Je kleiner man ist, desto größer die Angst

Alltag Erinnerungen an eine Mathematiklehrerin und Rechenkünste besonderer Art

Nie werde ich die Dauerwelle von Frau Schüler vergessen. Die kleinen dunkelblonden Locken waren nicht, wie bei anderen Frauen, in der Art eines ausfransenden Bettvorlegers unansehnlich durcheinandergekämmt. Jede einzelne Locke war gut erkennbar und schien auf dem Kopf ein Recht auf Individualität zu genießen. Ja, man hatte den Eindruck, dass sich Frau Schüler jeden Morgen jeder Locke mit Liebe widmete. Sie sah nicht aus wie andere Frauen in ihrem Alter, was schlichtweg daran lag, dass Frau Schüler Westsachen trug. Es waren keine auffälligen Sachen. Erdfarbene Pullover und Röcke vermittelten den Eindruck einer gewissen Sachlichkeit und Schlichtheit. Aber das Material und die Verarbeitung verrieten die Herkunft. Jedem war klar, dass an der Passform keine volkseigene Nähmaschine beteiligt sein konnte. Westdeutsche Auffälligkeiten hätten sich auch nicht geziemt. Ihr Mann war Parteisekretär, sprach fließend russisch, trug dazu die passende Pelzmütze und vorzugsweise einen grauen Anorak. Frau Schüler war meine Mathelehrerin und lehrte mich neben dem Einmaleins auch die Angst. Sie hat mir beigebracht, und ich bin ihr dafür nicht dankbar, dass die Angst ein großer, ein mächtiger biografischer Multiplikator ist. Man würde Frau Schüler weiß Gott nicht zugestehen, dass sie dazu imstande war, sich in den Gedanken eines Kindes wie eine Klette zu verhaken. Sie gehörte nicht zu den Lehrern, die einem das Leben besonders schwer machen. Sie gab nicht einmal viele Hausaufgaben auf, noch war sie besonders streng. Und sie gehörte auch nicht zu den Lehrern, deren Wert man erst viel später dankbar erkennt. In der Regel würde sie das Konto der Erinnerungen nur wenig bereichern.

Nachdem in der ersten Klasse unsere Klassenlehrerin Frau Schneekönig alle westdeutschen Tintenradierer, es waren viele, eingesammelt hatte und nur wenig später einen Selbstmordversuch aus Liebe unternahm, lernte ich Frau Schüler kennen. Natürlich kamen bei ihr unsere Tintenradierer wieder zum Einsatz. Was sollte ausgerechnet sie dagegen haben? Es gab auch volkseigene Tintenkiller. Sie waren grau wie der Anorak des Parteisekretärs; Tinte löschten sie nicht. Der Fehler verschwand erst, wenn man so lange auf ihm rumrubbelte, bis er sich in einem Loch verdünnisierte. Mehr oder weniger brachte uns Frau Schüler das Rechnen bei. Eher weniger. Wenn sie unser Klassenzimmer betrat, erkannten wir sofort, ob sie gute oder schlechte Laune hatte. Schlechte Laune bedeutete für uns Sachaufgaben und schriftliches Multiplizieren mit anschließendem Hefteeinsammeln. Hatte Frau Schüler gute Laune, wurde erst gar nicht gerechnet. Dann erzählte sie uns, was sie am Vorabend im Fernsehen gesehen hatte; im Ostfernsehen versteht sich. Sie erzählte uns, was in der Serie Zahn um Zahn oder Zur See oder in Rentner haben niemals Zeit passiert ist. Oder in Aber Vati - einem allseits beliebten Mehrteiler. Ich kannte die Serien nicht, weil wir zu Hause kein Ostfernsehen guckten. Landete ich doch einmal im Ostprogramm, hieß es entweder "Was´n mit dir los?" oder "Schalt um!" Das war der einzige Befehl, dem unbedingter Gehorsam zu leisten war.


