Italiener statt Sachsen

Zeitgeschichte Die geschlossene DDR-Grenze hatte auch Folgen für die bundesdeutsche Wirtschaft. Wegen des Arbeitskräftemangels wurden immer mehr Gastarbeiter aus Südeuropa angeworben

War für die DDR-Ökonomie bis zum August 1961 die Abwanderung in den Westen ein kolossaler Aderlass, gereichte sie der Bundesrepublik zum Vorteil. Mitte der fünfziger Jahre war dort die hohe Arbeitslosigkeit des Nachkriegsjahrzehnts einem Arbeitskräftemangel gewichen – das Wirtschaftswunder sorgte für einen expandierenden Arbeitsmarkt, dessen Bedürfnisse bis zum Mauerbau in ausreichendem Maße durch den Osten abgedeckt wurden. Abgesehen von der Gruppe der politisch Verfolgten (10-14 Prozent aller Migranten) verließen die DDR-Bürger, wie es der Soziologe Dieter Storbeck in einer Anfang der sechziger Jahre veröffentlichen Sozialstruktur- und Migrationsanalyse formulierte, „aus eher eigennützigen wirtschaftlichen Motiven“ ihren Staat.

Darunter waren Beschäftigte fast aller Branchen – Berg-, Bau-, Textil- oder Metallarbeiter, die mit dem System- und Seitenwechsel auf ein höheres Einkommen und damit einen besseren Lebensstandard als in der DDR hofften. Der Anteil von Industriearbeitern unter den DDR-Immigranten lag in der zweiten Hälfte der fünfziger Jahre zwischen 35 und 50 Prozent. Dass die Mehrzahl von ihnen aus Sachsen kam, überraschte nicht weiter. Immerhin entfielen auf die Bezirke Dresden, Karl-Marx-Stadt und Cottbus Mitte der fünfziger Jahre ein Drittel der DDR-Bevölkerung und 43 Prozent der Industriebeschäftigten.

Als mit dem Jahr 1961 der willkommene Zustrom von Arbeitskräften aus dem Osten versiegte, mahnte Die Welt: „Die neu entstehenden oder schnell emporstrebenden Wirtschaftszweige sind auf Zuwanderung angewiesen.“ Warum sollten nicht Ausländer die entstehenden Lücken füllen? Der Blick richtete sich nicht von ungefähr auf die Mittelmeerländer, schließlich waren es die NATO-Alliierten Italien und Griechenland, die den deutschen Partner schon seit längerem drängten, ihnen beim Abbau von Arbeitslosigkeit unter die Arme zu greifen. Die Regierung Adenauer gab nach – eher widerstrebend als überzeugt – und handelte im Dezember 1955 ein erstes deutsch-italienisches Anwerbe-Abkommen aus. Der darin enthaltene Musterarbeitsvertrag garantierte den Angeworbenen weitgehende sozialpolitische Gleichstellung – sie sollten nach Tarif bezahlt werden, eine „angemessene Unterkunft“ erhalten und das Recht auf Lohntransfer in ihre Heimatländer beanspruchen können. Doch mit Ausnahme der Landwirtschaft, die von übergesiedelten Ostdeutschen wegen der im Vergleich zur Industrie geringen Löhne gern gemieden wurde, brauchte man die Italiener – von den meisten Bundesdeutschen zunächst pietätlos „Fremdarbeiter“ genannt – anfangs nicht wirklich. Deren Präsenz lag Ende 1959 noch nicht einmal bei 50.000. Dennoch folgten 1960 Anwerbe-Verträge mit Griechenland und Spanien, die allerdings mehr aus Vorsorge geschlossen wurden, weil aus demographischen Gründen mit einem Rückgang des Arbeitskräftepotenzials gerechnet wurde, zu dem es dann schon 1962 kam. Die schwachen Nachkriegsjahrgänge traten ins Berufsleben ein, während die starken Jahrgänge der vor dem Ersten Weltkrieg Geborenen das Rentenalter erreichten. Vielleicht hatte die Bundesregierung aber auch jenseits aller Einheitsrhetorik die amerikanische Auffassung zur Kenntnis genommen, dass das „Schlupfloch in Berlin“ – von dem der demokratische Senator William Fulbright meinte, er verstehe nicht, warum es die Ostdeutschen nicht abdichten – in naher Zukunft verschwinden würde.

