In fünf Jahren muss Hollywood aufpassen

Nigerias Filmindustrie Noch baden die Nollywood-Regisseure mehr in Schweiß als in Sekt und Geld - doch das soll sich ändern

Wer sehen will, wie ein typischer Nollywood-Film gedreht wird, geht am besten an einem beliebigen Morgen ins Winnies. Dort trifft sich immer mindestens ein Team und fährt zum Dreh. Das Winnies sieht aus wie ein ganz normales Hotel, ein bisschen heruntergekommener vielleicht als andere, mit verräucherter Bar und stinkendem Abwassergraben vor dem Haus - wie überall in Lagos. Aber die meisten Produktionsfirmen haben keine Büros, also treffen sich die Filmteams hier.

"Das hat sich einfach so eingebürgert", sagt Kingsley Igwemba von Divine Touch. Zusammen mit seinem Bruder Emeka und dessen Firma First Prince Creation produziert er gerade ein Familiendrama. "Wir haben den 14. Drehtag. Noch fünf, wenn alles gut läuft - und wir sind fertig", hofft Emeka.

Alltag in Surulere, das sich als Filmviertel in der einstigen nigerianischen Hauptstadt Lagos etabliert hat. Fünf Minuten vom Winnies die Straße hinunter, direkt neben dem großen Fußballstadion, liegt das Ojez, noch eine Nollywood-Attraktion. Hier kehren Teams und Filmsternchen nach den Drehs gern ein. Warum sich Nigerias Nollywood gerade Surulere ausgesucht hat, kann niemand so genau sagen. "Vielleicht weil es so zentral liegt", sagt Jahman Anikulapo, lange Jahre Kulturchef der Zeitung Guardian.

Das Team der Emeka-Brüder - zwei Ausstatterinnen, ein Beleuchter, ein Kameramann, ein Ton-Ingenieur, ein Fahrer, drei Helfer - steigt in den Mercedes-Bus und fährt nach Festac, wo sie ein Reihenhaus für den Dreh gemietet haben. "So läuft das in Nollywood", erklärt Regisseur Ikechunkun Onyeka später. "Bei uns gibt es keine Studios. Der Location-Manager sieht sich nach passenden Häusern um. Manchmal dürfen wir dort sogar umsonst drehen, weil die Leute gern die Filmstars bei sich haben." Onyeka hat wie alle im Team keinerlei formale Ausbildung und kam eher durch Zufall in die Branche. Ursprünglich arbeitete er für einen Makler und wurde als Location-Manager an ein Film-Team ausgeliehen, dann kam eine Zeit als Regie-Assistent, seit drei Jahren führt er selbst Regie.

Mit bisher 14 Drehtagen und einem Budget von 6,5 Millionen Naira, ungefähr 50.000 Dollar, gehört Onyekas derzeitiger Film schon zu den größeren Nollywood-Produktionen. "Die Zeiten sind vorbei, in denen wir nur gedreht haben, um Geld zu verdienen", ist er überzeugt. "Wir schicken unsere Arbeiten inzwischen auf Festivals. Und uns ist völlig klar, dass wir mit unseren Streifen für die afrikanische Kultur werben."

Mit einer Stunde Verspätung treffen schließlich die beiden Darsteller, Ini Edok und Uche Odoputa, ein. Das Drehbuch, 40 von der Ehefrau des Produzenten eng mit der Schreibmaschine getippte Seiten, sieht zuerst eine Szene vor, in der Edok ihrem Film-Verlobten gesteht, sie liebe nicht ihn, sondern den Mann, der ihren Vater getötet und die Familie in den Bankrott getrieben hat. Was will man machen! Die Szene wird zweimal trocken geprobt, dann gedreht. Einmal von nah, einmal total. Nach dem Filmen werden die zwei Optiken montiert. Wie man vielen Nollywood-Filmen entnehmen kann, bleiben dabei oft auch die Szenen erhalten, in denen sich die Schauspieler verhaspelt haben oder aneinander vorbei spielen. Nur Schweiß will der Regisseur nicht. Wenn ein bisschen davon auf Edoks Stirn glänzt, ruft er sofort: "Cut. Ini, du schwitzt schon wieder." Dann tupft ein Helfer die Stirn und taucht wieder ab.

