In einem Element

Zwei Jahre lang reiste Erik Orsenna auf den Spuren des ­Wassers um die Welt und erlebte es in all seinen Dimensionen − als Schöpfer, Zerstörer und zunehmend knappe Ressource

Buch der Woche
Die Zukunft des Wassers. Eine Reise um unsere Welt von Erik Orsenna

Leseprobe

Die Tyrannei der Entfernung“. Wie könnte man die Geschichte Australiens besser zusammenfassen? Tyrannei oder Segen? Eine riesige, aber vergessene Insel. Die großen Ströme der Entwicklung gingen an ihr vorbei, ohne sie zu berühren. Ja, ohne sie zu sehen.

Der Nachteil der Forschungsreisenden ist, dass sie entdecken. Und, indem sie dies tun, die Isolation durchbrechen.

Als Cook, der geniale Seefahrer, am 5. Mai 1770 dort den Anker auswirft, bindet er Australien an den Rest des Planeten. Die Kaufleute werden ihn ablösen: Sie festigen die Bande, das ist ihr Beruf.

Und die Klimaentwicklung hat das Werk der Annäherung, das Cook eingeleitet hat, vollendet: Australien nimmt am Schicksal aller teil. Die Erwärmung trifft das Land, und vielleicht sogar härter als andere Gegenden.

Die Beunruhigung wuchs. Niemals, seit es Klimastatistiken gibt, hatte Australien eine ähnliche Trockenheit gekannt: sechs Millimeter Regen im August, und nicht mehr als vierzig in jedem der Wintermonate. Das größte Wasserreservoir, das Sydney versorgt, war unter vierzig Prozent seiner Kapazität gesunken … Die Bevölkerung, die zu den größten Wasserverbrauchern des Planeten zählt, sieht endlich ein, dass die traditionelle Unbekümmertheit und die allgemeine Verschwendung der Tat Platz machen müssen.

Ich habe entschieden Pech mit den Damen Wong. Die chinesische Madame Wong, die Weltkönigin der Socke, hatte sich geweigert, mich in ihrer Fabrik in Datang zu empfangen. Sie hasste es, wenn Ausländer ihre langen Nasen in ihre Baumwollangelegenheiten steckten.

Mit ihrer australischen Namensschwester, Mrs Penny Wong, die aus Malaysia stammt, einer ehemaligen Rechtsanwältin und Notarin, heute Ministerin für Klimawandel und Wasser, hatte ich ebenfalls kein Glück. Aber wie hätte ich es ihr verdenken sollen, dass sie unabkömmlich war! Die gesamte Regierung hatte den Zeitpunkt meines Aufenthalts gewählt, um dem Volk der Aborigines ihr offizielles Bedauern darüber auszudrücken, es so schlecht behandelt zu haben. Auf der ersten Seite aller Zeitungen veröffentlichte Australien seine Entschuldigung:

„Our National Apology

Today we honour the indigenous peoples of this land, the oldest continuing cultures in human history. We reflect on their past mistreatment (…)

We apologise for the laws and policies (…)

We apologise for the removal of children from their families (…)

For the indignity and degradation thus infl icted on a proud people, we say sorry (…)“

Die feierliche Verlesung dieses Textes vor dem Parlament durch Premierminister Kevin Rudd eröffnete eine Reihe von Veranstaltungen, an denen teilzunehmen Mrs Wong sich natürlich schuldig war. Der Dame sei versichert, ich trage es ihr nicht nach.

Umso weniger, als mich zwei andere einflussreiche Frauen informieren sollten. Die erste war groß, blond, herzlich und bestimmt. Sie hieß Wendy Craik und leitete die Behörde, die für das Becken der beiden Hauptflüsse des Landes zuständig ist: des Darling (2740 Kilometer Länge), der sich in den Murray ergießt (2530 Kilometer). Die Fläche dieses Beckens ist doppelt so groß wie Frankreich (mehr als eine Million Quadratkilometer). Es ist von allergrößter Bedeutung: Dort liegt das Herz der australischen Landwirtschaft.

