Ich will nicht töten

Wehrdienstverweigerung Wer den Militärdienst aus Gewissensgründen ablehnt, riskiert Gefängnis. Nur wenige Israelis gehen soweit. Doch die Zahl derer, die sich der Armee entziehen, wächst

Der Busbahnhof von Tel Aviv sieht wie ein Bazar aus. Auf sechs Etagen drängeln sich Geschäfte mit Billig-Jeans neben Brot-Ständen, Obsthandlungen, Plattenläden, über allem machen sich die musikalischen Hits der Saison den Luftraum streitig, und dazwischen wuseln An- und Abreisende herum, viele Soldatinnen und Soldaten in Uniform mit und ohne Waffen. Die Armee bildet seit jeher eine der wichtigsten Säulen im israelischen Staatsgefüge, nicht zuletzt, weil sie als Schmelztiegel für Neueinwanderer gilt: Sie werden als Äthiopier, Marokkaner, Russen gemustert und als Israelis aus dem Dienst entlassen. So jedenfalls sagt es der Mythos. In der Realität kann natürlich auch die Armee nicht die sozialen, politischen und religiösen Konflikte glätten, die im Land brodeln.

Am Fahrkartenschalter wartet Avi Menkes - er flirtet mühelos mit drei Mädchen gleichzeitig, lacht, möchte das Gespräch am Meer führen, springt in den Bus und etliche Stationen vor dem Strand wieder heraus, weil er sich dann doch lieber für den Garten des Habima-Theaters im Zentrum der Stadt entschlossen hat. Avi spricht eigentlich nicht gern über sich, aber vor einigen Tagen hat er gehört, dass westeuropäische Zeitungen Israel und die Juden in Bausch und Bogen für ihre Haltung gegenüber den arabischen Nachbarn verurteilt hätten, und nun möchte er anhand seines Falles zeigen, dass nicht alle Israelis die Besatzungspolitik ihrer Regierung mittragen, nicht alle die Araber hassen, nicht alle auf die Macht der Waffen vertrauen.

In der Tat gibt es viel Kritik innerhalb dieses hochgerüsteten Landes, ganz selten aber junge Männer, die so weit gehen, den dreijährigen Wehrdienst zu verweigern. Der Grund ist einfach: Verweigerung ist nicht vorgesehen und wird mit Gefängnis bestraft. Das entsprechende Gesetz behält es dem Verteidigungsminister vor, im Einzelfall pazifistische Motive für die Befreiung vom Wehrdienst gelten zu lassen. Das allerdings kommt so gut wie nie vor. Und die staatliche Kommission, vor der sich die Kriegsgegner rechtfertigen müssen, hat bisher noch immer die Anerkennung verweigert. Nach Informationen der Vereinigung von Kriegsdienstverweigerern aus Gewissensgründen waren es seit Ausbruch der neuen Intifada vor acht Monaten einige Dutzend Wehrpflichtige, die sich lieber in Haft nehmen ließen, als Dienst an der Waffe zu tun. Sie bilden sozusagen die Spitze des stillen Protests.

Der Mythos des Militärs bröckelt

Unbekannt ist die Zahl derjenigen, die es über den einfacheren Weg der Wehruntauglichkeit versuchen. "Profil 21" heißt die Zauberformel, mit der die Armee jene bezeichnet, die aus gesundheitlichen oder sozialen Gründen ausgemustert werden. Dieser Tauglichkeitsgrad genießt allerdings einen zweifelhaften Ruf, denn nach wie vor hält sich das Gerücht, Männer mit dem "Profil 21" hätten einen kleinen oder größeren "Dachschaden".