Zwar meint es die staatliche nigerianische Elektrizitätsgesellschaft heute gut mit dem Team, denn es gibt den ganzen Tag Strom. Aber da bei Nollywood-Streifen der Ton nicht nachbearbeitet wird, kann die Klimaanlage nicht angeschaltet werden. "Selbstverständlich leidet die Qualität, wenn man zehn Seiten Drehbuch an einem Tag abarbeitet und so wenig Ausrüstung hat wie wir", räumt Onyeka ein. "Man kann das freilich auch als Vorteil sehen. Wir gehen durch die harte Schule, und wenn wir irgendwann unter professionelleren Bedingungen arbeiten, werden wir uns vor niemandem mehr zu verstecken brauchen. Nicht einmal vor Hollywood."

Während Nollywood bisher von der nigerianischen Regierung und dem Finanzsektor ignoriert und allein von einigen privaten Unternehmern angetrieben wurde, beginnen inzwischen einige Banken doch, sich zu engagieren. "Für unseren ersten Film haben wir vor fünf Jahren das Geld von Freunden und Verwandten zusammengeborgt", erzählt Produzent Emeka Igwemba. Er selbst habe seine Karriere als Fotograf für Filmplakate begonnen. "Mit Gottes Hilfe war unser erster Film gleich erfolgreich."

Wenn sich eines Tages die Spreu vom Weizen getrennt hat

Im Vorjahr wurden nun die ersten vier Nollywood-Filme mit dem Kredit einer großen nigerianischen Bank finanziert. "Ein Riesenschritt für Nollywood", glaubt Fred Amata, der einen dieser Filme - Letters From A Stranger - gedreht hat. "Lange besaß Nigerias Filmindustrie ein Wildwest-Image. Deshalb haben wir uns gefragt: Wie können wir das ändern." Also gründete Amata zusammen mit drei anderen Regisseuren 2006 das "Projekt Nollywood" und versuchte, nigerianische Sponsoren zu finden, ein funktionierendes Vertriebssystem aufzubauen und die Filme wie im Westen zu vermarkten: Sie zuerst in den Kinos zu zeigen und erst dann auf DVD zu verkaufen.

Allerdings existieren in Nigeria kaum Kinos im herkömmlichen Sinne. "Ein typischer Nollywood-Film wird wie folgt der Öffentlichkeit kundgetan: Es werden ein paar Plakate geklebt, und das ist alles", erzählt Ikechunkun Onyeka. "Und dann werden zwei Wochen lang die DVDs verkauft. Fast immer aber nur in vier Bundesländern. Nigeria hat aber 36. Deshalb reiben sich die Fälscher natürlich die Hände, weil die Leute in den anderen Regionen gehört haben, dass es den Film gibt, sie aber nicht an ihn rankommen. Also kaufen sie die gefälschte DVD."

Produzent Emeka Igwemba lässt von seinem aktuellen Film 30.000 DVDs brennen. "10.000 für Lagos. Den Rest für das Niger-Delta und die Ibo-Region im Südosten." Oft verkauft seine Produktionsfirma die DVDs an Händler, die Lebensmittel und alle möglichen anderen Waren in ihre Heimatregionen transportieren. Dass im Westen und Norden fast ausschließlich gefälschte Versionen ihrer DVDs kursieren, müsse er in Kauf nehmen.

Trotz aller Defizite bei Produktion und Vertrieb - alle sind sich einig, Nollywood hat die beste Zeit noch vor sich. Wen auch immer man fragt, jeder sprüht vor Enthusiasmus. "Seit wir dabei sind", sagt Produzent Igwemba, "erlebt Nollywood einen Riesenboom. Und das haben wir ohne jegliche Hilfe, nur mit dem Schweiß unserer eigenen Arbeit erreicht. Bald schon werden wir Filme mit großen Budgets drehen." Und Regisseur Onyeka glaubt: "In fünf Jahren muss Hollywood sich vorsehen. Die Zeit ist auf unserer Seite. Leider werden im Augenblick unter dem Etikett Nollywood noch zu viele schlechte Filme verkauft. Aber sobald sich die Spreu vom Weizen getrennt hat, sehe ich keine Grenzen für das Wachstum der nigerianischen Filmindustrie."

