In der Blüte seiner Jahre

Bildflächen Seit Monaten ranken sich Spekulationen um Kim Jong Il und seine möglichen Nachfolger. Dabei ist in Nordkorea egal, ob er sich zeigt oder nicht ­- die Blume, die er hinterlässt, ersetzt ihn vollkommen

Lebt er? Lebt er nicht? Kim Jong Il, Nordkoreas "Geliebter Führer", tut offenbar weder das eine noch das andere. Am 9. September feierte die Demokratische Volksrepublik den 60. Jahrestag ihrer Gründung. Militär parierte, Winkelemente wurden geschwenkt, der Überschwang, im besten Korea aller Zeiten zu leben, war wie immer perfekt choreographiert. Allein der wichtigste Platz auf der Ehrentribüne in Pjöngjang blieb leer. Ebenso am 10. Oktober, dem Gründungstag der Arbeiterpartei, einem weiteren Pflichttermin im Leben des "Geliebten Führers". Seit Mitte August ward er in dem, was bei uns Öffentlichkeit heißt, nicht mehr gesehen. Da muss etwas passiert sein.

Kim Jong Il habe einen Schlaganfall erlitten, berichteten südkoreanische Geheimdienste. Spezialisten aus China und Frankreich seien eingeflogen worden und hätten ihn am Kopf operiert. Wenn es so war, dann war es ein gefährlicher Eingriff. Kim Jong Il wird von der nordkoreanischen Propaganda als "Heiliges Hirn" bezeichnet; ein Operieren an dieser Heiligkeit, noch dazu von Ausländern, dürfte sie vermutlich schmälern. Mittlerweile sei der 66-Jährige einigermaßen wiederhergestellt, heißt es weiter. Kim Jong Il sei halbseitig leicht gelähmt, könne aber sprechen und laufen.

In Nordkorea ist von all dem selbstverständlich keine Rede. Vor kurzem zeigte das Staatsfernsehen einen quicklebendigen "Verehrten Genossen General" beim Besuch weiblicher Truppenteile. Bei den Aufnahmen handelt es sich höchstwahrscheinlich um Archivmaterial. Das lässt jedoch keineswegs den Rückschluss zu, dass Kim Jong Ils wahrer Zustand verschleiert wurde. Alte mit neuen Bildern zu mischen, ist hier ein gängiges Verfahren. Der nordkoreanischen Einschwörungsindustrie geht es nicht um Aktualität und Wahrheit, sondern um die Perpetuierung des Immergleichen. Falls Kim Jong Il tot wäre - was eine japanische Zeitung kürzlich mutmaßte, die hinter der "Wichtigen Ankündigung" vom Montag die Todesannonce vermutete; tatsächlich ging es um Produktionssteigerungen - die gewöhnlichen Nordkoreaner würden es zunächst nicht merken. Wie der Fliegende Holländer könnte Kim einige Wochen über die Bildschirme lichtern, ohne dass er seinem Volk dabei untot erschiene.

Wer aber würde, im Falle eines solchen Falles, das Ruder in die Hand nehmen? Bislang hat Kim Jong Il, der in den achtziger Jahren zum Nachfolger seines Vaters, des "Großen Führers" Kim Il Sung, aufgebaut wurde, es versäumt, eine entsprechende Regelung zu treffen. Von seinen drei offiziellen Söhnen (Kim Jong Il soll noch weitere uneheliche Kinder haben), drängt sich als politischer Erbe keiner so recht auf. Der älteste, Kim Yong Nam, wurde 2001 am Flughafen von Tokio aufgegriffen, als er mit einem gefälschten spanischen Pass einreisen wollte, um angeblich Disneyland zu besuchen. Nach dem Zwischenfall wurde es still um den Spross. Er soll im chinesischen Spielerparadies Macao gelebt haben, wo er möglicherweise auch mit Nordkoreas Geldgeschäften betraut war. Vor einem Jahr soll der heute 37-Jährige nach Pjöngjang zurückgekehrt sein.