Der Mythos von der segensreichen Wirkung des Militärs ist stark, und die Lehrpläne an den Schulen versuchen, ihn am Leben zu erhalten. Nicht gedient zu haben, gilt vermutlich den allermeisten Israelis der mittleren und älteren Generation immer noch als etwas Ehrenrühriges. Unter den Schulabgängern von heute dagegen scheinen sich die Werte langsam zu verschieben. Pazifistische Organisationen versuchen zudem, die Angst zu zerstreuen, dass "Profil 21" Nachteile im Beruf oder beim Abschluss von Versicherungen bringen würde. "In manchen Fällen soll es den Erwerb des Führerscheins verhindert haben, aber das ließ sich bisher noch immer mit einem einfachen psychiatrischen Gegengutachten aus der Welt schaffen", sagt Ruth Hiller, eine Vertreterin der Organisation "Neues Profil", die sich eine Zivilisierung der israelischen Gesellschaft zum Ziel gesetzt hat.

"Pazifismus in diesem Land heißt nicht die Forderung nach vollständigem Verzicht auf Waffen. Was Israel braucht, ist eine kleine, schlagkräftige, gutbezahlte Berufsarmee. Der jetzige Zustand kostet viel zu viel Geld, das dringend für soziale Zwecke benötigt wird und ist außerdem ungerecht." Wehrgerechtigkeit gäbe es ohnehin nicht mehr. Für Mädchen sei es zum Beispiel ungleich leichter, vom Dienst befreit zu werden, als für Jungen. Die palästinensischen Israelis, die immerhin 17 Prozent der Gesamtbevölkerung ausmachen, sind ohnehin vom Wehrdienst ausgenommen, dasselbe gilt für verheiratete Frauen, für Mütter und für die wachsende Zahl der sogenannten Ultraorthodoxen, die sich dem Studium der Bibel verschrieben haben. Eine kleine Gruppe beruft sich gar darauf, dass nach der Heiligen Schrift ein jüdischer Staat vor Erscheinen des Messias überhaupt nicht geplant und somit für sie ohne jegliche Bedeutung sei. Dass sie dennoch finanzielle Unterstützungen des Staates akzeptieren, sich aber an keinerlei staatsbürgerliche Pflichten halten, erbittert den Rest der Israelis zunehmend.

Ruths SohnYinon hat den Dienst an der Waffe unter ausdrücklichem Verweis auf seine pazifistischen Überzeugungen verweigert, was jahrelange Korrespondenzen, Vorladungen und peinliche Befragungen - ohne Rechtsbeistand - nach sich zog . "Ich wagte kaum, irgend jemandem anzuvertrauen, dass mein Sohn so etwas Ungeheuerliches wie Wehrdienstverweigerung im Sinn hatte", erinnert sich Ruth. "Vor drei, vier Jahren war das noch ein absolutes Tabu! Schließlich erzählte ich es einer Freundin. Gemeinsam überlegten wir, wie man ihn unterstützen könnte, und gründeten schließlich das "Neue Profil". Bei näherer Beschäftigung mit der Bedeutung des Militärs für diesen Staat und seine demokratischen Strukturen wurde klar, wie groß das Ausmaß von heimlicher und verdeckter Verweigerung in Israel mittlerweile ist. Schließlich fanden wir auch interessierte Anwälte und beraten jetzt junge Leute, die verweigern wollen."

Seiner Verhaftung kam Yinon mit einer Klage gegen den Verteidigungsminister zuvor. Daraufhin versuchte das Militär, ihm goldene Brücken zu bauen, bot ihm das "Profil 21" an, schließlich Arbeit in einem Krankenhaus ohne Grundausbildung, ohne Uniform, ohne Gewehr - aber Yinon weigert sich weiterhin, dies im Rahmen des Wehrdienstes zu akzeptieren. Er bleibt bei seinem Angebot, drei Jahre lang sozialen Dienst auf vollkommen ziviler Basis zu leisten. Das Gericht hat Ministerium und Armee beauftragt, innerhalb von 45 Tagen zu erklären, warum sie Yinon Hillers Antrag auf Befreiung vom Militärdienst unter diesen Umständen nicht annehmen. Diese Frist läuft demnächst ab, und noch ist völlig offen, wie die Behörden reagieren werden.

