In der Krise sind alle Keynesianer

Gastbeitrag Corona zeigt der Welt das hässliche Gesicht eines entfesselten Kapitalismus. Höchste Zeit, daraus die richtigen Konsequenzen zu ziehen
In der Krise sind alle Keynesianer
Wohin geht es nach der Krise? Das ist abhängig vom Verlauf gesellschaftlicher Auseinandersetzungen

Foto: Sean Gallup/Getty Images

Seuchen, Kriege und Hungerkatastrophen gelten als Geißel der Menschheit. Jahrhundertelang haben Pest, Pocken und Tuberkulose die Erdbewohner heimgesucht. Im Mittelalter raffte die Pest ein Drittel der europäischen Bevölkerung dahin. Im 21.Jahrhundert bedrohten SARS, die Vogel- und Schweinegrippe und Ebola die Menschen. Die Verbreitung dieser Krankheitserreger war jedoch regional begrenzt.

Die Corona-Pandemie gefährdet hingegen die Weltbevölkerung. Viele nationale Gesundheitssysteme sind nicht auf den Ansturm schwer kranker Patienten vorbereitet. Deswegen versuchen die Regierungen durch gesundheitspolitische Maßnahmen Zeit zu gewinnen. Sie schränken Sozialkontakte ein und bringen das öffentliche Leben zum Stillstand. Merkel, Macron, Conte, Trump und Co machen die Grenzen dicht, verhängen Ausgangsperren und schließen Kitas, Schulen, Theater und Restaurants.

Vor dem Virus sind nicht alle gleich. Zwar haben sich mit Boris Johnson, Tom Hanks und Friedrich Merz auch Angehörige der Eliten angesteckt. Doch während die bürgerliche Oberschicht im sterilen Homeoffice mit der richtigen Netzgeschwindigkeit kämpft, sind Verkäuferinnen, Pfleger und Reinigungskräfte jeden Tag einem hohen Ansteckungsrisiko ausgesetzt. Von den ungleichen Folgen eingeschränkter Bewegungsfreiheit und den ungleichen sozialen Risiken der Wirtschaftskrise ganz zu schweigen.

Die Weltwirtschaft hat auf Krisenmodus umgeschaltet. Die Krise frisst sich über globale Wertschöpfungs- und Lieferketten in die Maschinenräume der Volkswirtschaften hinein. Die Produktion schrumpft, da Vorprodukte nicht mehr geliefert, die Verkehrsinfrastruktur nur eingeschränkt funktioniert, Aufträge wegbrechen und Belegschaften geschützt werden müssen. Der Club der Industrieländer (OECD) geht im schlimmsten Fall davon aus, dass der Virus das globale BIP-Wachstum halbieren wird.

Wirtschaft vs Gemeinwohl

Die exportabhängige deutsche Automobil-, Chemie- und Pharmaindustrie sowie der Maschinenbau werden vom Kollaps der Weltwirtschaft hart getroffen. In vielen Dienstleistungsbranchen steht die Arbeit still. Zwischen Flensburg und München schicken die Unternehmen ihre Mitarbeiter ins Homeoffice, melden Kurzarbeit an und streichen ihre Investitionen. Ein Börsencrash – der Dax verlor in wenigen Tagen fast 40 Prozent – macht es für Kapitalgesellschaften schwieriger an frisches Geld zu kommen. Einkommensverluste, Angst und weniger sozialer Konsum belasten den privaten Verbrauch.

Wie lange der politisch verordnete Stillstand andauern wird, ist völlig offen. Virologen streiten über die Wirksamkeit der Eindämmungsmaßnahmen. Noch steigt die Zahl der Infizierten exponentiell. Genaueres wird man erst in wenigen Wochen sagen können. Von der Dauer des künstlichen Komas ist aber die Schwere der Wirtschaftskrise abhängig.

