Ins eigene Falsch

Kino Das ist kein Horror: Yorgos Lanthimos erzählt in „The Killing of a Sacred Deer“ eine Parabel der Schuld
Ins eigene Falsch
Das Leben ist wie Spagettiverzehr, nervig, und unbefleckt bleibt dabei keiner: Barry Keoghan als Martin

Illustration: der Freitag

Lässt sich ein Ärztefehler mit einer schicken teuren Uhr kompensieren? Niemand würde diese Frage ernsthaft bejahen. Und doch ist es eine solche Geste, die in The Killing of a Sacred Deer von Yorgos Lanthimos zunächst nicht sonderlich anstößig wirkt. Der Herzchirurg Dr. Steven Murphy geht gewohnt unemotional an die Dinge heran. Colin Farrell spielt ihn ähnlich wie seine Figur in Lanthimos’ Film The Lobster (2015) fast automatisiert, halb Modell, halb Mensch. Seit einiger Zeit trifft er sich mit Martin (Barry Keoghan), dessen Vater vor einiger Zeit an seinem Operationstisch verstorben ist. Er will die Verhältnisse durch ein großzügiges Geschenk geradebiegen. Ob ihn sein schlechtes Gewissen plagt, kann man nicht mit Bestimmtheit sagen. Der Jugendliche scheint jedenfalls über die Aufmerksamkeit dankbar, wenngleich seine Höflichkeit unangenehm antrainiert wirkt.

Ein Eindringling

Die Annäherung der beiden vollzieht sich in The Killing of a Sacred Deer auf keinem stabilen Fundament. Zu viel trennt den Arzt und den Jungen voneinander, oder anders herum formuliert: Nur eine missglückte gesundheitliche Dienstleistung verbindet sie. Murphys Familie ist privilegierte Upperclass, deren Wohlstand Lanthimos wie unter Plastikfolie verpackt anschaulich macht. Die Sexspiele zwischen dem Ehepaar Murphy spiegeln das sehr schön wider. Die von Nicole Kidman verkörperte Anna legt sich wie eine anästhesierte Patientin ins eheliche Gemach, bis sie der Ehemann dann besteigt. Eine Welt als Bubble, in der symbolische Akte auf kleinen Bahnen zirkulieren und sich dabei immer wieder selbst bestätigen.

Mit Martin betritt eine Figur des abgehängten Rests der Gesellschaft diese Enklave der Selbstzufriedenheit, ein Eindringling. Das Bemerkenswerte am Drehbuch von Efthymis Filippou, mit dem Lanthimos seit seinen Anfängen zusammenarbeitet, ist jedoch, dass der Junge selbst auf seinen Status verweist. Er kennt keine Scham, denn er will ja, dass Murphy die Unterschiede, seine Forderung bemerkt. Deswegen lädt Martin ihn auch zu sich nach Hause ein, in ein kleines Haus in einer „weniger guten Gegend“, wie er sagt, wo sich seine Mutter mit ihren Avancen dem Arzt gegenüber nicht zurückhält. In einer für Lanthimos typischen, leicht surrealen Szene steckt sie sich Steven Murphys Finger in den Mund und wünscht sich, er würde ihr auch ein wenig näher kommen.

Es ist verlockend, aber letztlich irreführend, Lanthimos’ beißende Parabel auf ein gespaltenes Europa als Horrorfilm zu verstehen. Der griechische Regisseur hat sich in noch jedem seiner Filme, von Dogtooth (2009) über Alpen (2011) bis zum bereits international produzierten The Lobster, für Versuchsanordnungen interessiert, in denen soziale und weltanschauliche Unterschiede hervortreten. Er ändert dafür die Rahmenbedingungen so stark, bis „unsere Realität“ zur Kenntlichkeit entstellt wird. Alpen ist im Vergleich zur neuen Arbeit besonders aufschlussreich, weil es darin um eine Art geheime Loge geht, die gegen soziale Verwahrlosung aktiv wird: Aktivisten dringen in die Wohnungen von vereinsamten Menschen ein, um dort die Rolle von deren verstorbenen Liebsten zu spielen.

