Hühnerfüße zu Technobeats

China Viele tausend Kilometer Bahngleise treffen Wuhan von der ­chinesischen Hauptstadt. Politik spielt hier eine Nebenrolle. ­Dafür tobt in den Bars das Leben

Dunst liegt über dem Fluss Yang­tzi, die Lichter der Neonschilder lassen ihn rosa leuchten. Schiffe ziehen vorüber. Flugzeuge kreuzen den Himmel. Am Uferstrand sitzen Pärchen und blicken in rosa Wolken, während es nach Abgasen stinkt und das Hupen der Autos in den Ohren schmerzt wie ein morgendlicher Wecker, den man nicht abstellen kann. Die Szenerie atmet die trostlos-mystische Stimmung eines Endzeitdramas. Wu­han, ein Knotenpunkt in Zentralchina. Shanghai und Peking liegen weit entfernt. 1.300 Kilometer Bahngleise sind es bis zur Verbotenen Stadt, 1.200 Kilometer Gleise trennen Wuhan von der Metropole der Zukunft. Vor einigen Stunden bin ich mit dem Zug angekommen, habe mich mit den Massen in die Stadt spülen lassen. Wuhan, willkommen im ewigen Backofen Chinas. Die Sonne ist lange untergegangen, doch die erfrischende Kühle bleibt aus. „Die Hitze wird die ganze Nacht bleiben“, meint Margret, die vor 25 Jahren in Wuhan geboren wurde. Margret ist ihr englischer Name. Fast jeder junge Mensch im Land hat einen englischen Namen. Margret hat ihn, weil Ausländer ihren chinesischen Namen nicht aussprechen können. Andere haben ihn, weil es trendy ist. In einem englischen Namen klingt Internationalität mit, Weltgewandtheit, Globalisierung, Zukunft. Ein englischer Name bedeutet ein Stück Entlastung von der Bürde der großen chinesischen Tradition, von 2.000 Jahren Kulturgeschichte, von sechzig Jahren Volksrepublik.

Der Wind trägt chinesische Musik heran, die Melodie klingt bekannt. Folgt man den Klängen, gelangt man an einen kleinen Pavillon an der Promenade, wo drei Dutzend Menschen unter einem Baldachin tanzen. Sie üben einen Walzer, auf Chinesisch. Ein Mann tritt einer Frau auf die Füße, er sagt etwas zu ihr, sie lacht. Viele kleine Falten wandern um ihre Augen. „Das ist ein Tanzkurs, die Eltern meiner Freunde machen das auch alle, seit sie in Rente sind“, sagt Margret. Sie deutet auf einen Mann, der gestikulierend zwischen zwei Tänzern steht. „Das ist der Tanzlehrer.“ Die Paare tragen Einheitskleidung, Bundfaltenhose und Hemd, Mann wie Frau. Nur die Farben variieren, manche Hosen sind beige, andere grau.

Die Uferpromenade sei von Grund auf saniert, erzählt Margret. Als sie das letzte Mal hier war, sah alles noch anders aus. Margret ist klein und zierlich. Die Iris ihrer Augen ist fast schwarz, dahinter lauert der Schalk. Das schwarze Haar fällt ihr bis auf die Schultern. Sie ist ein Energiebündel, ständig unterwegs. Sie hat studiert, in Australien als Krankenschwester gearbeitet und die Welt bereist. Dann hat sie ihren Weg zurück nach Wuhan gefunden. Nur ihr Elternhaus fand sie nicht mehr. Dort, wo holprige Straßen zu einfachen Häusern führten, stehen jetzt Shopping Malls. Die Landschaft wurde mit einer Schicht Beton versiegelt. Scharen von Menschen wurden an- und umgesiedelt, nachdem 350 Kilometer westlich von Wuhan ein gigantischer Stausee – der Drei-Schluchtenstaudamm – geflutet worden war und über eine Million Menschen ihre Häuser verloren hatten. Margret wohnt nun in einem anderen Teil der Acht-Millionen Stadt, eine kleine Stadt, nach chinesischen Maßstäben. In Shanghai oder Peking würde sie ungern leben. „In Wuhan spielt Politik eine Nebenrolle, die Menschen sind relaxter.“