Mrs Craik zeigt mir Fotos von ihren beiden verehrten Flüssen. Es ist offensichtlich, dass sie sie liebt. Und als handelte es sich um ihre Kinder, geraten wir einen Augenblick lang ins Schwärmen über ihre Schönheit, ihre Eleganz, die Länge ihres Laufs. Das Lob fällt mir nicht schwer: Australien ist ein Naturparadies. Aber Mrs Craik ist nicht der Typ, der lange gerührt ist. Ihre Flusskinder haben – leider! – einen großen, einen sehr großen Fehler: Sie sind launisch, das heißt, ihre Wasserführung ist von einer krankhaften Unregelmäßigkeit. Um ihre traurige Behauptung zu untermauern, reicht sie mir ein Blatt. Es bleibt mir nichts anderes übrig, als den Ernst der australischen Regellosigkeit festzustellen.

Jahr für Jahr ist die Wassermenge, die der Amazonas führt, mehr oder weniger dieselbe; der Rhein oder der Yangtse können ihre Menge verdoppeln; die des Darling kann von 1 bis 4.700 variieren!

Bestürzt, empfinde ich Mitleid. Doch mit einem Klaps auf den Unterarm ermutigt mich Mrs Craik wieder.

„Was soll’s! Australien ist, wie es ist. Es liegt an uns, Lösungen zu finden. Umso mehr, als die Klimaerwärmung diese Launen nicht beruhigen wird, ganz im Gegenteil. Welche Bevölkerung kann in einer solchen Ungewissheit überleben? Wir haben daher das Wasser gesammelt, als es im Überfluss vorhanden war. Wir haben Stauseen gebaut. Was ist ein Stausee? Ein Wasserspeicher, oder nicht? Werfen Sie einen Blick auf unsere Vorräte, sie verdienen es: das Staubecken Dartsmouth (fast 5 Milliarden Liter) oder der See Eucumbene (fast 6 Milliarden).“

Mrs Craik zeigt mir andere Fotos. Ich sehe ein gelbes, mit blauen Flecken übersätes Land.

„Auch unsere Bauern graben sich Wasserspeicher. Ich verstehe sie. Wenn sich die Gelegenheit bietet, legen sie Vorräte an. Aber das Wasser, das sie abfangen, ist Wasser, das meine Flüsse nicht empfangen werden. In diesem Tempo kann man nicht lange weitermachen.“

Mrs Craik schiebt mir eine neue Karte hin. Die blauen Punkte zeigen die bäuerlichen Speicher im Jahr 1994: schon damals eine schöne Wolke. Die roten Punkte sind die neuen Speicher, die in den letzten zehn Jahren gegraben wurden. Zwischen den blauen und den roten ist kein Platz mehr. Arme Niederschläge! Kaum am Boden, werden sie abgefangen. Keine Chance, den Fluss zu erreichen.

Da wir schon bei den schlechten Nachrichten sind, fährt Mrs Craik damit fort. Schamhaft erwähnt sie die anderen Fehler der Kinder, für die sie verantwortlich ist, die Fehler ihrer beiden geliebten Flüsse:

„Das sind Kämpfe, die einer nach dem anderen ausgefochten werden müssen, selbst wenn das System global ist.“

Mrs Craik zählt die Probleme mit Hilfe ihrer Finger auf. Wird sie genug Finger haben? Anstieg des Salzgehalts der Gewässer: Dem Murray werden jährlich 500.000 Tonnen Salz entzogen. Störung der Ökosysteme und Abnahme der Artenvielfalt: Einige Fischarten, die sich leichter anpassen, entwickeln sich in großer Geschwindigkeit auf Kosten der anderen. Als Folge der Trockenheit, Zunahme der Waldbrände: Was tun mit der Asche und wie die Schädigung und die Erosion des Bodens bekämpfen? Als Folge des Temperaturanstiegs, zunehmende Verdunstungstranspiration der Wälder: Die Wurzeln der Bäume entziehen dem Boden die Feuchtigkeit noch gieriger (zumindest die, die übrig bleibt) …

