Im Windschatten von Daimler und Opel

IG Metall im Abwehrkampf Beim Tarifkonflikt der westdeutschen VW-Werke droht ein weiterer Dammbruch

Die Tarifverhandlungen für die 103.000 Beschäftigten der sechs westdeutschen VW-Standorte gingen am Dienstag dieser Woche in die dritte Runde. Bis dahin lagen die Positionen der Verhandlungspartner noch meilenweit auseinander. Schlüsselfrage für die IG Metall ist die vertraglich garantierte Absicherung der bestehenden Arbeitsplätze. Außerdem fordert die Gewerkschaft eine Lohnerhöhung von vier Prozent. Die Volkswagen AG verlangt dagegen eine Nullrunde bei den Gehältern für die nächsten zwei Jahre. Der VW-Verhandlungsführer Josef-Fidelis Senn betonte, eine Arbeitsplatzgarantie "ohne Wirtschaftlichkeit" könne er nicht geben.

Ziel der Konzernführung ist eine Senkung der Arbeitskosten um 30 Prozent bis zum Jahr 2011, deshalb soll der bestehende Haustarifvertrag gekündigt werden. Auch die bisher vertraglich garantierte Übernahme aller Auszubildenden will man streichen. Zur Durchsetzung dieser Ziele drohte Volkswagen mit dem Abbau von 30.000 Arbeitsplätzen. Der Verhandlungsführer der IG Metall, Hartmut Meine, nannte dies einen "unglaublichen Erpressungsversuch". Die Belegschaft sei erheblich beunruhigt, es werde zu verstärkten Protestaktionen kommen, sagte er Anfang dieser Woche. Bereits zur zweiten Verhandlungsrunde Anfang Oktober demonstrierten in Hannover rund 1.500 Beschäftigte aus allen westdeutsche Standorten vor dem Tagungsgebäude. Eine Woche später gab es Protestaktionen in den Standorten Emden und Kassel, an denen sich jeweils mehrere Tausend Beschäftigte beteiligten, und wiederum in Hannover protestierte ein Großteil der 3.000 Auszubildenden des Konzerns gegen die Streichung der Übernahmegarantie. Auf einer Betriebsversammlung in Wolfsburg wurde Konzernchef Bernd Pischetsrieder von 12.000 Mitarbeitern minutenlang ausgepfiffen. "Die Leute waren richtig sauer", sagte eine Sprecherin des Betriebsrates. Pischetsrieder argumentierte, die Volkswagen AG müsse ihre Produktionskosten deutlich senken, um in der schwierigen Marktsituation noch Gewinne zu erwirtschaften. In der Berliner Zeitung verwies er in diesem Zusammenhang auf eine "erhöhte Preissensibilität" der Kunden, äußerte aber andererseits, die Autoindustrie sei weiterhin eine Wachstumsbranche. Prognosen würden zeigen, dass in zehn Jahren 75 Millionen Fahrzeuge jährlich verkauft werden könnten, jetzt läge man bei 56 Millionen. Allein VW bringe im nächsten Jahr acht neue Modelle auf den Markt, die bisher nicht bediente Segmente erschließen würden.

Anders als beim aktuellen Opel-Konflikt, wo der amerikanische Mutterkonzern 10.000 Stellen abbauen will, finden die Auseinandersetzungen bei Volkswagen innerhalb einer regulären Tarifrunde statt. Im Unterschied zu Opel steht bei Volkswagen auch keine Verlängerung der Arbeitszeit zur Diskussion, was auch wenig Sinn machen würde, da die Werke momentan gar nicht ausgelastet sind. Seit 1993 besteht bei Volkswagen die Viertagewoche, die damals erfolgreich eingeführt wurde, um den Verlust von 30.000 Arbeitsplätzen zu verhindern. Der niedersächsische IG Metall-Sprecher Jörg Köther betont, dass die damit verbundene Flexibilisierung der Arbeitszeit auch große Vorteile für das Unternehmen brächte. Gleiches gelte für den jetzt zur Disposition stehenden Haustarifvertrag, der laut Konzernführung um 20 Prozent über dem der übrigen Metallindustrie liegt. "Für ordentliche Arbeit muss es auch gutes Geld geben", sagt Jörg Köther dazu, die Produktivität und Qualität der Arbeit bei VW sei eben auch wesentlich höher als in anderen Unternehmen.

Mit ihrem außergewöhnlich hohen gewerkschaftlichen Organisierungsgrad von 97 Prozent bildet die westdeutsche VW-Belegschaft eine starke Bastion für die IG Metall, die hohe Mobilisierungsfähigkeit zeigte sich in den letzten Wochen. Die Drohung der Konzernführung mit dem Abbau von 30.000 Arbeitsplätzen setzt die Arbeitnehmer und ihre Vertretung dennoch stark unter Druck, vor allem in einem Umfeld, das allgemein vom Abbau von Arbeitnehmerrechten und Lohnsenkungen geprägt ist. Sollte die Gewerkschaft in der aktuellen Auseinandersetzung deutlich nachgeben müssen, wäre das nach dem Einlenken bei DaimlerChrysler und der Niederlage der IG Metall in Ostdeutschland ein weiterer Dammbruch, der sich nicht nur auf andere Tarifverhandlungen, sondern auch auf die Machtposition der Gewerkschaften insgesamt negativ auswirken würde. Direkte Folgen hätte er auch für die VW-Standorte in den östlichen Bundesländern und die ebenfalls zum Konzern gehörenden Audi-Werke im Süden. Der Wettlauf zwischen den Konzernen um immer schlechtere Bedingungen für die Arbeitnehmer könnte unvermindert weitergehen.

Davor warnt die IG Metall, auch weil sie weiß, dass gegenseitiges Überbieten bei der "Kostensenkung" die Massenkaufkraft nachhaltig schädigt. "Autos kaufen keine Autos" - am Rande der Protestkundgebung vor dem Verhandlungsgebäude in Hannover zitiert ein VW-Mitarbeiter den alten Henry Ford. Dessen Einsicht wird heute offenbar nur noch von den Gewerkschaften verteidigt. Aber wieweit können sie sich noch durchsetzen? Am 28. Oktober endet die Friedenspflicht bei Volkswagen in Westdeutschland. Wenn bis dahin keine Kompromiss in Sicht ist, wird die Tarifkommission der IG Metall nach den Worten von Hartmut Meine über Warnstreiks entscheiden.


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00:00 15.10.2004

Ausgabe 39/2020

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