Sie tanzen um einen unsichtbaren Gegner

Am Ende der Promenade, dort wo das rosa Leuchten schon fast ausglimmt, treiben zwei Chinesen Tai Chi Chuan. Sie bewegen sich langsam, fließend, ohne Eile. Ein Schritt folgt auf den nächsten, ihre Arme heben sich synchron, die Hände zur Faust geballt, beschreiben einen Halbkreis, ziehen sich zurück. Sie tanzen um einen unsichtbaren Gegner. Aber um sie herum zieht das Leben in Fast Forward vorbei. An einem Jahrmarkt schießen Teenies mit Luftgewehren auf Luftballons, um Spongebobs zum Aufziehen und Hello-Kitty-Anhänger fürs Handy zu gewinnen. Und unten an der Yanjing Dadao, der Hauptverkehrstraße, die am Fluss entlangführt, wo sich die alten Kolonialbauten aneinanderreihen, wummern die Bässe der Bars. Auf ihren flachen Dächern tanzen Menschen, um Kunden zu locken. Sie sehen aus wie in einem Musikvideo, die Jungs tragen Baggy-Jeans und Trucker-Caps, Mützen die zu groß sind für ihren Kopf. Sie bewegen sich wie Roboter, mit abgehackten Bewegungen, zu abgehackten Tönen. Eine postmoderne Choreografie.

„Yes I Do“ leuchtet in gelben Lettern über den Bars. Zu jeder von ihnen führt eine Sicherheitsschleuse. Davor stehen Security-Leute, die einem japanischen Animé entsprungen scheinen: Sie sind klein, haben große, runde Köpfe und noch größere, runde Knopfaugen. Ihre Köpfe erscheinen so riesig, weil sie Helme tragen, die aussehen wie ein Bob-Haarschnitt, schwarz, vorne grade die Stirn bedeckend. Sie versinken in ihren Sicherheitswesten. Sie wandern immer drei Meter vor, drei Meter zurück.

Jedes Mal, wenn jemand eine Bar betritt, piept die Sicherheitsschleuse. Aber niemanden interessiert es, niemand durchsucht die Taschen der Jugendlichen mit ihren Fönfrisuren, die scharenweise in den Eingängen verschwinden. „Irgendwann wurde eine Vorschrift erlassen, nach der man bestimmte Sicherheitsvorkehrungen treffen muss. Seitdem gibt es das alles, aber keiner kümmert sich darum“, sagt Margret. Wir sehen dem Treiben zu. Gegen zehn Uhr schwankt eine Junge aus der Soho-Bar. Mit viel gutem Willen mag er grade volljährig sein. Zwei Freunde stützen ihn, winken ein Taxi heran, setzen ihn hinein und verschwinden wieder in der Bar. Wir folgen ihnen.

Die Sicherheitsschleuse piept, ein Mädchen empfängt uns, sie lächelt, ich verstehe nicht, was sie sagt, der Bass betäubt die Trommelfelle. Sie führt ein paar Stufen hinunter in einen Kellerraum. In einer Ecke steht ein Sofa, auf dem zwei Jungs lümmeln und Shishas rauchen. Dahinter öffnet sich ein Raum, groß wie ein halbes Fußballfeld. Zwei stämmige, mit chinesischen Schriftzeichen verzierte Pfosten tragen das Gewölbe, um sie herum läuft jeweils eine kleine Bank, nur zwei Schritte breit. Den Tänzern genügt sie als Bühne. Die Jungs mit ihren Trucker-Caps, die eben noch auf dem Dach standen, bilden hier unten eine Boyband. Vor ihnen steht eine Gruppe Mädchen, die kleinen Körper in hautenge Jeans gezwängt, an den dünnen T-Shirts glitzern Strasssteinchen. Ihre hochhackigen Schuhe verbergen schlecht, dass sie noch im Wachstum sind. „Niemand kontrolliert, wie alt du bist, wenn du in eine Bar gehst“, sagt Margret.

Der Raum erinnert an einen Heizungskeller. Das Interieur ist Mischung aus Kitsch und der Kunst des Schweizer Surrealisten HR Giger, der für den Film „Alien“ das Monster kreierte. Die Decke besteht aus nackten Stahlträgern, daran hängen übermächtige Kronleuchter, mit kleinen roten Lampenschirmen, mit goldenen Fransen. An den Wänden kriechen metallisch-golden glänzende Rohre, mit kleinen Rädern, Hähnen, Druckluftmessern und Ventilen. Tiffany-Lampen stehen auf den Tischen, alte Grammophone, ein Saxophon. Darüber hängen übermächtige LCD-Bildschirme. Vergangenes trifft auf Gegenwart. Es ist kein harmonisches Treffen. Eher eine chaotische Häufung von Möglichkeiten.

Das Mädchen winkt, wir sollen ihr folgen. Sie weist uns einen Tisch am Ende des Raumes zu, gleich vor dem Tresen. Sie trägt einen Schottenrock, wie alle Bedienungen hier. Auf meinen Versuch, auf Englisch zu bestellen, reagiert sie jedoch mit Befremden. Auf der Karte stehen Schriftzeichen, die in meinen Augen aussehen wie ein Logikrätsel, das man knacken könnte, wenn man genug Zeit dazu hätte. Ich deute auf ein paar Positionen und gebe der Schottin Geld.