Bis heute können viele Nollywood-Filme die Seifenopfer nicht verleugnen

Wo diese Grenzen momentan zu ziehen sind, weiß niemand genau, denn die Branche bleibt allein auf die private Initiative angewiesen. Nach nicht sehr konservativen Schätzungen werden in Nollywood jährlich bis zu 1.500 Filme abgedreht, was dazu berechtigen würde, von der größten Filmindustrie weltweit zu sprechen. Nach den Einnahmen allerdings rangiert der mutmaßliche Gigant deutlich hinter Hollywood und auch hinter dem indischen Filmimperium Bollywood.

Die Ursprünge der nigerianischen Filmindustrie, meint Shaibu Husseini, der seit 20 Jahren für die Zeitung Guardian mehr als 300 Interviews mit Nollywood-Produzenten, Regisseuren und Schauspielern geführt hat, würden auf die verordneten strukturellen Anpassungsmaßnahmen des Internationalen Währungsfonds und die Abwertung des nigerianischen Naira unter Ibrahim Babangidas Militärregierung Mitte der achtziger Jahre zurückgehen. "Mit einem Schlag hatte das nigerianische Fernsehen kein Geld mehr für eigene Produktionen, so dass nichts anderes übrig blieb, als nach externen Produzenten zu suchen." Deshalb könnten bis heute viele Nollywood-Produktionen die Fernseh-Soap nur schwer verleugnen.

Den ersten großen Publikumserfolg landete Nollywood mit dem Film Living in Bondage, von dem 1992 innerhalb kurzer Zeit fast eine Million VHS-Kassetten verkauft wurden. Der Film beschreibt den Aufstieg eines Mannes, der sich einem Kult anschließt, dafür jedoch seine Ehefrau für einen Ritualmord opfern muss. Besonders der ungewohnte Umgang mit okkulten Themen traf den Nerv des nigerianischen Publikums und wird seither von vielen Nollywood-Filmen kopiert. "Unabhängig davon, wo die Geschichte angesiedelt ist", sagt Onookone Okome, Professor für Afrikanische Literatur und Kino, "gibt es darin immer das Element der Tradition, um gegen die Moderne zu rebellieren. Die Leute glauben an rationales Denken, wie es die europäische Aufklärung empfiehlt, aber wenn alles andere nicht funktioniert, lieben sie das andere Extrem, die Zauberei."

Die nigerianische Filmindustrie werde nur dann weiter wachsen, glaubt der Journalist Shaibu Husseini, wenn ihr die Regierung klare Rechtsformen verschafft. Immerhin wurde im Vorjahr die Nationale Video-und-Film-Zensur-Behörde gegründet, die nicht nur sexuell exponierte Sequenzen aus den eingereichten Filmen zu bannen, sondern auch für den nigerianischen Film im Ausland zu werben hat. "Was wir brauchen ist klar", sagt Husseini, "die Branche selbst muss transparenter werden, um Investoren von außen zu holen. Nollywood bietet eine riesige Chance, Nigerias Renommee im Ausland aufzupolieren. Bisher hat das die Regierung nicht begriffen und den Film furchtbar vernachlässigt."

Nigeria

Staatsform

Präsidiale Bundesrepublik

(Präsident: Umaru Yar´Adua, seit 2007)

Bevölkerung

Die größten und politisch einflussreichsten Völker in Nigeria sind die Hausa und Fulbe (29 Prozent der Bevölkerung), es folgen die Yoruba (21) und die Ibo (18). Hinzu kommen etwa 400 zum Teil sehr kleine ethnische Minderheiten. Weil die von Hausa oder Yoruba dominierte Regierung eine politische Partizipation zurückweist, wehren sich einzelne Ethnien immer wieder gegen die Benachteiligung.

Fläche

923.768 Quadratkilometer

BIP / Einwohner

824 US-Dollar (2006)

Einwohner

140,1 Millionen (2006)

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00:00 28.03.2008

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