Immer wieder diese romantischen Illusionen

Freier Zugang zum Weltwissen ist gut, solare Ressourcen sind noch besser Doch es gibt keinen technologischen Zauberstab, der uns die Zähmung und Lenkung komplexer Systeme erspart

"Es gibt keine Alternativen zu unserem Reformkurs." Mit dem Rücken zur Wand und ohne irgendeinen Erfolg vorweisen zu können, wiederholt Kanzler Schröder permanent sein Glaubensbekenntnis. Diese Haltung, die das gesamte Establishment eint, könnte man bürgerlichen Stalinismus nennen: Es gibt nur einen einzigen Weg, und der ist vorherbestimmt. Ganz anders dagegen der Ausgangspunkt dieser Freitag-Debatte: Geschichte ist immer ein offener Prozess. Doch welche Alternativen, welche konkreten Utopien sind realistisch und welche nicht? Wo sind die Hoffnungsträger für mehr Freiheit und mehr Gerechtigkeit? Nicht vorschnell in gedankliche Sackgassen zu rennen, empfiehlt Rainer Fischbach, der sich die Beiträge angesehen hat, die in den vergangenen Wochen erschienen sind.

Worum geht es bei konkreten Utopien? Vielleicht ist es hilfreich, einen ganz einfachen Ausgangspunkt zu setzen. Es geht um das gute Leben, kein anderes Ziel motiviert stärker und dauerhafter, das Gegebene zu überschreiten. Wer nur Katastrophen beschwört, endet entweder in Abstumpfung oder illusionärer Erleichterung, je nachdem, ob die Krisensymptome anhalten oder sich wandeln. Doch gut ist das gute Leben erst, wenn es auch als Leitbild attraktiv und seinen Prinzipien nach verallgemeinerungsfähig ist. Dass die Prinzipien, die das Leben in den kapitalistischen Gesellschaften dominieren, weder unter ökonomischen noch unter ökologischen oder moralischen Gesichtspunkten verallgemeinerbar sind, wird täglich deutlicher. Aber wie sind sie zu überwinden?

Die keynesianische Kritik, die Forderung nach einer anderen Finanz-, Geld- und Lohnpolitik, von Heiner Flassbeck immer wieder beispielhaft vorgetragen, ist in sich stimmig, doch ihr Bezugssystem ist irreal - der Adressat ist ihr abhanden gekommen: Das Handeln der Herrschenden ist kaum noch als falsche Politik kritisierbar, sondern als Sicherung und Vertiefung der Herrschafts- und Aneignungsordnung um jeden Preis. Zu seinen Kosten gehören die massenhafte Ausgrenzung von Menschen sowie die brachliegenden und zerstörten Möglichkeiten guten Lebens, weil sie nicht profitabel sind und weil sie diese Ordnung in Frage stellen. Eine keynesianische Politik könnte den Druck auf die Menschen vorübergehend mindern, doch weder die sozialen und ökologischen Probleme lösen, vor denen wir stehen, noch die Mechanismen, die Krisen hervorbringen, und die Kräfte, die zur Polarisierung drängen, aufheben.

Zauberbegriff Wachstum - ein Problem

Wenn Wachstum, der Zauberbegriff keynesianischer Politik, selbst zum Problem wird, wenn vor allem wachsen müsste, was der kapitalistischen Verwertung sich entzieht, wenn das bisschen Freiheit und Wohlstand, das man mit den Rezepten von Keynes hervorbringen könnte, dem Empfinden der Herrschenden anscheinend schon zu viel ist, wenn diese offenkundig die Repression dem regulativen Kompromiss vorziehen, dann müssen Keynesianer entweder scheitern oder sich selbst überschreiten. Das gute Leben, ja, schon allein das Begehren, der Barbarei zu entgehen, verlangen einen Bruch mit den heutigen Verhältnissen, darin hat Franz Schandl (Freitag vom 11. Juni) Recht. Doch dieser Bruch wird Herausforderungen und Verwerfungen hervorbringen, die nicht wenige zurückschrecken lassen. Durch einen bloßen voluntaristischen Akt - und dies verbindet die ansonsten recht unterschiedlichen Vorschläge etwa von Niels Boeing (siehe Freitag vom 21. Mai) und Franz Schandl - ist er nicht zu vollziehen. Es steht zu befürchten, dass er - wenn überhaupt - erst nach einer Phase vertiefter Krisen erfolgen wird. Grund genug, sich die Fragen vorzunehmen, die sich unausweichlich stellen werden.