Solch eine Vita mag Kim Yong Nam nicht von vornherein für die Wahl zum neuen Führer ausschließen; sie qualifiziert ihn aber auch nicht. Größere Chancen räumen die Nordkorea-Auguren daher dem Zweitgeborenen, Kim Jong Chol, ein. Der 26-Jährige hat in der Schweiz ein Internat besucht und scheint der Enge Nordkoreas wohl entwachsen zu sein. 2006 soll er auf einem Rockkonzert in Deutschland gesichtet worden sein. In chinesischen Berichten heißt es dagegen, Kim Jong Chol sei im vergangenen Jahr in ein Organisationsbüro der nordkoreanischen Arbeiterpartei berufen worden, was darauf hindeuten würde, dass er für eine politische Rolle vorgesehen ist. Vorausgesetzt, Kim Jong Chol möchte statt Rockbands zu beklatschen nunmehr sich selbst beklatschen lassen, wäre er trotzdem wohl zu unerfahren, um ein Land wie Nordkorea zu lenken. Dasselbe gilt für den ein Jahr jüngeren, dritten Sohn Kim Jong Eun.

Da es höchstwahrscheinlich also nicht zu einer dynastischen Nachfolge kommen wird, könnte es Nordkorea zur Abwechslung mit dem formalen Staatsoberhaupt probieren. Das ist der 80-jährige Kim Yong Nam, der seit zehn Jahren Vorsitzender der Obersten Volksversammlung ist und im Jahr 2000 ebenfalls in einem Flughafen-Zwischenfall verwickelt war. Damals wollte Kim Yong Nam mit anderen ranghohen Politikern zum Millenniumsgipfel nach New York reisen. Auf dem Frankfurter Flughafen durchsuchten amerikanische Sicherheitskräfte die Delegation so rüde, dass sie die Reise unter Protest abbrach.

Bleibt das Militär. Nordkorea besitzt die fünftgrößte Armee der Welt. Sie gilt als die am besten funktionierende Organisation in dem maroden Land und soll sogar über ein eigenes Wirtschaftssystem verfügen, in das vermutlich auch ausländische Hilfslieferungen eingespeist werden. Kim Jong Il ist oberster Befehlshaber der Armee. Als er 1997 offiziell den Posten des Generalsekretärs der Arbeiterpartei übernahm und damit endgültig die Nachfolge seines 1994 verstorbenen Vaters antrat, hat er sich vermutlich gegen Teile des Militärs durchsetzen müssen, die ihm die "Liebe Lenkung" des Staates nicht zugetraut haben. Kim Jong Il festigte seine Position, indem er die "Songun"-Politik, die "Armee-zuerst"-Politik verkündete.

Inwiefern ein hinfälliger, halbseitig gelähmter Kim Jong Il in der Lage wäre, diese Position zu behaupten, ist fraglich. Es könnte denkbar sein, dass Teile der Armee Kims Schwäche bereits ausgenutzt haben. Dabei muss es nicht zwangsläufig zu einem Putsch gekommen sein. Im geheimen Machtgefüge Nordkoreas geht es um Einfluss und Einflüsterungen, nicht um Veränderung des Status quo. In der Vergangenheit schienen sich mal die Hardliner, mal die eher aufgeschlossenen, jüngeren Militärs durchgesetzt zu haben (oder von Kim Jong Il gegeneinander ausgespielt worden zu sein). Nach außen jedenfalls ist von Flügelkämpfen nichts zu spüren. Als die USA Nordkorea in der vergangenen Woche von der Liste der Schurkenstaaten strichen, setzte das Land den vereinbarten Abbau seiner Atomanlagen fort.

Ohne Zustimmung des Militärs dürfte es wohl auf keinen Fall einen Nachfolger geben. Dabei ist es kaum erheblich, ob eine graue Generalität dereinst die Geschicke des Landes übernimmt wie im Falle Burmas oder ob sie eine wie auch immer geartete Repräsentationsfigur braucht. Das nordkoreanische System benötigt keinen tatsächlichen Führer. Es braucht Bilder und Verinnerlichungen, die das System am Leben halten. Darin hat es das Land in den vergangenen Jahrzehnten zu höchster Meisterschaft gebracht.

