Italiens bleierne Jahre

Der "nicht-orthodoxe Krieg" der CIA Ein Blick zurück auf den Terrorismus der siebziger Jahre

Im Dezember 1969 war in Mailand von friedlicher Weihnachtsatmosphäre wenig zu spüren. Das politische Klima in der Stadt und im ganzen Land war aufs äußerste gespannt. Wie Deutschland erschütterten auch Italien heftige Lohnkämpfe und Studentenunruhen. Auf den Straßen und in den Seminaren verbrüderten sich Studenten und Arbeiter, und der erwartete Zuwachs der Kommunisten auf über ein Drittel der Wählerstimmen versetzte die politische Klasse in Nervosität. Die herrschende christdemokratische Partei erwies sich als unfähig, der Situation souverän zu begegnen.

In die Irre geführte Ermittlungen

Wie an jedem Freitag, so war auch am 12. Dezember die Landwirtschaftsbank an der Piazza Fontana voll mit Kunden aus der Provinz. Um 16 Uhr 37 erschütterte das Gebäude eine weithin dröhnende Explosion. 16 Menschen starben, 84 Verletzte lagen schreiend am Boden. Fast gleichzeitig explodierte in Rom eine Bombe unterhalb der Banca Nazionale del Lavoro und verletzte zwölf Menschen.

Jahre, Jahrzehnte lang, hallte diese Bombe in ganz Italien nach. Und andere folgten. Die bleiernen Jahre des Terrors waren eingeläutet. Die acht größten Sprengstoffattentate töteten 149 und verletzten 688 Menschen. Bald schon jagte ein Mordanschlag den anderen, getroffen wurden vor allem Journalisten, Untersuchungsrichter und Staatsanwälte, die die Anschläge aufzuklären versuchten. Auch Banküberfälle, Entführungen, Molotowcocktails waren an der Tagesordnung. Die Ermittlungen zum Attentat an der Piazza Fontana konzentrierten sich zunächst auf eine - wie die Justiz später aufdeckte - von höchsten Stellen im Staatsapparat schon vor dem Anschlag minuziös vorbereitete, konstruierte linke Spur. Der zum Schuldigen erklärte Anarchist Pietro Valpreda wurde jahrelang hinter Gittern gehalten.

Trotz eines bestens ausgerüsteten Staatsapparats wurde man der politischen Gewaltakte nicht Herr und schien eine Aufklärung nicht möglich. Allen großen Terroranschlägen folgte ein ähnliches Muster. Zuerst erklärten Politik und Justiz, Linke seien verantwortlich, und vermeintliche Attentäter landeten im Gefängnis. Heute weiß man, dass Aufklärung gar nicht erwünscht war. Viele Geheimdienstfunktionäre und Politiker haben inzwischen bestätigt, dass die Politik auf die Justiz einwirkte und gezielt Desinformationen eingesetzt wurden. Intellektuelle, die auf Widersprüche verwiesen und ihre Vermutungen ausdrückten, wurden als Verschwörungstheoretiker und Hintergrunds-Fanatiker beschimpft. Pier Paolo Pasolini sprach im Corriere della Sera intuitiv aus, was viele dachten: Auch wenn ich keine Beweise habe, ich weiß, wer dahinter steckt!

Doch mit der Zeit entdeckten mutige Staatsanwälte überzeugendere Spuren und Beweise, die zu Rechtsterroristen führten. Nur wurde man ihrer nicht habhaft, die meisten Gesuchten waren verschwunden, wie von unsichtbarer Hand ins Ausland geleitet. Erst Mitte der neunziger Jahre fiel die Deckung. Den untergetauchten Carlo Digilio stöberten die Ermittler in Santo Domingo auf, Martino Siciliano in Südfrankreich. In seinen Vernehmungen stieß der unerschrockene Mailänder Ermittlungsrichter Guido Salvini zum "Kern des Ganzen", wie er es nannte, vor.

Schüler-Bomber unter Obhut der CIA

Begonnen hatte alles 1965 auf einer geheimen Tagung im eleganten Hotel Parco dei Principi in dem feinen römischen Viertel Parioli. Unter höchster Diskretion hatte der militärische Generalstab Funktionäre aus Sonderabteilungen der Geheimdienste und aus der rechtsradikalen Politszene eingeladen. Auch der spätere NATO-General Adriano Magi Braschi war mit von der Partie.

