Karl-Heinz Ott
27.06.2012 | 15:00 13

Jean-Jacques Rousseau: Lieber ohne mich

Erinnerung Vor 300 Jahren wurde der radikale Zivilisationskritiker geboren. Eigentlich kämpfte er für eine Welt ohne Menschen

Jean-Jacques Rousseau: Lieber ohne mich

Rousseau, vorgestellt im Exil auf der St. Petersinsel

Foto: De Agostini / Getty Images

„Zurück zur Natur!“, denkt man sofort, wenn der Name Rousseau fällt. Nur dass sich dieser Ausruf in den Schriften des 1712 in Genf geborenen Philosophen nirgends findet, zumindest nicht wörtlich. Secundum naturam vivere, lautet eine berühmte antike Lebensmaxime: der Natur gemäß leben! Bloß weiß bis heute niemand so richtig, was darunter zu verstehen ist. Natur kann viel bedeuten: Trieb und Drang, Fressen und Gefressenwerden, alles Animalische und Bestialische, aber auch ein Alpenidyll oder ein Sonnenuntergang am Meer. Was es aber heißt, naturgemäß zu leben, ist damit noch lange nicht gesagt.

Als Jean-Jacques Rousseau im Jahre 1749 an einem Preisausschreiben der Akademie von Dijon teilnimmt, dessen Frage lautet: „Hat der Fortschritt der Wissenschaften und Künste unsere Sitten verbessert?“, wird er über Nacht berühmt. Denn er sagt der Aufklärung und dem Fortschritt den Kampf an: Bereits Rom ist an zu viel Kunst und Kultur untergegangen, so wie jede Zivilisation untergehen muss, in der die Dekadenz überhandnimmt. Die meisten der Zeitgenossen schütteln den Kopf ob solcher Thesen und begreifen nicht, wie man so vehement gegen die Zivilisation wüten kann. Doch im Kreis seiner Enzyklopädisten-Freunde nimmt man seine rhetorisch furiose, argumentativ jedoch reichlich delirierende Strafpredigt nicht allzu ernst. So jedenfalls schreibt es der Schriftsteller Jean-François Marmontel: „Von da an war klar, welche Rolle Rousseau zu spielen hat und welche Maske er tragen muss.“

Gegen den Fortschritt

1755 verfasst er einen weiteren Traktat Abhandlung über die Ursprünge und Grundlagen der Ungleichheit unter den Menschen. Der soziale Sündenfall begann demnach damit, dass einer unserer Vorväter zu behaupten anfing: Dies ist mein und nicht dein! Bis dahin soll die Menschheit in einem konfliktfreien Zustand der Eigentumslosigkeit gelebt haben, was Rousseau zufolge daran lag, dass keiner mit keinem etwas zu tun haben wollte. Schließlich ist er überzeugt, dass zu unseren ursprünglichen Bedürfnissen nur Hunger und Durst gehören, aber keineswegs das Verlangen zu lieben.

Worauf Voltaire ihm antwortet: „Nie hat jemand so viel Geist darauf verwandt, uns wieder in den Zustand der Tierheit zurückzuführen. Liest man Ihre Schrift, so bekommt man richtig Lust, wieder auf allen Vieren zu gehen!“ Womit die Behauptung im Raum steht, Rousseau sehne sich nach primitiven Verhältnissen zurück. Was er in seiner Abhandlung allerdings entschieden verneint, wo es heißt: „Wie aber? Wird man etwa die Gesellschaften zerstören, das Mein und Dein aufheben und wieder in die Wälder zurück müssen, um dort mit den Bären zusammenzuleben? Das ist eine Schlussfolgerung, die nur meine Gegner ziehen.“ Denn die wahre Natur findet sich nicht in irgendeinem Zurück, sondern in der Sprache des Herzens. Alles Übel wiederum beginnt in dem Moment, da ich mich auf andere einlasse, mich ihnen anschmiege und anpasse, ihre Sprache übernehme, ihnen zuliebe meine Meinungen verbiege und am Ende nicht mehr weiß, wer ich selbst eigentlich bin.

