Ich könnte Abendsonne haben

HERBSTROMANZE, TIEFGEKÜHLT "Junge Hunde" sind in Martina Hefters Debütroman auf der Suche nach Wärme im grauen Osten

Sie sind als gut gemeintes Geschenk auf einer Party gelandet: mollige, weiche, rotzüngige Mopswelpen. Ihre Köpfe streichelnd, begegnen sich an diesem Abend die Hände einer Tänzerin und eines Taxifahrers. Es sind dünne, knochige Hände, die schon einen ganzen Herbst auf diese Annäherung warteten. An einem verregneten Spätsommertag hatte die Tänzerin am Leipziger Hauptbahnhof gestanden und den Taxifahrer gebeten, sie ein bisschen durch die Gegend zu fahren. Sie haben nur wenig miteinander gesprochen auf dieser Fahrt raus aus der Stadt ins öde Feldland. Dennoch ist er, der die langen Nächte am Lenkrad gegen sein Physikstudium eingetauscht hat, seither auf der Suche nach ihr. Aus dem bayerischen Süden ist Helen nach Leipzig gekommen um Choreographie zu studieren, nachdem sie ein Berliner Engagement fürs Tanzen "in der hintersten Reihe" geschmissen hat: Westherz will ostwärts.

Auf den ersten Blick mutet das Setting von Martina Hefters Debütroman Junge Hunde schablonenhaft an. Orientierungslose Jugendliche streunen durch die Tristesse postsozialistischer Gegenwart und verweigern das Erwachsenwerden. Doch die Liebesgeschichte, die sich vor diesem Hintergrund abzeichnet, kommt ohne Klischees und ohne falsches Pathos aus. Nüchtern, lakonisch, mit überraschenden Einsprengseln von Naivität und Ironie erzählt die 1965 im Ostallgäu geborene Autorin von der - rein statistisch betrachtet so seltenen - Annäherung zwischen einer "Wessa" und einem "Ossi". Dieser von jedem Innerlichkeitsgehabe freie, unaufdringliche, manchmal fast kalte Ton und eine geschickte Dramaturgie ziehen den Leser in Bann.

Die Herbstgeschichte wird gleichsam in "Short Cuts", filmischen Sequenzen, entfaltet. Helens, als Icherzählung wiedergegebene Beobachtungen und die Erlebnisse von Viz, dem in Karl-Marx-Stadt geborenen Taxifahrer, wechseln einander ab, als würden sie ein Zwiegespräch führen. Hier spricht eine vom Überdruss oder sogar Ekel vor den "jahrelang im Voraus geplanten Schritten" des Tänzerinnenlebens; dort wird Viz in einer nervösen Dreierrunde gezeigt, die sich in der Schutzhülle des Taxis auf ein bevorstehendes "Wintergrillen" mitten im November bei einem "Schriftsteller" zu bewegt. Ein anderes Mal berichtet sie von den hundsköpfigen Plüsch-Hausschuhen, in denen ihr der neue Mitbewohner die Tür öffnet und die so glänzend zu seinem breiten (West-)Grinsen passen. Dann wieder wird der traurig-skurrile Ostseeausflug geschildert, den Viz und seine Freunde Fruehling und Tanja im Anschluss an eine trübe Partynacht unternehmen.

Eine Atmosphäre von Nähe und Distanz entsteht so, in der die verschiedene Herkunft der beiden nur eine marginale oder untergründige Rolle spielt. Ihm gefällt ihr Mut, einem eigenwilligen, ganz ungeraden Lebensweg zu folgen; sie verfällt dem Sonnentattoo auf seiner Schulter. Man lese und staune: Der Beginn einer ganz normalen Liebesgeschichte wird hier erzählt. Fluchtstation und Gefühlslandschaft, ein Ort für Zufälle ist Leipzig bei Martina Hefter. Nicht aber für verspätete Länderspiele.

