Ich schwör dir, das ist wie bei Acid

Buchmesse Thomas Pynchons neuer Roman „Natürliche Mängel“ ist sein bisher leichtester und abgründigster zugleich

Ein Liebesroman. Auch dieser. Die wichtigeren, die großen Themen und Motive der verschachtelten Romane Pynchons haben diesem nicht nur den Ruf eingetragen, ein „schwieriger Autor“ zu sein, sondern vielfach auch den Blick verstellt für den Zauber der Liebe und die Unbezwingbarkeit des Begehrens, von denen sie nicht minder handeln. So erzählen V. und Die Enden der Parabel (Gravity’s Rainbow) Weltkriegsgeschichte. Aber das Kürzel V. steht zugleich für cherchez la femme, und Gravity’s Rainbow ist nicht zuletzt ein Roman über den „Tannhäuserismus“ („Venus, Frau Holda, körperliche Freuden“), und Yashmeen, die Mathematikerin, die sich in Gegen den Tag mit Riemanns Zeta-Funktion herumschlägt, sucht ihresgleichen an Leidenschaftlichkeit und Schönheit – in dieser Romanwelt nicht anders als in der Welt des Romans überhaupt.

Die Antwort auf „Miami Vice“

Stets geht es bei Pynchon sowohl um „die Wirklichkeit“ dessen, „was wir Wirklichkeit nennen“, Daten und Fakten, Realien und Realitätsansprüche, als auch um die Passionen und Illusionen, die Absichten, Antriebe, Triebe, durch die sich die Menschen in ihr Schicksal – also die Realität – verstricken. Pynchons jüngster Roman nun, Inherent Vice, vor einem Jahr auf Englisch und nun unter dem Titel Natürliche Mängel in deutscher Übersetzung erschienen, beginnt damit, dass Shasta Fay Hepworth wieder bei Larry „Doc“ Sportello auf der Matte steht. Ehemals waren Shasta und Doc zusammen – was immer Zusammensein hieß in jenem Sommer der Liebe, unter Kaliforniens Hippies der 1960er Jahre. Jedenfalls trug sie damals „immer Sandalen, ein blumengemustertes Bikinihöschen und ein ausgebleichtes Country Joe the Fish-T-Shirt“. Jetzt hat sie ihr Kostüm in Richtung Kostüm verändert und steht vor Docs Tür, weil sie dessen Hilfe braucht. Sportello ist Hippie geblieben, verdient sein Geld aber zugleich als Privatdetektiv oder vielmehr, auch darum dreht sich die ganze Geschichte, verdient notorisch kein Geld damit. Zumindest aber betreibt er ein Büro, das sich LSD ERMITTLUNGEN nennt, LSD für „Location, Surveillance, Detection“ („Lokalisierung, Sicherheitschecks, Detektei“ macht die Übersetzung daraus, findig und all ihre Nöte offenbarend zugleich). Shasta, so geht die Geschichte weiter, hat inzwischen eine Affäre mit dem millionenschweren Immobilienhai Mickey Wolfmann, den seine Frau, die es ihrerseits mit ihrem Yoga-Lehrer treibt, um sein Vermögen bringen will.

Doc, wünscht Shasta, soll das Komplott verhindern, und weil er hofft, sie durch seine Hilfe für den „Bikini-und-T-Shirt-Lebensstil“ zurückzugewinnen, schlittert er in einen Kriminalfall hinein, in dem es um Mord und Entführung geht, um die Wiederauferstehung eines für tot Erklärten und natürlich auch um Falschgeld, Drogen, Prostitution. Inherent Vice ist also Pynchons Antwort auf Miami Vice. Nur dass die Handlung in Los Angeles spielt, und nicht in den achtziger Jahren (wie Pynchons letzter Hippie-Roman, Vineland), sondern am Übergang der sechziger in die siebziger Jahre. Der Mörder Charles Manson liefert einen der leitmotivisch erwähnten Hintergründe, die das Geschehen realhistorisch einzuordnen erlauben. Atmosphärisch bestimmen einerseits TV-Serien wie Bezaubernde Jeannie die Szene und andererseits die Musik der Byrds oder die legendären Pet Sounds der Beach Boys: „Wouldn’t it be nice“ könnte ein Aufdruck auf Doc Sportellos T-Shirts lauten, dem bekifften Träumer.

