Im toten Winkel

Zwiespältiges Bild Gender Mainstreaming macht Geschlecht zur bloßen Humanressource

Selten wurde wohl ein hässlicheres Wort für eine gute Sache erfunden: "Gender Mainstreaming" nennt sich die moderne Form einer Gleichstellungspolitik der Geschlechter. Doch der Begriff ist umstritten, denn er klingt mehr nach Management als nach Politik, mehr nach professioneller Effizienz als nach Gesellschaftskritik. Vor genau zwei Jahren wurde in Berlin das GenderKompetenzZentrum gegründet, das sich unter anderem mit der Umsetzung von Gender Mainstreaming für Verwaltung und Politik befasst. Aus Anlass des Jubiläums ein Contra und ein Pro zum Mainstreaming-Konzept.

Der unternehmerische Ansatz, die individuellen Fähigkeiten so intensiv wie nur möglich nutzbar zu machen, verbietet per se die Schlechterstellung eines Geschlechts, denn damit würde das Ziel der höchstmöglichen Potentialausschöpfung der Belegschaft nicht erreicht." Dieses Zitat stammt von Renate Schmidt, und zwar aus einer Eröffnungsrede, die die ehemalige Bundesministerin für Familie anlässlich der Gründung des Berliner GenderKompetenzZentrums vor zwei Jahren hielt. Das Zitat hätte natürlich auch aus einem Handbuch für Personalplanung stammen können, und es bestätigt, was feministische Kritikerinnen des seit 1997 auf europäischer und seit 1999 auf nationaler Ebene festgeschriebenen Gender Mainstreaming immer wieder betonen: Geschlechterpolitik gerät zunehmend in den Sog von Ökonomisierung. Dies gilt nicht nur für privatwirtschaftliche Kontexte. Auch im Zuge von Verwaltungsreformen wird Geschlechterpolitik in Managementstrategien übersetzt: Die Verschlankung von Verwaltung und die Berücksichtigung von Geschlechterperspektiven auf allen Ebenen sollen Hand in Hand gehen.

Am Konzept des Gender Mainstreaming, ursprünglich von Feministinnen in der Entwicklungszusammenarbeit durchgesetzt, zeigt sich die ganze Widersprüchlichkeit von Institutionalisierungs- und Professionalisierungsprozessen. Eine entscheidende Frage lautet, ob wir es hier mit einer Politik zu tun haben, die sich im Namen von Geschlechtergerechtigkeit etabliert hat, langfristig aber in eine Politik neuer (und alter) Ungleichheiten mündet? Profitieren etwa nur die "wertschöpfungsstarken" Mitglieder einer Gesellschaft von den Strategien des Mainstreaming?

Merkwürdig verwaschen

Die Kategorie Geschlecht wird in der einschlägigen Literatur als "Gender" bezeichnet und in großer Übereinstimmung mit "soziales Geschlecht" übersetzt. Zudem ist immer wieder von "Geschlechtsrollen" und "Geschlechtsidentitäten" die Rede, die sozial konstruiert und veränderbar sind. Mit einer solchen Arbeitsdefinition wird Geschlecht als rollenförmiges Handeln verstanden. Strukturelle Ungleichheiten im Geschlechterverhältnis treten hingegen in den Hintergrund oder werden als mittlerweile überholte "Dominanz-Vorstellungen" von der "Überlegenheit des Mannes" relativiert. Aber selbst wenn von "Geschlechterverhältnissen" die Rede ist, bleiben die Formulierungen seltsam verwaschen. Ungleichheiten, Benachteiligungen und Diskriminierungen werden angedeutet und als "Vielfalt" gelabelt ohne zu präzisieren wie "Vielfalt" und Verknüpfungen zwischen Differenz und Hierarchie sich zueinander verhalten.Letztlich bleibt offen, wer benachteiligt oder diskriminiert ist, und ob wir es immer noch mit einem gesellschaftlichen Strukturzusammenhang zu tun haben, der zuungunsten von Frauen wirkt.

Dieser augenfälligen Neutralisierung von Hierarchien, Interessenkonflikten oder Herrschaftskritik steht als Ziel zur Seite, "Frauen und Männern die Chance zu eröffnen, ihr Leben individuell zu gestalten", wie das GenderKompetenzZentrum formuliert. Hier steht das Bild der fortschreitenden Individualisierung Pate. Es löst den Selbstbestimmungsbegriff der Frauenbewegung ab, der mit Autonomiekämpfen und kritischen Einwänden gegen als "männlich" verstandene Individualisierungsmuster verbunden war. Wandel im Geschlechterverhältnis, so lässt sich festhalten, wird nunmehr als Teil eines gleichförmig gedachten Freisetzungsprozesses beider Geschlechter begriffen, dessen Erfolg vor allem von der Genderkompetenz aller Akteurinnen und Akteure abhängt.

