Jasmintee

Kehrseite I Seine Stimme kam gedämpft aus der kleinen Küche. ...

Seine Stimme kam gedämpft aus der kleinen Küche.

Der schmale Flur führte sie in das einzige Zimmer seiner Wohnung.

"Magst du Fenchel?" Seine Stimme kam gedämpft aus der kleinen Küche am Ende des schmalen Flurs. "Kaffee wolltest du ja nicht." Sie stand im Türrahmen und atmete tief. Es roch fast genauso wie bei ihren Eltern. Die Dielen waren grau lackiert, die Wände versteckt hinter Farbe, Bildern und vollen Regalen. Gleich nach ihrer Ankunft war er in der Küche verschwunden, zählte Teesorten auf und sie hörte leise Geschirr klappern.

"Ist alles in Ordnung?", seine Stimme wurde etwas deutlicher, da er seinen Kopf jetzt um die Ecke streckte. "Geh doch schon rein und setz dich, es ist das beste Sofa." Das beste Sofa, das erinnerte an diesen englischen Star-Koch. Das beste Brot. Die beste Hühnernudelsuppe. Wie hieß er doch gleich? Jerry? Terry? Linda hätte es gewusst. Sie hatten beide gelacht beim Lesen des Kochbuches. Das beste Sofa ... war da nicht ein spöttischer Unterton, irgendwo, ganz unten in seiner Stimme?

"Neben der Stereoanlage liegen die CDs, Kassetten hab ich auch, irgendwo unten, in dem braunen Schränkchen." Das braune Schränkchen stand offen, einige Kassetten lagen davor, sie schienen tatsächlich benutzt. Der CD-Stapel zog sie an. Gut die Hälfte der Platten war ihr geläufig. Linda hätte sie als "Essentials" bezeichnet, wie sie immer alles mit tollen englischen Wörtern bezeichnete.

Mit einem wahllosen Griff in das geöffnete Schränkchen beförderte sie ein Tape ans Licht, dessen Hülle mit "Mixed" beschriftet war. Sie nahm die Kassette aus der Hülle. "Long Nights" stand in dicken Lettern darauf. Ob das seine Handschrift war? In der Küche blubberte der Wasserkocher. Sie legte das Tape ein. Es war nicht zurückgespult und schon erzählten die Lautsprecher in Gesprächslautstärke vom Tanz unter dem Mond. "Ahhhh, Gute Wahl!", tönte es aus der Küche. Sie hatte es sofort erkannt. Van Morrison hatte ihr Vater früher immer gehört. Vor ihren Augen erschien das Bild ihres summenden Vaters, der mit wiegendem und lächelndem Kopf, das Auto voll mit Familie und Koffern, Richtung Italien steuerte. Sie setzte sich auf das Beste Sofa.

Sie fühlte sich verpflichtet etwas zu sagen, aber bevor sie den Mund öffnen konnte, schoss er wie ein Kellner um die Ecke durch den Flur mit zwei Tassen und einer Tüte Milch in der Hand. Er stellte alles auf den improvisierten Couchtisch und sah sie von oben nach unten offensichtlich geschauspielert und geringschätzig an. "Wie siehst DU denn aus? So geht das aber nicht, so kannst du hier nicht sitzen, verstehst du?" Sie verstand nicht. "Äh ...", brachte sie hervor. Er lachte. "Jacke her!" Achja. Ihr Mantel. Sie pellte sich pflichtbeflissen. Er nahm ihr das Stück zwinkernd ab und verschwand wieder Richtung Flur. "Mein Vater hat früher immer Van Morrison gehört." Sie erschrak. Er hatte sich umgedreht und sah sie aus dem Flur direkt an. Hatte sie das gerade gesagt? Oder er? Sie redete sich ein, das könne nur sie gewesen sein. Das Bild von ihrem Vater vor ihrem inneren Auge war noch nicht verblasst. Nein. Sie hatten es gleichzeitig gesagt. Sie sah zu Boden. Warum sah sie zu Boden? Sie ärgerte sich, sie sah sonst nie zu Boden. "Ich bin sonst nicht so ruhig!", wollte sie rufen. Aber als sie wieder aufsah, war er in die Küche verschwunden und es klapperte wieder. Ihr Mantel hing sorgfältig über einem Stuhl im Flur. Linda hätte es trotzdem gesagt. Lauter eben.