Sich klarzumachen, dass kapitalistische Gesellschaften ein unerhörtes und weiter wachsendes Maß an materiellem Reichtum produzieren, wie das Hans Thie in seinem einleitenden Beitrag getan hat (Freitag vom 14. Mai), ist sinnvoll, um dem psychopathischen Knappheitsdiskurs zu begegnen, der heute Politik und Medien dominiert. Doch im nächsten Schritt müssen wir weiter gehen und uns klar vor Augen führen, dass ein gutes Leben, das mit dem Bestehen der Menschheit und der Erde als ihrer Voraussetzung verträglich ist, eine andere Form des materiellen Reichtums erfordert - wohlgemerkt: des materiellen Reichtums und nicht allein des Verzichts. Die Verallgemeinerung beziehungsweise gleichmäßige Verteilung des Reichtums in seiner heutigen Form ist sozial widersinnig und ökologisch unverträglich. Eine alternative Form des Reichtums muss aus gemeinschaftlich nutzbaren und mit bescheidenem Materialaufwand herstellbaren Gütern bestehen statt aus Ressourcen fressenden mit Distinktionswert.

Die "Heimfabrik" ist eine Illusion

Dass der "freie" Markt alles andere produziert als Freiheit und seine Effizienz eher neoliberales Wunschdenken ist als empirisch fundierte Tatsache, bildet einen Ausgangspunkt. Doch wer, aus welchen guten Gründen auch immer, den Zustand überwinden will, in dem die Produktion nur ein Moment der Kapitalverwertung bildet, muss sich der Frage stellen, wie dann die Produktion zu koordinieren ist, wie Ressourcen zu verwenden sind. Die vage Rede von Verteilung allein genügt nicht, wenn sich damit Freiheit und Gerechtigkeit, sozialer und technischer Fortschritt verbinden sollen. Der dezente Hinweis, dass wir bereits in einer Planwirtschaft leben, der der Konzerne, ist hier ebenso angebracht wie die Feststellung, dass der Markt für diese ein viel zu schwaches Korrektiv darstellt.

Denn auf dem Markt stimmt nur ab, wer zahlungsfähig ist. Zur Abstimmung kommt, was den dominierenden Spielern Profit verspricht. Diese haben die Macht, ihn zu manipulieren, weil der Markt blind ist für Externalitäten, für die negativen Auswirkungen und Umweltschäden ebenso wie für die positiven, beispielsweise die Netzwerkeffekte, die den Monopolen Machtzuwächse und Extraprofite bescheren. Hier sind wirkliche Demokratie und Partizipation herausgefordert, bei denen es nicht nur um die Verteilung des Produkts, sondern auch darum geht, wie das Produkt sich morgen zusammensetzen soll.

"Small" mag manchmal "beautiful" sein, doch nicht immer sexy: Sinkende Stückkosten liefern bei vielen Produkten ein kaum schlagbares Argument für Größe. Das beste Beispiel sind die Fabriken, aus denen die kleinen Dinger kommen, die für die Apostel des "Small is beautiful" fälschlicherweise als Beweis herhalten müssen: Bei hochintegrierten Schaltkreisen reduziert die Großserie die Stückkosten entscheidend. Die Entwicklung des Produkts und der Produktionsverfahren sowie die Fabrikationsanlagen verschlingen Milliardensummen, die für die Konzerne oft Grund genug sind, sich trotz Konkurrenz zusammenzuschließen. Dass die technischen, organisatorischen und finanziellen Anforderungen des industriellen Fortschritts durchaus sozialistische Lösungen nahe legen, wusste schon der Theoretiker der "kreativen Zerstörung", der in den vergangenen Jahrzehnten sehr einseitig rezipierte Joseph Alois Schumpeter. Und das ist bei vielen Produkten und Verfahren so, wobei die wachsende Technologieintensität den Umfang der Investitionen nicht reduziert, sondern steigert.

