Im Bilderpool

Ausstellung Im Fridericianum in Kassel ringt eine junge Generation von Künstlern mit den widerborstigen Materialien des Netzzeitalters
Moritz Scheper | Ausgabe 42/2013

Speculations on Anonymous Materials hat Susanne Pfeffer ihre Antrittsausstellung im Kasseler Fridericianum genannt. Mit Werken von über 20, zumeist sehr jungen Künstlerinnen und Künstlern setzt die neue Direktorin eine erste Duftmarke in der Grandezza dieses altehrwürdigen Museums. Pfeffer war zuvor fünf Jahre Chefkuratorin der KW Kunstwerke in Berlin, eines experimentierfreudigen Hauses also, das zu den wichtigsten Adressen für Gegenwartskunst in der Hauptstadt zählt.

Worauf Pfeffers Spekulationen zielen, bleibt zunächst unscharf. Der New Yorker Josh Kline zeigt mit dem Video Liquid Assets eine Verfremdung der für Wasserwerbung typischen animierten Sprudelszenarios in Slow Motion, das hier zu einem widernatürlichen, orgiastischen Nass überdreht wird. Im Nebenraum zeigt Daniel Keller, Jahrgang 1986, eine minimalistische Installation aus Rohren und wasserabweisenden Spiegelglasplatten, auf denen Logo und Leitfaden des Seasteading Institute abgebildet sind. Besagtes Institut plant autonome Gemeinschaften auf schwimmenden Plattformen in internationalen Gewässern, die von eben solchen Rohren getragen werden sollen, wie sie Keller verwendet. Diese Reduktion einer radikalmarktliberalen Geschäftsidee auf ihre materielle Basis führt die auf Wasser gebaute Suche nach immer neuen hyperliberalen Markplätzen besser vor, als jedes Argument es könnte.

Allerdings droht Daniel Kellers Arbeit unterzugehen neben der wuchtigen Installation Axe Effect von Timur Si-Qin. Der junge Berliner hat den martialischen Namen der bekannten Kosmetikmarke ernst genommen: Samuraischwerter, jeweils mit drei aufgespießten Duschgeltuben, verstellen auf Stativen liegend den Raum. Von den Stativen tropft das Gel und ergießt sich in eine fluoreszierende, ölig-bunte Masse, die einen süßlichen Geruch verströmt. Si-Qins Spiel mit Fragmenten der testosterongeschwängerten Markenidentität im Zusammenhang mit einem unverstellten sensuellen Zugang auf das ausblutende Produkt schafft eine wirklich starke Metapher. Nicht nur wird hier eine omnipräsente Werbeerzählung buchstäblich niedergestochen, Axe Effect birgt darüber hinaus ästhetische Tiefe – und dank seiner irisierenden Pfütze auch ein sattes Pfund Schönheit.

Postsowjetismus und WWW

Was aber verbindet diese Werke? Natürlich, die geladenen Künstler reagieren alle auf generierte Bilder. Aber hat nicht bereits die historische Moderne verstanden, dass Kunst nicht nur Bilder produzieren, sondern auch zurückwerfen muss? Findet sich die künstlerische Aneignung von anonymen Materialien denn nicht schon bei Kurt Schwitters, der Werbeanzeigen und Zeitungsschnipsel in seine sogenannten Merzbilder integrierte?

Die fotografischen Werke von Michele Abeles im zweiten Stock sind mit der Schichttechnik und den harten Schnitten sogar durchaus vergleichbar mit Schwitters’ Collagen. Andererseits tragen sie Titel wie Silk robes making motherboard in Oceania und saugen ihr Material aus dem unendlichen Bilderpool virtueller Welten. Dennoch legen Abeles deutliche Referenzen an die künstlerischen Techniken der analogen Medienepoche den Verdacht nahe, dass die zeitgenössischen Künstler sich mit demselben Problem der Bilderfluten konfrontiert sehen wie die Moderne.

Der nächste Raum, bespielt von Jon Rafman, Avery Singer und Aleksandra Domanović, bringt endlich Klarheit. In ihrem Film From Yu to Me spürt Domanović, die 1981 in Novi Sad geboren ist, der Domain .yu für Jugoslawien nach und fängt ganz nebenbei die Energie der Pionierjahre des Internets in den Endzeiten Jugoslawiens ein. Gemeinsam mit der Skulpturenserie The future was at her fingertips adressiert sie die unterschätzte Rolle von Frauen innerhalb des digitalen Narrativs, das bei ihr interessanterweise mit Postsowjetismus in eins fällt.

Daneben flimmert bunt und zugänglich Jon Rafmans Film Codes of Honor, die melancholische Rückschau eines Videospielers. Behutsam, mit Material aus Second-Life, Videospielen und dokumentarischen Aufnahmen aus Videospielhallen, wird dem adoleszenten Idyll an der Grenze zwischen dem Virtuellen und Realen nachgehangen. Dem Kanadier gelingt dabei das Kunststück, die Stimmung seines Erzählers auf die Besucher durchzudrücken und dabei das zärtliche Porträt einer Community zu zeichnen, die ansonsten über Realitätsflucht und Ego-Shooter negativ besetzt ist.

Postsowjetismus, Virtualität, WWW – anhand dieser Koordinaten zeigt Susanne Pfeffer die zweite Mediengeneration im Ringen mit den widerborstigen Medienmaterialien. Die Verfahren der Aneignung haben sich zwar kaum verändert, die Welt sowie die technischen Möglichkeiten jedoch schon: In einer doppelten Zeitenwende hat sich zeitgleich mit dem Kollaps des Sowjetblocks ein digitales Netz um den Planeten gezogen, welches die Anzahl an generierten Bildern noch potenziert hat.

Dass Susanne Pfeffer dafür fast nur Künstlerinnen und Künstler aus den Achtziger-Jahrgängen ausgewählt hat, ist so mutig wie folgerichtig, läuft diese Generation doch unter dem Label Digital Natives. Auch wenn längst nicht jeder Beitrag die Kraft hätte, außerhalb des Kontextes einer solchen Übersichtsausstellung zu bestehen.

Speculations on Anonymous Materials Fridericianum Kassel, bis 26. Januar 2014

06:00 22.10.2013

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