Um ihren kämpferischen Bericht zu beschließen, zeigte mir Mrs Craik ein anderes Gesicht des Murray: ein blauer Strich (der Fluss), der große rote Kreise (Wasserreservoirs) durchschneidet, durch merkwürdige Zickzacklinien mit grünen Flecken (Sümpfen) verbunden ist, von dunklen Dreiecken (Dämmen und Deichen, gut dreißig an der Zahl) zerhackt wird, fast in seiner ganzen Länge von grauen Strichen (Kanälen) eingerahmt und von andern Strichen, diesmal gelben (Leitungen), durchkreuzt wird, die in einer Art von Kämmen enden (Sammlern der Niederschläge über den Wäldern); der übersät ist mit kleinen roten Quadraten (Fischtreppen), bordeauxfarbenen Schmetterlingen (Pumpen) und unverständlichen Piktogrammen (Entsalzungsanlagen und Messstellen für Bor) …

Armer Fluss Murray! Man könnte meinen, das Röntgenbild eines Schwerverletzten vor sich zu haben mit Schienen, langen Schrauben in den Knochen und Eisenplatten, allen jenen so kunstvollen Basteleien, die die Beine oder das Leben retten.

Mrs Craik nickt mit dem Kopf: Mein Vergleich erscheint ihr zutreffend. „Yes, a highly regulated river system.“ Man fragt sich, wie und wo Fotografen überhaupt noch Bilder von einer ungezähmten Natur machen können. Aber um jede Gefühlsduselei zu vermeiden und ja nicht den Eindruck zu erwecken, in ihrem Kampf nachzulassen, nennt sie eine Zahl:

„2 Milliarden Dollar.“

„Die Gesamtkosten der Infrastruktur?“

„Für den Moment.“

„Wird das reichen?“

„Mit der Klimaerwärmung? Ganz bestimmt nicht. Australien ist ein reiches Land. Es wird bezahlen. Es hat keine andere Wahl.“

Die andere Kämpferin führt die Schlacht an einer anderen Front. Mrs Kerry Schott ist deutlich kleiner als ihre Kollegin und etwas breiter, aber ebenso lie­bens­würdig, genau und bestimmt. Vor dem Treffen hatte ich ihren Lebenslauf studiert. Ziemlich beeindruckend: nacheinander geschäftsführende Gesellschafterin einer Investmentbank, Leiterin der Umweltbehörde von New South Wales, Präsidentin einer Produktionsfirma (Film, Fernsehen), Generaldirektorin einer Fluggesellschaft … Im Augenblick leitet sie eine staatliche Behörde, die sich ganz einfach Sydney Water nennt. Das heißt, dass sie ihre (offensichtlich unerschöpfliche) Energie für die Lösung eines unlösbaren Problems einsetzt. Wie kann man bei einem Klima von zunehmender Trockenheit jeden Tag 4,5 Millionen australische Stadtbewohner, die in 42 Stadtgemeinden über 12.000 Quadratkilometer verstreut leben und keinerlei Verständnis für ihre Verantwortung haben, mit Wasser von guter Qualität versorgen? Jeder dieser 4,5 Millionen Australier verbraucht täglich 260 Liter Wasser, in dieser schlechten Angewohnheit nur übertroffen von den Kanadiern (330) und den Bewohnern der Vereinigten Staaten (300). Zum Vergleich: Der Italiener verbraucht 200 Liter, der Franzose 160 und der Belgier 120.

Wie ich vermutet habe, zählt Mrs Schott die klassischen Lösungen auf: Entsalzung von Meerwasser, Kläranlagen, Wiederaufbereitung …

„Übrigens hätten Sie mit einer Gruppe Israelis diskutieren können. Sie hat mich gerade verlassen. Das sind Experten, wissen Sie. Die Wiederaufbereitungsanlagen in Israel liefern jährlich fast 300 Millionen Kubikmeter. Ein nachahmenswertes Beispiel!“ Mrs Schott fährt fort. Sie erzählt mir von ihren täglichen Kämpfen. Kampf gegen die undichten Stellen im Netz: „Mit unseren neun Prozent sind wir zwar besser als London, wo es über zwölf Prozent sind. Aber wir sind noch weit entfernt vom Vorbild Singapur mit seinen fünf Prozent.“

Kampf für die Wiederaufbereitung:

„Im Moment kaum zwölf Prozent. Und wir sind immer noch nicht in der Lage, das Regenwasser richtig zu nutzen! Wissen Sie, dass es hier doppelt so viel regnet wie in London? Wenn ich an diese ganzen Flüsse denke, die wir auf diese Weise verlieren, platze ich vor Wut!“

Meine Gesprächspartnerin seufzt.