Frau Schüler erzählte also in den Mathestunden von ihren Fernseherlebnissen. Eine Stunde blieb mir sehr in Erinnerung: Man hätte annehmen können, Frau Schüler hätte besonders schlechte Laune, so niedergeschlagen betrat sie an jenem Morgen unseren Klassenraum. Sie packte nicht einmal Bücher und Hefte aus. Wir schauten uns irritiert an und waren uns sicher, dass etwas Schlimmes passiert sein musste. Zu jener Zeit litt unsere Mathelehrerin an einem besonders großen und hartnäckigen Gerstenkorn am rechten Augenlid. Natürlich wurden wir von ihr über die medizinischen Hintergründe immer auf den neuesten Stand gebracht und wussten um die Angst vor einer bevorstehenden Operation. Tatsächlich konnten wir beobachten, wie das rechte Auge von Frau Schüler immer unansehnlicher, immer dicker, immer roter wurde und sich ein Eiterherd auf dem infektiösen Areal die Vormachtstellung erkämpfte. Und sagte Frau Schüler uns nicht noch vor wenigen Tagen, dass sie auf dem rechten Auge gar erblinden könne? Keine Frage; ihre ansteckende Niedergeschlagenheit musste aus dieser bevorstehenden Erblindung erwachsen. Schlimm. Und dann, endlich, schaute sie, um uns Mitteilung zu machen, sehr traurig in unsere Gesichter, um uns zu sagen, dass sie gestern Abend um 20 Uhr den schwedischen Film Sie tanzte nur einen Sommer gesehen habe. Ob wir den auch geguckt hätten. Wir waren erleichtert. Waren erleichtert darüber, dass wieder eine Mathestunde einem Film zum Opfer fiel. Dieses Mal war es also ein schwedischer. Das ging in Ordnung, denn Schweden ist ein neutrales Land. In aller Ausführlichkeit erzählte sie von der unerfüllten Liebe zwischen dem Dorfmädchen Kerstin und dem Stadtjungen Göran, der dieses Dorfmädchen nach einer für das Jahr 1951 äußerst freizügigen Liebesszene am Ufer des Dorfteiches auf seinem Motorrad mitnimmt und schließlich auf der Dorfstraße verunglückt, infolgedessen das Mädchen in seinen Armen noch auf der Dorfstraße stirbt. Zwölf Stunden, nachdem sie den Film gesehen hatte, war Frau Schüler noch so ergriffen, dass sie weinen musste. Ich kann mich nicht erinnern, wie oft sie uns die Szene vor Augen führte, in der die sterbende Kerstin immer wieder sagt: "Mir ist so kalt. Mir ist so kalt." Seit jener Stunde, eigentlich bis zum heutigen Tage, stelle ich mir vor, dass man kurz bevor man stirbt, schrecklich friert. Der jämmerliche Anblick unserer Mathelehrerin machte uns hilflos, aber uns blieb nichts anderes übrig, als auf das erlösende Klingelzeichen zu warten. An jenem Tag kam es ihrer Frage zuvor, die sie nach erfolgter Fernsehberichterstattung immer stellte: "Und? Was habt ihr gestern Abend so geguckt?"

In der Regel könnte man meinen: Mensch, die Frau Schüler war ja eine, wie man damals zu sagen pflegte, richtig fetzige Lehrerin. Ja, reden konnte sie, die Frau Schüler. Vielmehr schnatterte sie. Und sie konnte dabei auch noch Grimassen schneiden. Sie saß auf ihrem Lehrerstuhl und redete und redete. Wie bei einem triefenden Schwamm flossen ihr Anekdoten, Witze und besagte Fernseherlebnisse aus dem Mund. Es plätscherte alles nur so aus ihr heraus. Aber in der Art eines Schwammes schien sie alles Gesagte gleichzeitig wieder aufzusaugen, um es ein andermal wiederaufbereitet darzubringen. Sie wrang sich in solchen Gute-Laune-Stunden immer bis zum Satz aus: "Und? Was habt ihr gestern im Fernsehen gesehen?"


Als wir in der dritten Klasse waren, hatte sie es geschafft. Sie hatte sich ein übersteigertes Vertrauenspotenzial erschnattert. Auf das fiel eines Tages die Antwort. Sie fiel darauf wie auf einen dampfenden Humushaufen. Dass er die Tagesschau geguckt hat, sagte Ringo in einer Selbstverständlichkeit, die wir insgeheim alle nachvollziehen konnten. Alle kannten wir Dagmar Berghof und Wilhelm Wieben, und alle wussten wir, dass wir in der Schule nicht darüber reden sollen. Westen gucken war verboten. Ringo musste nach der Stunde im Klassenraum bleiben; und zwar allein mit Frau Schüler. Das ging vor ihm schon einmal Udo so, der in der ersten Klasse sagte, dass er jeden Abend zwei Sandmännchen guckt. Er gucke erst das mit dem spitzen Bart und dann das andere. Das hätte einen anderen Bart, so eine Art Vollbart wie sein Onkel. Erst wenn das vorbei sei, gehe er schlafen. Vermutlich war der Sand des Spitzbart-Sandmännchens zu knapp, um müde zu machen. Udo wurde seinerzeit nicht so lange im Klassenraum zurückgehalten wie jetzt Ringo. Sandmännchen ist eben nicht Tagesschau. Ringo, sonst um keine Frechheiten verlegen, kam mit roten Augen aus dem Klassenraum und lief schweigend an uns, die wir ihn neugierig bedrängten, vorbei. Nie haben wir erfahren, was Frau Schüler ihm gesagt hat.