Die wirtschaftlichen Folgen der Corona-Pandemie können die Wirtschaftskrisen und Naturkatastrophen nach 1945 in den Schatten stellen. Die professionellen Auguren rechnen, abhängig von der Dauer des Shutdowns, mit einem Wachstumseinbruch (BIP) zwischen fünf und 25 Prozent. Nur zum Vergleich: In der großen Weltwirtschaftskrise sank die deutsche Wirtschaftsleistung im Jahr 1932 um 17 Prozent. Abhängig von der Tiefe und Dauer der Rezession sind die Folgen für den Arbeitsmarkt. Die Zahl der Kurzarbeiter und Arbeitslosen könnte auf ein neues Rekordniveau ansteigen. Das Münchner IFO-Institut beziffert die möglichen Verluste bei sozial versicherter Arbeit zwischen 200.000 (best case) und 1,8 Millionen (worst case). Die Zahl der Kurzarbeiter könnte im schlimmsten Fall auf 6,6 Millionen ansteigen. Hoffnung macht allein, dass es nach dem Ende einer Epidemie in der Regel wirtschaftlich wieder schnell bergauf geht.

Doch manchen kann es gar nicht schnell genug gehen. Einige Unternehmen, Arbeitgeberverbände und Politiker wollen aufgrund der massiven betrieblichen und volkswirtschaftlichen Kosten die kapitalistische Verwertungsmaschine schon bald wieder anwerfen. Hier zeichnet sich ein harter Konflikt zwischen wirtschaftlichen und Gemeinwohlinteressen ab.

Wenn das Kurzarbeitergeld nicht zum Leben reicht

Eine historische Krise kann nur mit einer entschlossenen Antikrisenpolitik erfolgreich bekämpft werden. Die Große Koalition hat zunächst schnell und angemessen reagiert.

Arbeitsminister Hubertus Heil (SPD) hat die Kurzarbeit erleichtert. Dadurch werden Massenentlassungen verhindert und die Beschäftigten finanziell abgesichert. Kritisch ist aber, dass viele Arbeitgeber das Kurzarbeitergeld, welches aktuell bei 60 Prozent des Nettogehalts liegt (67 Prozent mit Kindern), nicht erhöhen wollen, während sie bei den Sozialversicherungsbeiträgen voll entlastet werden. Die Große Koalition hatte die Sozialversicherungsbeiträge bei Kurzarbeit erlassen, ohne dies an die Bedingung zu knüpfen, dass Arbeitgeber aufstocken. Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer mit geringen Einkommen müssen folglich empfindliche Einbußen hinnehmen. So erhält eine alleinerziehende Einzelhandelsverkäuferin mit einem Kind und 1.890 Euro brutto im Monat ein Kurzarbeitergeld von nur 939 Euro. Millionen Geringverdiener werden so gezwungen, Hartz IV zu beantragen. Deswegen streiten die Gewerkschaften jetzt für tarifverträgliche Regelungen, die das Kurzarbeitergeld auf bis zu 90 Prozent aufstocken. Im öffentlichen Dienst, in der Metall- und Elektroindustrie, in der Systemgastronomie, bei Bahn und Telekom konnten bereits Erfolge erzielt werden. Dort wurde das Kurzarbeitergeld auf zwischen 80 und 97 Prozent des Nettolohns angehoben. Von einer flächendeckenden Aufstockung sind wir aber noch weit entfernt. Sollten die Arbeitgeber sich nicht bewegen, muss die Regierung handeln. Hoch problematisch ist zudem eine Notverordnung der Bundesregierung, die das Arbeitszeitgesetz lockert. Denn längere Arbeitszeiten und kürzere Ruhezeiten treffen die bereits hoch belasteten Beschäftigten im Gesundheitswesen und Einzelhandel mit voller Wucht.

Finanzminister Olaf Scholz (SPD) richtet einen 600 Milliarden schweren Rettungsfonds für Unternehmen ein und erhöht den Garantierahmen der Staatsbank KfW um 450 Milliarden Euro. Die KfW soll Unternehmen unbegrenzt Liquiditätshilfen zur Verfügung stellen. Kredite, Staatsgarantien und Teilverstaatlichungen können eine drohende Pleitewelle verhindern. Hier sollten aber die Lehren aus der Finanzmarktkrise 2008 gezogen werden. Das Prinzip Leistung nur für Gegenleistung muss konsequent umgesetzt werden. Wenn der Staat sich an Unternehmen beteiligt, muss er diesmal auch Einfluss auf die Unternehmenspolitik nehmen. Am besten im Sinne einer sozial-ökologischen Transformation.