Der Abend senkte sich über die Stadt. Fand die Müdigkeit von Mrs Schott – nach einem langen, harten Arbeitstag mehr als verständlich – einen Widerhall in meinem Jetlag? Jedenfalls haben wir in ihrem großen Büro zu philosophieren begonnen. Genauer gesagt, ich mobilisierte den Rest von Aufmerksamkeit, der mir noch blieb, um ihr zuzuhören, wie sie mir den Pioniergeist erklärte. Der Pionier glaubt, dass der ihm zur Verfügung stehende Raum keine Grenzen hat, wenn die Aborigines erst einmal untergebracht sind. Man muss nur noch arbeiten, um aus ihm Gewinn zu schlagen. Eine ausgezeichnete mentale Voraussetzung für wirtschaftliches Wachstum. Aber mit der katastrophalen Tendenz zu vergessen, dass einige als unerschöpflich geltende Güter, wie das Wasser, in Wirklichkeit knapp sind. Und in den kommenden Jahren noch knapper werden.

Als sie mich hinausbegleitete, fügte sie auf der Türschwelle mit einem breiten, enttäuschten Lächeln hinzu:

„Ich vergaß: Sydney nimmt jedes Jahr um 55.000 Bewohner zu, nicht einen weniger, alle ganz bestimmt verschwenderische Wasserverbraucher. Lustig, oder? Ich frage mich, ob ich nicht Bankerin hätte bleiben sollen … Einen schönen Aufenthalt in diesem Land der Verrückten!“ Ich musste meine ganze gute Erziehung aufbieten und meinen ausgeprägten Sinn für Etikette mobilisieren, um Kerry Schott nicht zu küssen. Wenn diese wunderbare Dame wüsste, dass sie dem Überschwang meiner Bewunderung nur um Haaresbreite entkommen ist!

35 Millionen Liter Wasser verbraucht das Bergwerk pro Tag

560 Kilometer nördlich von Adelaide, gut eingebettet in die heiße Erde der Grenzgebiete der großen Wüste, befindet sich ein Schatz: das größte Uranvorkommen der Welt, das viertgrößte Kupfervorkommen, das fünftgrößte Goldvorkommen … Dieser Schatz ist das Eigentum der größten Abbaugesellschaft der Welt: BHP Billiton. 39.000 Angestellte; 100 Standorte; 25 Länder; Umsatz im Jahr 2007: 27 Milliarden Dollar; Gewinn: 13,7 Milliarden … Da das Wirtschaftswachstum immer mehr Rohstoffe erfordert, schnellen die Preise in die Höhe. Die Zukunft von Billiton sieht noch glänzender aus.

Dieses Bergwerk mit Namen Olympic Dam verbraucht jetzt schon 35 Millionen Liter Wasser am Tag. Ein Bergwerk benötigt immer viel Wasser. Aber nun hat man mit gigantischen Arbeiten begonnen, um die Produktion der Anlage zu steigern. Man braucht neue Energiequellen, braucht Züge, braucht Wohnungen. Und man braucht Wasser. Die einzig mögliche Antwort: das Meer. Dass es 320 Kilometer entfernt ist, hat niemandem Sorgen bereitet. Man muss nur eine Pipeline bis zur Entsalzungsanlage legen, die sich bereits in Bau befindet.

Ein anderes Bergwerk, andere Bedürfnisse.

