Im Palast der Gerechtigkeit

Couragiertes Ich Der Berliner Literaturwissenschaftler Joachim Hoell hat eine Lafontaine-Biografie geschrieben

Was treibt diesen Mann an? Rachsucht? Profilneurose? Politische Entzugserscheinungen? Zu den psychologisierenden Vorbehalten gegen Oskar Lafontaine, den ehemaligen SPD-Chef, kommt spätestens seit seinem Auftritt auf der Leipziger Montagsdemonstration ein moralisches Misstrauen: Mit welchem Recht setzt sich der Wahl-Arbeitslose an die Spitze eines Demonstrationszugs, dessen weniger glamouröse Teilnehmer von freiwilligem Ausstieg nur träumen können?

Antworten darauf gibt die Biografie des Berliner Literaturwissenschaftlers, Autors und Filmemachers Joachim Hoell. Dass ihre Präsentation kurzfristig aus dem Bundespresseamt verbannt wurde, ist nachvollziehbar. Das Buch erweist sich als spannend und unbequem, gerade weil es der gegenläufigen Versuchung widersteht, an einer linken Heldenlegende zu stricken. Es erfasst Licht- und Schattenseiten, lässt begründeten Respekt erkennen.

Dass der so genannte Populist Lafontaine den Weg nach Leipzig guten Gewissens antreten konnte, zeigt eine Schlüsselszene. In der Nacht zur deutschen Einheit, vor dem illuminierten Reichstag, ist Willy Brandt nach der Nationalhymne zu Tränen gerührt. Einzig Lafontaine verweigert der SPD-Übervater den Handschlag, denn der hat, statt mitzusingen, den Preis einer Währungsunion zum Kurs von 1:1 vorgerechnet: die Wettbewerbsfähigkeit der ostdeutschen Industrie würde zerstört, warnt der SPD-Kanzlerkandidat. Mit der Warnung, die auch die meisten Betroffenen nicht hören wollten, hat er Recht behalten. Man gewinnt den Eindruck, dass der "opportunistische Demagoge" (Helmut Schmidt) genau den Mut und ökonomischen Sachverstand besitzt, den die Gegenspieler heute beim Zerschlagen des Sozialstaats bemühen.

In der Rückschau erwähnt Lafontaine, dass die Sicherung ostdeutscher Arbeitsplätze durch eine Parallelwährung zum Kurs von 1:4 den Nachteil gehabt hätte, dass die DDR-Bürger nicht gleich nach Mallorca hätten fliegen können. Wenige Seiten später erfährt man, dass der Kanzlerkandidat 1990 eben dort seinen Urlaub verbracht hat, trotz der Mahnung des Wahlkampfleiters, sich mit einem Sommer auf Rügen symbolisch zu Ostdeutschland zu bekennen. Oskar lehnt ab, denn erstens gibt Peter Maffay in Spanien eine Fete, zweitens ist dort das Essen besser. Darf man denn das? Hoell hält es mit einer nüchternen Sicht. Die Symbolik hätte dem Kandidaten moralische Pluspunkte eingebracht und den Ostdeutschen nichts. So egoistisch seine Entscheidung war - und gerade hierin typisch für die vorherrschende Mentalität seiner (westdeutschen) Alterskohorte -, die Reise hat allenfalls ihm selbst geschadet, sie ändert nichts an der ökonomischen Weitsicht.

Passagen wie diese erhellen einen Schwachpunkt gegenwärtiger Lafontaine-Schelte. Da sie sich schwer tut, Hedonismus und politisches Format gegeneinander auszuspielen, setzt sie aufs Ressentiment. Als ob sozial Schwache nur von treudeutschen Asketen vertreten werden dürften! Die Verschmelzung von Wohlleben und Solidarität gehört nun einmal zum Habitus eines Mannes, der schon in Saarbrücken das Nachtleben genoss und tagsüber als Krisenmanager einer maroden Stahlindustrie agierte. Ebenso tief sitzt seine Abneigung gegen den Nationalismus. Zehn Kilometer von der deutsch-französischen Grenze aufgewachsen und mit deutsch-französischem Stammbaum ausgestattet, hat er früh verstanden, dass es eine Wahnidee war, für die sein Vater kurz vor Kriegsende gefallen ist.

Lafontaines Willen und Fähigkeit zum Aufstieg schreibt Hoell der Begabung wie dem sozialen Hintergrund zu. Der Sohn einer Sekretärin und eines Bäckers, später Gleisbauarbeiters, wächst in bestenfalls kleinbürgerlichem Milieu auf. Der Halbwaise lernt sich durchzuboxen, auf der Straße buchstäblich, in der Schule mit Worten. Doch fällt ihm das Lernen leicht, keine Spur von Verbissenheit, schon gar kein Verleugnen der Herkunft. Im Gegenteil: sich daran zu erinnern, wer die eigenen Leute sind, gehört zu seinem Selbstverständnis. Schon hier wird der Unterschied zu einem anderen Aufsteiger deutlich, der sich als "Genosse der Bosse" etikettieren ließ, ohne zu erröten. Was Lafontaine vom Kanzler wie von dessen Herausforderin abhebt, muss Hoell nicht besonders betonen, vorführen genügt. Für den Zögling eines Bischofskonvikts ist Solidarität Teil der politischen Sozialisation, keine Folklore. Noch während des Physikstudiums eignet er sich eine humanistische Bildung an, die ihn vor technokratischen Schlagseiten feit. Dass ein Berufspolitiker frei und geschliffen zu sprechen weiß, war den Kollegen wie Konkurrenten in der Politik nie sympathisch.

