Im Endeffekt

Der Kampf um Berlin Was mit Sicherheit endlich gesagt werden musste

Natürlich ist der Terror Thema. Und wo er es nicht ist, wird innere Sicherheit daraus. Seitdem angeblich nichts mehr sein wird, wie es war - New York und Hamburg, wie Sie wissen - hat die Propaganda Konjunktur. In Sachen Sicherheit. Der Trauerbonus ist verraucht, die Betroffenheitswelle flaut ab, die Bandagen werden wieder fester geschnürt, und ohnehin ist Subtilität nicht die Forderung der Stunde im Monat des Wahlkampfs. Wahlkampf, eigentlich ein Widerspruch in sich. "Wahl" kommt von "Wollen", "Kampf" kommt von "Schlachtfeld", womit das Aggressionspotential dieser Form der Politik auf der Hand liegt. "Schlachtwollen" hieße der Neologismus, der die Berlin-Politik unter dem Euphemismus "Wahlkampf" derzeit prägt. Sie müssen das zusammengesetzte Substantiv nur andersrum zusammensetzen, um zu wissen, wie es läuft. Der Wählende wird vom zu Wählenden solang umkämpft, bis sich Wahl auf Qual endlich reimt, und die Stimmabgabe als erlösendes Moment erscheint. Man macht sein Kreuz beim größten Quälgeist, damit man seine Ruhe hat.

Auf diesen Faktor scheint die Berliner NPD zu setzen. "Deine Rache!" lautet einer ihrer unverwechselbaren Slogans, denen man sich schwer verschließen kann. Darüber hinaus versucht die Partei ihr homophiles Image abzustreifen. Siehe unten stehendes Plakat. Auch dass Berlin deutsch bleibe, lässt sich neben anderen Tautologien im Stadtbild entziffern, falls man einen steifen Hals riskiert, denn die NPD-Plakate hängen am Laternenpfahl weit oben. Weshalb, lässt sich von schwarzgekleideten Patrouillen erfahren, die in Schäferhundbegleitung die plakatierten Abschnitte vor Terroranschlägen und urbanem Vandalismus bewahren.

Überhaupt, das Plakat. Anachronistische Komponente im Äon der medialen Verstrickung. Berlins Republikaner setzen auf die bewährten Mittel des Siebdrucks in vier Farben, und lassen vom Schaukasten ihrer Bundesvertretung in Pankow (eine Adresse, die sie zur Imagepflege mit der libanesischen Botschaft teilen) ein blondes Comicbusenwunder werben. Siehe unten stehendes Plakat. Dass es gut ist, dass mein Mann Republikaner ist, soll unbestritten bleiben, fragt sich nur: Warum? Welche dominant männlichen Qualitäten zeichnen den Republikaner als solchen nun aus?

Auf die Wahlparolen umgelegt, entsteht zur Beantwortung dieser Frage folgendes sexualpathologisches Bild. "Wählt die Versager ab!" verlangt www.rep.de - durchaus vernünftig, das wollen schließlich alle. Nun werden es aber aller Wahrscheinlichkeit nach die Republikaner selber sein, die nicht nur abgewählt, sondern womöglich gar nicht gewählt werden. Soll das nun als "Mein Mann ist Versager, und das ist gut so!" ausgelegt werden? Und wenn ja, warum? Und warum ist es gut, dass er dann abgewählt wird, vor allem, wo er ja gar nicht abgewählt werden kann, weil er nicht dran ist!? Verzwickt, Sie merken es. Hier ist gewissermaßen die Negation der Negation im Spiel, wenn nun "Mein Mann ist Republikaner, weil er als Versager nicht abgewählt werden kann!" im Sinnzusammenhang entsteht. Erstaunlich, wie die bislang als relativ rechtslastig angesehenen Parteien, das weitgehend vernachlässigte tiefenpsychologische Potential der lieben Berlinerinnen und Berliner zu mobilisieren verstehen. Die Stadt, ein Fall für Psychoanalyse. Dass das alles unbedingt mit Sicherheit, der inneren, zu tun hat, bedarf wohl keiner weiteren Erklärung.

Auch die großen und etwas größeren Parteien nehmen sich selbstredend dieser entscheidenden Frage an. Zunächst die launigen Liberalen; sie setzen auf dieselbe Karte, den Geschlechts- oder sogenannten Gender-Faktor. "Statt Misswirtschaft" heißt es da "Mister Wirtschaft". Illustriert vom beide Hände vorzeigenden Spitzenkandidaten Rexrodt. Ob er damit auf eine länger zurückliegende Geschlechtsumwandlung hinweisen will, sei hier dahingestellt. Offenheit ist aller Tugend Anfang, das hat Klaus Wowereit (männlich, SPD) bereits vor Monaten klargestellt. Ob ihm gerade das von FDP-Anhängern geneidet wird, muss offen bleiben. Auffällig ist, dass ausgerechnet die Plakate, auf denen der Regierende Bürgermeister betont körperlich seine Toleranzfähigkeit anpreist, kritisch übermalt sind. "Berlin hat seinen eigenen Rhythmus und er hat das richtige Taktgefühl!" - "... und fickt immer im Gewühl ..." ist da beispielsweise zu lesen. Wie es aussieht, hat die Stadt ein Libidoproblem.

