. Auf ihre Haustüren bauen sie Aussichtsplattformen. Wildschweine durchsuchen regelmäßig den Garten.

Das Haus hat seinen Rhythmus verloren. Es findet nachts nicht mehr zu seinen Träumen. Der Mond macht große Sprünge, eben noch am freien Himmel, steckt er plötzlich hinter der Tanne. Es wird nicht mehr dunkel. Das Haus ist alt, es wird beschleunigt und kann dem Geschehen nicht folgen. Es schwitzt. Die Bezugspunkte verschwinden aus seinem Blickfeld, Nachbarhäuser verschanzen sich hinter hohen Lattenzäunen, die Schritte im Innern sind nicht mehr zuzuordnen, es gibt keine Pausen mehr oder nicht mehr da, wo es sie kennt. Zu viele Geräusche und Gerüche überlagern sich. Immer rauscht es in den Wasserleitungen, immer wird in der Küche gekocht. Die vielen Türen, auch ganz neue, viel zu junge, fallen immerzu in ihre Schlösser, es klappert und klirrt, trampelt und brüllt, vibriert und knallt zu jeder Zeit. Manchmal, wenn alle Außentüren und Fenster verriegelt sind, möchte es platzen, aus der Haut fahren. Aber das kann es nicht, es ist ein altes und solides Haus, das lieber die Luft anhält und auf den erlösenden Windstoß wartet. Es weiß schon lange nicht mehr, wer in ihm ein- und ausgeht. Auch wenn es den Bäumen seit einem Jahrhundert beim Wachsen zuschaut und diese den nötigen Abstand wahren, wird es von anderen Kräften untergraben.

Es ruht nicht mehr in sich, das Fundament wird dünner, Schwerpunkte verlagern sich. Ausgeschabt im Keller, aufgebläht im Obergeschoss und verschachtelt im Dach, tröstet es sich halbherzig mit der Gewissheit, unter Denkmalschutz zu stehen. Stark und einladend nach außen, ist es in Wirklichkeit nicht mehr ganz dicht, angekratzt innen wie außen. Ein Haus soll stillstehen. Manchmal bemüht es sich so sehr darum, dass es vor lauter Anstrengung zu zittern beginnt. In seinen kurzen Tagträumen läuft es einfach davon, es schüttelt sich, wirft allen Ballast ab, Leute und Sachen purzeln aus seinen Öffnungen, und das Haus läuft weg, schlängelt sich durchs Gartentor und läuft mitten über die Straße bis auf die freien Felder vor der Stadt. Es läuft und läuft.

Dieses alte, gemütvolle Haus, das in rührendem Gleichmut Hunderte von Gästen hat kommen und ziehen sehen, das dem Schwamm, dem Feuer, den Überschwemmungen und selbst den mächtigen Wurzeln der Walnussbäume trotzte, wird unwillig, als es immer weiter wachsen soll. Sein Keller ist ausgehoben und gelöchert worden, das Dach an- und ausgebaut, und nun soll noch die Terrasse, der letzte Ort zum Luftholen, überbaut werden mit weiteren Geschossen.

Es zuckt und wimmert, knarrt und ächzt, doch findet es kein Gehör. Die Dachziegel bäumen sich auf, grüne Fensterläden flattern beträchtlich, als die Baukolonne mit schweren Geschützen anrollt. Das Haus ist es müde, und an diesem ersten sonnigen Maitag, als die Handwerker zur Mittagspause in ihrem Bauwagen sitzen, die Gäste ausgeflogen sind und die Bediensteten im Garten Tulpen und Küchenkräuter pflanzen, fällt es mit einem letzten deutlichen Stöhnen in sich zusammen. Es füllt die vielen Leerstellen mit sich selbst, wird klein und kompakt und bietet keinen Einlass mehr.

Die Nachbarn schieben die Gardinen beiseite, öffnen ihre Fenster, husten heftig und schauen erstaunt, im nächsten Moment aber schon erleichtert zu dem schweigenden Steinhaufen, auf den sich eine Staubwolke legt. Die Bediensteten ziehen ihre braunen Finger aus der Erde, blicken kurz auf und pflanzen dann, als sie erkennen, dass sie nichts mehr ändern können, einfach weiter, ein wenig apathischer vielleicht. Die Gäste kehren nach und nach von ihren Ausflügen und Besorgungen zurück, stutzen und drehen ab. Sie kennen sich aus mit Überraschungen.

Zum Schichtwechsel kommen die frischen Bediensteten zu einer kurzen Übergabe in den Garten. Sie nehmen den Kollegen mit den erdigen Händen die Schlüssel aus den Taschen, schicken sie nach Hause und bauen flugs ein neues Haus um die noch völlig intakte Brotschneidemaschine herum. Bald schon treffen die ersten Gäste ein.

Über das Leben und Arbeiten im Weglaufhaus hat Kerstin Kempker ein Buch herausgegeben: Flucht in die Wirklichkeit. Das Berliner Weglaufhaus , Antipsychiatrieverlag, Berlin 1998