In seinem 1762 veröffentlichten Erziehungsroman Emile versteigt Rousseau sich sogar zu der Behauptung, dass auch Kinder sich nicht nach den Eltern sehnen, sondern am liebsten mit sich allein spielen. „Ein wahrhaft glückliches Wesen ist ein einsames Wesen“, lesen wir dort, während Menschen, die es zu anderen hindrängt, bloß Schwächen offenbaren. Die entdeckt Rousseau vor allem beim weiblichen Geschlecht. Während Männer nämlich nur einen schwachen Sexualtrieb besitzen, wollen Frauen unentwegt begehrt werden, um sich selbst zu spüren. Wodurch sich Männer in unnötige seelische Turbulenzen stürzen und ihren Stolz vor sich selbst verlieren. Daraus zieht Rousseau den Schluss, dass man die Geschlechter, so gut es geht, trennen und Frauen vom öffentlichen Leben fernhalten muss.

Da sich mit lauter Vereinzelten jedoch kein Staat machen lässt, wir aber irgendwie zusammenleben müssen, entwirft er in seinem 1762 erschienenen Gesellschaftsvertrag einen Staat, den er mit einem Körper vergleicht, dessen Ziel die Aufrechterhaltung seiner Gesundheit ist. Wird ein Glied krank, muss man es entfernen, Abtrünnige müssen also mit dem Tod bestraft werden. Denn im Kopf dieses Körpers sitzt die volonté générale, der Allgemeinwille, angesichts dessen „der individuelle Wille nichtig sein muss“. Gewaltenteilung, wie Montesquieu sie vorschlägt, lehnt Rousseau kategorisch ab. So sehr der Gefühls-Apologet Rousseau die Stimme des Herzens gegen jedweden gesellschaftlichen Einspruch verteidigt, so wenig Spielraum lässt er dem Einzelnen.

Viele Widersprüche

Auch das Christentum hat in diesem Staat nichts zu suchen, weil es einen höheren Gott als die volonté générale kennt. Die einzige Ausnahme bildet Calvin, da er nicht nur Theologe, sondern vor allem weltlicher Gesetzgeber war, der auf Ordnung und Disziplin gesetzt hat. So emphatisch Rousseau die Volkssouveränität hochhält, so wenig vertraut er dem Volk, das das Gute will, aber nicht kennt. Was heißt, dass es weiser Führer bedarf, die es in die richtige Richtung lenken und wissen, worin der Allgemeinwille besteht.

Schließlich postuliert er im Gesellschaftsvertrag: „Jeder Bürger soll in vollkommener Unabhängigkeit von allen anderen leben und sich dafür in exzessiver Abhängigkeit von der Cité befinden.“ Je kleiner und überschaubarer diese Cité ist, desto besser. Nicht zufällig arbeitete Rousseau für Korsika, das damals für kurze Zeit eine unabhängige Insel war, eine Verfassung aus, so wie ihm auch Genf als Vorbild erschien, das damals mit zwanzigtausend Einwohnern nicht einmal so groß war wie das heutige Überlingen am Bodensee. Das eigentliche Ideal bilden für ihn die Dörfer oberhalb des Bieler Sees, in denen die Bauernhöfe in gehörigem Abstand voneinander stehen.

Was Rousseau wie nichts anderes abwehrt ist Komplexität. Dass er dem Gesellschaftsvertrag nicht, wie geplant, ein weiteres Werk mit dem Titel Die politischen Institutionen folgen ließ, dürfte vor allem systematische Gründe gehabt haben. Denn bei jeder Art von Konkretion hätte sich gezeigt, wie schnell man sich in Widersprüchen verfängt, wenn die volonté générale inhaltlich gefüllt und praktisch umgesetzt werden soll. Und trotzdem fühlt sich so mancher sofort zum Kampf für Gleichheit und Gerechtigkeit aufgerufen, der in seinen Schriften blättert. Was nicht zuletzt an den vielen rhetorischen Fanfarenstößen liegt, die einem aus seinen Werken entgegenschallen. So lautet etwa der berühmte erste Satz des Gesellschaftsvertrags: „Der Mensch ist frei geboren, und überall liegt er in Ketten.“ Was herzergreifend empörenswert klingt, auch wenn dieser Satz jeder Erfahrung widerspricht. Schließlich ist kein einziges anderes Lebewesen jahrelang wie er auf Schutz und Hege angewiesen, um überleben zu können. Freiheit gewinnt es allenfalls dort, wo Rousseau jede Freiheit vernichtet sieht, in der Gesellschaft.