Für Kleinunternehmer und Selbständige hat Berlin einen Solidaritätsfonds bereitgestellt, der mit 50 Milliarden Euro ausgestattet ist. Dieser Fonds vergibt Soforthilfen von bis zu 15.000 Euro. So können Soloselbständige und Kleingewerbetreibende ihre Einnahmeausfälle für ein paar Monate überbrücken. Darüber hinaus schnürte die Merkel-Regierung ein Sozialschutz-Paket. Mittellose Selbständige können Hartz-IV beantragen, ohne ihre Ersparnisse aufbrauchen zu müssen. Bedürftige Familien bekommen einen Kinderzuschlag und Mieter fliegen in der Krise wegen Mietschulden nicht aus ihren Wohnungen.

Insgesamt mobilisiert die Bundesregierung 1,2 Billionen Euro im Kampf gegen die Corona-Krise. Dafür nimmt der oberste Kassenwart der Republik sogar in Kauf, dass die Bild-Zeitung ihn zum Schuldenkönig krönt. Schwarze Null, Schuldenbremse und Fiskalpakt sind erst einmal Geschichte. Scholz plant für 2020 eine Nettokreditaufnahme von 156 Milliarden Euro. Das ist viel Holz. In der Finanzmarktkrise musste Peer Steinbrück 2010 lediglich 40 Milliarden neue Schulden machen.

Olaf Scholz handelt in der Krise ohne ideologische Scheuklappen. Nicht auszumalen, was passiert wäre, wenn Wolfgang Schäuble noch in der Wilhelmstraße residieren würde. In der Krise sind jetzt alle Keynesianer. Folglich wird auch wieder über ein Konjunktur- und Investitionsprogramm debattiert. Dieses sollte aus kurzfristigen konsumstimulierenden Maßnahmen – Konsumschecks, Kindergeldsonderzahlung, Kinderboni oder höheren Hartz-IV-Sätzen – sowie langfristigen Infrastrukturinvestitionen – in Gesundheitswesen, Klimaschutz, Digitalisierung, etc.- bestehen. Die Maßnahmen müssten dann greifen, wenn die Gesundheitskrise überwunden ist. Dadurch würden die Erwartungen der Unternehmen stabilisiert und die wirtschaftliche Erholung beschleunigt.

Und die internationale Solidarität?

Ein Virus, der keine Grenzen kennt, muss international bekämpft werden. Die Europäische Union und die führenden Industriestaaten (G20) versagen aber beim globalen Krisenmanagement. Brüssel ist, wie schon in der Finanzmarktkrise 2008 und in der sogenannten Flüchtlingskrise 2015, unfähig, sich auf ein gemeinsames Vorgehen zu einigen. Die EU-Mitgliedsstaaten stimmten ihre Schutzmaßnahmen nicht miteinander ab. Statt internationale Solidarität zu üben, verboten die Nationalstaaten die Ausfuhr von medizinischen Gütern. Italien erhielt die ersten Hilfslieferungen und personelle Unterstützung durch ausländische Ärzte- und Pflegeteams aus China, Russland und Kuba. Ein Armutszeugnis für Europa!

Brüssel könnte einen wichtigen Beitrag zur Eindämmung der Pandemie leisten. Mit einer Gemeinschaftsanleihe – sogenannte Coronabonds – könnten die milliardenschweren Antikrisenpolitiken kostengünstig finanziert werden. Gleichzeitig würden Finanzwetten auf den Untergang Roms oder Madrids im Keim erstickt. Eine Neuauflage der Eurokrise bliebe uns erspart. Doch die deutsche Bundesregierung verhindert bisher eine Vergemeinschaftung der Schulden. Somit muss die Europäische Zentralbank wieder einmal den Retter in letzter Not spielen. EZB-Chefin Christine Lagarde kauft für 750 Milliarden Euro Aktien und Anleihen und hilft damit den Euroländern ihre Abwehrmaßnahmen gegen die Krise durch niedrig verzinste Staatspapiere zu finanzieren.

Die südliche Erdhalbkugel und große Teilen Asiens sind besonders auf internationale Hilfe angewiesen. In Afrika, Lateinamerika und Südostasien droht eine humane Katastrophe. In vielen Entwicklungs- und Schwellenländern funktioniert das Gesundheitssystem nur für die nationalen Eliten, breite Bevölkerungsschichten haben kein sauberes Wasser und die beengten Lebensverhältnisse in den Slums der Metropolen erlauben keine soziale Distanzierung. Zudem trifft diese Länder der Kollaps der Weltwirtschaft. Fallende Rohstoffpreise und sinkende Rücküberweisungen rauben diesen Nationen die Einnahmen. Gleichzeitig steigen die Lebensmittelpreise in Regionen, wo die heimische Bevölkerung nicht mit eigenen Nahrungsmitteln versorgt werden kann. Ein teuflischer Cocktail für staatliche Repression, Aufstände und Bürgerkriege.

