In schlechter Gesellschaft

Einheitskultur Spanien vor und nach Aznars Fall

Ein Opfer der Anschläge von Madrid starb weder in Atocha noch in El Pozo, noch in Santa Eugenia, sondern ein paar hundert Kilometer weiter nordöstlich, in der Altstadt von Pamplona. Dort weigerte sich der Bäckermeister Angel Berroeta, ein gegen die ETA gerichtetes Plakat an die Ladentür zu hängen. Eine Nachbarin, Frau eines Polizisten, hatte dies von ihm verlangt. Kurz darauf erschien ihr Mann im Bäckerladen, Pistole in der Hand, und tötete Berroeta mit vier Schüssen.

Das geschah am 13. März, als die Regierung Aznar längst wusste, dass nicht ein Terrorkommando der baskischen Freischärler die Attentate begangen hatte. So verbindet sich die Bluttat von Pamplona für immer mit dem Kalkül eines Politikers, der darauf aus war, nach acht Jahren Regierungszeit mit sauberen Händen aus dem Amt zu scheiden, seine Nachfolge zu regeln, die Linke von der Regierung fernzuhalten, den baskischen und katalanischen Nationalismus in die terroristische Ecke zu drängen, die jüngere Geschichte des Landes umzuschreiben und dazustehen als einer, der Spanien Wohlstand und Ansehen verliehen hat. In seiner Entscheidung, nicht mehr zu Wahlen anzutreten, die seine Partei allen Umfragen nach klar gewinnen würde, auch keine anderen öffentlichen Ämter anzustreben, verglich Aznar sich selbst mit Kaiser Karl V., der 1556, am Höhepunkt seiner Macht, abgedankt und sich in das Kloster Yuste, in der Extremadura, zurückgezogen hatte. Nun ist nichts mehr so, wie es war und vorausgesagt wurde, und statt an Kaiser Karl denkt man an General Franco, der sein Erbe auch atado y bien atado - verschnürt und bestens verschnürt - hatte, und doch zerfiel sein Regime binnen weniger Monate.

Aznars Partei, die Partido Popular, die früher Alianza Popular hieß war 1996 erstmals an die Regierung gekommen, weil die bis dahin regierenden Sozialisten unter Felipe González alles getan hatten, einen politischen Umschwung herbeizuführen: Sie hatten das öffentliche Leben entpolitisiert, die rebellische Tradition des Landes verworfen, die Gewerkschaften geschwächt, die Intellektuellen mit Posten und Privilegien besänftigt, die Betroffenen der von ihnen eingeleiteten Restrukturierung der Wirtschaft - speziell Arbeiter in der Schwerindustrie und landlose Bauern - mittels Frühpensionierung, Abfertigung und Beihilfe ausgeschieden. Sie betrieben eine rechte, dem Neoliberalismus verpflichtete Politik, gemildert durch einige soziale und kulturelle Maßnahmen, verschärft durch Fälle von Korruption und Amtsmissbrauch, und so war es kein Wunder, dass die Wähler Mitte der neunziger Jahre gleich jener Partei den Vorzug gaben, die besser geeignet schien, diese Unterwerfung der Politik unter das Primat ökonomischer Effizienz zu vollziehen.

Aznar regierte, darin anderen konservativen oder populistischen Regierungschefs nicht unähnlich, gleichsam in Opposition zur Opposition, das heißt, er versuchte mit starker Medienunterstützung die Ära González als negativen Bezugspunkt der spanischen Zeitgeschichte zu fixieren: Alles Übel der Gegenwart rühre von da her, die wachsende Kriminalität, der zunehmende Terror im Baskenland, der Drogenhandel, die ungehemmte Immigration samt ihren sozialen Begleiterscheinungen, das Chaos im öffentlichen Erziehungswesen. Er gab vor, die Auswirkungen zu bekämpfen, mit starker Hand, verschwieg aber die Ursachen, an deren Lösung seiner Partei nicht gelegen war. Da die Partido Popular ihrer Natur nach eine Klassenpartei ist, und zwar die der Besitzenden, unternahm sie alles, um in den Besitzlosen den Glauben zu wecken, auch sie gehörten zu den Besitzenden. Dies fiel ihr umso leichter, als sie auf der sozialdemokratischen Ideologie der Modernisierung aufbauen konnte, die ihren Gefolgsleuten Trost in einer zukünftigen besseren Welt verspricht. Die Gegenwart ist dieser Ideologie zufolge nur etwas Vorläufiges; lebenswert, wirklich lebenswert, sei nur das Leben, das vor einem liegt und durch Fleiß und Flexibilität erreicht werden kann. Desafío und reto (beide Wörter bedeuten Herausforderung) waren demnach die Schlüsselbegriffe des Kabinetts González gewesen, die Aznar übernommen hatte. Die spezifische "Herausforderung" der letzten acht Jahre bestand allerdings nicht darin, Verzicht zu üben, sondern den Konsum anzukurbeln. Die Spanier verstanden sich nicht länger als Werktätige, sondern als Verbraucher. Die Arbeit verlor ihre zentrale gesellschaftliche Bedeutung.