The Killing of a Sacred Deer verhält sich dazu wie ein hämisches Vexierbild, denn Martin soll natürlich trotz des vordergründig guten Willens der Liberalen von der Welt der Murphys ausgeschlossen bleiben. Er wird nur so lange toleriert, wie er eben unauffällig bleibt und sich an die Regeln hält. Doch Martin verweigert sich nicht nur, sondern übernimmt den aktiven Part, um, wie er sagt, so nahe an die Gerechtigkeit zu kommen, wie es geht. Martins Eigensinn rückt den Film in die Nähe des evil child movie. Lanthimos und sein Kameramann Thimios Bakatakis nutzen aber eher die formale Textur des Genres, sie bedienen nur die Mechaniken des Schreckens, um ein beklemmendes Gefühl der Unabwendbarkeit zu erzeugen.

Die seltsame Taubheit, in der das Geschehen wie in einer zeitgenössischen Variante einer griechischen Tragödie seinen Lauf nimmt, verdankt sich distanzierten Einstellungen, Halbkreisfahrten und Obersichten, welche die Bewegungsfreiheit der Figuren einzuschränken scheinen. Nur Martin, den der Ire Keoghan mit passiv-aggressiver Note sehr eindringlich verkörpert, ist gleichsam überall zugleich, ein Springer, der die getrennten Gesellschaftsblöcke allmählich zur Kollision bringt.

Wattiertes Unheil

Filippou und Lanthimos müssen sich dabei an keine Regel der Wahrscheinlichkeit halten. Ihren Mythos entlehnen sie aus der Antike. Als Artemis’ geliebter Hirsch von Agamemnon getötet wird, verlangt sie von diesem der Gerechtigkeit halber ein gleichwertiges Opfer, den Tod von dessen Tochter Iphigenie. Martin löst in The Killing of a Sacred Deer den Filmtitel ein und wird zum sanft psychotischen Überbringer derselben Logik. Auch er verlangt von dem Chirurgen, der den Tod seines Vater scheinbar mitverschuldet hat, ein Opfer. Steven Murphy soll ein Familienmitglied töten, ansonsten würden alle qualvoll zugrunde gehen. Das erste Menetekel lässt nicht lange auf sich warten. Murphys Sohn wacht eines Tages auf und kann seine Beine nicht mehr bewegen.

Der Film trifft mit seiner Erzählung einen blinden Fleck jener beliebten Schuldnarrative des europäischen Autorenkinos, von Michael Haneke und Ruben Östlund abwärts, die sich schon mit der Aufdeckung von Missständen, der Gräben innerhalb der Gesellschaft zufriedengeben. In The Killing of a Sacred Deer zwingt dagegen die Forderung nach einem Opfer zur direkten Konfrontation mit sich selbst. Die Schuld lässt sich nicht mehr ignorieren oder kompensieren. Das Opfer fordert mit aller Macht, den anderen als Subjekt anzuerkennen und damit den eigenen Status zu hinterfragen. Lanthimos lässt es Martin mit Aberwitz versinnbildlichen, wenn er sich ein Stück Fleisch aus dem Arm beißt und meint, dies sei nur eine Metapher.

Den Schmerz, könnte man sagen, spürt man eben erst, wenn es wehtut. Mit einer an Luis Buñuels Bloßstellungen von Scheinmoral erinnernden Trockenheit macht sich Lanthimos daran, die Unfähigkeit der Murphys zu veranschaulichen, mit Verzicht umzugehen. Der so ferngesteuert agierende Steven gerät punktuell in Rage und versucht es mit Gewalt, ohne selbst recht daran zu glauben. Kaltblütig agiert dagegen die Ehefrau, die sich umsonst bemüht, aus dem Vergeltungsregime auszusteigen. In einer großartigen Szene verdeutlicht Martin mit einem profanen Akt, dass seine Logik einer anderen Ordnung angehört. Er habe immer geglaubt, dass er wie sein Vater Spaghetti isst. Bis ihm jemand diesen Glauben genommen hat: Alle täten es auf die gleiche Weise.

Die entrückte, wattierte Atmosphäre des Films, die unheilschwangere Musik von György Ligeti, beides bereitet schon darauf vor, dass Lanthimos seine Parabel konsequent zu Ende denkt. Die Familie muss sich mit einer Schuld arrangieren, von der sie noch nicht einmal ein Bewusstsein hatte. The Killing of a Sacred Deer erzählt von der Anerkennung des Außen durch eine Gesellschaft, die sich gegen Forderungen weitgehend immunisiert hat.

Info

The Killing of a Sacred Deer Yorgos Lanthimos GB/Irland/USA 2017, 121 Minuten

06:00 23.12.2017

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