Gesundheit als Ware

Im Kampf gegen den Corona-Virus kommt es vor allem auf ein leistungsfähiges Gesundheitswesen an. In den Kliniken machen Ärzte, Pfleger und Reinigungskräfte einen bewundernswerten Job. Das deutsche Gesundheitssystem ist auf den ersten Blick in guter Verfassung. Es gibt viele Ärzte und Krankenhäuser, die Ausstattung mit medizinisch-technischen Geräten ist gut und fast die ganze Bevölkerung ist krankenversichert.

Die Corona-Pandemie zeigt jedoch die Grenzen eines zunehmend auf Profit ausgerichteten Gesundheitswesens auf. In den Kliniken fehlen Intensivbetten, Beatmungsgeräte, Pflegepersonal, Schutzkleidung und Desinfektionsmittel. In den letzten Jahrzehnten verschlechterte die Kommerzialisierung des Gesundheitssystems die Versorgungsqualität und Arbeitsbedingungen. Krisenpuffer wurden abgebaut.

Jedes dritte Krankenhaus ist heute privat und auf Profit getrimmt. Die Krankenhauskonzerne konzentrieren sich auf die lukrativen Behandlungsfälle, sparen beim Personal und schließen unrentable Abteilungen (z.B. Intensivstationen). Die Einführung von Budgets und Pauschalen machte aus Krankenhäusern Wirtschaftsbetriebe. Im System der Fallpauschalen folgt das Geld der Leistung. Folglich kürzen die Klinikleitungen unrentable Leistungen wie beispielsweise die Pflege und weiten profitable Leistungen aus. Wer im Wettbewerb nicht mithalten kann, muss irgendwann schließen. Im Sommer 2019 empfahl die Bertelsmann-Stiftung jedes zweite Krankenhaus dichtzumachen. Das wäre das Ende einer wohnraumnahen Gesundheitsversorgung gewesen. Ferner hätten wir heute italienische Verhältnisse.

Die Kliniken werden für jeden Behandlungsfall bezahlt, weswegen sie ihre Kapazitäten möglichst voll auslasten wollen. Für den Krisenfall vorgehaltene Betten produzieren Verluste. Deswegen wurde die Bettenkapazität seit der Jahrtausendwende um 11 Prozent gesenkt. In der Corona-Pandemie gibt es kaum mehr Reserven, um eine große Anzahl schwerkranker Patienten zu versorgen. Jetzt hat die Bundesregierung die erlös- und profitorientierte Krankenhaussteuerung krisenbedingt ausgesetzt. Berlin will medizinisch nicht notwendige Eingriffe aufschieben, um so Platz für Corona-Patienten zu schaffen. Die Krankenhäuser werden für die Einnahmeverluste entschädigt. Dieser krisenbedingte Systembruch war überfällig und stellt die gesamte betriebswirtschaftlich ausgerichtete Krankenhaussteuerung in Frage.

Der Personalnotstand

Doch damit nicht genug. Der Personalmangel in den Krankenhäusern hat inzwischen ein dramatisches Ausmaß angenommen. Schon vor der Krise fehlten rund 80.000 Krankenpflegekräfte. Dieser Fachkräftemangel ist hausgemacht. Pflegekräfte sind schlecht bezahlt und die Arbeitsbedingungen sind äußerst belastend. In den letzten Jahren kündigten zehntausende Pflegekräfte wegen Überlastung. Auch deswegen haben deutsche Krankenhäuser europaweit sehr wenige Pflegekräfte pro Bett. In den vergangenen Monaten mussten drei von vier Intensivstationen ihre Betten wegen Personalmangels sperren. Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) reagierte auf diesen Personalnotstand, indem er in der Corona-Krise die Personaluntergrenzen für Krankenhäuser außer Kraft setzte und damit weiteres Öl ins Feuer goss.

Erschwerend hinzu kommt, dass überall Atemmasken, Schutzkleidung und Desinfektionsmittel fehlen, um das medizinische Personal ausreichend zu schützen. Die gewinnmaximierende Produktionsverlagerung ins Ausland und just-in-time-Lieferketten führen jetzt zu Engpässen bei Verbrauchsmaterialien und Medikamenten. Seitdem nähen Automobilzulieferer, Hemden- und Brautmodenhersteller plötzlich Mund- und Nasenschutzmasken und Schnapshersteller füllen Desinfektionsmittel ab.