Anwerbung unter Hochdruck

Als es soweit war, verringerte sich im Jahr 1962 die Zahl derer, denen die Flucht in die Bundesrepublik noch gelang, auf etwas mehr als 17.000. Unter dem Eindruck dieser Entwicklung begannen die Anwerbe-Kommissionen der Nürnberger Bundesanstalt für Arbeit in Verbindung mit den nationalen Arbeitsverwaltungen der Mittelmeerländer nun doch, unter Hochdruck tätig zu werden. Neue Verträge mit weiteren „Entsende-Ländern“ kamen hinzu, bereits im Oktober 1961 mit der Türkei, 1964 mit Portugal, 1968 mit Jugoslawien. Die Zahl der ausländischen Erwerbstätigen, die „Gastarbeiter“ zu nennen, sich inzwischen durchgesetzt hatte, wuchs zwischen 1960 und 1961 von 279.000 auf 507.000 und überschritt 1965 erstmals die Millionen-Grenze. Ende 1962 waren bereits über eine Viertelmillion Italiener in der Bundesrepublik beschäftigt. Neben 87.000 Spaniern und 69.000 Griechen kamen die ersten Türken, aus denen sich später die größte Gruppe der Gastarbeiter rekrutieren sollte – 1962 rangierten sie mit 15.300 noch an vierter Stelle.

Das Defizit an westdeutschen Arbeitskräften konnte durch diesen Zustrom rein zahlenmäßig bequem ausgeglichen werden. Unter qualitativen Gesichtspunkten verlief die Ersetzung der „Sachsen“ durch „Italiener“ indes nicht immer wie gewünscht. Bei den eingewanderten Ostdeutschen hatte es sich in der Regel um Facharbeiter gehandelt – von den Südeuropäern arbeiteten noch 1966 72 Prozent als Ungelernte. In der Konsequenz kam es zu einer – wie es Soziologen nannten –„Unterschichtung“ der deutschen durch die ausländische Arbeitnehmerschaft. So erzielten italienische Monteure beim Volkswagen-Konzern in Wolfsburg Mitte der sechziger Jahre nur etwa 85 Prozent der Einkünfte eines einheimischen Beschäftigten.


Deutlich unterschieden sich die Migranten der fünfziger Jahre – sprich: die Ostdeutschen – von den Arbeitsmigranten der Sechziger nicht zuletzt hinsichtlich ihrer Bereitschaft und ihres Vermögens zur Integration. Die Ostdeutschen waren gekommen, um zu bleiben. Ziel der Migranten aus dem Mittelmeerraum war es, möglichst rasch viel Geld zu verdienen, um bald wieder nach Hause zurückkehren zu können. Für die Ostdeutschen war die Integration in die bundesdeutsche Gesellschaft selbstverständlich – die gemeinsame Sprache und Kultur erleichterte ihnen das beträchtlich. 89 Prozent der befragten ostdeutschen Einwanderer gaben bei einer Erhebung 1990/91 an, durch Bundesbürger nicht diskriminiert worden zu sein. Nur ein Zehntel beklagte sich über einer „herablassende Behandlung“ oder den gegen sie erhobenen Vorwurf des „Parasitentums“. Auch hatten die meisten der Interviewten bei den Westdeutschen kaum Angst vor einer Konkurrenz um die eigene Arbeit oder Wohnung bemerkt. Der Prozentsatz derjenigen, die wegen Arbeitslosigkeit oder schlechter Wohnverhältnisse oder auch Heimweh in die DDR zurückgingen, war verhältnismäßig gering und lag unter 20 Prozent.

Mit anderen Worten: Während die ostdeutschen Übersiedler bestrebt waren, sich anzupassen und unter die ortsansässige Bevölkerung zu mischen, lebten die Gastarbeiter größtenteils in Siedlungskolonien, die über einzelne Häuser oder Straßenzüge verstreut waren und durch die ethnische Gemeinschaft zusammengehalten wurden. Die sozio-kulturellen und mentalitätsbedingten Unterschiede zwischen Einwanderern und Stammbevölkerung blieben so länger erhalten. Erst Mitte bis Ende der siebziger Jahre begann die westdeutsche Gesellschaft, langsam „multikultureller“ zu werden. Doch setzten erste krisenhafte Einbrüche und der Ölpreisschock 1973 dem Arbeitskräftehunger der bundesdeutschen Wirtschaft ein vorläufiges Ende, so dass die Bundesregierung am 23. November 1973 einen temporären Anwerbestopp verhängte. Der führte dazu, dass sich viele ausländische Arbeitskräfte vor allem türkischer und griechischer Herkunft, die bereits in Deutschland waren, für einen dauerhaften Aufenthalt entschieden und ihre Familien nachholten.

Wenn Bundespräsident Christian Wulff den umstrittenen Satz formuliert, dass heute der Islam ein Teil Deutschlands sei, so ist dies auch Resultat einer Entwicklung, die vor mehr als fünf Jahrzehnten mit der Anwerbung der ersten Gastarbeiter aus Südeuropa eingeleitet wurde.

Jörg Rösler hat zuletzt im Freitag über die Selbstprivatisierung ostdeutscher Betriebe in den frühen neunziger Jahren geschrieben

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10:00 18.09.2011

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