Jalta-Schuld der Westmächte

Polen Die heftige Geschichtsdebatte über das Schicksal des Landes vor und nach 1945 trägt teilweise schizophrene Züge

Kaum war die in tiefster Trauer um »unseren Papst« zelebrierte allpolnische Versöhnung vorbei, da flammte die seit Jahresbeginn von den Rechtsparteien angezettelte Hexenbeschwörung um den 60. Jahrestag der endgültigen Niederlage des Hitlerreiches wieder auf. Dem schon im Februar ausgebrochenen Streit um die Frage, ob Präsident Kwasniewski zur Siegesfeier am 9. Mai auf dem Roten Platz in Moskau reisen dürfe oder nicht, ging eine scharfe Kontroverse um die Konferenz von Jalta voraus. Beides fügte sich zu einer geschichtspolitischen Kontroverse über Polen und das Jahr 1945, die gleichwohl aufs Grundsätzliche und Hochheilige hinauswollte: Es ging wieder einmal um Werte!

Dass die Niederschlagung des so genannten Dritten Reichs für Polen einer nationalen Rettung gleichkam, konnte freilich niemand ernsthaft bezweifeln. Diese Rettung sei aber in den Augen aller »wahren Polen«, wie es hieß, unbestreitbar von folgenschwerer Ambivalenz gewesen. Zunächst einmal sei das Land von den westlichen Alliierten schon drei Monate vor Kriegsende während der Krim-Konferenz der Antihitler-Koalition an Stalin und damit für eine lange Zeit einem bitteren Schicksal ausgeliefert worden. So habe Befreiung vom nationalsozialistischen Totalitarismus zugleich Unterjochung durch den »kommunistischen Totalitarismus« bedeutet. Schließlich sei durch die Jalta-Schuld der Westmächte und die »stalinistische Knechtung« Polens das Land auf einem so niedrigen Entwicklungsstandard gehalten worden, dass erst der gewaltige Solidarnosc-Aufruhr in den achtziger Jahren eine wirkliche Wende und tatsächliche Befreiung herbeiführen konnte. Unabhängigkeit, Souveränität, Demokratie, Pluralismus und Wohlstand und damit alle anderen aus dem Geist der mediterranen, lateinischen Zivilisation erwachsenen Werte konnten dank Lech Walesa und den Seinen in Polen ihren Durchbruch feiern.

So stellt sich – grob skizziert – die von einem extrem simplifizierten Geschichtsbild gespeiste political correctness in Polen heute dar. Die Deutungshoheit liegt bei den Siegern von 1989 und wird als ideologisches und nationales Denken jedem Lager, auch der so genannten Linken, verordnet. Die Rechtsparteien von der nationalklerikalen Liga Polnischer Familien (LPR) bis zur militant antikommunistischen Bewegung Recht und Gerechtigkeit (PiS) haben sich mit all den in der Volksrepublik bis 1989 teils verzerrt, teils unvollständig verbreiteten Tatsachen über die Zeit zwischen 1939 und 1945 ausgerüstet, um eine sich ohnehin dem Zeitgeist anbiedernde Linke in Schach zu halten und alle Medien, Bildungsprogramme und Kirchenkanzeln auf ihr Geschichtsbild einzuschwören.

Die Crux dabei ist, dass dies bei aller Vergröberung und Manipulation nicht zuletzt auch deshalb auf fruchtbaren Boden fällt, weil viele der angeführten »nackten Tatsachen« als solche durchaus wahr sind. Viele davon wurden bis 1989 offiziell und auf Wunsch Moskaus unterdrückt, auch wenn das Volk Bescheid wusste: Es gab doch den Ribbentrop-Molotow- Vertrag vom 23. August 1939, den sowjetischen Einmarsch in Ostpolen am 17. September 1939 und die gleich darauf folgende Einverleibung dieser Gebiete. Es gab doch die daraufhin sofort einsetzende Verschleppung Tausender Polen nach Kasachstan und Sibirien, den grausamen Mord an polnischen Kriegsgefangenen 1940 in Katyn – und die bis zum Juni 1941 andauernde Kooperation zwischen Hitler und Stalin. Und es ist kaum vergessen, dass die Rote Armee an der Weichsel stehen blieb, als an deren Westufer im Sommer 1944 Warschau im Aufstand verblutete, und gleich nach der Befreiung Ostpolens Einheiten der Armia Krajowa (Heimatarmee) zerschlug.