Der Abbau der Goldmine New Moon, 150 Kilometer nördlich von Melbourne, verschmutzt die Umwelt stark. Nicht weiter überraschend: Wenige menschliche Aktivitäten sind so schädlich für die Natur wie die industrielle Goldsuche. Da die Zeit der Gleichgültigkeit gegenüber der Umwelt vorbei ist, muss die Eigentümerin dieses anderen Schatzes (die Bergwerksgesellschaft Bendigo) die Entsorgung beträchtlicher – und gefährlicher – Abfallprodukte organisieren und finanzieren: Arsen, Schwermetalle, Salz, Mangan … Nicht zu vergessen die Luftverschmutzung. Ohne geeignete Maßnahmen würde die so schöne australische Landschaft in diesem Gebiet als einzigen Duft jenen unangenehmen Geruch ausatmen, den Kinder, die unter Otitis leiden und die deswegen zu Thermalkuren verdammt sind, gut kennen: den Geruch fauler Eier.

Um den New Moon zu reinigen, braucht man Wasser, viel Wasser: 7 Millionen Liter am Tag. Darum kümmert sich die französische Gesellschaft Veolia.

Die Produkte der Bergwerke sind mit mehr als 10 Prozent an der Inlandsproduktion Australiens beteiligt, und vor allem, dank des gegenwärtigen Anstiegs der Weltmarktpreise, mit 55 Prozent an seinem Export. Man kann darauf wetten, dass der Wasserbedarf dieses Sektors vorrangig bleiben wird.

„Dieser Guss hat nichts zu bedeuten!“

Um das Paradies zu erreichen, musste ich lange und langsam hinter einer fast ununterbrochenen Schlange dieser kleinen, in mobil homes verwandelten Kastenwagen herfahren. Man muss sich damit abfinden: Überall in Australien sind grey nomads unterwegs, Reisende mit grauen Haaren, mit anderen Worten: Rentner. Neben der Erwärmung der Atmosphäre ist die Alterung der reichen Bevölkerung der andere große Trend unserer Epoche.

Der Reiz der sanft gewellten und üppig mit Mimosen und riesigen Eukalyptusbäumen bewaldeten Landschaft konnte meine Ungeduld nicht dämpfen: Ingrid wartete auf mich. Zum Glück gaben die Namen der durchquerten Ortschaften Anlass zu mancherlei Vermutungen. Hinter diesen ruhigen Fassaden, in diesen beschaulichen Häusern fanden vielleicht wilde, von riesigen Trommeln rhythmisch begleitete Feste statt. Warum sonst hätte man diese Dörfer Bong-Bong, Mittagong, Wollongong genannt …?

Eine andere Frage: Warum gab es überall so viele Schilder mit der Aufschrift „Zu verkaufen“? Warum wollten sich so viele Leute von ihren reizenden Häusern trennen?

Endlich kam ich an meinem Bestimmungsort an, ­Pines Pastoral.

Das Anwesen? Eine der möglichen Versionen des irdischen Paradieses. Zwei Täler laufen hier zusammen. Ihre Abhänge vereinen sich. Sie sind so sanft, diese Abhänge, dass die Landschaft aussieht, als wäre sie dazu geschaffen worden, den Blick zu beruhigen. Um ihn auch zu unterhalten, bewegen sich kleine, dunkle Flecken von Herden langsam über das blasse Grün der Wiesen zwischen dem graueren Grün unzähliger Eukalyptussträucher.

„Wenn Sie zwei Monate früher gekommen wären“, sagt Ingrid nach kurzen Begrüßungsworten, „wäre die einzige Farbe Gelb gewesen. Da ist mir das Schwarz der Erde, das die Waldbrände hinterlassen, noch lieber. Ein Brand hört wieder auf; das Gelb der Trockenheit kann Monate dauern, Jahre. Verstehen Sie?“

Ich nicke mit dem Kopf. Aber weder sie noch ich geben uns einer Täuschung hin. Niemand, der nicht Bauer oder Viehzüchter ist, kann verstehen, was diese endlose Brandwunde bedeutet.

Julia Kristeva, Psychoanalytikerin, Romanschriftstellerin, angesehene Professorin, ist eine bemerkenswerte Persönlichkeit der französischen Intellektuellenszene. Sie hat Bulgarien in den schlimmsten Zeiten des Kalten Krieges verlassen und kennt die Wechselfälle des Schicksals.