Trotzdem verbindet man mit Rousseau vor allem Gutes, Schönes und Wahres. Auf einer umfassenden Lektüre seiner Schriften kann diese Verehrung kaum beruhen. Dass sein Emile über weite Strecken eine Bibel der Taliban sein könnte, dass sein Gesellschaftsvertrag bei allem Lobpreis der Volkssouveränität auch totalitäre Elemente in sich trägt, dass seine autobiografischen Schriften zu einem nicht geringen Teil einen Rachefeldzug gegen all jene darstellen, die ihn gefördert und unterstützt haben, erfährt man nur selten. In den Bekenntnissen und Träumereien eines einsamen Spaziergängers kehrt keine Formulierung häufiger wieder als die Behauptung: „Ich bin der Unschuldigste von allen.“ Und wenn er dort immer wieder verkündet: „Ich bin allein auf der Welt!“, verbirgt sich hinter dieser Klage ein nicht nur heimlicher Triumphgesang. In seiner umfangreichen, bis heute im deutschsprachigen Raum so gut wie unbekannten Schrift Rousseau juge de Jean-Jacques, die von seiner zunehmenden Paranoia, aber auch von seinem unverhohlenen Größenwahn kündet, stellt er fest, dass es gleichgültig ist, ob man das Evangelium oder seine eigenen Schriften verbrennt, da es genüge, wenn eins der beiden überlebt.

Wo das Gesetz des Herzens spricht und das Gelärm der Gesellschaft fern ist, kann es für ihn keinerlei Täuschung geben. Dass dieses Gesetz zum Krieg aller gegen alle führen muss, gibt Hegel in seiner Phänomenologie zu bedenken. Zudem bedarf das Herz, um sich Gehör zu verschaffen, einer Sprache, die nicht aus dem Herzen selbst kommen kann, sondern sich bei der allgemeinen Grammatik bedienen und auf einen Wortschatz zurückgreifen muss, den es nicht selbst erfunden hat. Für Rousseau würde ein solcher Einwand allerdings nur wieder einmal beweisen, dass manche Leute sich lieber in Sophistereien ergehen, anstatt aufs Echte, Ursprüngliche und Authentische zu hören. Wo das Gefühl nur sein eigenes Gewisper genießen will, ist für anderes kein Platz mehr.

Karl-Heinz Ott , geboren 1957, ist Schriftsteller, Essayist und Übersetzer. Zuletzt erschien der Roman Wintzenried . Ott wurde mit zahlreichen Preisen und Stipendien ausgezeichnet

Kommentare (13)

wwalkie 28.06.2012 | 20:09

Der soziale Sündenfall begann demnach damit, dass einer unserer Vorväter zu behaupten anfing: Dies ist mein und nicht dein! paraphrasieren Sie Rousseau. Leider. Der dachte nämlich dialektisch (wie schon bestimmte Klassiker feststellten), denn er schrieb wörtlich:

Der erste, welcher ein Stück Landes umzäunte, sich in den Sinn kommen ließ zu sagen: dieses ist mein und einfältige Leute traf, die es ihm glaubten, der war der wahre Begründer der bürgerlichen Gesellschaft. Wieviel Laster, wieviel Krieg, wieviel Mord, Elend und Greuelhätte einer verhüten können, der die Pfähle ausgerissen, den Graben verschüttet und seinen Mitmenschen zugerufen hätte: 'Glaubt diesem Betrüger nicht; ihr seid verloren, wenn ihr vergesst, dass die Früchte euch allen, der Boden aber niemand gehört.'