Auf dem besagten Humushaufen schien Ringos Antwort bunte Blüten zu treiben. Ein paar Wochen später betrat Herr Schüler unser Klassenzimmer, um eine Vertretungsstunde zu halten. Er war Russischlehrer, Parteisekretär und Frau Schülers Mann. Aber am meisten war er Parteisekretär. Da er mit Viertklässlern nichts anzufangen wusste, übte er mit uns, den Namen Jurij Andropow richtig auszusprechen. Immer wieder führte er uns vor, wie man im Namen Andropow das erste O richtig betont, indem man die Stimme leicht anhebt und den besagten Vokal lächerlich in die Länge zieht. Unsere dünnen, flattrigen Kinderstimmchen ließen die Sprechübungen immer mehr zu einem Singsang verkommen. Es war alles voller Os. Als der Parteisekretär merkte, dass vor ihm nach geraumer Zeit 20 belustigte, minderjährige Sopranisten saßen, schwieg er unheilvoll feierlich, griff zum Zeigestock und bat Ringo nach vorn. Soloauftritt. Eine halbe Stunde musste er unter dem Namen des damaligen neuen russischen Staatschefs leiden. Wenn er ihn falsch aussprach, ließ der Parteisekretär den Zeigestock in der Luft tanzen, um ihn geräuschvoll zu Boden gehen zu lassen. Ein Exorzist, der einem Viertklässler die Tagesschau austreibt. Keine Frage, Ringo trug die noch blassen Stigmata einer frühkindlichen staatsfeindlichen Gesinnung. Aber die Teufelsaustreibung gelang nicht. Nach der stimmbandfeindlichen Prozedur wirkte unser Mitschüler lediglich ein bisschen geschrumpft. Fünf Jahre später gehörte Ringo der sogenannten Gruftiszene an, trug lange schwarze Mäntel und schwere Kreuze an silbernen Ketten. In seiner Schulmappe verstaute er ein besonders großes und schweres silbernes, rosenverziertes Kruzifix, welches er in der Physikstunde unter seine Schulbank legte und wie seinen Augapfel hütete und mit einem Taschentuch putzte. Irgendwann wurde er mitten aus der Mathestunde geholt. Wir sahen ihn nicht wieder. Ringo wurde 1988 der Schule verwiesen, und als er uns, seine ehemaligen Mitschüler, einmal besuchte, traf er auf der Treppe zum Speisesaal Frau Schüler. Sie kam auf ihn zu, schaute ihn ernst an und sagte: "Ein krummer Baum wird nicht mehr gerade."


