Jean-Jacques Rousseau: Lieber ohne mich

Erinnerung Vor 300 Jahren wurde der radikale Zivilisationskritiker geboren. Eigentlich kämpfte er für eine Welt ohne Menschen
Jean-Jacques Rousseau: Lieber ohne mich
Rousseau, vorgestellt im Exil auf der St. Petersinsel
Foto: De Agostini / Getty Images

„Zurück zur Natur!“, denkt man sofort, wenn der Name Rousseau fällt. Nur dass sich dieser Ausruf in den Schriften des 1712 in Genf geborenen Philosophen nirgends findet, zumindest nicht wörtlich. Secundum naturam vivere, lautet eine berühmte antike Lebensmaxime: der Natur gemäß leben! Bloß weiß bis heute niemand so richtig, was darunter zu verstehen ist. Natur kann viel bedeuten: Trieb und Drang, Fressen und Gefressenwerden, alles Animalische und Bestialische, aber auch ein Alpenidyll oder ein Sonnenuntergang am Meer. Was es aber heißt, naturgemäß zu leben, ist damit noch lange nicht gesagt.

Als Jean-Jacques Rousseau im Jahre 1749 an einem Preisausschreiben der Akademie von Dijon teilnimmt, dessen Frage lautet: „Hat der Fortschritt der Wissenschaften und Künste unsere Sitten verbessert?“, wird er über Nacht berühmt. Denn er sagt der Aufklärung und dem Fortschritt den Kampf an: Bereits Rom ist an zu viel Kunst und Kultur untergegangen, so wie jede Zivilisation untergehen muss, in der die Dekadenz überhandnimmt. Die meisten der Zeitgenossen schütteln den Kopf ob solcher Thesen und begreifen nicht, wie man so vehement gegen die Zivilisation wüten kann. Doch im Kreis seiner Enzyklopädisten-Freunde nimmt man seine rhetorisch furiose, argumentativ jedoch reichlich delirierende Strafpredigt nicht allzu ernst. So jedenfalls schreibt es der Schriftsteller Jean-François Marmontel: „Von da an war klar, welche Rolle Rousseau zu spielen hat und welche Maske er tragen muss.“

Gegen den Fortschritt

1755 verfasst er einen weiteren Traktat Abhandlung über die Ursprünge und Grundlagen der Ungleichheit unter den Menschen. Der soziale Sündenfall begann demnach damit, dass einer unserer Vorväter zu behaupten anfing: Dies ist mein und nicht dein! Bis dahin soll die Menschheit in einem konfliktfreien Zustand der Eigentumslosigkeit gelebt haben, was Rousseau zufolge daran lag, dass keiner mit keinem etwas zu tun haben wollte. Schließlich ist er überzeugt, dass zu unseren ursprünglichen Bedürfnissen nur Hunger und Durst gehören, aber keineswegs das Verlangen zu lieben.

Worauf Voltaire ihm antwortet: „Nie hat jemand so viel Geist darauf verwandt, uns wieder in den Zustand der Tierheit zurückzuführen. Liest man Ihre Schrift, so bekommt man richtig Lust, wieder auf allen Vieren zu gehen!“ Womit die Behauptung im Raum steht, Rousseau sehne sich nach primitiven Verhältnissen zurück. Was er in seiner Abhandlung allerdings entschieden verneint, wo es heißt: „Wie aber? Wird man etwa die Gesellschaften zerstören, das Mein und Dein aufheben und wieder in die Wälder zurück müssen, um dort mit den Bären zusammenzuleben? Das ist eine Schlussfolgerung, die nur meine Gegner ziehen.“ Denn die wahre Natur findet sich nicht in irgendeinem Zurück, sondern in der Sprache des Herzens. Alles Übel wiederum beginnt in dem Moment, da ich mich auf andere einlasse, mich ihnen anschmiege und anpasse, ihre Sprache übernehme, ihnen zuliebe meine Meinungen verbiege und am Ende nicht mehr weiß, wer ich selbst eigentlich bin.

In seinem 1762 veröffentlichten Erziehungsroman Emile versteigt Rousseau sich sogar zu der Behauptung, dass auch Kinder sich nicht nach den Eltern sehnen, sondern am liebsten mit sich allein spielen. „Ein wahrhaft glückliches Wesen ist ein einsames Wesen“, lesen wir dort, während Menschen, die es zu anderen hindrängt, bloß Schwächen offenbaren. Die entdeckt Rousseau vor allem beim weiblichen Geschlecht. Während Männer nämlich nur einen schwachen Sexualtrieb besitzen, wollen Frauen unentwegt begehrt werden, um sich selbst zu spüren. Wodurch sich Männer in unnötige seelische Turbulenzen stürzen und ihren Stolz vor sich selbst verlieren. Daraus zieht Rousseau den Schluss, dass man die Geschlechter, so gut es geht, trennen und Frauen vom öffentlichen Leben fernhalten muss.

Da sich mit lauter Vereinzelten jedoch kein Staat machen lässt, wir aber irgendwie zusammenleben müssen, entwirft er in seinem 1762 erschienenen Gesellschaftsvertrag einen Staat, den er mit einem Körper vergleicht, dessen Ziel die Aufrechterhaltung seiner Gesundheit ist. Wird ein Glied krank, muss man es entfernen, Abtrünnige müssen also mit dem Tod bestraft werden. Denn im Kopf dieses Körpers sitzt die volonté générale, der Allgemeinwille, angesichts dessen „der individuelle Wille nichtig sein muss“. Gewaltenteilung, wie Montesquieu sie vorschlägt, lehnt Rousseau kategorisch ab. So sehr der Gefühls-Apologet Rousseau die Stimme des Herzens gegen jedweden gesellschaftlichen Einspruch verteidigt, so wenig Spielraum lässt er dem Einzelnen.

