Im Netz weiß man mehr

Demokratische Folklore oder Strukturwandel In der Debatte um Bushs Kandidaten für den Supreme Court zeigt sich, dass amerikanische Blogger eine Gegenöffentlichkeit mit erheblichem politischen Einfluss geschaffen haben

Das Urteil der amerikanischen Presse ist einstimmig: John G. Roberts, telegener Familienvater und Präsident Bushs konservativer Kandidat für den vakanten Sitz im Supreme Court, macht einen politisch moderaten und qualifizierten Eindruck. Doch die freundliche Gesinnung, die in den Printmedien und den Nachrichtensendungen von CNN, NBC oder CBS gleichermaßen von demokratischen und republikanischen Politikern zur Schau gestellt wird, trügt. Die Mainstream-Medien bemühen sich tapfer, die heiß erwartete Kampagne um den Sitz im Verfassungsgericht nicht zu einer neuen Episode der notorischen culture wars werden zu lassen, die die amerikanische Öffentlichkeit mehr und mehr zermürben. Aber wo sich Fernsehen und Printmedien mit ideologischen Urteilen zurückhalten, kommt ein Medium ins Spiel, das verstärkt auf Stimmungsmache setzt: die politischen Weblogs.

In kaum einer anderen Kultur werden neue technologische und mediale Entwicklungen so vorbehaltlos begrüßt wie in Amerika. Als Bill Clinton vor elf Jahren mit Stephen Breyer den letzten Verfassungsrichter ernannte, waren Yahoo, Ebay und Google noch keine milliardenschweren Börsenunternehmen und von Internetblogging hatte noch niemand etwas gehört. Als Richterin Sandra Day O´Connor sich Anfang Juli von ihrer Arbeit im Supreme Court zurückzog, schaute man daher mit Ehrfurcht auf die strukturell gewandelte Öffentlichkeit von 24-Stunden-Nachrichtenfernsehen, E-Mail-Kampagnen und Blogger-Politik.

Die amerikanische Suchmaschine Technorati registriert heute 13,8 Millionen Weblogs, jene Internettagebücher mit größtenteils politischen Themenfeldern. Durchschnittlich zehn Prozent der Blog-Autoren verbringen regelmäßig einen erheblichen Teil ihrer Freizeit vor dem Computer, lesen die Internetauftritte der Printmedien und andere Blogs, verlinken ihre eigenen Webseiten mit denen ihrer Blogging-Kollegen und lassen diese - oft gleich mehrmals am Tag - schriftlich an ihren Gedanken teilhaben.

Die überraschende Macht der Internetöffentlichkeit lernten die Mainstream-Medien zum ersten Mal während der Präsidentschaftswahl kennen, als der legendäre CBS-Anchormann Dan Rather, der unter anderem bei der Aufdeckung des Watergate-Skandals der Nixon-Regierung journalistische Verdienste gesammelt hatte, diskreditierende Papiere über den Armeedienst von George Bush präsentierte. Der Blog littlgreenfootballs.com stutzte über die modernen Schrifttypen der historischen Dokumente und generierte eine Diskussion über ihre Echtheit, die sich in der Blogosphäre wie ein Virus ausbreitete. Nach dem Hinzuziehen mehrerer Schrift-Experten stellten sie sich als gefälscht heraus. Bush war rehabilitiert, und Dan Rather zog sich aus dem Nachrichtendienst zurück.

Seitdem erobern die Weblogs immer stärker das Terrain des seriösen Journalismus. Anfang diesen Jahres erhielten einige politisch opportune Blogger Zugang zu den Pressekonferenzen im Weißen Hauses. Republikaner wie Demokraten nutzen die Web-Community zum Austesten ihrer politischen Slogans und scannen das Internet nach ansprechenden populistischen Ideen. Der politische Einfluss der Blogger ist inzwischen derart gewachsen, dass CNN in der Sendeeinheit Inside the Blogs beinahe täglich über die Diskussionen in der Blogosphäre berichtet.

Eine der Grundlagen für den Erfolg des Mediums ist seine Illusion der sofortigen Informationsweiterleitung, die in dieser Form nicht einmal vom Fernsehen gewährleistet werden kann. Schon Minuten nach seiner Ernennung waren detaillierte biographische Recherchen über John G. Roberts zu lesen. Von den Republikanern finanzierte Internetseiten, die schon Wochen vorher Domänen mit seinem Namen aufgekauft hatten, übten sich in hochtrabender Lobhudelei. Eine Washingtoner Anwaltsvereinigung, die den Blog sctnomination.com unterhält, stellte ein umfangreiches Dossier ins Netz, das die bisherigen juristischen Entscheidungen des Kandidaten auswertete.