Die weniger feierlichen Seiten werden bei Hoell aber ebenso deutlich. Eine Tendenz zur Selbstbeweihräucherung, auch Rücksichtslosigkeit haben etliche Mitstreiter zu spüren bekommen, zumal bei Nichtfunktionieren im Ministeramt. Ein berühmtes Beispiel ist der ehemalige Friedensaktivist und spätere Umweltminister Jo Leinen. Zu den stammtischnahen Aktionen zählen Beamtenschelte ("Sesselfurzer") und Stimmungsmache gegen Spätaussiedler. Lafontaines Artikel in Bild könnte man als Versuch loben, politische Philosophie im Alltagsbewusstsein zu verwurzeln - angewandter Gramsci sozusagen. Aber sich eines Multipliktators zu bedienen, der einem selbst geschadet, weil für den genehmeren Genossen Schröder getrommelt hat, kann für Hoell über die Kehrseite dieser Strategie nicht hinwegtäuschen: "Indem er mit gleicher Münze zurückzahlt, akzeptiert er die geltende Währung."

Neben detaillierten Einblicken in Bedingungen saarländischer Landespolitik überzeugt vor allem Hoells Grundlinie, neben den Selbstinszenierungen einer selbstverliebten Berühmtheit nicht deren Risikobereitschaft zu vergessen. Provokation und Politik - der Untertitel seines Buches - deutet es schon an: Als Landtagsneuling das gesamte CDU/FDP-Kabinett der Korruption zu bezichtigen, später einem SPD-Kanzler grundfalsche Verteidigungspolitik vorzuhalten, den Gewerkschaften eine Arbeitszeitverkürzung ohne vollen Lohnausgleich vorzuschlagen, dem Neoliberalismus aber hartnäckig die Stirn zu bieten - das alles zeugt auch von Courage.

Als Widerspruch wird Lafontaine dieser Tage vorgehalten, dass er 1998 selbst angeregt hat, die Arbeitslosenunterstützung künftig aus Steuern finanzieren und nur noch Bedürftigen zukommen zu lassen. In der Tat hatte auch er die Senkung der Lohnnebenkosten im Sinn, und sein Ansatz war nicht unproblematisch, denn "Bedürftigkeit" ist ein dehnbarer Begriff. Nur gibt es da einen Unterschied: Er wollte verhindern, dass etwa Selbstständige, die ihre Ehefrauen beschäftigen, von der Arbeitslosenversicherung profitieren. Ihm schwebte nicht vor, einen 55-jährigen Schlosser nach jahrzehntelangen Beitragszahlungen aufs Sozialamt zu schicken. Hoells Untersuchungen zu Lafontaines Konzepten des Keynesianismus verdeutlichen die grundlegende Differenz zum Modell Clement.

Eine Sache ist es, die Bedürftigkeit von Arbeitslosen zu prüfen, zugleich aber vom Staat zu verlangen, das Seine für mehr Beschäftigung zu tun: die Investitionsquote erhöhen, kleine und mittlere Einkommen entlasten, die Binnennachfrage ankurbeln, das Wirtschaftswachstum stärken. So wenig Hoell wertet, bei der Lektüre drängt sich der Kontrast zur aktuellen Praxis auf: Arbeitslose verarmen lassen, die kleinen und mittleren Einkommen belasten, die Binnennachfrage vernachlässigen und so eine Politik zuspitzen, die - liest man die Berichte des Statistischen Bundesamts richtig - schon seit Helmut Kohl die Reichen reicher und die Armen ärmer macht. "Vermittlungsprobleme" können da nicht ausbleiben.

Der Literaturwissenschaftler Hoell hat ein sachkundiges und leicht lesbares Buch verfasst. Offenbar hat er eine Schwäche für Querköpfe: nach einer Biografie zu Thomas Bernhard schrieb er nun eine zu Lafontaine. Mit dem lebenden roten Tuch der Marktpäpste geht er bemerkenswert fair um. Bei der Suche nach den Gründen für den jähen Rückzug ins Privatleben hält er sich an Lafontaines eigene Deutung: Er interpretiert ihn in Zusammenhang zu dem lebensbedrohlichen Attentat von 1990. Neun Jahre später bekommt der "gefährlichste Mann Europas" (The Sun) von der Boulevardpresse, von Schröders Kanzleramt und der G 7 einen orkanartigen Gegenwind zu spüren. In diesem Moment habe er sich, so Lafontaine immer wieder, an die knappe Lebenszeit erinnert. Und die Konsequenz gezogen. Das ist nicht neu, bleibt aber immer noch plausibel.

Wie soll man eine Geschichte resümieren, die weitergehen dürfte? Vielleicht so: Bei allem Genuss am Selbst - im "Palast der sozialen Gerechtigkeit" (saarländischer O-Ton zu Lafontaines Anwesen) wohnt ein Sozialdemokrat. Einer im weniger heruntergekommenen Sinn des Wortes.

Joachim Hoell: Oskar Lafontaine. Provokation und Politik. Eine Biografie. Dirk Lehrach Verlag, Braunschweig 2004. 225 S., 19,80 EUR


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00:00 17.09.2004

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