Wenn auch Kim Jong Il der "Geliebte Führer" ist und der 80-jährige Kim Yong Nam die Nummer zwei, so hat das Land in Wahrheit nur ein einziges Oberhaupt: Staatsgründer Kim Il Sung. Er amtiert seit 1998 als "Ewiger Präsident". Sein einbalsamierter Leichnam ist Objekt grenzenloser Ehrerbietung. Die Nordkoreaner pilgern in seinem Mausoleum auf kilometerlangen Rollbahnen zu ihm, verneigen sich, versteinern, weinen. Rund 20.000 Denkmäler sollen vom "Großen Führer" im Land verstreut sein, das größte in Pjöngjang ist 20 Meter hoch. Kim Il Sungs Geburtstag, der "Tag der Sonne", ist bedeutsamster Feiertag im Land. Mittlerweile muss er nicht einmal mehr so genannt werden. Plakate mit dem Geburtsdatum 4.15 (die Koreaner benutzen die amerikanische Schreibweise) genügen, um das Volk an seine Verzückungspflicht zu erinnern.

Je länger Kim Il Sung tot ist, desto dünner werden seine Zeichen. Erst standen Bilder, dann wurden Metaphern gezimmert, nun reichen Chiffren. Das Besondere ist, dass der "Große Führer" dadurch nicht verblasst. Im Gegenteil: Je geringer die Zeichen werden, desto mehr müssen die Nordkoreaner ihren Gehalt im Herzen tragen. Es ist wie beim christlichen Abendmahl: Die Hostie symbolisiert nicht den Leib Jesu, sondern ist tatsächlich der Leib Jesu, und so ist auch Kim Il Sung in permanente Wahrheit und Unsterblichkeit transformiert. Das vielleicht schönste Beispiel dafür ist die Kimilsungia, eine rosablühende Orchidee, die dem "Großen Führer" 1965 vom indonesischen Präsidenten Sukarno geschenkt wurde. Die Pflege der tropischen Pflanze genießt im rauen nordkoreanischen Klima seit den siebziger Jahren hohe Priorität. Auch als zwischen 1995 und 1998 der schwere Hunger wütete, mussten die Gewächshäuser beheizt sein. Man durfte Kim Il Sung keinen zweiten Tod sterben lassen.

Kim Jong Il besitzt ebenfalls eine eigene Blume. Die Kimjongilia ist eine rote Begonie. Bildnisse beider Nationalblumen werden seit einiger Zeit immer präsenter in dem, was bei uns Öffentlichkeit heißt. Gymnastikformationen tanzen sie bei den Arirang-Massenspielen. Rosa und rot sind jener Winkelemente, derer Kim Jong Il in letzter Zeit nicht ansichtig wurde. Laternen und Beete sind in Form der beiden Blumen gestaltet. Es gibt in Pjöngjang sogar Transparente, die nur noch die blühende Kimilsungia und Kimjongilia zeigen.

Lebt er? Lebt er nicht? Nordkoreas Macht hat sich in zwei Blumen manifestiert. Ein Blütenzupfen scheint aussichtslos zu sein. So wie Kim Jong Il das Surrogat seines Vaters ist, ist seine Blume das Surrogat von ihm. Wer auch immer die Macht in Nordkorea ausüben wird, diese komplizierte Konstruktion wird er berücksichtigen müssen. Andernfalls droht dem Land der rasche Zusammenbruch. Die Kimjongilia wird weiterblühen, auch wenn Kim Jong Il tot ist. Sofern es sich um eine robuste Züchtung handelt, könnten wir sie eines Tages im Baumarkt kaufen.

Christoph Moeskes ist freier Autor in Berlin und Herausgeber des Bandes Nordkorea. Einblicke in ein rätselhaftes Land im Chr. Links Verlag

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