In aller Herren Länder

Einwanderungsgesellschaft Männliche Migranten halten keineswegs immer nur starr an patriarchalen Rollenbildern fest

Migranten sind nicht alle gleich. Die banale Botschaft, dass das Leben von Eingewanderten mindestens so vielfältig ist wie das von Menschen der Mehrheitsgesellschaft, verblasst angesichts von Kopftuchstreit und "Ehrenmorden".

Wie sieht die Realität von Migranten aus? Polnische Wanderarbeiter in der EU, so berichtete Agnes Jarzyna vom Europäischen Verband der Wanderarbeiter in der letzten Woche auf einer Tagung der Heinrich-Böll-Stiftung zu "Migration Männlichkeiten", verlieren während der Zeit ihrer Migration ihre patriarchale Position in der Familie an ihre Frau. Zwar entspricht eine solche Migration, bei der Frauen in der Heimat bleiben, dem Bild des Mannes, der "hinaus ins feindliche Leben" zieht. Doch die frühkapitalistischen Verhältnisse ihrer Maloche, eingeknastet in Baucontainern, machen sie körperlich und psychisch fertig. Nicht als Helden, sondern mit gebrochener Männlichkeit kehren sie zurück.

Als die Ausländer schlechthin gelten in Deutschland die Türken. Mehrheitlich werden türkische Männer als Bremser gegen die Integrationswünsche ihrer Frauen und Töchter hingestellt. Margret Spohn, die sich auf der Stelle für interkulturelle Zusammenarbeit der Stadt München engagiert, betonte auf der Tagung die durchaus unterschiedlichen Familienmodelle der Migrantenmänner der ersten Generation, die keineswegs unverändert und starr an alten Männlichkeitsbildern festhalten. Während der türkische Vater für die Mehrheitsgesellschaft als ein streng patriarchal-autoritärer Typ gilt, der nur darauf bedacht sei, die Ehre seiner Familie auch unter Anwendung von körperlicher Gewalt zu schützen, zeichnet Spohn ein differenziertes Bild: Er ist bildungsorientiert gegenüber seinen Töchtern, gerät allerdings in Konflikt mit dem Bedürfnis, die Töchter vor eventuellen Gefahren der deutschen Umgebung zu schützen. Im allgemeinen vertrauen die Väter aber auf die Einsicht der Töchter und ihre Selbstkontrolle, statt auf äußere bzw. räumliche Kontrolle.

Es sind die männlichen Jugendlichen, die zu wenig aus ihren Potenzialen machen, nicht nur bei Migranten. In den letzten Jahrzehnten hat die Bildungsbenachteiligung ihr Geschlecht gewechselt. Galt noch in den sechziger Jahren das katholische Arbeitermädchen vom Lande als Symbol der Unterprivilegierten, ist es nun der männliche Jugendliche mit Migrationshintergrund, wie Michael Tunç von der Fachhochschule Köln betonte. Generell hinken immer mehr Jungen den Mädchen in der Bildungsorientierung, Flexibilität und Mobilität hinterher. Dies gilt gerade auch für deutschstämmige Jugendliche, die sich mitunter als Verlierer in ökonomischen Rückzugsgebieten an Dosenbier festhalten, während junge Frauen in der Fremde ihre Karriere machen. Ein schleichender Paradigmenwechsel findet statt: Männer lösen Frauen als das defizitäre Geschlecht ab.

Migrantenjugendliche der zweiten und dritten Generation neigen nicht pauschal zu fundamentalistischen Richtungen. Nicht selten lehnen sie ethnische Abgrenzungen ab, entwickeln differenzierte Zugehörigkeiten, und akzeptieren den Pluralismus hinsichtlich Lebensformen und Religion. Besonders Kinder aus binationalen Ehen greifen auf verschiedene Traditionen zurück und genießen komplizierte kulturelle Verbindungen. Allerdings werden solche hybriden Zugehörigkeiten sowohl von der Mehrheitsgesellschaft als auch von der Herkunftskultur recht wenig akzeptiert.

Nicht Sozialarbeit für die Defizite einer randständigen Gruppe steht an, sondern interkulturelle Arbeit, die auch die Angehörigen der Mehrheitsgesellschaft fordert. Die Politisierung der Frauenbewegung wiederholt sich unter anderem Vorzeichen: Die Kritik, dass Frauen ein zu kleines Stück vom Kuchen bekommen, wandelte sich im Laufe der Jahrzehnte zur Kritik am Rezept des Kuchens. Findet das "Gender Mainstreaming" in der Zukunft seine Entsprechung im "ethnischen Mainstreaming"? Sie soll den Blick schärfen, ob die Belange von Migrantinnen und Migranten in allen Bereichen ausreichend berücksichtigt werden.

Bei all den Diskussionen über Kopftücher und "Ehrenmorde" wird gerne übersehen, wo die Gemeinsamkeiten zwischen deutschstämmigen und migrantischen Männern existieren. Von den Herausforderungen zum Wandel von Männlichkeiten sind beide Gruppen betroffen. In "aller Herren Länder" gibt es Widerstand, männliche Privilegien und Bequemlichkeiten abzubauen. So wird sich auch bei einer Förderung à la Ursula von der Leyen eine neue, gleichberechtigte Väterlichkeit bei Vätern, woher sie auch immer stammen mögen, nur zögerlich entwickeln.

Zum Weiterlesen:

Margret Spohn: Türkische Männer in Deutschland. Familie und Identität. Migranten der ersten Generation erzählen ihre Geschichte. transcript, Bielefeld 2002


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00:00 16.12.2005

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