In der Gesundheitswirtschaft kollidieren immer wieder private Unternehmensentscheidungen mit gesellschaftlichen Interessen. Das Tübinger Unternehmen CureVac AG entschied allein darüber, ob ein Impfstoff gegen Corona hierzulande entwickelt und produziert wird. Wenn die Geschäftsführung ein Übernahmeangebot aus den USA angenommen hätte, müsste die Bundesregierung den Impfstoff künftig zu hohen Preisen einführen. Das ist nicht akzeptabel. Viele forschenden Unternehmen profitieren von steuerfinanzierter staatlicher Grundlagenforschung und versilbern anschließend die staatliche Forschungsarbeit mit privaten Patenten. Nur wenn die öffentliche Hand sich an solchen Unternehmen beteiligt, kann sichergestellt werden, dass die Forschungsergebnisse der Gesellschaft zugutekommen.

Auch die Gesundheitsämter stoßen in der Krise sehr schnell an ihre Grenzen. Sie sollen Angehörige beraten, Fälle registrieren und Quarantänemaßnahmen ergreifen. In den letzten zwei Jahrzehnten wurden ihre Budgets aber kleingespart. Folglich konnten viele Pflichtaufgaben nicht mehr bewältigt werden. Jede dritte Arztstelle in den Gesundheitsämtern wurde gestrichen. Mediziner im Krankenhaus werden besser bezahlt als ihre Kollegen in den Gesundheitsämtern. Kein Wunder, dass offene Stellen nicht mehr besetzt werden können.

Im Scheinwerferlicht: Daseinsvorsorge

Die Corona-Pandemie zeigt nachdrücklich, wie wichtig ein gutes öffentliches Gesundheitssystem für die Gesellschaft ist. Die Folgen eines kaputtgesparten öffentlichen Gesundheitswesens zeigen sich besonders dramatisch in Italien, Spanien und Großbritannien. Es ist kein Zufall, dass ausgerechnet diese Länder die meisten Infizierten und Toten unter den Industrieländern haben. Vom weitgehend privatisierten US-amerikanischen Gesundheitswesen ganz zu schweigen. Somit bleibt nur zu hoffen, dass die gesundheitspolitischen Maßnahmen die Ausbreitungsgeschwindigkeit des Virus hierzulande deutlich verlangsamen werden. Damit würde unseren Krankenhäusern ein Stresstest erspart.

Corona rückt die gesamte Daseinsvorsorge ins Scheinwerferlicht. In Zeiten der Pandemie halten Busfahrerinnen, Müllwerker, Feuerwehrleute, Pfleger, Polizistinnen, Telekommunikationselektroniker und Verkäuferinnen die Gesellschaft zusammen. Ohne eine funktionierende Daseinsvorsorge würde die Republik ins Chaos stürzen

Die Grundversorgung mit lebenswichtigen Gütern und Dienstleistungen wird aber in großen Teilen durch schlecht entlohnte Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer sichergestellt. Die Beschäftigten der kritischen Infrastrukturen bekommen bis zu 20 Prozent weniger Gehalt als nicht-systemrelevante Arbeitskräfte. Starke körperliche und psychische Belastungen, Überstunden und geringe Wertschätzung sind an der Tagesordnung. Denn viele Bereiche der Daseinsvorsorge leiden unter Personalmangel und Investitionsstau und sind chronisch unterfinanziert. Verantwortlich dafür war eine neoliberale Politik der Liberalisierung, Privatisierung, der Prekarisierung und des Sozialabbaus.

Lehren aus der Krise

Nach der Krise ist eine breite gesellschaftliche Mobilisierung für ein gemeinwohlorientiertes Gesundheitswesen möglich. Die Pflegeberufe müssen dringend aufgewertet werden. Gleiches gilt für die Reinigungskräfte in den Kliniken. Vom Lob der Kanzlerin können sie sich nichts kaufen. Die Gewerkschaften werden versuchen, Pflege- und Reinigungskräfte künftig stärker gewerkschaftlich zu organisieren. Gefragt ist aber auch politisches Handeln. Die Bundesregierung muss die höheren Gehälter des Pflegepersonals vollständig refinanzieren. Zudem sollte Berlin für eine gesetzliche Personalbemessung sorgen, um die Überlastung des Pflegepersonals zu stoppen. Ferner muss der Investitionsstau der Krankenhäuser aufgelöst werden.