Ann Coulter, die es mit Model-Looks und ultra-konservativen Internetkolumnen zu Celebrity-Status und mehreren Buchverträgen gebracht hat, vollführte ein paar Tage später das Kunststück, gleichzeitig den Verfassungsgericht-Kandidaten und die Demokraten zu attackieren. Roberts, so Coulter, solle sich bei all seiner Moderatheit doch lieber bei den Miss-America-Wahlen versuchen. Aber nicht einmal damit wären die Liberalen zufrieden, würden sie einem Richter doch erst zustimmen, wenn dieser bei seinen Anhörungen live eine Abtreibung vornähme. Emily Bazelon von der liberalen Internetseite slate.com hingegen ging gegen die karrieristisch motivierte Unterstützung von Menschenrechtsverletzungen durch den Kandidaten an. Habe er doch nur zwei Wochen vor seiner Ernennung gegen die Einhaltung der Genfer Konventionen bei einem Guantanamo-Häftling gestimmt, dessen Fall vor seiner bisherigen Arbeitsstelle, dem Berufungsgerichtshof in Washington, verhandelt worden war. Die wirklich bezaubernde Arianna Huffington, Postergirl der Linken, kritisierte auf huffingtonpost.com das Weiße Haus für die Nichtherausgabe der Papiere, die Roberts politische Arbeit unter Reagan und Bush senior dokumentierten. Auf naral.org empörte man sich über den Anti-Abtreibungs-Aktivismus der Ehefrau des Supreme-Court-Kandidaten und warnte, in Erwartung der beiden für den 30. November anstehenden Abtreibungsentscheidungen, vor seinem devoten Katholizismus.

Auffälliger noch als die ideologische Ausrichtung der Blogs ist ihre willkürliche Auswahl von Informationsdetails, die generalisierend der eigenen Weltanschauung angepasst und zumeist ohne redaktionelle Betreuung ins Netz gestellt werden. Allenfalls die anderen Weblog-Autoren, die manchmal falsche Fakten in einem Beitrag kommentieren, stellen ein Regulatorium für die Blogosphäre dar. Bei den meisten Weblogs handelt es sich um Meinungsstücke, die sich weder um den Objektivitäts-Kodex des politischen Journalismus noch um die Nachweisbarkeit ihrer Aussagen kümmern.

Dabei scheut man auch nicht vor der gezielten Streuung abstruser Gerüchte zurück. So lasen sich zum Beispiel die Blogger von wonkette.com durch Zeitschriftenportraits von John Roberts - flamboyanter Modegeschmack in jungen Jahren, sehr späte Heirat, Adoption zweier Kinder - und machten sich über die homophoben Republikaner lustig, die sich mit der Ernennung selbst ins Bein geschossen hätten: Der Kandidat sei doch offensichtlich schwul! In Windeseile verbreitete sich das Gerücht im Netz. Wütende konservative Blogger unterstellten ihren liberalen Kollegen, dass diese selbst homophob seien und prangerten die Amoral dieser Diffamationsstrategien an.

In gewissem Sinne ist der bigotte Schlagabtausch das deutlichste Zeichen für den Leerlaufmodus, der den größten Teil der Blogosphäre bestimmt und selbst die relevanten Blog-Autoren untergräbt. Einige amerikanische Kulturkritiker erkennen in der neuen Web-Bewegung eine Art demokratischer Folklore und fühlen sich an die lebhafte Zeitungslandschaft in den glorreichen Zeiten der Gründerväter Amerikas erinnert. Doch das heutige Blogger-Phänomen ist jung, und es lässt sich kaum absehen, wieviel Durchhaltekraft der Modeerscheinung tatsächlich beschieden ist. Zudem scheint es sich dabei weniger um den Versuch zu handeln, publikatorisch am politischen Geschehen teilzunehmen, als vielmehr um die zynischen Grabenkämpfe einer Kultur, die demokratischer Verhandlungen müde geworden ist. Seriöse politische Debatten werden durch die Obsessionen sendungsbewusster, teilweise von den Parteien bezahlter Freizeitjournalisten in den Hintergrund gedrängt, die ihre Existenzberechtigung daraus ziehen, die Kulturkämpfe Amerikas anzufeuern und ideologische Wahrnehmungsmuster zu verstärken. Bisher konnte sich darüber nur die Bush-Regierung freuen, die von der aufgeheizten Stimmung der culture wars am meisten profitiert hat, und die John Roberts wohl ohne Probleme durch die Anhörungen im juristischen Komitee des Abgeordnetenhauses bringen wird.


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00:00 29.07.2005

Ausgabe 39/2020

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