Im Kino

Berliner Abende Manchmal stelle ich mir vor, wie es ist, in einem Kino zu schlafen. Ich meine damit nicht, während eines Films einzuschlafen und, wenn der Abspann ...

Manchmal stelle ich mir vor, wie es ist, in einem Kino zu schlafen. Ich meine damit nicht, während eines Films einzuschlafen und, wenn der Abspann läuft, vom Sitznachbarn geweckt zu werden. Ich stelle mir vor, eine ganze Nacht in einem Kinosaal zu schlafen, während über die Leinwand Filme flimmern. Wahrscheinlich schläft man und träumt, und wenn man aufwacht, hat man das Gefühl, immer noch zu schlafen und zu träumen, und man braucht sehr lange, um zu begreifen, dass man längst wach ist und sich in einem Kino und in seinem eigenen Leben befindet.

Ich gehe ungefähr einmal pro Woche ins Kino. Manchmal gehe ich auch an zwei Tagen hintereinander oder einige Wochen lang gar nicht, weil ich verreist bin oder kein Geld habe. Aber im Schnitt komme ich auf 52 Kinobesuche im Jahr, das ergibt in den zwölf Jahren, die ich in Berlin lebe, 624 Filme. Bei einer Länge von durchschnittlich neunzig Minuten habe ich also bisher 936 Stunden meines Lebens in Berliner Kinos verbracht. Und den größten Teil dieser Zeit im Filmtheater am Friedrichshain. Das liegt zum Teil daran, dass es sich in der Nähe meiner Wohnung befindet, vor allem aber gibt es dort jeden Montag um 23 Uhr eine Sneak Preview. Ich mag es, wenn sich der Vorhang öffnet, das Licht ausgeht und ich keine Ahnung habe, was mich erwartet. Der Sneak Preview habe ich einige ungewöhnliche cineastische Erlebnisse zu verdanken. Ich habe dort eine Reihe Filme gesehen, die ich mir sonst nie angeschaut hätte.

An einen Film kann ich mich besonders gut erinnern. Ich war mit Christoph verabredet. Christoph hatte Liebeskummer, und ich hatte ihn überredet mit in die Sneak zu gehen, damit er auf andere Gedanken kam. Wir hatten keine Ahnung, was wir sahen, auch nicht als der Titel auf der Leinwand erschien. Es war ein amerikanischer Film, und es ging um Teenager, die ein Video ansahen und kurz darauf nicht mehr lebten. Als wir begriffen, dass es ein Horrorfilm war, war es zu spät. Der Film hatte einen so hinterhältigen Plot, dass er einen mit flachem Atem in den Sitz presste und es einem unmöglich machte, aufzustehen und den Kinosaal zu verlassen. Es war mein erster Horrorfilm im Kino. Christoph ging es ebenso. Naomi Watts, die Hauptdarstellerin, kämpfte verzweifelt gegen den Fluch des Videos, denn jeder, der es gesehen hatte, erhielt kurz danach einen Anruf mit der Ankündigung, dass er noch sieben Tage zu leben habe. Wir hatten das Video auch gesehen. Der Film hatte ein offenes Ende: Naomi Watts lebte nach Ablauf der sieben Tage immer noch, aber das Böse war nicht gänzlich besiegt. Christoph und ich traten aus dem Kino in die Berliner Nacht.

"Ich kann jetzt unmöglich nach Hause gehen", sagte Christoph. Das konnte ich auch nicht. Wir gingen ins "Unendlich", wo wir, wie sich herausstellte, nicht die einzigen Kinobesucher waren, und die meisten waren, wie wir, keine professionellen Horrorfilmgucker. Es dauerte nicht lange, bis wir alle um einen großen Tisch saßen und uns gegenseitig zu beruhigen versuchten, was mit fortschreitendem Alkoholkonsum immer weniger klappte. Als der Wirt uns um kurz nach drei rausschmiss, waren wir fest davon überzeugt, nur noch sieben Tage zu leben. Unter unseren Schicksalsgefährten war eine Frau, die Corinna hieß und Christoph schon den ganzen Abend über angesehen hatte.

"Normalerweise mache ich so etwas nicht", sagte sie, "aber ich habe einfach keine Zeit mehr zu verlieren." Sie nahm Christophs Gesicht zwischen ihre Hände und küsste ihn.

Christoph sah sie aus todgeweihten, betrunkenen Augen an. "Eigentlich habe ich ja Liebeskummer", sagte er langsam, "doch darauf kann ich jetzt keine Rücksicht nehmen."

Dann nahm er sie in die Arme und beide brachen in Tränen aus.

Nach dieser Nacht hatte Christoph keinen Liebeskummer mehr. Er hatte noch eine Woche lang Angst, zu sterben, aber er starb nicht. Keiner von uns starb. Wir trafen uns eine Woche später im Filmtheater am Friedrichshain wieder.

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