In der vierten Klasse hatte mein Matheheft einen dunkelgrünen Umschlag, und Frau Schüler trug am Tag, von dem hier die Rede sein soll, ihre hölzerne Brosche in der Form einer Schildkröte. Das Reptil kroch fast täglich sisyphusgleich auf ihrem lehmfarbenen Wollkragenpullover über ihre linke Brust hinauf zum Schulterblatt. Wie immer rechneten wir nicht viel. Frau Schüler erzählte mal wieder aus ihrem und irgendeinem Drehbuchleben. Sie schnatterte und schnatterte, und ich starrte die ganze Zeit auf die Schildkröte. Am Ende der Stunde teilte Frau Schüler unsere benoteten Hausaufgaben vom Vortag aus. Wie gewöhnlich las sie Namen und Zensur dem Klingelzeichen entgegen zackig vor. Am grünen Umschlag erkannte ich mein Heft im Stapel als letztes. Als ich an der Reihe war, machte Frau Schüler nach meinem Namen eine bedeutungsschwere Pause. Sie schaute mich eindringlich an und sagte: "Die Aufgaben waren alle richtig. Aber den Zettel da hinten, den nimmst du bitte schleunigst raus!" Sie schaute mich so lange an, bis ich nickte. Ich wusste in diesem Moment nicht, von was die Frau mit der Schildkröte sprach, konnte mich an keinen Zettel erinnern, spürte jedoch sofort eine nahende Unannehmlichkeit, die sich mir zentnerschwer auf die Schultern legte. Auch meine Mitschüler waren unterdessen neugierig geworden, und als Marcel die Hefte austeilte, wollte er doch allen Ernstes einen Blick auf den berüchtigten Zettel werfen. Ich konnte ihm noch gerade so mein Heft entreißen. Bevor ich es, es hatte längst geklingelt, in meiner Mappe verstaute, wollte ich noch schnell das berüchtigte Papier sehen. Früher als die Augen erkannte mein Herz, um was es sich auf dem Zettel handelte. Es schlug mir bis zum Hals. Ich war nur noch Herz. Alles andere war ein gelähmtes Drumherum. Meine Hände zitterten. Ich hatte auf dem Zettel lauter Kruzifixe gemalt. Große und kleine Kruzifixe, mit Blumen verzierte und schlichte Kruzifixe, Kruzifixe mit und ohne aufgehender Sonne, schmale und breite Kruzifixe, Kruzifixe mit und ohne Schattierungen, ausgemalte und nicht ausgemalte. Das Rechenblatt war voll davon. Ich erinnerte mich, wie ich vor Tagen zu Hause in meinem Zimmer gesessen hatte und zwischen den Hausaufgaben mit einer kindlichen Verve dieser Beschäftigung nachging. Manche konstruierte ich mit dem Lineal, andere frei Hand. Die Mühe war erkennbar. Alles war erkennbar. Ich war erkennbar. Und damit meine ganze Familie. Musste dieses Blatt ausgerechnet der Frau des Parteisekretärs in Hände fallen? Es gab andere Lehrer, die nichts gesagt hätten, die ihre Gesinnung ähnlich verstecken mussten und um die Brisanz auch nur der kleinsten nonkonformistischen Äußerung wussten. Es gab Lehrer, die gar keine Gesinnung hatten. Auch die wären besser gewesen. Alles wäre besser gewesen, als die Frau mit der Schildkröte. Vor dem Klassenzimmer wartete Frank auf mich, um mit mir nach Hause zu gehen. Er drängelte. Ich solle mich beeilen. Schließlich müsse er noch zur Bibelstunde. Zur Bibelstunde! Auf dem Weg nach Hause fragte auch er mich nach dem Zettel, aber die Frage ging in seiner Eile unter. Gott sei Dank.

Die letzten Meter lief ich allein nach Hause. Vorbei an der Dorfkirche. Ich grüßte Frau Seeland. Sie fragte: "Na, wie war´s in der Schule?" Ich sagte: "Schön." Hinter der alten Dorfeiche sah ich unser Haus. Ich wurde langsamer. Angstumklammert raste mein Herz. Das Dorf schlief in der Nachmittagshitze. Wahrscheinlich sangen in der riesigen Eiche die Vögel. Wahrscheinlich hörte man aus der Ferne das Geräusch der Mähdrescher. Wahrscheinlich bellten irgendwo Hunde und sicher ging irgendwo eine Kreissäge. Wahrscheinlich waren auch an diesem Nachmittag all diese vertrauten Geräusche versammelt, aber sie meinten nicht mich. Die Angst und das Gewissen stehen zueinander in direkter Proportionalität. Je kleiner man ist, umso größer ist die Angst. Ich dachte an meinen Vater, der Lehrer an unserer Dorfschule war. Ich war mir sicher, er würde Schwierigkeiten bekommen. Wegen mir. Ich dachte an meine Mutter, die beim Rat der Stadt arbeitete und deren Bruder in den Westen geflüchtet war. Man würde ihr Unannehmlichkeiten bereiten. Ich dachte an meine Schwester, die Lehrerin werden wollte und sich im nächsten Jahr um einen Studienplatz bewerben würde. Wenn sie ihn nicht bekommt, dachte ich, dann wegen mir. Ich war mir egal. Irgendwo hatte sich in mir der Wurm Vermutung eingenistet. Ich spürte, wie er sich Platz verschaffte; wie er mit seinen Borsten auskehrte und Vertrauen und Unbeschwertheit für immer nach draußen beförderte. Nie bin ich auf die Frage "Und, was habt ihr gestern Abend geguckt?" hereingefallen. Mein Kreuzkettchen ist mir nie über die Pionierbluse gerutscht. Immer ist mir das Schweigen geglückt. Die früh eingeimpfte Vorsicht hat mich getragen. Und dann das! Ich war mir sicher, dass meine naive Schmiererei uns alle ins Unglück stürzen würde. Zu Hause angekommen, war mir schlecht. Wie ein Tinitusgeräusch kehrte der Satz: "Aber den Zettel da hinten, den nimmst du bitte schleunigst raus!" immer wieder. Ich wagte nicht, ihn aus der Mappe zu holen; ich wollte nicht an ihn rühren. Salzsäure hätte ich über den Tag schütten wollen. Noch war niemand im Haus. Meine Großeltern waren auf dem Feld, und es galt den Zettel so schnell wie möglich unbemerkt verschwinden zu lassen. Eine ängstliche Voraussicht und kindliche Diplomatie ließen eine Vernichtung nicht in Frage kommen. Vielleicht, so dachte ich, dient er eines Tages als Beweisstück für staatlich erfahrene Ungerechtigkeiten. Ich wusste aus Gesprächen meiner Eltern, was alles möglich ist. So zog ich in Erwägung, dass mein Vater eines Tages nicht mehr nach Hause kommt, dass er vielleicht abgeholt wird. Und ich dachte, ich könnte dann die Warum-Frage aufklären, indem ich den Zettel zeige. Die Angst war groß und näherte meine kindlichen Phantasien. Die Wahl des Verstecks fiel zuerst auf den Dachboden. Was ich kurzerhand verwarf, weil da meine Schwester gelegentlich herumstöberte. Ich entschied mich für die Küche. Wie die meisten Schränke hatte auch unser Küchenschrank ein sogenanntes Kramfach. Dort landeten Papiere, Karten, Briefe und Zeitungsausschnitte. Alles Dinge, von denen man sich eigentlich trennen könnte, die aber mit dem Motto "Man weiß ja nie" dort ihr Gnadenbrot bekamen. Mein Zettel war in diesem Fach in guter Gesellschaft. Ich schob ihn ganz nach unten und rührte ihn seit diesem Tag nie wieder an.

