Immer wieder Mumien

Zur Phänomenologie des Bandagenmannes Warum und seit wann gibt es überhaupt Mumienfilme?

Eigenartige Fundamentalisten bewachen die Ruinen der alten Stadt Hamunaptra. Und doch lässt bald ein sonderbarer archäologischer Fund eine bunt gemischte abendländische Expedition eintreffen, die die ewige Ruhe des verdammten Hohepriesters stört. Der meint, in der mitgeführten Ägyptologin jene alte Liebe wiederzuerkennen, um deretwillen er in undenklicher Vorzeit verflucht wurde. Um sie sich gleich zu machen, will er sie einbalsamieren, lässt die zehn Plagen los und scheitert schließlich nur - am Helden.

Seine Kräfte aber waren beachtlich: Er hypnotisierte die Massen, unterwarf sie seinem Willen und dirigierte sie in den Gassen des Suks. Auch andere Massen konnten nicht widerstehen: Von den Einspielzahlen her war Stephen Sommers The Mummy einer der erfolgreichsten Filme des Jahres 1999.

Woher diese Magie, Aura, Suggestivkraft - eines untoten Ägypters? Bereits das triebgehemmte Bürgertum des britischen Empire veranstaltete im 19. Jahrhundert abendliche Happenings, auf denen Mumien ent-wickelt wurden, und las Schauerromane. Die Damen fielen in Ohnmacht.

Nach der Aufbruchs- und Suchbewegung der Aufklärung erfährt sich der europäische Intellekt als befriedete Insel inmitten einer unberechenbaren Natur, der gegenüber er (durch Naturgesetzgebung) Land zu gewinnen sucht. Der Wissenschaftler als Kontrollfanatiker will das Unbezwingbare bannen, seine Suche bekommt Suchtcharakter: Der Wissenschaftler frevelt. Die Ursache des Frevels ist Angst (sprachetymologisch hergeleitet von "Enge") angesichts des Gegensatzes von Ewigkeit und Tod. In den Erzählungen und Filmen beendet der Wissenschaftler das ewige Leben der Mumie, und meist auch sein eigenes. Auch die Mumie war ja ein Frevler.

Film führt als erzählerisches Mittel des 20 . Jahrhunderts die krisenhaften Themen seiner Vorgängermedien weiter. Das heißt: Aus Mumiengeschichte wird Filmgeschichte. Beginnen wir also im Jahre 1918: In Die Augen der Mumie Ma bedient Ernst Lubitsch das Publikum mit exotistischen Versatzstücken und liefert deren Karikatur gleich mit. Ein deutscher Kunststudent - wer sonst - wird zum Grab einer angeblich weissagenden Mumie geführt. Das Orakel erweist sich recht bald als Mummenschanz, und hinter der schrecklichen Maske erscheint Pola Negri als armes Bauernmädchen - zum Schwindel gezwungen von dem grausam chargierenden Despoten Emil Jannings.

Die Mumie Ma bietet bereits alles, was ein Mumienfilm braucht: exotische Schauplätze, Hypnose, Telepathie, Erotik Liebeswahnsinn, selbstgerechte Kolonialisten, Tourismus und Orientalismus. Die Araber erkennt man an der Schuhcreme im Gesicht und den strahlend weißen Waden. Weiterhin haben wir exzentrische Adelige, einen Finsterling und einen heißen Tanz. Das einzige Manko dieses Mumienfilmes liegt im gänzlichen Fehlen einer Mumie.

1924 entdeckt Carter das Grab von Tut-ench-Amun. Weniger glücklich waren einige seiner Begleiter, die in den nächsten Wochen, Monaten, Jahren eines unnatürlichen Todes sterben. Die Regenbogenpresse bündelt die Fälle von insgesamt 21 vorzeitig Verstorbenen zu einer Sensationsstory und erfindet den "Fluch des Pharao". Das Grauen kommt dann 1932 umso dicker. Karl Freunds Film The Mummy dient als narrative Blaupause und filmästhetischer Richtwert für alle folgenden Filme des Genres. Wegen seines großen Erfolgs gab es bald Fortsetzungen - von Mummy´s Hand, über Mummy´s Tomb zu Mummy´s Ghost. 1944 kam es mit Mummy´s Curse zum Abschluss der Reihe: Die Heldin wurde selbst zur Mumie.

Wenden wir den müde gewordenen Blick nach Mexiko. Hier kam es zur ersten Aneignung des Stoffes durch eine "Fremdkultur", die über eigene Mumifizierungstechniken verfügte: 1957 drehte Rafael Portillo, ein Bunuel-Mitarbeiter, The Aztec Mummy; die absurde Handlung schrie nach Fortsetzung. Der Hald der Serie, die Aztekenmumie Popoca, soll Teil der mexikanischen Alltagskultur geworden sein. Ein seitlicher Ableger war Attack of the Mayan Mummy (1963). Über Inkamumien ist nichts bekannt ...