Es folgte – wie heute gelehrt wird – anstelle der faschistischen die »kommunistische« Okkupation, die Verpflichtung der eigenen Ökonomie auf den Rat für Gegenseitige Wirtschaftshilfe (RGW*) mitsamt einer enormen Aufrüstung der in den Warschauer Vertrag eingebundenen polnischen Armee wie einer strengen Aufsicht durch die »Moskowiter«, der sich alle seit 1945 bestehenden Regierungen in Warschau erfreuten.

Hätte angesichts dieser von russischer Seite teilweise geleugneten Tatsachen, für die bisher aus dem Kreml noch nie eine offizielle Entschuldigung zu hören war, Polens Präsident der Einladung zur Feier am 9. Mai in Moskau folgen dürfen, fragte und fragt unisono bis auf wenige Ausnahmen die nationale Presse? Hatte nicht der Sejm in einer Ende März einstimmig angenommenen Entschließung die russische Führung und das russische Volk aufgefordert, die an Polen begangenen Verbrechen einzugestehen, was bisher nicht erfolgte? Und hätte sich – welch Horror und Frevel – Aleksander Kwasniewski, wenn er schon aus Gründen der Staatsräson die Einladung Putins nicht ausschlug, erdreisten dürfen, General Wojciech Jaruzelski, der als »Repräsentant Moskaus« 1981 den Ausnahmezustand gegen die »Solidarnosc-Freiheitsbewegung« verhängte, auch noch zur Feier in Moskau mitzunehmen? Zbigniew Brzezinski, Henry Kissinger und andere hielten dies für ein Zeichen fehlender Selbstachtung, wird im rechten Lager behauptet.

Mit diesen Fragen sah sich Präsident Kwasniewski bis zu seinem Abflug nach Russland in diversen Fernsehinterviews immer wieder konfrontiert. Auf das Verlangen der Rechtsparteien, »vor denen da in Moskau die Wahrheit auszupacken«, antwortete er eingeschüchtert, außer für Staatschef Putin seien bei der Gedenkfeier am 9. Mai keine weiteren Reden geplant. Folglich könne er auf dem Roten Platz nicht sprechen und nur am 7. Mai in Breslau anlässlich des 60. Jahrestages der Kapitulation von Hitlers »letzter Bastion« sowie einen Tag später in Moskau an den Gräbern der umgebrachten Eliten des »Polnischen Untergrundstaates« (gemeint sind damit die seinerzeit in Polen vorhandenen Strukturen der Londoner Exilregierung) seinen Gastgebern die Leviten lesen. Was er inzwischen, ohne die diplomatische Contenance zu verlieren, auch tat. Und zur Präsenz von General Jaruzelski in Moskau meinte Aleksander Kwasniewski, dieser Mann, der mit seiner Familie erst nach Sibirien verschleppt wurde und dann ab 1943 als Offizier der Polnischen Volksarmee gegen die Wehrmacht kämpfte, habe das Recht, mit anderen Kriegsveteranen den Sieg vor 60 Jahren zu feiern.

Irgendwie ist Polens Geschichtsdebatte wieder einmal nicht frei von Schizophrenien. In einem solchen Geisteszustand vermischen sich bekanntlich Wahrheit und Vernunft mit Trugbildern und Wahnvorstellungen. Wie lange das anhält, vermag niemand vorauszusehen. Es ist auf jeden Fall geeignet, sich dem zu entziehen, was Polen augenblicklich am meisten beschwert, eine ökonomische Malaise, die ganze Regionen im Osten und Südosten des Landes regelrecht verkümmern lässt.

(*) Multinationaler Wirtschaftsverbund Osteuropas


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00:00 13.05.2005

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