Ich versuche, die Masken wegzureißen

Im Gespräch Der uruguayische Schriftsteller Edu­ardo Galeano über die „Achse des Bösen“ in Lateinamerika, den kolonialen Reflex Europas und über sein neues Buch

Der Freitag: Was stört Sie am meisten, wenn Sie sich in Europa aufhalten?

Eduardo Galeano: Wenn man mir zum Beispiel in Spanien sagt, das Problem mit euch in Lateinamerika besteht darin, dass ihr neue Demokratien seid. Ich weise dann darauf hin, dass die Demokratie in Uruguay sehr viel älter als die Spaniens ist. Oder ich antworte, meine Großmutter war geschieden. Und Ihre? In Uruguay gibt es das Recht auf Scheidung seit 1908, in Spanien erst seit 1968.

Mit anderen Worten, der Wandel in Lateinamerika wird nicht richtig wahrgenommen.

In Venezuela und Bolivien geschah etwas Seltsames. Zwei demokratisch gewählte Präsidenten – Hugo Chávez und Evo Morales – stellten bei Referenden ihr Amt zur Disposition. Sie sagten: Da ist die Macht, ihr entscheidet, ob ich bleiben oder gehen soll. Beide gewannen. Morales haushoch mit 67 Prozent. Deshalb verweise ich in Spanien oder in Italien auf den Widerspruch zwischen dem, was die großen Medien in Westeuropa verkünden, und was die Realitäten in Lateinamerika sind. Und ich frage: Welcher europäische Präsident war das gleich, der sich auch per Volksentscheid bestätigen ließ? Helfen Sie mir bitte. Dann heißt es stets: Man könne sich nicht erinnern – ich ebenso wenig.

Es gibt andere Standards?

Ja, und das führt dazu, dass man sich in Europa gern über so genannte Risiken sorgt, die in Ländern wie Venezuela oder Bolivien von Populisten und Demagogen ausgehen. Aber es besteht kein Grund, alarmiert zu sein: Silvio Berlusconi hat absolut nichts zu sagen in Lateinamerika.

Früher kritisierten Sie oft den Hochmut und die Nabelschau europäischer Intellektueller. Wie sehen Sie heute Ihre Kollegen?

Das Schlimmste, was einigen europäischen, nordamerikanischen oder japanischen Intellektuellen widerfährt, ist der koloniale Reflex. Der führt dazu, dass ihre Auffassungen als geradezu unwiderlegbar daher kommen und den Eindruck erwecken, sie seien die alleinige Wahrheit.

Was meinen Sie damit? Solche Wahrheiten wie die vom Ende der Geschichte?

Das ist eine davon. Aber die währte nicht lange, denn bald musste man feststellen, dass die Geschichte jeden Tag neu geboren wird. Es gibt auch so etwas wie die fortwährende Verletzung des gesunden Menschenverstandes.

Und die besteht auch darin, dass manche politische Tragödie als Farce wiederkehrt?

Ja, aber in Lateinamerika wiederholt sich die Farce manchmal auch als Farce. Nehmen Sie das Beispiel Chile – für Europa heute eine exemplarische Demokratie, die nie in Frage gestellt wird. Stattdessen verfällt man darauf, Evo Morales und Hugo Chávez in Frage zu stellen. Aber Chile gilt als das perfekte Modell. Allerdings sind es dort viele junge Menschen leid, dass man sie belügt. Denn woran sollen sie in diesem Land glauben, wenn eine der wichtigsten Avenidas nach wie vor „11. September“ heißt. Das ist keine Würdigung der Opfer des Attentats auf die New Yorker Zwillingstürme, sondern eine Hommage an die Henker der Demokratie, die am 11. September 1973 in Chile Salvador Allende stürzten. Als man mich zum „Ersten Ehrenbürger des Mercosur“ ernannte, fragte ich die Chilenen in meiner Rede: Warum benennt ihr diese Avenida nicht nach Allende? Er war ein Symbol für die Würde: der Demokratie und des Wortes. Allende sagte am 11. September 1973, als mit dem Moneda-Palast sein Amtssitz bombardiert wurde: „Hier gehe ich nicht lebend raus.“ Und er hat Wort gehalten. Das ist ein große Hinterlassenschaft, damit die Jungen wieder an das glauben, was man Politik nennt.