Weshalb fesselt die Mumie so? Sie war Mensch, sie ist bandagiert, sie wird geweckt, sie vollstreckt Rache. Wie alle "creatures" leidet sie, muss töten ohne es zu wollen, sucht Erlösung in der Erneuerung einer unmöglichen Liebe ... Immer drücken sich in unserer Darstellung von Monstern Phantasien gegenüber einem - wie auch immer gearteten - Fremden aus. Die Mumie steht in unmittelbarer Verwandtschaft und Nähe solcher "popkultureller" Halbwesen wie: Vampire, Werwölfe, Monster, Golems, T-Rexe, Riesenaffen, E.T.´s, Glöckner, Elefantenmenschen, Mörder, Russen natürlich und - Frauen (Hexen).

Unter den Gefährten des Grauens von der A-lraune bis Z-ombie gehört unser Bandagenbündel zur Gattung der Wiedergänger: Wenn wir der berühmtesten - filmischen - Version folgen, so ist die Mumie ein armseliges Geschöpf, einem Fluch unterworfen, der ihr das verwehrt, was die Psychoanalyse den "symbolischen Tod" nennt: sie ist noch nicht ganz fertig mit der Welt, hat hier noch eine Rechnung offen ...

Einmal, in undenklicher Vorzeit, entbrannte sie in sündiger Liebe zu einer Tempelpriesterin oder Pharaonengattin; der Frevel muss gesühnt werden und das beklagenswerte Subjekt erleidet das, was E.A. Poe am meisten fürchtete: Es wird lebendig begraben und darf seinen Lebenskreis nicht schließen.

Dann - unabdingbar wie bei Nosferatu, wie bei dem Gorillagiganten oder dem Affenmenschen - der Fluchtpunkt: die "weiße Frau". In diesen Wesen maskiert, erlaubte sich der weiße Westen, was er nicht darf: hypnotisch, leidenschaftlich, triebhaft lieben. Solch ein Begehren als pervers vorzuführen und ihm alsbald Einhalt zu gebieten, ist ein erklärtes Ziel aller Spartenliteratur und aller Filme des Genres. Diese Bannung geschieht unter massiertem, aufopferungsvollem Einsatz aller patriarchalen Repräsentanten der abendländischen Kultur: Doktoren, Priester, Detektive.

Jede Reise in die Peripherie, die Randregionen der Kultur und des Bewusstseins, ist auch eine zum Zentrum, die fiktionale Expedition führte tiefenpsychologisch immer schon zu den Archetypen: Faust landet bei den Müttern, die Jungs aus Lost World bei den Sauriern. Und so wecken "wir" - Forscher - mit diesem altägyptischen Lappenmann einen Träger des kulturellen und individuellen Gedächtnisses - in all seiner Ambivalenz: als Ausdruck der Treue wie auch des Festklammerns und nie mehr Loslassens. Über vier Jahrtausende und die Schwelle des Todes hinweg: Was für ein Gedächtnis! Darum also Ägypten, Kultur des permanenten Gedenkens ohne Wandel und Vergessen, wie es uns scheint.

Früher oder später stellt sich die Frage nach der Gegenperspektive, dem Blick des "Anderen". Shaadi Abd-es-Salaam, einsamer Erneuerer der ägyptischen Filmästhetik, der einen allzu frühen Tod starb, kehrt das Bild um: Sein Meisterwerk Al-Mumiya steht in seinem symbolischen Gehalt den West-Produktionen völlig entgegen. Hier "ver-körpern" die mumifizierten Leiber der Pharaonen nicht mehr den namen-, gesichts- und identitätslosen Horror, sondern stehen als ehrwürdiges Symbol für historisches Gedächtnis, nationale Identität, kulturelle Kontinuität. Vordergründig das Porträt einer Stammesgesellschaft im Umbruch, erweist sich Al-Mumiya als bestechende Reflexion über den Umgang mit Tradition, über Rückbesinnung auf und Neudefinition von historischer Vergangenheit.

Zurück im Westen entdecken wir einen postmodernen Umgang mit Traditionen. Man kennt es in den Neunzigern vom Western (Unforgiven), vom Action-Film (Pulp Fiction): Wenn ein Genre genügend abgenudelt ist, seine Mythologie fadenscheinig wird, bringen wir die Imagerie, den Bilderfundus in ironische Drehung. Stephen Sommers´ 99er Mummy betreibt ein hysterisches Sampling der alten Vor-Bilder. Der latente Grusel wird durch eine fast höhnische Aggressivität ersetzt. Indiana-Jones hält Schulterschluss mit der Mumie: Wo "Indy" indes wenigstens privatim noch Doktor (!) war, heuchelt hier der Held gar nicht erst Bildung, sondern ist schlichtweg ein Idiot (Brendan Fraser spielte übrigens sowohl Tarzan, als auch den Lover des Frankenstein-Regisseurs James Whale).

Jetzt also The Mummy´s Return: Bezog der Erstling seinen Charme noch aus dem schamlos-ironischen Umgang mit dem Original, - Slapstick im Angesicht des Untodes - so wird hier nur noch wiederholt. Dass die Mythologie, die Vorgaben des Genres nicht richtig aufgearbeitet wurden, wird die Massen nicht stören: Teil drei ist schon im Kasten.

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00:00 29.06.2001

Ausgabe 43/2021

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