Dem kann auch Kandidat Steffel (männlich, CDU) nichts entgegensetzen. Was er auch tut, er driftet stets ins Profanpolitische ab. Die "besonderen und bewegten Tage seit dem 11. September" (PDS-Vokabular) legen es nahe. Da ist Steffels Pennäler-Babyface mit den bösen Worten "bin Teppichladen" untertitelt, was die Sache wieder auf den Punkt, den wunden Punkt bringt. Den "Teppichhändler" hält der Mittelständler für diffamierend, seit dem 11. September besonders, da so die Verwicklung des konservativen Kandidaten mit den islamischen Terroristen nahegelegt würde, was so natürlich nicht stimme usf.

Der etymologische Abgrund des deutschen Worts "Laden" scheint selbst die höheren Regionen der Bundespolitik verführerisch anzuziehen. Dort hat es nun ausgerechnet den politisch Korrektesten, den Minister für die sogenannten auswärtigen Angelegenheiten erwischt. Ein Nebensatz im taz-Interview, aber vielleicht der entscheidende, der die Kriegskredite aufs Spiel setzen kann. "Gerade jetzt, in diesen schwierigen Zeiten, merke ich, wie sehr ich an unserem gemeinsamen Laden hänge, vor allem emotional." Unser gemeinsamer Laden. Man darf sich fragen, wie er sich da wieder rausreden will, unser Minister. Die nächsten Rücktrittsforderungen werden es zeigen. Das hat natürlich nur bedingt mit der Schlacht um Berlin zu tun, aber angesichts der tiefgreifenden Verwirrung, die der Phallusfehlgriff der amtierenden Kultursenatorin Goehler (weiblich, rotgrün) hervorgerufen hat, bedenklich. Nicht ungefährlich. Mutig.

Gregor Gysi (männlich, PDS) bemüht im Kampf um die Hauptstadt ebenfalls den Wortschatz der Trivialpsychologie. Die große Rede im September ist dementsprechend nicht ganz die große Rede geworden. Dafür macht sie Gysis Eignung für ein anderes Amt deutlich. Zur Zeit hat dieses Amt ein anderer inne, ein Westfale namens Rau. An Bundespräsident Gysi in spe soll man sich dereinst noch erinnern, in drei Jahren wird wieder ein Staatsoberhaupt gewählt. Bis dahin muss man sich außerhalb Berlins an den Bürgermeister in spe erinnern, der am 17. September von der Kanzel der Nikolaikirche seinen Hörern zurief: "Berlinerinnen und Berliner, schaut auf diese Welt! Schaut auf eure Nachbarschaft! Öffnet eure Arme, Schwestern, eure Blicke, Brüder, euren Verstand, Unmündige, und eure Seelen, Wähler!"

Sonst war auch vom Sozialismus die Rede, tatsächlich: "Die PDS hat zu einem humanistischen Sozialismus zurückgefunden." Zurückgefunden. Wenn man´s genau nimmt, war sie noch nie da, und wenn man´s noch genauer nimmt, will sie da auch gar nicht hin. Humanismus, gut, doch Sozialismus? Was war das noch mal? Die Sache mit dem abzuschaffenden Privateigentum an Produktionsmitteln. Chancengleichheit, die nur ein Privileg kennen sollte, das Talent. Eine Gesellschaft, die sich über die Grundlagen Gleichheit Solidarität Gerechtigkeit definiert. Ein erschreckend weites Feld, das hier auszuschreiten nicht ist. Nur soviel ist klar: Sozialismus hat´s noch nicht gegeben.

Über Worte darf man Taten nicht vergessen, sagt der Volksmund, vielleicht hilft ein Blick darauf weiter. Der selbst ernannte Gute-Laune-Senat konsolidiert sich mit lüsterner Billigung der PDS-Abgeordneten; sie sparen mit eiserner, aber doch gebundener Hand; sie sind kulturell anspruchsvoll; die Kandidaten machen ihre Ochsentouren, wie sie es nennen, durch die Betriebe und sozialen Schwachstellen der Stadt; sie wollen den Großflughafen, mal ganz groß, mal nur groß; sie werden die Bankgesellschaft zerschlagen, verkaufen, vielleicht, vielleicht nicht ... Im Endeffekt, wie der Volksmund gerne sagt, im Endeffekt geht es doch nur um Systemkonsolidierung. Marktwirtschaft steht oben dran, gelegentlich Soziale.

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00:00 05.10.2001

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