In der Vorstadthölle brutzeln

Hollywoods heisse Hausfrauen Das züchtige ist auch gern das süchtige Amerika

Seitdem sie George Bush zum zweiten Mal ins Weiße Haus gehievt hat, traut sich Amerikas "moralische Mehrheit" alles zu. Sogar den lang ersehnten "Sieg" über Hollywood. Den linken Schmierfinken, den Schmutz- und Schundlieferanten, die Amerikas Familien mit Sex und Sünde besudeln, soll das üble Handwerk gelegt werden. 500.000 Dollar Strafe für den Fernsehsender CBS in Sachen "Nippelgate" - Janet Jacksons sekundenlang entblößter Busen - war nur der Anfang.

Kein Wunder, dass sich die Networks nun bedeckt halten beziehungsweise im vorauseilenden Gehorsam potenziell anstößige Sendungen lieber gleich aus dem Programm nehmen. Ende November hat New Yorks Fernsehsender Kanal 13 einen Werbespot für den gerade angelaufenen Kinofilm über den Sexualforscher Alfred Kinsey entfernt. North Carolinas Public Radio untersagte einer internationalen Frauenorganisation, vor dem Mikrofon den landläufigen Begriff "Reproductive Rights" zu gebrauchen. Und in Los Angeles weigerten sich fünf kommerzielle Sender, einen Spot der städtischen Gesundheitsbehörde auszustrahlen, der vor steigender Syphilisgefahr warnt. Eine Geschlechtskrankheit zur besten Sendezeit, Gott verhüte. Die Botschaft lautet: Alles, was auch nur im entferntesten mit Sex zu tun hat, ist BAD! EVIL! Von unsäglichem Übel. Aber Amerika wäre nicht Amerika, ließe sich nicht auch eine gegenteilige Entwicklung beobachten: Geballter Sex am Sonntagabend. Nach dem Hit Sex and the City nun: Sex in Suburbia (Sex in der Vorstadt) und phänomenale Einschaltquoten für die Primetime-Seifenoper Desperate Housewives ("Verzweifelte Hausfrauen"), eine schlüpfrige Mischung aus altmodischer Soap, ätzender Satire, nervtötenden Klischees, Klamauk und Klimbim.

Die im Oktober angelaufene Serie ist Überraschungshit und Rettungsanker des Familien-Networks ABC. Der Kanal gehört seit einigen Jahren zu Disney, und unter dem Patronat des Mickey-Maus-Konzerns kam der Sender doch ziemlich auf den Hund - die heißen Hausfrauen allerdings haben das Ruder wieder herumgerissen.

Originalton Mary A.: "Mein Name ist Mary Alice Young. Wenn du die Morgenzeitung liest, wirst du auf einen Artikel über den ungewöhnlichen Tag stoßen, den ich letzte Woche erlebt habe. Normalerweise gibt es in meinem Leben nichts, über das zu berichten wäre, aber am vergangenen Donnerstag änderte sich alles ..."

So beginnt die erste Folge, die für Mary Alice zugleich die letzte ist, denn kaum hat sie ihr Luxusheim geputzt und köstliche Waffeln gebacken, schießt sie sich, zackbum, ein Loch in den Kopf. - Tote reden nicht, doch Mary Alice kann nicht anders: sie muss die story der desperaten Hausfrauen erzählen. Aus ihrer nunmehr gehobenen Warte führt sie die Nachbarschaft an der idyllischen Wisteria Lane vor : die gestylten Morning-Coffee-Ladies von Suburbia. Vier betuchte, mehr oder weniger verheiratete oder geschiedene Frauen um die 40. Hinter der komfortablen Vorstadtfassade an der Wisteria Lane sind sie ausnahmslos heftigen Turbulenzen ausgesetzt: Da ist Susan. Geschieden, einsam, Mutter einer zwölfjährigen Tochter. Susan versucht, sich den neuen Nachbarn, einen gut gebauten Klempner, zu angeln. Tochter Andrea spornt sie an: "Du musst wieder aus dir rausgehen. Come on. Wie lange hast du keinen Sex gehabt? Bist du sauer, weil ich dich das frage?" Susan: "Nein, ich versuche gerade, mich zu erinnern."