Der "persönliche Fabrikator", die universelle Maschine, mit der angeblich irgendwann zu Hause produziert werden kann, ist Science Fiction - welche Investitionen dessen Entwicklung und Herstellung erforderte, wäre immerhin eine witzige Frage. Die "Heimfabrik" ist Ausdruck eines Bewusstseins, das ohnehin verkennt, dass im Zentrum einer "transkapitalistischen Wirtschaft" (Niels Boeing) weniger die persönlichen als vielmehr die öffentlichen Güter mit Infrastrukturcharakter stehen müssen. Die Vorstellung, dass Produktion wieder zu einer harmlosen häuslichen Angelegenheit werde, bleibt eine romantische Illusion. Von der Aufgabe, komplexe Systeme zu steuern, in großen Organisationen zu arbeiten, sie politisch und ökologisch zu zähmen und vor allem Entscheidungen über gigantische Investitionen zu treffen, befreit uns kein absehbarer technischer Fortschritt; zumal wir in jedem Fall mit einer Erbschaft von komplexen Systemen werden leben müssen, die man nicht einfach abschalten kann.

In weiten Kreisen der Linken scheint der Platonismus das materialistische Denken verdrängt zu haben. Die Thesen von Niels Boeing geben zu dieser Vermutung nicht weniger Anlass als die von Franz Schandl. Das Verhältnis von Wissen und Handeln, Plan, Produktion und Produkt wird als platte Tautologie vorgestellt und Wissen dadurch zu einer Art Universalwährung oder genauer: zu einem Superfetisch. Dieser Phantasie liegt der Glaube zugrunde, dass ein frei zugänglicher "Wissenspool", unter dem man sich wohl eine Sammlung (elektronisch) vergegenständlichten Wissens vorzustellen hat, die "Fabrication divide", also die Ungleichheit möglicher Reichtumsproduktion, aufzuheben vermöchte. Als ob die Produktion nicht von der Verfügung über materielle und finanzielle Ressourcen abhinge, als ob ein entscheidender Teil des Wissens nicht in den Menschen und in ihrem organisierten Zusammenwirken eingebettet wäre und beides damit nicht den Herrschaftsverhältnissen unterläge.

Auch mit "linkem" politischem Vorzeichen und ergänzt um Forderungen wie der nach freien Zugang ist die Verdinglichung des Wissens zur universellen Ressource nicht mehr als die Neuauflage einer alten sozialdemokratischen Dummheit, die Marx schon am Gothaer Programm kritisierte: Dort war es noch die Arbeit, die unter Abstraktion von allen Naturvoraussetzungen und Herrschaftsverhältnissen als Quelle allen Reichtums galt. "Arbeit" jetzt durch "Wissen" zu ersetzen, fügt der alten Dummheit nicht nur eine neue Dimension hinzu, sondern komplettiert auch die historische Vergesslichkeit der Linken. Es gibt keinen technologischen Zauberstab, der uns die Arbeit an einer offenen, globalen Kultur des Wissens ersparen würde, die sich zwangsläufig an den Herrschaftsverhältnissen und kulturellen Brüchen reiben muss.

Hermann Scheer (Freitag vom 25. Juni) hat Recht, wenn er auf die Naturabhängigkeit der menschlichen Gattung verweist und den modischen Entstofflichungsträumen eine Absage erteilt. Den Stoffwechsel mit der Natur auf eine Basis zu stellen, die sich mit dem Überleben der Menschheit und einer humanen Gesellschaft verträgt, ist eine unabweisbare Forderung. Doch darf man hierbei so wenig von den Herrschaftsverhältnissen abstrahieren wie bei der Arbeit und beim Wissen. Notwendige Bedingungen sind nicht notwendig hinreichende, und zu glauben, dass eine solare Gesellschaft zwangsläufig auch eine humane wäre, ist eine Illusion, die sich aus einem ähnlichen Technikdeterminismus nährt wie die, dass der PC und das Internet eine egalitäre Gesellschaft hervorbrächten.