Dabei kommt der Osten keineswegs verklärt davon: "Nach Rügen" heißt die Sequenz, die das ›Hundeleben‹ der Leipziger Jugendlichen vielleicht am eindringlichsten darstellt. Sie haben sich nicht nur die falsche Zeit für ihre Spritztour ausgesucht, sie landen auch am falschen Ort: in der Galerie von Tanjas Vater, wo gerade eine Vernissage stattfindet. Die gute alte Ostsee, einst Sehnsuchtsort und Vergnügungspool der DDR in einem, längst ist sie von der neuen Berliner Künstlerschickeria okkupiert worden. Großformatige Bilder, silberne Schälchen mit Erdnüssen, "das Wort Dekonstruktivismus fällt"; geradezu minimalistisch deutet Martina Hefter die Glamourwelt an, mit der einige Popliteraten der Gegenwart so gern kokettieren - und entlarvt damit deren Leere. Deplaziert wie Clowns im Gedränge nach der Vorstellung, wie verirrte Komödianten wirken die Leipziger Freunde hier. Der Partyschmuck der letzten Nacht: rote Perücke, grelle Schminke, alberne Umhängetasche, ist nur noch zottelige, verwischte und schiefe Maskerade.

Sie sind bunte Hunde auf fremdem Terrain, denen nicht einmal mehr das einstige Rudelgefühl gelingen will. Die schnoddrig-gelassene Geselligkeit, die gerade im sächsischen Osten als Überlebenskunst diente, sie stellt sich nicht mehr ein. Eher schon treibt sie die Kälte zusammen, der ewiggraue Himmel oder eine hinter allem lauernde Bedrohung. Warum verschwindet Tanja auf der Vernissage und taucht dann mit Lippen, die "nicht mehr das Rot der Perücke haben" neben ihrem Vater wieder auf? Warum wirkt Fruehlings verspielte Torkelei am Ostseestrand - zwischen "lauter angespülten Sachen: ein zerfetzter Gummihandschuh, das Bein einer Puppe" - so bedrohlich?

Ein bisschen zu dünn, ein bisschen zu nikotinsüchtig kommen die Großstadthelden in Hefters Roman daher. Dennoch gelingt es ihr, in ihnen eine unruhige Ziellosigkeit zu entdecken und den fast vergessenen Spuk der Plattensiedlungen wiederzubeleben.

Warum also wartet eine wie Helen ausgerechnet hier auf Abendsonne? Vielleicht, weil sie nirgends so umgehemmt ihrer Lieblingsbeschäftigung nachgehen kann. Nicht dem Tanzen, sondern dem Schauen und Beobachten. Hier erinnert alles an eine fremde Vergangenheit, die Wege sind noch nicht abgezirkelt und vorhersehbar. Da kann es schon einmal vorkommen, dass Pitbulls mit zugekniffenen Augen "majestätisch, beinahe feierlich" einen Kanal hinuntertreiben; dass am Parkteich über das Verhältnis von Enten zur Ost-West-Problematik raisonniert wird, oder dass eben Mopswelpen zu Partygeschenken werden. Mit den gelassenen Augen eines Hundes Spuren möglichen Lebens zu verfolgen, Umwege aufzusuchen und immer zum Absprung bereit zu sein, stellt für Helen eine ideale Existenzform dar. Sonst wäre sie wohl auch dem Taxifahrer nicht begegnet, noch würde sie ihn wiedertreffen. Eine Sammlerin von Alltagseindrücken und Wortklängen ist sie. Und so bleibt das Andere, Fremde, die DDR, im Widerhall der Wörter aufgehoben: "Ich sah zum ersten Mal auf das Etikett, auf dem tatsächlich ›Zörbiger‹ zu lesen war. Zörbiger, ein spröder Laut. Später entdeckte ich, daß er, wenn man ihn nur oft genug vor sich hersprach, genauso fremd zu tönen begann wie ›Eisenhüttenstadt‹ oder ›Karl-Marx-Stadt‹, bis er sich schließlich anhörte, als säße man in einer über die Schienen stolpernden Straßenbahn: Zörbigerzörbigerzörbiger." Im übrigen aber ist der Osten ein düstres Land, in das manchmal Abendsonne fällt.

Martina Hefter: Junge Hunde. Roman. Alexander Fest Verlag, Berlin 2001, 135 S., 29,12 DM

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00:00 07.12.2001

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