Stur gestellt und ausgemustert

Avi Menkes musste die gesamte Prozedur über sich ergehen lassen, als er am Tag seiner Einberufung vor dem Kasernentor stehen blieb und sich weigerte, einen Schritt weiterzugehen. "Mann, die waren geschockt!" erzählt er, "ich habe den geordneten Ablauf der Dinge völlig durcheinander gebracht!" Was folgte, waren zwei Wochen Gefängnis. "Ein fürchterlicher Ort! Nicht so schlimm wie im Kino aber immer noch furchtbar genug. Zum ersten Mal habe ich gefühlt, wie es ist, wenn man seine Freiheit verliert. Danach musste ich anderthalb Monate lang jeden Tag in die Kaserne kommen, in einen Bereich, wo alle möglichen "Sonderlinge" versammelt werden: Bibelforscher und Leute, die es nicht ertragen, Befehle entgegenzunehmen und solche, die sich vor Nadeln fürchten. Der Chef war sehr nett, er hat meine Verweigerungsgründe verstanden und wusste nicht so recht, was er mit mir anfangen sollte. Schließlich kam von der obersten Leitung die Anweisung: Entweder sofortiger Dienst oder wieder ins Gefängnis."

Avi blieb eisern. Als er nach weiteren zwei Wochen frei kam, drohten sich dieselben Vorgänge zu wiederholen. Das sei das Schwierigste, berichten auch andere Wehrdienstverweigerer: Diese Ungewissheit, ob du morgen wieder in Haft landest oder freikommst. Normalerweise gebe das Militär irgendwann nach. So auch bei Avi. Er bekam schließlich bescheinigt, als Soldat "ungeeignet" zu sein. Die Armee dreht den Spieß damit um und trennt sich ihrerseits von dem missliebigen Außenseiter.

Israels derzeit prominentester Wehrdienstverweigerer ist Gabriel Wolff. Er hat schon bei seiner Musterung vor zwei Jahren mitgeteilt, dass er nicht in den besetzten Gebieten dienen werde. Später erweiterte er seine Weigerung auf jeglichen Militärdienst. Seine Gewissensentscheidung begründete er politisch: Der Staat Israel sei auf Werten aufgebaut, die den seinen zum Teil widersprächen. Dazu gehörten die fehlende Trennung von Staat und Religion und ein Rassismus, der neben anderen Faktoren dazu geführt habe, dass Israel Gebiete besetze und der dortigen Bevölkerung ihre Grundrechte vorenthalte. Damit bekennt sich Gabriel zu einer Haltung, die sich - außer bei den palästinensischen Israelis - vor allem unter den westlich geprägten Bürgern des Landes findet. Wenn es auch die unterschiedlichsten Vorstellungen über das Ausmaß der Kompromissbereitschaft gegenüber den Palästinensern gibt - in ihrer Ablehnung der Siedlerpolitik stehen sie sich sehr nah.

Deshalb war das Medienecho auf Gabriels Inhaftierung im In- und Ausland relativ groß. Eine Flut von Solidaritätsbriefen sorgte dafür, dass die verschärften Haftbedingungen, unter denen er zunächst leben musste, aufgehoben wurden. Dennoch wurde der junge Musiker, der - wenn alles vorbei ist - Bratsche studieren will, nach vorübergehender Freilassung jetzt erneut zu 28 Tagen Gefängnis verurteilt.

Und Avi? Er wird ein Jahr Sozialarbeit mit autistischen Kindern leisten. Und dann reisen, wie es die meisten Soldaten nach ihrer Dienstzeit tun. Und dann? Logistik studieren und seine Kenntnisse Menschenrechtsorganisationen zur Verfügung stellen. Oder vielleicht lieber Ministerpräsident werden. Oder Dichter. Er strahlt übers ganze Gesicht, springt auf, winkt kurz zurück und erwischt gerade noch den vorbeifahrenden Bus.

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

00:00 01.06.2001

Ausgabe 42/2021

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Kommentare