Der Roman sei eine Mischung aus The Big Lebowski und The Big Sleep, bemerkten daher viele Kritiken, als das Original erschien. Gerühmt wurden gleichermaßen der Drogen-Slapstick, der zahlreiche Episoden der Erzählung beherrscht, und die Philip-Marlowe-Melancholie, die auch Pynchons Privatdetektiv kennzeichnet. Gerühmt wurde ferner, dass mit fortwährend eingestreuten „albernen Liedchen“, mit schrägen Nebenfiguren wie einem auf Seerecht und Donald Duck spezialisierten Rechtsanwalt sowie mit den Zutaten eines rätselhaften, womöglich durch die Zeiten reisenden Segelschiffs namens „Goldener Fang“, der Sage von Lemuria als dem Atlantis des Pazifik oder schließlich so merkwürdigen Einrichtungen wie dem „Chryskylodon Institut“ – dass also mit all solchen Elementen durchaus ein „echter“ Pynchon hier seine parodistischen Späße treibt: der leichteste Pynchon ever, hieß es, die Lesbarkeit des Romans unterstreichend, die ihm als Krimi, der in Atem hält, eignet.

Aber zugleich war vielleicht noch kein Roman Pynchons so abgründig wie dieser. Aus seinem Gesamtwerk nur zu vertraute Motive sind die Mustererkennung und eine Art von Paranoia, die seit Gravity‘s Rainbow als „operative Paranoia“ bekannt ist. „Was uns beschäftigt, ist dieses ‚Muster‘, wie wir das bei der Mordkommission nennen“, erläutert der Cop, der als Docs Widerpart durch den Roman stolpert, während Doc selbst die Paranoia zum regelrechten „Handwerkszeug“ für seine Profession als Privatdetektiv erklärt: „Sie wies einen in Richtungen, die man sonst vielleicht gar nicht einschlagen würde“.

Unbeschwerter Drogenkonsum ist eines der Mittel oder Medien, die dabei fürs hinreichend weite Bewusstsein zum Einsatz kommen. Ein weiteres Medium aber ist der Computer, genauer das „ARPAnet“, dieses erste Computernetzwerk, das Ende 1969 in Los Angeles, Santa Barbara, Stanford und Salt Lake City in Betrieb genommen wurde, und aus dem später das Internet hervorging. Einer von Docs Helfern reitet auf dieser „Welle der Zukunft“, begeistert wie alle anderen nur von Drogen: „Er geht im ARPAnet auf Trip, und ich schwör dir, das ist wie bei Acid, eine komplett andere, fremde Welt – Zeit, Raum, der ganze Scheiß.“

Die kommende Technologie

Es ist kein Schlüsselroman, aber es ist doch, als erzählte Pynchon vom Werdegang eines Timothy Leary (der eine Zeit lang in einer Zelle neben Charles Manson inhaftiert war). „Turn on, tune in, drop out“ hieß dessen Slogan als LSD-Guru der 1960er; „turn on, boot up, jack in“, münzte er den Slogan auf den PC und das Internet als das „LSD der 1990er“ um. Für diesen Subtext ist Natürliche Mängel freilich eine zu schwache Übersetzung des Romantitels. Der von außen schöne, im Innern aber wurmstichige Apfel, das ist die Art von „inhärentem Übel“, die der Roman zum Gegenstand hat. Die kommende Technologie hat die Computerfreaks schon in ihren Bann gezogen und mit ihr das Wissen, dass sich die Netzherrlichkeit erst noch entfalten muss – mit welchem Wissen aber auch schon eine dunkle Ahnung einhergeht: „Verglichen mit dem, was du in Spionagefilmen oder in der Glotze siehst, sind wir hier im richtigen Leben noch nicht annähernd bei der Geschwindigkeit und Speicherkapazität [...], aber das alles entwickelt sich mit exponentieller Geschwindigkeit, und eines Tages werden alle aufwachen und feststellen, dass sie unter Überwachung stehen, vor der es kein Entrinnen gibt.“

Von heute aus, mag man einwenden, lässt sich eine solche Einsicht leicht schon in den Mund eines Users der ersten Stunde legen. Inzwischen sind die Blogs und Feuilletons ja voll von Nachrichten wie der von der Firma Recorded Future, die, zum Zwecke der nachrichtendienstlichen „Open Source Intelligence“, von Google und CIA gemeinsam finanziert wird. Aber das genau ist der Punkt. Statt nur nostalgisch Rückschau auf die wunderbaren Jahre voller Marihuanaduft und Rockmusik zu halten, hat Pynchon einen bösen Roman über die Gegenwart geschrieben. Wie gut, dass er es wenigstens in der Form einer Liebesgeschichte tat.

Natürliche MängelThomas Pynchon Roman, Aus dem Englischen von Nikolaus Stingl, Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 2010, 478 S., 24,95

Bernhard Dotzler ist Professor für Medienwissenschaft in Regensburg

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11:45 06.10.2010

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