Zu diesem Zeitpunkt waren Martino Siciliano und seine Freunde noch Schüler am humanistischen Gymnasium in Mestre bei Venedig. Verbunden in glühendem Antikommunismus, übernahmen sie begeistert Aufträge ihres Chefs Carlo Maria Maggi, einem Arzt auf der Giudecca. Bei ihren ersten Aktionen organisierten die Jungs Sprengstoff und Waffen aus unverfänglichen Quellen: aus den Marmorbrüchen nördlich von Vicenza, über die Ustascha aus dem nahen Kroatien, aus Pulverkammern gesunkener Kriegsschiffe oder aus Panzerminen, die die Nazis vor Kriegsende in Seen versenkt hatten. Eine kleine Steinhütte in den Bergen diente als Lager.

Dann gingen sie dazu über, Büros der Kommunisten zu zerstören, Kirchen zu demolieren und antikapitalistische Parolen zu malen, um die Linke zu diskreditieren. Wo immer der Feind herausgefordert werden konnte, traten sie an, mit Schlagstöcken bewaffnet und Helmen auf dem Kopf. Der rechtsradikale Arzt Maggi war auf der Tagung in Rom beauftragt worden, geheime antikommunistische Kampfeinheiten aufzubauen, die Nuclei di Difesa dello Stato (Einheiten zur Verteidigung des Staates). Nicht zufällig geschah dies im Nordosten des Landes, wo in nächster Nähe zu Jugoslawien und damit zum Ostblock auch das amerikanische Militär seine Basen konzentriert hatte.

So drohte der Kalte Krieg, auch in Europa heißer zu werden. Zwar saßen die Christdemokraten fest im Sattel, doch die linke Opposition in den eigenen Reihen wollte die Sozialisten in die Regierung holen. Das versetzte die antikommunistischen Hardliner in den USA in Alarm. Sie sahen in der sozialistischen Partei den kleinen Bruder der Kommunisten und mit einer sozialistischen Regierungsbeteiligung auch den Kommunisten Tür und Tor geöffnet. Ein Funke, und das 1945 in Jalta zwischen Moskau und Washington ausgehandelte Gleichgewicht der Kräfte hätte gefährdet sein können.

Also rüstete man sich in den NATO-Generalstäben für den schlimmsten Fall und entwarf die Strategie des "nicht-orthodoxen Krieges", der den zunehmenden Einfluss der Kommunisten in Westeuropa und die neuen sozialen Bewegungen unter Kontrolle bringen sollte. Dokumentiert ist diese Strategie im Field-Manual 30-31 vom 18. März 1970, unterzeichnet vom Generalstabschef der US-Armee, General W.C. Westmoreland.

Das Hauptziel dieses "kalten" und verdeckt zu haltenden Krieges war es, so legen es weitere, mittlerweile aufgetauchte Dokumente und die Akten der Terrorismus-Prozesse nahe, die Zusammenstöße zwischen links und rechts zu verschärfen. Sie boten die Möglichkeit, die Linke als gewalttätig zu desavouieren und den Vorwand, gegebenenfalls militärisch gegen Italiens Kommunisten, die stärkste KP in Westeuropa, durchzugreifen.

Attentatsplanung beim Abendessen

Einer der zahlreichen agents provocateurs, die den italienischen Terrorismus zu radikalisieren hatten, war der schon genannte Carlo Digilio. Er ist einer der wenigen, die ausgepackt haben. Im Auftrag der CIA sorgte er in der rechtsterroristischen Gruppe Ordine Nuovo für die fachgerechte Lagerung und Handhabung von Waffen und Sprengstoff. Als das Depot in den Bergen angefüllt und die Zeit reif war, sprachen ab Anfang 1969 Kameraden aus Rom, Mailand und anderen Städten bei Digilio und seinen Mitstreitern vor und holten sich, was sie für ihre Anschläge benötigten.

Bevor sie losschlugen, wurde die Nation eingestimmt. Im Laufe des Jahres 1969 hielten 145 terroristische, allerdings noch nicht tödlich verlaufende Bombenanschläge die Menschen in Atem. Kinos, Kirchen, Bahnhöfe, Kasernen, Banken, Züge und Büros linker Parteien wurden getroffen. Als in einer heißen Mitsommernacht im August 1969 auf elf Eisenbahnzüge Sprengstoffattentate verübt wurden, die beträchtlichen Schaden anrichteten und zwölf Menschen verwundeten, gaben sich Politiker und Medien ganz sicher, dass nur Linke als Täter in Frage kamen, obwohl es weder Beweise gab, noch Bekennerschreiben auf die Identität der Attentäter schließen ließen.