Aktueller geht's kaum. Wem gehören heute die Früchte, wem der Boden, die Luft, das Wasser, das Erdgas, das Erdöl? Wo sind die Leute, die rufen: Glaubt ihnen nicht; ihr seid verloren, wenn ihr euch nicht zurückerobert, was euch allen gehört?

dos 28.06.2012 | 23:32

Die Ottsche Paraphrase ist schon leidlich korrekt und von der angeblichen "Dialektik" Rousseaus ist im Wörtlichen ebensowenig zu sehen wie in der Sekundärform.Viel eher zeigt der wörtliche Abschnitt die "Einfalt" Rousseaus, zur Erklärung des Durchdringens des "Mein!"-Ausfrufes, bloß mit "Einfältigen" (Leute, Mitmenschen, Mehrheiten?) seine Uraufstellung zu bevölkern.Neben der Tatsache, daß "Mein" und "Dein" incl. der Regularien dazu schon bis weit hinter die Primaten verfolgt werden können, weißt schon die Art, sich auf ein Narrativ wie "den Ersten, der ..." als veritable Ursprünglichkeit zu berufen, völlig ins A- und Anti- Dialektische.Diese einbeinige Abstützung auf eine dem Zivilisationselend vorgängige schöne, gute und wahre "Natürlichkeit" des/der Menschen, ist ihm und seinen Adepten in den letzten 300 Jahren gründlich weggehauen worden. Deren Verschwinden aber bloß auf die blöde Einfalt "damals" zufällig Anwesender zu schieben, durfte schon zu seiner Zeit skeptisch stimmen. So liegt denn ein "Pirat der Philosophie" als besiegter Krüppel darnieder, obgleich er noch einen "feschen" (fashion?) Dreispitz auf dem Kopf trägt ... Gleichwohl halten sich hartnäckig diverse Sub-Semantiken zu seiner Idee der "volontee generale". Mal kucken, was da noch so an Kommentaren kommt ...

wwalkie 29.06.2012 | 13:59

Da gucken Sie! An Kommentaren kommt gar nichts, weil Rousseau außer den happy und unhappy few die Öffentlichkeit nicht die Bohne interessiert. Was schade ist. Greffrath hat für die letzte ZEIT einen wunderbaren Aufsatz zur Aktualität des "Inclassable" geschrieben.

Aber etwas muss ich doch noch loswerden. Wenn ich lese:

Dass sein Emile über weite Strecken eine Bibel der Taliban sein könnte...

werde ich zornig. Im Emile schreibt der Gute zum Beispiel:

Man muss an Gott glauben um gerettet zu werden. Dieses falsch verstandene Dogma ist die Grundlage jeder blutrünstigen Intoleranz und die Ursache aller eitlen Instruktionen, die der menschlichen Vernunft den Todesstoß versetzen... Der Glaube der Kinder und vieler Erwachsener ist eine Sache der Geographie. Werden die, die in Rom geboren sind, eher als die aus Mekka erlöst? ... Wenn ein Kind sagt, es glaube an Gott, so glaubt es nicht an Gott, sondern an Pierre oder Jacques, die ihm sagen, das etwas existiere, das man Gott nenne... (Emile ou de l'Education, Livre Quatrième).

dos 29.06.2012 | 18:59

Da gucken Sie! An Kommentaren kommt gar nichts, weil Rousseau außer den happy und unhappy few die Öffentlichkeit nicht die Bohne interessiert. Was schade ist. Greffrath hat für die letzte ZEIT einen wunderbaren Aufsatz zur Aktualität des "Inclassable" geschrieben.

Was das wahrnehmbare (Des-) Interesse angeht, gebeich die Weisheit unseres Kärtner Urlaubsbauern (60ger Jahre) wieder: "Nua net huadeln!", denn der Mann ist seit 300 Jahren tot, und sein Erbe ist sowohl bei Greffrath als auch Ott in guten Händen. Wobei ich Greffrath etwas vorziehen würde, denn er erinnert über Rousseau an ein in dem Maß wieder aktueller werdendes Demokratie-Bild, in dem Globales in Wahrnehmung und Reaktivität auf jene relative Unmittelbarkeit zusammenschnurren könnte, wie sie Rousseau in dörflicher bis kantonaler Lebensweise mit Direkter Demokratie vor Augen hatte bzw. stellte:Im "Global Village" könnte das wieder möglich werden.