Dass heute Energiekonzerne - genauer: solche, die mit fossilen Brennstoffen handeln - eine dominierende Rolle spielen, ist Ausdruck der heutigen Gestalt des Kapitalismus. Mit den Finanz-, Medien- und Softwarekonzernen, die von Haus aus keinesfalls humanere Ziele verfolgen, verbindet sie der Imperativ zur Produktion und Aneignung von Mehrwert und damit das Interesse an der Sicherung der Verhältnisse, die dem Mehrwert Priorität einräumen. Die Frage, wie die Energie- und Stoffkreisläufe der Zukunft aussehen und wer sie zu welchen Zwecken kontrolliert, bleibt bei allen technologischen Implikationen eine politische.

Für eine Kritik der politischen Technologie

Die Linke hat offenbar nicht nur die Kritik der politischen Ökonomie verdrängt, sondern es auch versäumt, im Zusammenhang mit ihr eine Kritik der politischen Technologie zu entwickeln. Denkwürdig ist auch, dass in den bisher vorgestellten Entwürfen der Freitag-Debatte das Bild vom Leben und Arbeiten des Individuums recht blass bleibt. Während alle anderen dem Einzelnen zu wenig zutrauen, mutet Niels Boeing ihm eindeutig zu viel zu: Der "Transkapitalismus" geht bei ihm aus einem voluntaristischen Akt der Individuen hervor, seine Vorstellung vom Leben verallgemeinert lediglich die Existenzform der flexibilisierten Arbeitskraft. Diese steht für selbstgesteuerte Überausbeutung einerseits und ist andererseits als universelles Modell untauglich, weil es die gegenständlichen und organisatorischen Voraussetzungen von Arbeit ignoriert. Eine komplexe gesellschaftliche Maschinerie steigert deren Produktivität immer weiter, doch ohne sie zum Verschwinden zu bringen. Hier gehen die Beiträge von Ulrich Weiß (Freitag vom 2. Juli) und Franz Schandl von falschen Voraussetzungen aus. Die reflexive Arbeit im High-tech-Sektor wird mit ihrem Gegenstand so wenig fertig wie die der alltäglichen Besorgungen.

Jenseits der illusionären Ausrufung des Endes der Arbeit und des hirnlosen Schreis nach "Arbeit, Arbeit, Arbeit" gilt es Lebensmodelle zu entwickeln, die der fortgesetzten Naturabhängigkeit der Menschen sowie der wachsenden Notwendigkeit von Beziehungs- und Reflexionsarbeit ebenso gerecht werden wie dem angesichts des erreichten Standes der Naturbeherrschung durchaus vernünftigen Begehren, das Reich der Notwendigkeit zu überschreiten. Dass Arbeit für die meisten Menschen Zwangsarbeit ist, weil ihnen alternative Einkommensquellen fehlen, müssen sich gerade diejenigen immer wieder bewusst machen, die das Glück eines interessanten Jobs genießen und denen aus tief eingeprägter protestantischer Tradition Arbeit inneres Bedürfnis und Quelle des Selbstbewusstseins ist. An den unerhörten Möglichkeiten der Reichtumsproduktion, die heute vorhanden sind, ohne dass wir darüber verfügten, hat das säkularisierte protestantische Ethos hohen Anteil - vielleicht Anlass, sich daran zu erinnern, dass der Protestantismus einmal nicht nur für harte Arbeit und mechanische Präzision stand, sondern auch - und zwar durchaus mit denselben Personen - für die Hoffnung auf eine Gesellschaft ohne die Herrschaft von Menschen über Menschen und für das Begehren, dass das Herz ausgehe und Freude suche, in dieser schönen Sommerszeit, und nicht nur dann.

Rainer Fischbach ist IT-Berater und Publizist.

00:00 09.07.2004

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