Carlo Digilio gab später zu Protokoll, dass Maggi schon einige Tage vor dem Anschlag an der Piazza Fontana angekündigt hatte, dass demnächst "schwerere Anschläge" zu erwarten seien. Deshalb sei es ratsam, sich für diesen Tag ein Alibi zu verschaffen und Waffen und ähnlich Kompromittierendes aus den Wohnungen verschwinden zu lassen. Diese Meldung überbrachte Digilio beim nächsten turnusmäßigen Treffen seinem amerikanischen Kontaktmann David Carret, NATO-Marineoffizier mit Sitz in der NATO-Basis in Verona. Doch dieser war nicht weiter erstaunt, schien schon Bescheid zu wissen und meinte nur, seine "Struktur" habe alles unter Kontrolle.

So ungeheuerlich das alles auch klingen mag, mittlerweile verfügt die italienische Justiz über zahlreiche Beweise für diese Strategie. Vor Untersuchungsrichter Salvini erinnerte sich Digilio: An einem Abend im Mai 1974 versammelte sich eine vertraute Runde beim Essen in der Trattoria von Marcello Soffiati und seinem Vater in Colognola ai Colli bei Verona, beide Rechtsterroristen und CIA-Agenten. Bevorzugte Gäste in diesem Lokal waren amerikanische, in Verona stationierte Militärs. An diesem Abend war außer Maggi, den beiden Soffiati und Digilio auch Sergio Minetto anwesend, auf den sich alle Anwesenden bei diesem Treffen besonders bezogen. Nach außen hin übte Minetto den Beruf eines Eisschranktechnikers aus, doch auch er arbeitete als Agent für die CIA und fungierte auf einer höheren Kommandoebene als Verbindungsmann zwischen den Amerikanern und Maggi. Bei diesem Abendessen teilte Maggi Minetto mit, dass in den nächsten Tagen wieder ein größeres Attentat stattfinden werde.

Digilio fiel dabei die Aufgabe zu, in einer Deckwohnung der Gruppe in der Via Stella in Verona - auch dort gingen Amerikaner ein und aus -, den von Marcello Soffiati überbrachten Koffer mit dem Sprengsatz auf seine Funktionsfähigkeit zu überprüfen. Der in einem Mülleimer unter dem Bogengang an der Piazza della Loggia in Brescia deponierte Koffer explodierte während einer antifaschistischen Versammlung. Neun Personen starben, 90 wurden verletzt. Erstmals übernahm Maggis Organisation Ordine Nuovo die Verantwortung für diesen Anschlag.

Neun Wochen später, im August 1974, explodierte auf der Eisenbahnlinie Florenz-Bologna am Ende eines Tunnels eine weitere Sprengstoffladung, zwölf Menschen wurden getötet. Der Vorsitzende der neofaschistischen Partei MSI, Giorgio Almirante, lenkte die Öffentlichkeit und die Ermittlungen sofort auf die extreme Linke. 1980 ging im Bahnhof von Bologna schließlich die verheerendste aller Bomben hoch, sie tötete 85 und verletzte 177 Menschen. 1984 forderte der letzte Anschlag dieser Kette auf den Zug 904 zwischen Napoli und Milano 16 Tote und 131 Verletzte.

Kronzeugen ...

Die Aufklärung dieser "bleiernen Jahre" ist bis heute nicht abgeschlossen. Nach acht langwierigen Prozessen allein zum Anschlag an der Piazza Fontana hat man eine genauere Vorstellung von den Methoden der italo-amerikanischen Geheimpolitik jener Jahre. Die Geheimdienste und ihre Sonderabteilungen waren äußerst geschickt, Spuren zu verwischen und die Justiz zu täuschen. Sie legten falsche Fährten, operierten mit falschen Gutachtern, falschen Zeugen und falschen Bekennerschreiben und halfen den Attentäter mit falschen Papieren und Geld.