Nachbarin Bree van der Kamp treibt ihre Familie zum Wahnsinn, weil der Perfektionistin nur das Beste gut genug ist. Als ihr Mann sich scheiden lassen will, versucht sie, den Allergiker mit einer Zwiebel im Salat zu vergiften. Oder die schöne Gabrielle: Sie war früher Model. Ihren Carlos hat sie nur geheiratet, weil er Geld hatte. Jetzt langweilt sie sich in ihrem Palazzo und treibt es mit dem 16-jährigen Gärtner. Lynette, die ewig Zerzauste, echt Gestresste unter den aus dem Ei Gepellten, hat´s auch nicht leicht. Sie gab ihre Top-Karriere auf, um Kinder zu kriegen. Von ihrem Mann. Vier in drei Jahren. Ihre Zwillinge leiden an ADS - dem "attention deficit syndrom". Dreimal täglich am Ende ihrer Nerven, entdeckt Lynette das perfekte Wiederaufbaumittel: die Pillen ihrer konzentrationsgestörten Kinder. Und dann ist da noch Eddie, das Luder vom Dienst. Unzählige Male geschieden, scharf und biestig. Kein Wunder, dass ihr Haus abbrennt.

Kleine Dramen, große Damen. Autor und Produzent Mark Cherry (42) hält die Vorstadthölle am Brutzeln: Selbstmord, Verführung Minderjähriger, Tablettensucht, Ehebruch und immer wieder "political correctness", dazu Alkohol am Steuer, Basilikum-Püree, gehörnte Ehemänner, Einbruch, böse Schwiegermütter, Brandstiftung. Es fehlen noch Inzest und Geschlechtsumwandlungen, aber die nächste Staffel kommt bestimmt.

Autor Cherry hatte schon an der Erfolgsserie Golden Girls seinen Anteil - und danach eine lange Durststrecke. Cherry macht kein Geheimnis daraus, dass er ein schwuler Republikaner ist und erklärt, seine Mutter habe ihn zu der Serie inspiriert. Sie habe ihre Karriere als Opernsängerin aufgegeben, um ihre drei Kinder groß zu ziehen, und diesen Schritt später manches Mal bedauert. "Ich wollte etwas schreiben über die wichtigen Entscheidungen, die wir im Leben treffen, und was passiert, wenn nicht alles so gut geht, wie wir erwartet haben", kommentiert Cherry seinen Hit. Die Frauen an der Wisteria Lane hätten solche Entscheidungen getroffen und befänden sich nun in diversen Stadien des Bedauerns.

"Wie wahr, wie wahr, wir auch, wir auch", tönt Talkshowmasterin Oprah Winfrey, Sprachrohr für Millionen offenbar an sich und der Welt verzweifelnder Heimchen. Oprah lud gleich die ganze Crew ins Studio, aber wahre Feministinnen wie die Baltimore Sun-Kolumnistin Susan Reimer gehen da "gar nicht konform". Die Desperate Housewives gäben den Muslims "einen Grund mehr, uns zu hassen", sagt sie und beklagt die Stereotype: eine Martha Stewart, heißblütige Latina, eine nach Beute jagende Geschiedene, eine passive, resignierte Ex-Karrierefrau, erledigt von ihren grausigen Gören.

27 Millionen Fans fiebern den heißen Hausfrauen jeden Sonntag entgegen. Sie sitzen vorzugsweise in den christlichen Hochburgen des amerikanischen Kernlands und im Süden. Das sollte die Verlogenheit der Moralapostel dekuvrieren. Vor der Glotze sind sich das blaue und das rote Amerika einig - und über Geschmack lässt sich nicht streiten.


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00:00 07.01.2005

Ausgabe 39/2020

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