Sehr eigensinnig/einseitig, aber bedenkenswert, finde ich Greffrath bei seiner Semantik zur "volontee generale":das wäre ihm zufolge wohl der Wille, den eigenen Egoismus und im weiteren wohl auch den Partikularismus, innerhalb des Direktdemokratischen Systems zurückzustellen. Das ist zugleich "mehr" und "weniger" als klassischerweise in Form einer "einheitlichen", d. h. innerhalb einer demokratischen Einheit uniform und unicontent aufrtetenden, "übergeordneten" Vernunft in die vg-Idee so hineingelegt bzw. "stringent" aus ihr gemeinhin so gefolgert wird.

dos 29.06.2012 | 20:16

Emile/Taliban:

Ott behält in seiner Konjunktivkonstruktion recht, und wird indirekt darin von Greffrath gestützt, der darauf hinweist, Rousseaus Konzepte basierten auch wesentlich auf der Annahme einer gleichen Religion innerhalb des direktdemokr. Systems, und Rousseaus Religion sei höchst seltsam gewesen. Kulturzeit-Interview in 3sat-Mediathek.Was einerseits Stütze wackeliger Theoreme ist, die einheitliche Religion, stampft R. im hergebrachten Zitat in Grund und Boden, - und nicht nur dort!

Diese diskursiven Widersprüche in Verbindung mit denen zu seiner Lebenspraxis (Kinder im Waisenhaus abgegeben u. ä. ) und der, wie wir gesehen haben, sehr tiefgreifenden, aber um so oberflächlicher, öfters bloß mit "Einfalt", begründeten Schuldverteilungen zu 100% auf den/die jeweils Anderen hin, prägen seither den scheußlichen Doppelcharakter jedweder kritischen Anstrengung, besonders aber den der Linken, die den eigenen guten Ansprüchen stets die ethisch verdorbene wie handwerklich schlechte Praxis hinterherschiebt.

Die Erfahrung nach Rousseau sollte uns lehren, daß es schön und gut ist, die richtigen Ansprüche zu stellen, - vergleiche die Zahl, Wirkung und Tiefe ausgezeichneter Anträge und Gesetzesinitiativen der BT-Fraktion der Linken seit 1992 -, und daß dies aber nicht ausreicht, wenn die tägliche Politikpraxis von der Rousseauschen Unfähigkeit bestimmt wird, eigene Fehler und Schwächen einzugestehen, geschweige denn, sich in charakterlicher wie fachlicher Hinsicht weiter zu qualifizieren (DAS war DIE Erwartung im vergangenen Zustimmungszustrom: zeigt mal, was ihr werden könnt ...).Es tut mir leid das sagen zu müssen, aber innerparteilich hat die PdL stalinistische Züge angenommen: löschen, zensieren, drohen, locken, wieder löschen, wieder locken, wieder löschen, drohen ... usw. , während wichtige Schutzeinrichtungen wie die Bundeschiedskommission auf dem letzte PT in Göttingen, ihre Bankrotterklärung offen gelegt hat. (Keine fristgerechten Bearbeitungen möglich).Greffrath hat das Bild des "Partisanen" aufgerufen, ich bleibe beim Piraten (= der emanzipierte Krüppel).

Dem Partisanen wohnt allerdings auch jener Doppelcharakter inne, der mit dem "Aussen" einerseits und seinen "wahren" Aufgaben anderseits schon sosehr überlagert und intern beschäftigt ist, daß ihm zur Bildung eines belastbaren Ethos unterhalb seiner wahren Aufgaben und seiner wahren Existenz als existenziell-tätiger Kritiker/Täter weder die Kraft dafür bleibt, noch sich dazu eine zwingende Notwendigkeit für ihn ergibt: Deren Rhizom zwingender Bedingungen erreicht maximal 2 Ebenen, von den eben schon 2 für 1. den notwendigen Anschein (" sich im Volk bewegen wie die Fische im Wasser ...", Tarnungen gegenüber herrschenden Systemen, Mächten, Gewalten usw.) und zweitens für die "wahre", kritische Täter-Ebene seiner Existenz gebraucht werden.

langweiler 30.06.2012 | 16:37

Rousseau -Mensch oder Bürger

Gesellschaftskritik Zu meinem ersten Jahr in der FC habe ich mir gedacht ich schreibe einen Beitrag. Könnte es einen besseren Anlaß geben als Rousseaus 300 Geburtstag.

https://www.freitag.de/autoren/tomach/rousseau-mensch-oder-burger

ich finde es ebenfalls schade, dass wenig geschrieben wird zu einem revolutionären Vordenker. Anstatt wird über den wahren (Linken) Jakob diskutiert.

wwalkie 30.06.2012 | 16:51

I'm not convinced.