Was für das Gesundheitswesen gilt, gilt auch für andere Bereiche der Daseinsvorsorge. Die krisenbedingt gestiegene Wertschätzung für die Beschäftigten des Nah- und Fernverkehrs, der Müllentsorgung, der Feuerwehr, der Wasserwerke und des Einzelhandels kann genutzt werden, um ihre Löhne und Arbeitsbedingungen zu verbessern. Im Einzel- und Versandhandel sind beispielsweise nur noch 36 Prozent der Beschäftigten durch einen Tarifvertrag geschützt, Teilzeit und Minijobs sind weit verbreitet. Hier bedarf es ebenfalls einer höheren gewerkschaftlichen Organisationsmacht, um gute Arbeit durchzusetzen. Die Politik kann zudem durch eine politische Stärkung der Tarifbindung – allgemeinverbindlicher Tarifvertag – und eine Zurückdrängung prekärer Beschäftigung – insbesondere Minijobs - die Verhandlungsmacht dieser Beschäftigten verbessern.

Nach der Corona-Pandemie werden aber die öffentlichen Kassen leerer und die Staatsschulden höher sein. Auch der Kampf gegen den Klimawandel droht vermeintlichen Sparzwängen zum Opfer zu fallen. Dann steht die Republik vor schweren gesellschaftlichen Verteilungskonflikten. Wer soll die Rechnung für den milliardenschweren Rettungseinsatz bezahlen? Und wie sollen wir mit der höheren Staatsverschuldung politisch umgehen?

Nach der letzten Finanzmarktkrise gelang es der Wirtschaftselite und konservativ-liberalen Medien die Bankenkrise in eine Staatsschuldenkrise umzudeuten. Mit Schuldenbremse und Fiskalpakt wurden den Kassenwarten Fesseln angelegt. Dadurch konnte der Sozialstaat an die kurze Leine genommen werden. Die Vorfahrt für Haushaltskonsolidierung ging zu Lasten der Zukunftsinvestitionen. Die Zeche bezahlten am Ende die abhängig Beschäftigten. Diesmal darf sich Geschichte nicht wiederholen – auch nicht als Tragödie oder Farce.

Schulden sind kein Teufelszeug. Kreditfinanzierte Investitionen fördern die wirtschaftliche Entwicklung. Solange die Wachstumsraten höher sind als der Zins, sinkt sogar die Schuldenquote. Folglich können künftige Investitionen mit der Kreditkarte zu bezahlt werden. Zudem ist Geld genug da. Dem öffentlichen Schuldenberg steht ein gigantisches privates Vermögen gegenüber. Das Nettovermögen beläuft sich hierzulande auf stolze zwölf Billionen Euro, davon sind sechs Billionen Geldvermögen. Das reichste ein Prozent besitzt ein Drittel davon, das reichste Zehntel etwa zwei Drittel. Wenn nach der Krise der Sozialstaat nicht schrumpfen, sondern modernisiert werden soll, dann muss die Verteilungsfrage gestellt werden. Ein guter Startpunkt wäre die Forderung nach einer Vermögensabgabe. Gleichzeitig brauchen wir eine breite gesellschaftliche Debatte über umverteilende Steuerpolitik.

Corona zeigt der Welt das hässliche Gesicht eines entfesselten Kapitalismus. Dort, wo Gesundheit zu einer Ware wurde, sterben viele Menschen. Gleichzeitig erleben wir aber den Staat als mächtigen Krisenmanager und Lebensretter. Damit dürfte das befremdliche Überleben des Neoliberalismus enden. Wohin die Reise anschließend geht, ist abhängig vom Verlauf gesellschaftlicher Auseinandersetzungen. Nach der Pandemie kann es sowohl mehr soziale Spaltung, Abschottung und weniger Freiheitsrechte als auch mehr soziale Gerechtigkeit, Solidarität und internationale Kooperation geben.

Dierk Hirschel ist ausgebildeter Tischler, promovierter Volkswirt, Bereichsleiter Wirtschaftspolitik der Gewerkschaft Verdi und Mitglied der SPD-Grundwertekommission

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12:07 04.04.2020

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