In der Zeitmaschine

Bambushütte oder Steinhaus Vietnam ist ökonomisch unter die "Tigerstaaten" geraten

"Mein Vietnam - ein Land und kein Krieg" nennt die Berliner Schauspielerin vietnamesischer Herkunft, Minh-Khai Phan-Thi, ihren Film über das Alltagsleben zwischen Viet Bac und Mekong-Delta und wehrt sich damit gegen das im Westen noch immer vorhandene Stereotyp, Vietnam und Krieg gleichzusetzen - auch wenn die letzten Kampfhandlungen 30 Jahre zurückliegen. "Für mich ist Vietnam ein Land und kein Krieg", schreibt die Künstlerin über ihren Film.

Viele Bauern zahlen einen hohen Preis für den besseren Lebensstandard

Tatsächlich ist 2005 in der vietnamesischen Alltagskultur von Krieg und Militär nur noch wenig zu spüren. Die Zeiten sind vorbei, in denen patriotisch gesonnene Männer in grüngrauer Militäruniform und mit aus Autoreifen gefertigten Gummischuhen das Straßenbild prägten. Über zwei Drittel der 81 Millionen Einwohner Vietnams wurden nach dem 30. April 1975 geboren, als Südvietnam kapitulieren musste. Auch junge Mädchen, die ihr Haar mit Spangen scheiteln, die aus dem Leichtmetall abgeschossener US-Flugzeuge gefertigt sind, sieht man nicht mehr. Vietnamesen kleiden sich heute gern chic, auffällig und individuell, was nicht zuletzt deshalb möglich ist, weil Anfang der neunziger Jahre die internationale Textilindustrie das südostasiatische Land als Billiglohnparadies entdeckt hat, seitdem hier produzieren lässt und ein Teil der Ware im Lande bleibt. Die Sozialistische Republik Vietnam (SRV) - so die offizielle Staatsbezeichnung - kann seit 2001 mit durchschnittlich acht Prozent das dritthöchste Wirtschaftswachstum Asiens (nach China und Laos) vorweisen.

Als das Land Ende der achtziger Jahre mit der Reformpolitik des "Doi Moi" aus der Stagnation heraus fand, drifteten die sozialistischen Staaten Osteuropas als bis dato wichtigste Handelspartner und Helferstaaten Hanois gerade in eine Wirtschaftskrise, die sich zu einer veritablen Systemkrise auswachsen sollte. Vietnam profitierte in dieser Zeit davon, dass die sogenannten Tigerstaaten Singapur, Südkorea, Malaysia und Thailand nicht nur den Zenit ihres Aufstiegs zu überschreiten begannen, sondern zwischenzeitlich auch Lohnkosten geltend machten, die es für ausländische Investoren aus der Textilbranche, aber auch der Chemie und Elektronik nicht mehr lukrativ erscheinen ließen, ihre Produktion wie gewohnt auszulagern. Da sprang Vietnam mit seinem konzilianten Joint-Venture-Gesetz und einem riesigen Reservoir an wohlfeilen Arbeitskräften in die Bresche.

Vor 30 Jahren, angesichts der vom Krieg ausgelaugten Agrarökonomie des Nordens und des durch US-Wirtschaftshilfe erzeugten künstlichen Supermarktes im Süden, war es undenkbar, dass eines Tages die vietnamesische Industrie - wie im Vorjahr geschehen - 40 Prozent des Bruttoinlandproduktes erwirtschaftet. Und das nicht zu Lasten der Landwirtschaft. Mussten noch bis 1991 Lebensmittel eingeführt werden, um die Bevölkerung zu ernähren, so exportiert Vietnam zwischenzeitlich Reis, Kaffee und Meeresfrüchte und produziert Überschüsse, die es nicht auf dem Weltmarkt absetzen kann. Die nach dem Vietnam-Krieg oft beklagte Mangelwirtschaft gehört der Vergangenheit an.

Ab 1989/90 sind die Anbauflächen von Agrarkooperativen teilweise an kleine Familienbetriebe verteilt worden, in denen alle Ressourcen - bis hin zur Kinderarbeit - mobilisiert werden. Viele Bauernfamilien zahlen einen hohen Preis für einen besseren Lebensstandard und schicken ihren Nachwuchs häufig nicht mehr zur Schule. Wohl besteht Schulpflicht, aber weil Gebäude und Lehrer knapp sind, zudem Familien das Schulgeld nicht aufbringen können oder wollen, tolerieren viele Gemeinden im ländlichen Raum den Gesetzesbruch. In den Boomzonen firmiert Bildung hingegen als hoher Wert. Wer es sich irgend leisten kann, schickt seine Kinder länger als die fünfjährige Pflichtzeit zur Schule, neun Jahre Ausbildung gelten in Hanoi als Standard, auch wenn sich eine Familie für das Schulgeld verschulden muss.