Das beste Sofa machte seinem Namen alle Ehre. Sie schien jeden Moment etwas tiefer einzusinken. Dieses Zimmer, dachte sie, war wie er. Bunt! Jeden Moment gab es etwas neues anzusehen, hier Holz, da Glas, dort Plastik. Neu, alt, aus Kisten quellend, aber nicht unaufgeräumt, wohlriechend, heimelig, zum Anlehnen gemütlich. Aus den Lautsprechern ertöne jetzt eine andere Stimme. Sie machte etwas leiser. Das Zimmer schien sich um sie herum zu bewegen, oder war er es? Ihr wurde plötzlich sehr warm. Sie machte die Augen zu, holte tief Luft.

"Ich mach jetzt einfach Schwarzen!", kam es aus der Küche. Die Worte glitten durch den engen Flur, rauschten in ihren Ohren. Es hatte einige Wochen gedauert, bis es zu diesem Treffen gekommen war. Es hatte zahlreiche Anläufe gegeben und immer war es an ihr gescheitert. Heute hatte sie den letzten Schritt bis zur Klingel gemacht und den Knopf gedrückt. Ab da hatte es kein Zurück mehr gegeben. Keine Entschuldigungs-SMS, keine Linda mehr, die ihn anrief um zu sagen, dass sie sich nicht gut fühle und leider nicht kommen könne. Kein "vielleicht" mehr und "mal sehen". Sie hatte geklingelt. Linda wird stolz sein!, hatte sie gedacht. Aus der Gegensprechanlage war kein Laut gekommen. Nur das Summen des Türöffners hatte gezeigt, dass der Knopf auch funktionierte. Die schwere Eingangstür war hinter ihr zugekracht, Altbau - das kracht eben, hatte sie sich selbst beruhigt und beim Treppensteigen ihre Kopfhörer und den Discman in den viel zu großen Manteltaschen verstaut.

Da war sie nun. Die Tür stand offen. Als sie eintrat, hängte er grade Wäsche auf und begrüßte sie mit breitem Grinsen und einem "Hi, wie geht´s." Richtung Wohnzimmer hatte er lächelnd gezeigt und dann war er in der Küche verschwunden. "Dass Menschen so vollkommen unterschiedlich wirken können", hatte sie sich gewundert.

Jetzt saß sie da, ihr war übel und furchtbar heiß. Ihr Herz schlug viel zu schnell und ein Schwindelgefühl ließ ihre Umgebung zusammen mit einigen Lichtflecken auf ihrer Netzhaut tanzen. Ihre Zunge fühlte sich an wie verknotet, ihr Mund war trocken, der Kopf leer. Er hatte einfach alles. Er war so ... Was sollte sie bloß sagen? Dann hatte sie nur noch einen einzigen Gedanken "Ich kann nicht, ich kann einfach nicht!"

Inzwischen war er mit einer Teekanne und einer Zuckerdose wieder im Zimmer erschienen und setzte sich ihr gegenüber in einen Sessel. "Legst du Wert auf ´ne bestimmte Tasse?" Sie schüttelte den Kopf. Er goss dampfenden Tee in die beiden Tassen. "Ich hab leider keinen Jasmintee mehr gehabt!"

"Ich mag dich", wollte sie sagen. Mit einem letzten Blick auf seinen Mund sprang sie stattdessen auf, drückte ein "Tut mir Leid" heraus und war mit großen Schritten aus der Wohnungstür verschwunden. Sie rannte die Treppen runter, ihr war nach heulen zumute.

"Was wird Linda sagen?"

Paul Hofmann, geboren 1981, schreibt Offbühnenliteratur und lebt in Berlin. Er ist Mitglied des spokenwordberlin e.V., organisiert und moderiert seit 2004 Poetryslams und Lesungen in Berlin und Hamburg.


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00:00 08.12.2006

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