Reine Übungssache: die Genderbrille

Doch was ist "Genderkompetenz"? Sie wird in anwendungsbezogenen Publikationen als eine Kombination aus Genderwissen, Fachkompetenz sowie Sozial- und Selbstkompetenz dargestellt. Im Mittelpunkt steht eine Übersetzung von Wissen in Handeln, konkretisiert durch die "Ausbildung von Expertentum durch Wissenstransfer". Sozialer Wandel im Geschlechterverhältnis wird demnach durch geschicktes Wissens- und Projektmanagement erreicht, was maßgeblich von der Qualifikation vernetzter Genderexpertinnen und -experten abhängt. Fachwissen allein genügt nicht, um das eigene Handeln abzuschätzen. Deshalb wird in Gender-Trainings entsprechend viel Wert auf selbstreflexives Lernen und die Entfaltung von Selbst- und Sozialkompetenzen gelegt.

Die so genannten Gender-Trainings zur Sensibilisierung der eigenen Wahrnehmung basieren auf theoretischen Inputs, kombiniert mit Methoden der Gruppenarbeit, mit Elementen der Gruppendynamik sowie mit biographischen Übungen. Gender wird dabei mit einer verblüffenden Selbstverständlichkeit zur Analysekategorie erhoben, statt selbst zum Untersuchungsgegenstand zu werden. Das heißt, in vielen Übungen stehen "Frauen" und "Männer" sich als differente, ja sogar fremde Wesen gegenüber. Den Unterschied bereits voraus gesetzt, betrachten sie sich wechselseitig durch die Genderbrille, die aufzusetzen sie ja auch lernen sollen. Ob diese Brille nun rosa, hellblau oder violett getönt ist - an einer Stelle des Lernprozesses bleibt der Blick seltsam trüb: Auch wenn Geschlecht im theoretischen Teil vieler Konzepte als sozial konstruiertes und Geschlechterverhältnisse als hierarchische diskutiert werden - spätestens im Übungsteil kann die Irritation der zweigeschlechtlichen Gewissheiten hinter eine alte Gewissheit zurücktreten: Frauen und Männer sind unterschiedlich.

Aus Gleichstellungspolitik wird so hinter dem Rücken ihrer Akteurinnen und Akteure eine Politik der Differenz, wobei die subtile Übersetzung von Differenz in Hierarchie, im toten Winkel der Genderkompetenz zu verschwinden droht.

Optimiertes Selbst

Ein Blick auf die Sprechweisen aktueller Geschlechterpolitik ergibt ein zwiespältiges Bild: Ohne Zweifel wird an einem Politikideal der anzustrebenden Chancengleichheit und Gleichstellung festgehalten. Die Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern werden dabei zwar nicht verleugnet, aber neutralisiert und individualisiert. Man reduziert die Vielschichtigkeit, nivelliert die Kritik und deutet Politik in Management um. Eine Folge dieser Umdeutung ist die zunehmende Entnennung von strukturellen, institutionalisierten Ungleichheiten - es sei denn, die Aufhebung dieser Ungleichheiten bietet ökonomische Vorteile.

Die Kategorie Geschlecht erscheint hier einseitig als eine diskursive Differenzkategorie, die durch individuelles Streben auch verändert werden könnte. Hier zeigt sich eine Entwicklung, die Soziologin Angelika Wetterer treffend als "rhetorische Modernisierung" bezeichnet: Es ist die Kluft zwischen der kulturellen Flexibilität und der strukturellen Zählebigkeit von Geschlecht. Gleichzeitig erweist sich Geschlecht als handlungsleitende Humanressource für Maßnahmen und Projekte, in deren Mittelpunkt die unternehmerische Selbstoptimierung ihrer Akteurinnen und Akteure steht. Der Erfolg von Geschlechterpolitik wird letztlich der Kontingenz des Marktes überantwortet. Geschlechtergerechtigkeit und Leistungsgerechtigkeit drohen somit ineinander zu fallen - soziale Ungleichheit im Geschlechterverhältnis erledigt sich durch Ökonomisierung.

Dieses hermetische Bild wird allerdings durchkreuzt durch das Festhalten an einem normativen Ideal von Gleichheit und dem damit verbundenen Fingerzeig auf Ungleichheiten im Geschlechterverhältnis. Die Frage, ob wir es beim Gender Mainstreaming mit einer Politik der Ungleichheit zu tun haben, ist deshalb längst nicht entschieden.

Mechthild Bereswill ist Vertretungsprofessorin für Frauen- und Geschlechterstudien am Institut für Gesellschafts- und Politikanalyse der Johann Wolfgang Goethe Universität in Frankfurt am Main.


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00:00 28.10.2005

Ausgabe 39/2020

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