Auf Ihrem Kontinent scheinen sich gerade einige geopolitische Erdplatten zu verschieben.

Ja, wir erleben eine sehr bewegte Zeit voller Veränderung, aber dazu will ich keine Meinung riskieren.

Wohin bewegt sich Bolivien in dieser bewegten Zeit?

Hin zur Wiederherstellung seiner nationalen Würde. Símon Bolívar arbeitete für dieses Land hingebungsvoll an einer Verfassung, nur hatte die einen entscheidenden Webfehler: Sie schloss 96 Prozent der Bevölkerung aus. Nur vier Prozent erhielten staatsbürgerliche Rechte. Der Bevölkerungsmehrheit den indigenen Gemeinschaften der Aymara und Quechua blieb das verwehrt, weil sie nicht spanisch lesen und schreiben konnten. Das heutige Bolivien versucht, Bolivien zu sein. Bis dahin war es stets ein Land, das an Rassismus krankte. Deshalb ist der Prozess, den Evo Morales vorantreibt, äußerst schwierig, weil dieses Land durch sein rassisches Erbe belastet bleibt.

Es gibt in Bolivien eine Opposition im Tiefland, die mit Hakenkreuz-Geländewagen herumfährt, ohne dass es darauf internationale Reaktionen gibt. Erstaunt Sie das nicht?

Es ist nun einmal so, dass im Grunde genommen die ganze Welt rassistisch ist. Jeden Tag, wenn ich die Zeitung aufschlage, finde ich die genaue Anzahl der toten Invasoren im Irak: Zuletzt 4.672. Die Zahl der toten Opfer der Invasion findet sich nie. Warum? Weil es in der Welt nicht nur Bürger erster, zweiter, dritter und vierter Klasse gibt, sondern auch Tote der ersten, zweiten, dritten und vierten Klasse. Und Iraker sind Tote vierter Klasse.

Castro, Chávez und Morales haben sich selbst zur „Achse des Bösen“ erklärt und sind dabei, ihre Beziehungen mit dem Iran auszubauen. Welche Gründe sehen Sie dafür?

Dass Hugo Chávez den Iran lobt, überzeugt mich kein bisschen. Wenn Chávez eine Frau wäre und im Iran lebte, würde er eine vollkommen andere Meinung vertreten. Andererseits wird Venezuela permanent mit Drohungen bombardiert und sucht Allianzen nach dem alten Prinzip, der Feind meines Feindes ist mein Freund.

Sie sagen, Sie wollen als Autor mit dem, was Sie schreiben, „das wunderbar Wirkliche im Herzen von Amerikas entsetzlich Wirklichem“ entdecken.

Ja, ich versuche, die Masken wegzureißen, damit wir die vielfältigen Gesichter unserer Wirklichkeit so sehen können, wie sie sind, in ihrem Schrecken und ihrer Schönheit. Wenn ich von Wirklichkeit rede, meine ich die vergangene und die gegenwärtige, die des Tages und die der Nacht, wenn wir schlafen, wenn wir Träume und Albträume haben. Es geht darum, die versteckte Wirklichkeit zurückzugewinnen. Ich bin der Überzeugung, dass die Gebieter der Welt einen großen Teil davon verborgen halten. Das führt dazu, dass wir nur ein winziges Bisschen von dem sehen, was wir sein können. Wir sind viel mehr als das, was man uns sagt. Und wir können viel mehr sein, als wir gemeinhin annehmen. Die Aufgabe, den irdischen Regenbogen zu enthüllen, der meines Erachtens viel strahlender ist als der himmlische, umfasst auch das Eindringen in die Welt der Träume, in das Universum der Mythen und Legenden, die Teil der Wirklichkeit sind. Denn die Mythen sind Werke kollektiver Poesie. Das ganze Universum der Einbildungskraft, aber auch die Art und Weise, wie Menschen singen, trinken und essen – all das ist Kultur.

Sie sind einer der großen Erzähler Lateinamerikas. In Ihrem neuen Buch „Spiegelungen“ gibt es nun aber viele Geschichten aus Afrika. Warum?

Weil wir die Geschichte Afrikas so gut wie gar nicht kennen! Dabei ist Lateinamerika sehr von Schwarzen geprägt. Millionen afrikanischer Sklaven wurden nach Nord- und Südamerika verfrachtet, was einen immensen Einfluss auf die Religion und die dortige Kultur hatte. Aber wir wissen nichts von Afrika. Mit meinem Buch versuche ich daher, diese bislang nicht erzählte Erinnerung Afrikas zu bergen.