Diese Behauptung widerspricht nur scheinbar dem Bild, das die Regierung Aznar im In- und Ausland zeichnete: Selbst kritische Beobachter haben den scheidenden Premier dafür gelobt, vier von sechs Millionen neuen Arbeitsplätzen in der Europäischen Union geschaffen zu haben. Nur: weit mehr als die Hälfte dieser Arbeitsplätze sind befristet; das Gesetz ermöglicht Anstellungsverhältnisse auf der Grundlage der sogenannten contratos basura, die bloß für einen Monat, eine Woche, einen Tag oder eine Stunde eingegangen werden. 20 Prozent der Bevölkerung lebt unter der Armutsgrenze. Mehr als die Hälfte der spanischen Haushalte ist verschuldet, ebenfalls die Hälfte aller Bewohner bekennt, ihre Einkünfte reichten nicht aus, um bis Monatsende über die Runden zu kommen. Es ist nicht zuletzt diese finanzielle Abhängigkeit, die sie abgestumpft und gleichgültig gemacht hat: Wer Schulden hat, vertraut weder seiner Vorstellungskraft noch der Idee, gemeinsam lasse sich etwas bewegen. Er klammert sich an den Status quo.

In den letzten Jahren des Frankismus und während des Übergangs zur Demokratie wurden Reformwille und Aufbruchsstimmung der Zweiten Republik, die von 1931 bis 1936 beziehungsweise 1939 bestanden hatte, als Vorbild für das neue Spanien angesehen. Es gab aber auch die andere Lesart, die die Republik von ihrer Niederlage (gegen Militär, Kirche, Hochfinanz und Oligarchie) her deutete. Die Sozialisten zum Beispiel hielten sich sehr zurück, wenn es darum ging, an diese Tradition anzuschließen. Einerseits, weil sie die Sieger von einst nicht vergrämen wollten, die sie für ihre Konsenspolitik benötigten, andererseits, weil sie die damaligen Konzepte und Konflikte für überholt erachteten. Die Geschichte war für sie vergangen, die Gräben zugeschüttet. Nur selten erinnerten sie daran, dass es die andere Seite gewesen war, die die Demokratie zerstört und den Bürgerkrieg begonnen hatte.

Die Rechte ging die Frage der Geschichtsdeutung sehr geschickt an, wobei ihr die Zurückhaltung der PSOE zugute kam: Mit Aznar hatte sie einen Führer, der kraft seines Alters nicht mehr mit dem Francoregime in Verbindung gebracht werden konnte. Obwohl sich gerade während seiner Regierungszeit - und in seinem Regierungskabinett - die alten Familiendynastien aus der Zeit der Diktatur wieder breit machten, beanspruchte er für sich und seine Politik Intellektuelle und Künstler, die der Linken zugehörig gewesen und von Franco bekämpft, verjagt oder ermordet worden waren: den republikanischen Politiker Manuel Azaña, den Schriftsteller Max Aub, den Dichter Federico García Lorca etwa. Den Höhepunkt dieser schamlosen Einverleibung erreichte Luis Alberto de Cuenca, sein Staatssekretär für Kultur, mit der Bemerkung, Lorca würde, lebte er noch, die Partido Popular wählen. Die Partei hatte auch nichts dagegen, als 1996 - sechzig Jahre nach Ausbruch des Bürgerkriegs - die linken und nationalistischen Parlamentsparteien den Antrag stellten, den ehemaligen Interbrigadisten ehrenhalber die spanische Staatsbürgerschaft zu verleihen. Das war eine Geste, die nichts kostete. Aber bis heute ist sie nicht bereit, den Militärputsch und die Diktatur zu verurteilen. Und je schwächer sie die Linke wähnte, umso entschiedener kehrte sie, auch nach außen hin, zu ihren Wurzeln zurück: Im Konflikt mit den nationalistischen Parteien des Baskenlandes, Kataloniens und Galiciens griff sie nach dem Vokabular und den Symbolen der Francozeit.

Plötzlich war, wie unter Franco, wieder die Rede vom drohenden Zerfall der Einheit Spaniens, wurde - nach den Regionalwahlen vom November - die neue linksnationalistische Regierung Kataloniens als kommunistisch-sezessionistische Unterwanderung und Verstoß gegen den inneren Frieden disqualifiziert, ließ Verteidigungsminister Federico Trillo-Figueroa auf der Madrider Plaza Colón eine riesige Nationalfahne hissen, die bekanntlich der Francofahne zum Verwechseln ähnlich sieht. Der baskische Konflikt wurde nicht entschärft, sondern angeheizt, indem die Regierung sogar den Dialog mit den gemäßigten bürgerlichen Nationalisten ablehnte. Hier gelang es ihr, das Gros der Bevölkerung, Intellektuelle und Schriftsteller eingeschlossen, auf ihre Seite zu ziehen. Das fiel insofern nicht schwer, als die Spanier die längste Zeit in einem Zustand unschuldiger Ignoranz lebten, was andere Sprachen, Identitäten und Traditionen betrifft. Ihnen fehlte die Phantasie, sich als Minderheit zu denken, sie waren überzeugt, dass es nur eine spanische Kultur gibt. Aznar verlieh dieser vermeintlichen Einheitskultur ihr Gepräge, und siehe da, sie sah aus wie die der frankistisch-katholischen Mythen: kriegerisch, kampfentschlossen, misstrauisch.