Aber konnte sie ahnen, was aus dieser Ingrid Orfali, einer schwedischfranzösischen Studentin, deren Doktorarbeit sie betreute, einmal werden würde? Der verlockende Titel deutete nicht darauf hin. Die fantasmatischen Bilder in der erotischen Literatur Frankreichs (am Beispiel Pierre Klossowskis). Sowie sie ihren Doktor in der Tasche hat, gibt die junge Dame die Semiologie zugunsten der Fotografie auf. Es folgt ein rascher und internationaler Erfolg. Anlässlich einer Ausstellung in Sydney begegnet sie Robin Dove-Grundy. Diese junge Frau teilt ihre Zeit zwischen der Bildhauerei und der Bewirtschaftung einer Farm, die auf dem Weg nach Canberra liegt. Ihre Familie betreibt dort seit fünf Generationen Viehzucht. Robin nimmt Ingrid mit zu sich nach Hause, und diese bleibt.

Ingrid redet schnell. Sie redet, wie man nach einem langen Marsch trinken würde: ohne Luft zu holen. Und ich kann längst nicht alles verstehen. Plättchen, Embryonen, Tiefkühlung, „günstige Besamungszeit“ … und doch ist es meine Sprache. Aber meine Kenntnisse in angewandter Genetik sind mager. Was ich aus diesem ersten Wortschwall schließe, lässt sich in wenigen Worten zusammenfassen: Die Globalisierung erfasst auch die Wiederkäuer. Ein Ochse oder eine moderne Kuh ist ein Identitäten-Lego, eine Zusammensetzung aus vielversprechenden Stammbäumen, die aus allen Ecken und Enden der Welt kommen (aus den Vereinigten Staaten, Kanada, Neuseeland …). Und die Bestimmung des Tiers hängt vom Markt ab. Wer wird am meisten für das Kilo durchwachsenes Fleisch bezahlen? Im großen Wettstreit des Markts gewinnt häufig Japan. Ingrid verkauft den größten Teil ihrer Rinder ins Land der aufgehenden Sonne. Zur letzten Mast werden sie mit dem Flugzeug dorthin gebracht. Aber welches sind die sieben Merkmale des Angusrinds, für die es seine Schutzmarke erhält? Was ist der Unterschied zwischen einem angus stud bull, einem heifer bull und einem marbling bull? Alles Fragen, die für mich unbeantwortet bleiben werden.

Sie haben es erraten, Ingrid und Robin sind Vieh­züchter.

Es beginnt zu regnen. Ein paar schwere Tropfen fallen mit einem klatschenden Geräusch auf den erdigen Weg. Laue Schwaden – Heu und Kuhmist – steigen vom Boden auf. Ingrids Gesicht verschließt sich.

„Dieser Guss hat nichts zu bedeuten!“

In Ingrid brodelt es. Ich ahne, dass sie nahe daran ist, ihr geliebtes Australien zu beschimpfen. Heuchlerisches Australien! Trocken, tödlich trocken, monatelang, und dann kommt ein kleiner Franzose, der die Trockenheit studieren will, und schon spielt es das normale Land, das ebenso regenreich ist wie ihr geliebtes und gehasstes England...

© für die deutsche Ausgabe: Verlag C.H. Beck oHG, München 2010

Erik Orsenna
Die Zukunft des Wassers
Eine Reise um unsere Welt
Aus dem Französischen von Caroline Vollmann
C.H. Beck
319 S., 21,95

Erik Orsenna, geboren 1947, ist Mitglied der Académie Française, Ökonom, Mitglied des französischen Staatsrats und Direktor des Centre international de la mer. Für LExposition colonial wurde er 1988 mit dem Prix Goncourt ausgezeichnet, für Weiße Plantagen erhielt er 2007 den Lettre Ulysses Award


Das Buch ist im Februar 2010 erschienen

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

16:54 20.05.2010

Ausgabe 16/2021

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Kommentare