Man hat bei „Spiegelungen“ den Eindruck, es drängt Sie, eine Universalgeschichte zu schreiben.

Das ist mir bereits mit der „Erinnerung an das Feuer“ so gegangen. Diese Trilogie begann als Geschichte Lateinamerikas, bis mir klar wurde, dass die Grenzen Amerikas sehr verschwommen waren. Um das Verhältnis zwischen Herrschern und Beherrschten, zwischen Nord und Süd zu verstehen, muss man erklären, dass beide Geschichten – diesseits und jenseits des Rio Grande – mehr oder weniger gemeinsam begannen und sehr verschieden endeten. In Nordamerika fanden die Puritaner fürchterlich trockenes Land vor, reines Gestein. Die Saat musste man geradezu mit der Pistole pflanzen. Es gab weder Gold noch Silber, noch gab es Massen von abgerichteten Ureinwohnern, wie dies beim Azteken-Imperium und den Inkas in Peru der Fall war. Die Indianer-Gemeinschaften in Nordamerika waren frei und unbändig und sehr schwierig zu versklaven. Daraus erwuchs das Glück Nordamerikas, das nichts produzierte, was England benötigte. Folglich war jede winzige Karibik-Insel, auf der man Zucker anbaute, wichtiger als die Vereinigten Staaten. Daher war dort die Unabhängigkeit von 1776 militärisch leicht zu erlangen. Lateinamerika hingegen hatte dieses Glück nicht: Bereits 1492 wird es dem Weltmarkt einverleibt. Als Kolumbus auf Kuba und in der heutigen Dominikanischen Republik das erste Zuckerrohr pflanzt, sind die Würfel bereits gefallen. Der Weltmarkt ist nicht, wie einige behaupten, durch die Globalisierung entstanden.

Sondern?

Der Weltmarkt entsteht mit der europäischen Renaissance, der kolonialen Expansion und der so genannten „Entdeckung Amerikas“ – er entsteht vor allem durch Gewalt. Knechtschaft ist von Anfang an Teil dieses Prozesses. Globalisierung hingegen bedeutet kulturelle Verblödung; sie macht uns alle zu Dummköpfen.

Das Gespräch führte Roland Brus


Zweiter Endecker Amerikas

Eduardo Hughes Galeano gilt als ein Autor Lateinamerikas, von dem viele sagen, er habe die Geschichte des Kontinents neu geschrieben – und zwar aus der Perspektive der Besiegten, der Namenlosen, der Verlierer. Für den in Berlin lebenden argentinischen Schriftsteller Osvaldo Bayer heißen die eigentlichen Entdecker Amerikas nicht Kolumbus und Vasco da Gama, sondern Alexander von Humboldt und Eduardo Galeano.

Weltweite Beachtung fand der 1940 in Montevideo geborene Galeano zu Beginn der siebziger Jahre mit seinem Buch Die offenen Adern Lateinamerikas, eine mitreißende Schilderung der Unterwerfung des Kontinents. Ende April schenkte Venezuelas Präsident Hugo Chávez auf dem Amerika-Gipfel Barack Obama ein Exemplar des Buches. Nach dieser Nachricht kletterte der Titel auf Platz 2 der Bestsellerliste von Amazon.com und war dort zeitweise vergriffen.

Die Diktatur in Uruguay trieb Galeano ins Exil nach Buenos Aires, wo er 1973 die legendäre Zeitschrift Crisis gründete. Nach deren Verbot durch die argentinische Militärjunta ging der Autor nach Spanien und kehrte 1985 nach Montevideo zurück. Galeanos Werk gehörte zum Kanon der aufständischen Bewegungen des Subkontinents. Als der Schriftsteller Ende 2008 in Argentinien den Ehrendoktor der Universität Nacional in Córdoba verliehen bekam, hatten sich mehr als tausend Menschen aller Generationen in einem überfüllten Auditorium eingefunden, um ihn zu hören.

Sein jüngstes Buch Fast eine Weltgeschichte. Spiegelungen schrieb Galeano, während er sich von seinem Lungenkrebs erholte. Es ist soeben im Peter Hammer Verlag erschienen.

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05:00 07.05.2009

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