In Spanien hatte es immer gegenseitige Vorurteile der verschiedenen Regionen und Nationalitäten gegeben: die allzu geschäftstüchtigen Katalanen, die geizigen Galicier, die verkniffenen Kastilier, die faulen Andalusier. Aber im Zusammenleben fielen solche Prädikate kaum ins Gewicht. Aznars Politik der Härte jedoch - und die exakt mit ihr abgestimmten Morde und Mordpläne der ETA - führten zu einer antibaskischen Stimmung in der Bevölkerung. Dass die drei Baskenprovinzen bei allem, was dort geschieht, in erster Linie ziemlich ruhige, ziemlich weltoffene, ziemlich gut verwaltete Gegenden sind, war den meisten Spaniern schwer glaubhaft zu machen, denn sie sahen ja nur die Fernsehbilder von gewaltsamen Ausschreitungen und vermummten Terroristen, hörten die Ansprachen ihres Premiers, der ein Feindbild beschwor, das verzerrt war.

Ich denke an den Morgen des 11. März, an die ersten Meldungen vom Massaker in Madrid und an die Verlautbarung, es handle sich bei den Tätern sehr wahrscheinlich um Etarras. Mein Empfinden damals, dies werde das Land und seine Bewohner zerreißen. Die Furcht der Leute, jetzt breche kollektive Gewalt aus, innerhalb der Landesgrenzen, eine Art Krieg also. Dann, bei Bekanntwerden der Lüge, Erleichterung, die in Wut umschlug: das demütigende Gefühl, aus Parteiräson betrogen worden zu sein. Der Historiker und Publizist Josep Ramoneda schrieb am Tag nach den Anschlägen, noch in Unkenntnis der Täterschaft, sie hätten so oder so schwerwiegende Folgen - für Europa und die Welt, wenn die Attentäter Islamisten, für Spanien, wenn sie Etarras seien. Und trotzdem wäre die zweite Möglichkeit schlimmer gewesen, eine Gesellschaft, die auseinander bricht, nicht eine, die von außen bedroht wird. Außerdem waren 80 Prozent der Spanier gegen den Irakkrieg gewesen. Dass der zukünftige Ministerpräsident Rodríguez Zapatero, gemäß seinem Wahlversprechen, den Abzug der spanischen Truppen für den Fall angekündigt hat, dass die UNO für den Irak kein Mandat erhält, ist also kein Zeichen von Feigheit: Aznar hatte gegen den Willen der Bevölkerung Krieg geführt. Nun steht er vor den Trümmern seiner Politik.

Es ist fraglich, ob die Sozialistische Arbeiterpartei aus ihrem Wahlsieg die richtigen Schlüsse zieht. Sie war ja nicht ihrer selbst willen gewählt worden, als parteipolitische Alternative; in der Trauer um die knapp 200 Toten von Madrid haben die Menschen sich nach langem wieder in Bewegung, als gemeinschaftliche, zum Mitleid und zur Hilfe fähige Wesen wahrgenommen, befähigt auch, die Lethargie zu überwinden und die herrschenden Verhältnisse umzustürzen. Der vielfache Tod hat in ihnen, paradoxerweise, das Bewusstsein geweckt, frei zu sein. Das Wahlergebnis, eine Revolte eigentlich, ist Ausdruck dieser neu gewonnenen Freiheit. Vorhersehbar war ja ein anderer Ausgang, das Jetzt-erst-recht im trotzigen oder ängstlichen Beharren auf dem, was ist.

Dass die Sozialisten Nutznießer dieses Aufbruchs sind, ist also nicht ihr Verdienst - man wollte nur die andern weghaben, den Lügner und die Scharfmacher und mit ihnen vielleicht auch den verhangenen Horizont, die Last der Vereinzelung. Rodríguez Zapatero könnte diesen Moment des Aufbruchs nützen, um das Land mit einer linken Politik zu verändern. Seine Regierung könnte zumindest klarstellen, dass es Klasseninteressen sind, die die Menschen voneinander trennen, nicht ihre jeweilige nationale Zugehörigkeit oder ihr Charakter. Aber die Ministerliste, auf der sich etliche Gefolgsleute Felipe González´ finden, lässt vermuten, dass er dort weitermachen will, wo die sozialistische Regierung 1996 aufgehört hat. Außenpolitisch ist allerdings schon das ein Fortschritt: weg von schlechter Gesellschaft, zurück aus dem Krieg.


Erich Hackl, geboren 1954 im oberösterreichischen Steyr, lebt als Schriftsteller in Wien und Madrid. Zuletzt erschien von ihm in diesem Frühjahr im Zürcher Diogenes-Verlag der Band: Anprobieren eines Vaters.


00:00 02.04.2004

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