Auch ein weiteres Stereotyp des Westens hat sich überlebt: hier die Spartaner im Norden, die nur zu kämpfen verstehen - dort die Epikureer im Süden, die zu leben wissen. Die Metropole, die am dynamischsten wächst, ihr savoir vivre pflegt und von ausländischen Anlegern am meisten geschätzt wird, ist die Kapitale Hanoi, derzeit unbestritten die "Nummer 1" im Wettbewerb mit den anderen Wachstumsregionen Ho-Chi-Minh-Stadt, dem mittelvietnamesischen Da Nang und dem Kohlerevier an der Nordküste.

Nahezu jeder Staatsbedienstete kassiert seine
eigenen Steuern

In diesen Gegenden hat sich die Lebensweise mindestens ein Jahrhundert weit von den armen, durch die US-Armee entlaubten Regionen Zentralvietnams oder den Bergdörfern an der Grenze zu Kambodscha entfernt, die zu besuchen einer Reise mit der Zeitmaschine gleichkommt. Auch wenn hier die sprichwörtliche Bambushütte allmählich einem Steinhaus weicht, in dem Kühlschrank und Gaskocher zur Ausstattung gehören.

In mentaler Hinsicht allerdings bleiben Unterscheide zwischen Nord- und Südvietnam spürbar, bis hin zu Ressentiments und Vorurteilen. Will beispielsweise ein Nordvietnamese eine Frau aus dem Süden heiraten, werden die Partner nur schwer das Plazet ihrer Familien erhalten, das aber nötig ist, denn in Vietnam heiratet eine Frau nicht nur ihren Mann, sondern auch in dessen Familie - sie muss in der Regel mit den Schwiegereltern unter einem Dach wohnen und auskommen.

Ob Vietnam heute noch ein sozialistischer Staat ist, mag eine Frage sein, über die sich trefflich streiten lässt. Ohne Zweifel liegt die Macht weiter in den Händen der Kommunistischen Partei als der einzigen legalen politischen Formation des Landes. Und mit 37 Prozent ist der Anteil des Bruttoinlandproduktes, der in Staatsunternehmen entsteht, immer noch recht hoch, wenn auch im Sinkflug begriffen. Viele soziale Bedingungen haben dagegen mit humanistischen Sozialismus-Vorstellungen wenig zu tun: Weder in eine Schule, noch in eine Universität, noch zum Arzt kommt, wer kein Geld hat. Selbst lebenserhaltende Medikamente sind ohne Bezahlung nicht zu haben.

Rentenansprüche können nur einstige Frontkämpfer und Mitarbeiter in Staatsapparat erheben. Doch wäre es entschieden zu kurz gegriffen, ein fehlendes soziales Netz zu beklagen. Denn dafür bürgt traditionell die Großfamilie, in der die Kinder aufwachsen, Alte und Kranke aufgefangen und gepflegt werden. Bislang wacht der Staat nur darüber, ob Privilegien wie etwa das Recht, Touristen über Wasserwege zu staken und an berühmten Pagoden abzusetzen, unter allen Interessenten eines solchen Geschäfts gerecht verteilt sind.

Dennoch hat dieser Staat wohl erkannt, dass im Sog einer teilweise archaischen Marktwirtschaft seine soziale Fürsorge künftig mehr gefragt sein wird. Nur fehlen dazu schlicht die finanziellen Ressourcen, da Steuern bislang in Vietnam lediglich von ausländischen Investoren und Touristen gezahlt werden, der Bürger aber weitgehend unbehelligt bleibt. Zwar wurden 2003 erstmals Steuergesetze erlassen, sie greifen jedoch bis heute nicht. Da die Lebensbedingungen vieler kleinerer Staatsbeamter keineswegs der allgemeinen Hausse folgen, erinnern sich die meisten gewisser Gepflogenheiten, die bis in vorkoloniale Zeiten zurückreichen und gemeinhin mit dem Wort Korruption beschrieben werden. Nahezu jeder Staatsbedienstete kassiert seine eigenen Steuern. Was bleibt ihm übrig? Wenn er die Einnahmen an den Fiskus weiterleitet, kann er nicht sicher sein, dass sein Gehalt wirklich ausreicht, um die familiäre Existenz zu sichern.


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00:00 22.04.2005

Ausgabe 42/2021

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