Institution: Feiermeile

JAHRTAUSENDWENDE Berlin möchte sich auch in Zukunft als Ort für Weltereignisse empfehlen

Nach dem Fall der Mauer und der Verhängung des Reichstages war die große Silvesterparty zwischen Siegessäule und Alex schon das dritte Ereignis in den neunziger Jahren in Berlin, das internationale Beachtung fand. Die ehemalige Mauerstadt mausert sich allmählich zu der Art Metropole, von der die (West-) Berliner Politiker schon immer geträumt haben. Aus der Hauptstadt der DDR und dem Exilort westdeutscher Kriegsdienstverweigerer wird ein ernst zu nehmender Wettbewerber um die Austragung von Welt-Ereignissen.

Die Organisation der Silvesterfeiern lehnte sich nicht umsonst an die erfolgreichen Vorbilder Love Parade und Christopher Street Day an. Die beiden Veranstaltungen waren und sind auch in kommerzieller Hinsicht ein Gewinn für die Stadt. Die Politiker wissen die Einnahmen aus solchen Events mittlerweile um so mehr zu schätzen, als nach der Wende die Besucherzahlen und Übernachtungen stetig gesunken sind. Die Berlin Tourismus Marketing (BTM) rechnete anlässlich des Y2K mit einer (Rekord-)Auslastung der Hotels von 95 Prozent. Für das Jahr 2000 wird auf Grund von Folgebuchungen mit einer Zunahme der Übernachtungen um sieben Prozent gerechnet. Immerhin ließen die Besucher schon mit der Millenniumsfeier etwa eine Milliarde Mark in der Stadt. Das ganze Jahr 1999 war für das Gaststätten- und Hotelgewerbe ein Erfolg. Kein Wunder, mit den Feiern anlässlich der deutschen Wiedervereinigung, Veranstaltungen wie Love Parade, Christopher Street Day, Karneval der Kulturen und den großen Messen (Grüne Woche, Funkausstellung, Tourismusbörse) fand 1999 alle paar Wochen ein Großereignis statt.

Besucher kommen zuhauf, ...

Ginge es nach dem Willen der Veranstalter, könnte Silvester 1999 der Auftakt zu einer festen Institution gewesen sein: Berlin richtet, wenn schon nicht der Welt, dann Europa oder wenigstens ganz Deutschland künftig die Jahreswechsel aus. Die Berlin Tourismus Marketing geht bereits davon aus, dass Silvester in Berlin zu einem festen Party-Ereignis werden wird. Das nächste Mal könnte man gleich den wahren Jahrtausendwechsel feiern, schließlich beginnt das 3. Jahrtausend erst 2001. Diese Party könnte dann die gediegene Alternative für jene werden, denen die Love Parade und der Cristopher Street Day zu wild und ausschweifend und der Karneval der Kulturen zu alternativ sind. Als Symbol für den Jahreswechsel würde auch künftig die Gold else (Siegessäule) herhalten, die einen Bedeutungswandel gut gebrauchen könnte.

Die Zeiten, in denen solche Ereignisse in Berlin umstritten waren, sind längst vorbei. Im Westteil - hauptsächlich in Kreuzberg - hatten die 750-Jahr-Feiern in den achtziger Jahren noch heftige Proteste ausgelöst. Mit den, nach heutigen Maßstäben eher bescheidenen Feiern wolle man die (damals eher kleinen) sozialen Probleme in der Stadt ausblenden, hieß es. Inzwischen betrachtet man derlei fast nur noch unter dem Gesichtspunkt der Mehreinnahmen für Hotels und Einzelhandel sowie des Prestigegewinns für die Politik. Die Protestbereitschaft ist durch den neoliberalen Zeitgeist und die Veränderung der Bevölkerungsstruktur deutlich gesunken. Entscheidend war aber wohl die Verhüllung des Reichstags Mitte der neunziger Jahre durch das Künstlerpaar Christo. Spätestens seit damals ist das Verhältnis der Stadt zu solchen Events endgültig umgeschlagen.

Was bei der Renovierung der Fußballstadien zu beobachten ist, zeichnet sich auch bei der sonstigen Ereigniskultur in Berlin ab: Die VIP-Lounge wird immer größer. Zwar kann sich, wer nach Berlin kommt, in einem der zahlreichen Clubs in Mitte und Kreuzberg für 20 bis 200 Mark Eintritt ausgiebig amüsieren. Niemals aber hat die erste Klasse ihre Partys in dieser Stadt so ungeniert gefeiert wie jetzt. Sie beging den Jahreswechsel separiert und unter ihresgleichen in den Hotels und Unternehmen rund um den Pariser Platz. Tausend hochkarätige Gäste bei der Dresdner Bank (Motto: "Schiffsreise ins nächste Jahrtausend"). Auf dem Dach des Hauses hatten die Gäste den besten Blick auf das feiernde Volk vor dem Brandenburger Tor. Derweil richtete die Commerzbank für die Reichen und Schönen eine Art Basislager ein. Neben Geld verwahrte sie in der Silvesternacht auch Kinder und Handtaschen.

... die Berliner nehmen reißaus

Den Berlinern allerdings könnte der ganze Rummel ganz schnell auf die Nerven gehen. Zwar lieben sie die Silvesterknallerei, aber die Anhäufung von Umzügen und Paraden in den vergangenen Jahren hat Fest-Euphorien deutlich gedämpft. Der Pariser Platz, mittlerweile so etwas wie die Diskothek der Nation, wird widerwillig an Nichtberliner abgetreten. Zuletzt wurden dort vor wenigen Wochen die Jubiläumsfeiern für den Mauerfall zelebriert. Die Abnutzungserscheinungen sind nicht allein durch zerstörte Parks und Müllberge beschrieben. Die Reisewelle aus der Stadt nimmt anläss lich solcher Großereignisse von Mal zu Mal zu. Als reine Tourismusereignisse in einer ansonsten unbeteiligten Stadt lassen sich die erwähnten Veranstaltungen auf Dauer aber auch nicht durchschlagend vermarkten. Um im Metropolenwettbewerb mitzuhalten, muss die Politik also mehr für die Regeneration des Berlinischen zwischen den Ereignissen tun.

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00:00 07.01.2000

Ausgabe 42/2021

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