Über die Bildschirme fliegen rosa Herzchen

Die Boyband hat ihre Moonwalk-Performance beendet. Ein DJ übernimmt. „Life is life – when we all give the power – we all give the best – every minute of the hour – don´t think about the rest...“ Am Tisch nebenan spielen zwei Jungs ein Würfelspiel. Einer schüttelt die Würfel unter den Becher, schaut darunter und schreibt mit der Hand Zeichen in die Luft wie ein Taubstummer das Gehörlosenalphabet. Die Chinesen können mit einer Hand die Zahlen bis zehn ausdrücken. Bis jetzt habe ich nur alte Menschen auf den Märkten so gestikulieren sehen, aber auch die Jugend scheint sich diese Art und Weise, wortlos zu kommunizieren, zu Nutze zu machen. Die Jungs zeigen sich mit ihren Händen ihre Punktezahlen. Nach einigem Hin und Her muss einer der beiden sein Bier leer trinken. Dann würfelt der andere. Der Junge, der sein Bier leeren musste, wiegt sich im Rhythmus der Musik. „Life is life“ brüllt er.

Die chinesische Schottin kehrt zurück. Sie bringt zwei Teller. Einen mit Gemüse, Fleisch und etwas, das in der Dunkelheit nicht zu identifizieren ist. Auf dem anderen liegen Hühnerbeine. Sie leuchten hell, fast fluoreszierend. Ich halte mich an das Gemüse, es schmeckt nach Chilli, scharf und knackig. Das Bier wird in Flaschen, serviert, die erst am Tisch geöffnet werden. Margret schätzt diese Bars nicht, sagt sie, man weiß nie, was in den Drinks ist, es sei denn man bekommt eine ungeöffnete Flasche. Margret geht lieber mit Freunden essen. Chinesen sind leidenschaftliche Esser. Stundenlang können sie in Restaurants sitzen und Hot Pots essen – die chinesische Variante von Fondue und eine Leibspeise der Bewohner Zentralchinas.

Ein Mädchen mit Streichholzbeinchen, Hot Pants und Haarverlängerungen erklimmt die Bühne. Sie schreit in ihr Mikro. Die Menge brüllt zurück: „Yeah... Ouhhhu.“ Die Schlachtrufe der Partymeute ist weltweit gleich. Der Beat wird schneller, ein Tusch schwillt an, dann beginnt sie zu singen. Nach einigen Sekunden verstehe ich ein paar Worte: „dirty ... party ...“ – es ist Christina Aguilera’s Song. Es klingt wie damals, als wir Kinder waren und versuchten, unsere Lieblingslieder zu intonieren: „wooahhh miii GIRLS ... juuu BOYS ... make some noise“. Der Junge am Tisch nebenan reckt die Faust in die Luft und setzt zum Gröhlen an. Frei stehend wankt er beachtlich. Margret mag diese Form des Feierns nicht: „Die Jugendlichen sind stolz darauf, dass sie über ihren Tellerrand schauen und wissen, was außerhalb Chinas los ist“, sagt sie. „Aber ist das wirklich so toll? Was wissen sie über sich selbst?“

Es ist Mitternacht. Über die Bildschirme fliegen rosa Herzchen. Zwei Tische weiter feiert ein Mädchen seinen Geburtstag. Sie trinkt einen Cocktail, in dem ein leuchtender Lolli steckt. Der Saal singt „Happy Birthday“ – auf chinesisch. Ich singe für mich alleine mit – auf deutsch. Auf dem Tisch des Geburtstagskindes steht plötzlich eine Torte. Ich habe nicht gesehen, wie sie aufgetaucht ist. Die Welt entgleitet. Ich weiß nicht mehr, die wievielte Sängerin auf dem Podest steht und ob dieses Mädchen dort oben englisch oder doch chinesisch singt, vermutlich würde ich auch vergessen, in welchem Land ich mich befinde, stünde da nicht der Teller mit Hähnchenfüßen auf dem Tisch. Der Würfelspieler neben uns hält sich an der Tischkante fest. Der DJ spielt: „Nanana, hey, hey, hey – good bye.“ Als ich vor die Tür trete, öffnen sich die Wolken. Ein warmer Regen, die Luft ist noch immer heiß. Der Fluss leuchtet noch immer rosa. Der Taxifahrer versteht mein Englisch nicht. Ich gebe ihm die Karte meines Hotels. Er kann sie nicht lesen. Ich steige wieder aus, spüre den Regen auf meinen Schultern und sehe Luftballonresten zu, wie sie in den Rinnstein gespült werden.

05:00 15.10.2009

Ausgabe 08/2020

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