Keinem Menschen erzählte ich davon. Zu Hause ahnten sie nichts von meiner Angst. Ich trug die Gänsehaut innen. Alles ging seinen gewohnten Gang, und in dieser Normalität dachte ich immer: "Wenn sie wüssten." Frau Schüler ging nicht mehr auf diesen Vorfall ein. Ich hätte ihr dankbar sein können, aber ich vermutete eine Strategie dahinter. Schließlich hatte ich unsere Gesinnung an sie verraten. Die Frau mit der Schildkröte war eine Wissende. Ich hatte Angst vor ihr. Und diese Angst machte meine Kindheit invalid.


Das nächste Schuljahr brachte neue Lehrer. Aber bis es soweit war, hörten wir noch oft die Frage, was wir denn im Fernsehen gesehen hätten. Noch Jahre später, wenn ich Frau Schüler auf dem Pausenhof sah oder ihren Mann, den Parteisekretär und Exorzisten, ereignete sich in mir ein kleines, aber heftiges Nachbeben. Tatsächlich blieben meinem Vater politische Unannehmlichkeiten an der Dorfschule nicht erspart. Immer wieder geriet er in die Bedrängnis des Direktors, der meinen Eltern schlaflose Nächte bereitete und die Frage, wie hält man sich raus, ohne rauszufallen immer unbeantworteter ließ. Als diese Anspannung einmal besonders deutlich zu spüren war, kitzelte der in die Jahre gekommene Borstenwurm in mir doch einmal das Verlangen hervor, nach dem Zettel zu schauen. Schnell öffnete ich das Küchenfach und sah eine winzige abgeknickte Ecke des Rechenblattes. Sofort geriet der gleiche Mechanismus in Gang, wie damals nach der besagten Mathestunde. Irgendwann, noch bevor der historische Meridian 1989 überschritten und wahrscheinlich die Küche renoviert wurde, verschwand der Zettel. Man wird ihn wohl als belanglose Schmiererei erkannt und weggeworfen haben. Ich wünschte, diese Erinnerung würde wie die meisten einmal so kurzweilig sein, wie der Geschmack einer Frucht, die man hastig verzehrte. Jedoch wenn ich Schildkröten sehe, Frauen mit sorgfältig auftoupierten Locken, muss ich der Erinnerung Folge leisten.

Die Frau mit der Schildkröte ist vor kurzem in Rente gegangen. Manchmal sah man ihren Mann, den Parteisekretär, zur Abendstunde auf einsamen Waldwegen spazieren gehen, vorbei an krummen Bäumen.


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00:00 24.06.2005

Ausgabe 42/2021

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