Aufgeklärt werden konnte auch, wer in der geheimen Befehlsstruktur über Maggi stand: der Italo-Amerikaner Joseph Peter Luongo. Gleich nach dem Krieg hatte er im CIA-Vorläufer CIC (Counter Intelligence Corps) den Auftrag, unter Faschisten und Nazis stramme Antikommunisten für die Untergrundarbeit gegen die Kommunisten zu rekrutieren. Einer von ihnen war SS-Sturmbannführer Karl Hass, in Deutschland gesucht wegen der mit Erich Priebke begangenen Naziverbrechen in den Fosse Ardentine bei Rom. Karl Hass gab vor Untersuchungsrichter Salvini zu Protokoll, in der unmittelbaren Nachkriegszeit von den Amerikanern nacheinander drei neue Namen erhalten zu haben, damit sich seine Spur verwische. In Linz in Österreich bildete er Anfang der fünfziger Jahre in einer amerikanischen Agentenschule deutsche Geheimdienstagenten aus.

Den harten Kern der späteren Nuclei di difesa dello Stato bildeten junge Neofaschisten, die von den Amerikanern in speziellen geheimen Lagern ausgebildet wurden. Aus diesen gingen auch die in linksterroristische Gruppen wie die Roten Brigaden oder die Prima Linea Infiltrierten hervor. Der italienische Geheimdienst hatte sich bei all dem in eingeschränkter Souveränität den Amerikanern unterzuordnen.

Auf Grundlage der Aussagen von Digilio und Siciliano konnte im vorerst letzten Prozess zum Attentat an der Piazza Fontana im Januar 2000 Delfo Zorzi als Bombenleger und Carlo Maria Maggi als Organisator angeklagt werden. Der heute 59-jährige Delfo Zorzi saß allerdings nicht auf der Anklagebank. Er hatte sich, als ihm der Boden 1974 in Italien zu heiß wurde, mit Hilfe seiner guten Kontakte zum "Büro für vertrauliche Angelegenheiten", das sich in den Ermittlungen als CIA-Zentrale im Innenministerium in Rom herausstellte, nach Japan abgesetzt. Dort startete er mit dem Import italienischer Modeartikel eine atemberaubende Karriere zum Multimillionär, heiratete eine Japanerin aus der besseren Gesellschaft und wurde japanischer Staatsbürger. So blieb Zorzi auch noch geschützt, als ihn die Mailänder Justiz wegen 16-fachen Mordes beim Bombenanschlag an der Piazza Fontana anklagte und seine Auslieferung beantragte - zwischen Japan und Italien besteht kein Auslieferungsabkommen.

... und ihre Enthüllungen

Carlo Maria Maggi leugnete jede Schuld und lebt nach wie vor auf Venedigs Insel Giudecca. Dort kann man den 71-Jährigen mit seinen beiden Hunden aus dem Tierheim noch heute jeden Morgen und jeden Abend gebeugten Ganges am Uferweg entlang schlurfen sehen. Carlo Digilio und Martino Siciliano sind nach dem italienischen Kronzeugengesetz freie Männer. Doch ganz so frei sind sie nicht. Seit dem Beginn ihrer Aussagen leben sie unter anderem Namen an einem geheimen, nur der Justiz bekannten Ort - sicher vor den Rachegelüsten der einstigen Kampfgenossen. Carlo Maria Maggi und Delfo Zorzi wurden im Juni 2001 in erster Instanz zu lebenslanger Haftstrafe verurteilt. Der Richter des Revisionsprozesses sah die Beweislage für die konkreten Anklagepunkte allerdings nicht für ausreichend an. So kamen die Angeklagten wieder frei.

Auch einer der Hauptverantwortlichen der italienischen Geheimdienste, General Gianadelio Maletti, Ex-Vize des militärischen Geheimdienstes SISMI, konnte - in anderen Prozessen - angeklagt und verurteilt werden. Doch auch er entzog sich dem Strafantritt, indem er sich schon 1980 nach Südafrika absetzte. Maletti kam 2001 als Zeuge angereist und bestätigte im Gerichtssaal alle Aussagen der beiden Kronzeugen. In seiner Aufsehen erregenden Zeugenaussage, über die zwar keine deutschen, aber alle großen italienischen Zeitungen berichteten, zeigte er sich darüber verbittert, "auch für andere bezahlen zu müssen" und enthüllte, dass die CIA nicht nur in Italien, sondern auch in Deutschland die Aktivitäten rechtsextremer Gruppen koordinierte. Deutschland sei für die Amerikaner und ihre Strategie des "unorthodoxen Krieges" sogar noch wichtiger als Italien gewesen.

Regine Igel lebte 18 Jahre in Italien und veröffentlichte im Frühjahr 2006 im Herbig-Verlag Terrorjahre. Die dunkle Seite der CIA in Italien.

00:00 22.09.2006

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