Viele Widersprüche

Auch das Christentum hat in diesem Staat nichts zu suchen, weil es einen höheren Gott als die volonté générale kennt. Die einzige Ausnahme bildet Calvin, da er nicht nur Theologe, sondern vor allem weltlicher Gesetzgeber war, der auf Ordnung und Disziplin gesetzt hat. So emphatisch Rousseau die Volkssouveränität hochhält, so wenig vertraut er dem Volk, das das Gute will, aber nicht kennt. Was heißt, dass es weiser Führer bedarf, die es in die richtige Richtung lenken und wissen, worin der Allgemeinwille besteht.

Schließlich postuliert er im Gesellschaftsvertrag: „Jeder Bürger soll in vollkommener Unabhängigkeit von allen anderen leben und sich dafür in exzessiver Abhängigkeit von der Cité befinden.“ Je kleiner und überschaubarer diese Cité ist, desto besser. Nicht zufällig arbeitete Rousseau für Korsika, das damals für kurze Zeit eine unabhängige Insel war, eine Verfassung aus, so wie ihm auch Genf als Vorbild erschien, das damals mit zwanzigtausend Einwohnern nicht einmal so groß war wie das heutige Überlingen am Bodensee. Das eigentliche Ideal bilden für ihn die Dörfer oberhalb des Bieler Sees, in denen die Bauernhöfe in gehörigem Abstand voneinander stehen.

Was Rousseau wie nichts anderes abwehrt ist Komplexität. Dass er dem Gesellschaftsvertrag nicht, wie geplant, ein weiteres Werk mit dem Titel Die politischen Institutionen folgen ließ, dürfte vor allem systematische Gründe gehabt haben. Denn bei jeder Art von Konkretion hätte sich gezeigt, wie schnell man sich in Widersprüchen verfängt, wenn die volonté générale inhaltlich gefüllt und praktisch umgesetzt werden soll. Und trotzdem fühlt sich so mancher sofort zum Kampf für Gleichheit und Gerechtigkeit aufgerufen, der in seinen Schriften blättert. Was nicht zuletzt an den vielen rhetorischen Fanfarenstößen liegt, die einem aus seinen Werken entgegenschallen. So lautet etwa der berühmte erste Satz des Gesellschaftsvertrags: „Der Mensch ist frei geboren, und überall liegt er in Ketten.“ Was herzergreifend empörenswert klingt, auch wenn dieser Satz jeder Erfahrung widerspricht. Schließlich ist kein einziges anderes Lebewesen jahrelang wie er auf Schutz und Hege angewiesen, um überleben zu können. Freiheit gewinnt es allenfalls dort, wo Rousseau jede Freiheit vernichtet sieht, in der Gesellschaft.

Trotzdem verbindet man mit Rousseau vor allem Gutes, Schönes und Wahres. Auf einer umfassenden Lektüre seiner Schriften kann diese Verehrung kaum beruhen. Dass sein Emile über weite Strecken eine Bibel der Taliban sein könnte, dass sein Gesellschaftsvertrag bei allem Lobpreis der Volkssouveränität auch totalitäre Elemente in sich trägt, dass seine autobiografischen Schriften zu einem nicht geringen Teil einen Rachefeldzug gegen all jene darstellen, die ihn gefördert und unterstützt haben, erfährt man nur selten. In den Bekenntnissen und Träumereien eines einsamen Spaziergängers kehrt keine Formulierung häufiger wieder als die Behauptung: „Ich bin der Unschuldigste von allen.“ Und wenn er dort immer wieder verkündet: „Ich bin allein auf der Welt!“, verbirgt sich hinter dieser Klage ein nicht nur heimlicher Triumphgesang. In seiner umfangreichen, bis heute im deutschsprachigen Raum so gut wie unbekannten Schrift Rousseau juge de Jean-Jacques, die von seiner zunehmenden Paranoia, aber auch von seinem unverhohlenen Größenwahn kündet, stellt er fest, dass es gleichgültig ist, ob man das Evangelium oder seine eigenen Schriften verbrennt, da es genüge, wenn eins der beiden überlebt.

Wo das Gesetz des Herzens spricht und das Gelärm der Gesellschaft fern ist, kann es für ihn keinerlei Täuschung geben. Dass dieses Gesetz zum Krieg aller gegen alle führen muss, gibt Hegel in seiner Phänomenologie zu bedenken. Zudem bedarf das Herz, um sich Gehör zu verschaffen, einer Sprache, die nicht aus dem Herzen selbst kommen kann, sondern sich bei der allgemeinen Grammatik bedienen und auf einen Wortschatz zurückgreifen muss, den es nicht selbst erfunden hat. Für Rousseau würde ein solcher Einwand allerdings nur wieder einmal beweisen, dass manche Leute sich lieber in Sophistereien ergehen, anstatt aufs Echte, Ursprüngliche und Authentische zu hören. Wo das Gefühl nur sein eigenes Gewisper genießen will, ist für anderes kein Platz mehr.

Karl-Heinz Ott , geboren 1957, ist Schriftsteller, Essayist und Übersetzer. Zuletzt erschien der Roman Wintzenried . Ott wurde mit zahlreichen Preisen und Stipendien ausgezeichnet

15:00 27.06.2012

Kommentare 13