Sie springen mir viel zu schnell und zu apodiktisch über die Zitate hinweg. Bezüglich des Talibanvergleichs, den das Zitat widerlegt, und zwar mehr als deutlich (viele andere Passagen wären möglich) flüchten Sie in den Gebrauch des Konjunktivs, der Ott recht gebe (so hat der Konjunktivist immer recht). Nee, nee, es kommt schon auf die Interpretation der Quellen an (ad fontes auch bei Rousseau!).

Ott selber geht äußerst selektiv vor: „Ein wahrhaft glückliches Wesen ist ein einsames Wesen“, lesen wir dort (im Emile), während Menschen, die es zu anderen hindrängt, bloß Schwächen offenbaren." Er meint dies als Anklage, verschweigt allerdings Passagen aus demselben Werk wie:

Die Liebe muss gegenseitig sein. Um geliebt zu werden, muss man liebenswürdig sein... Ein Herz voller Sentiment möchte sich ausweiten. Wer fühlt, wie schön es ist geliebt zu werden, möchte von aller Welt geliebt werden..."

Oder: Man kann seine Freund oder seine Liebhaberin nicht kaufen. Es ist leicht, Frauen mit Geld zu bekommen (Ha! höre ich Ott rufen, genau das hat er gemacht!), aber dies ist das beste Mittel, niemals ein richtiger Liebhaber zu sein...

Beide Zitate wie der von Ott zitierte Satz zeigen nur eins: Rousseau ist äußerst widersprüchlich - wie die Aufklärer, wie die Gegenaufklärer, wie die Revolutionäre der Zeit - und wie wir heute.

Der marxistische Philosoph Closcard, der wohl aufgrund seiner 68er Kritik hier völlig unbekannt ist, schreibt: Welch ein Paradox! Rousseau kritisiert die Aufklärung, kritisiert den Fortschritt, schlägt sogar Gott vor ... und das soll der gute und einzige revolutionäre Weg sein? Aber ja! Es ist die beste aller möglichen revolutionären Formulierungen seiner Epoche. Man kann an Gott glauben und revolutionär sein; man kann den Fortschritt wollen, ohne Materialist zu sein. Alle vorangehenden ideologischen Gräben werden mit diesen zwei Prpositionen 'dynamisiert'. Aber vor allem hat er die Seelen und die Herzen mobilisiert und die neue Sensibilität geformt, ein schreckliches Argument gegen die Libertinage des Ancien Régime (Critique du libéralisme libertaire).

An dieser Stelle kommt dann immer das Argument des Rabenvaters - so wie bei Ihnen, wie bei Ott. Es gibt kaum einen Text über Rousseau, der nicht triumphalistisch darauf hinweist: sehr ihr, so sind die ... (man setze dann immer seine Lieblingsgegner ein). Das ist der Unterschied zwischen Theorie und Praxis! Und die Klosterschülerinnen und Kindergärtnerinnen erschrecken - um so begieriger die Confessions des Autors zu lesen - oder den Rousseau-Roman Otts.

andreasbraune 05.07.2012 | 09:36

Was für ein unsäglicher Artikel!

Im Jahr 2012 begeht man Rousseaus 300. Geburtstag und nicht seinen 240. Herr Ott könnte einmal zur Kenntnis nehmen, dass es seit 1952 die ein oder andere alternative ideengeschichtliche Auseinandersetzung mit Leben und Werk Rousseaus gegeben hat als diejenige Jacob Talmons.

„Auf umfassender Lektüre seiner Schriften“ kann Otts Beitrag zu Rousseau wohl auch nicht beruhen, denn sonst perpetuierte er nicht die Mär vom „ersten Satz“ des Gesellschaftsvertrags. Denn dieser hat nichts mit Freiheit oder Ketten zu tun, sondern er lautet:

„Ich will untersuchen, ob es in der bürgerlichen Ordnung irgendeine rechtmäßige und sichere Regel für das Regieren geben kann; dabei werden die Menschen genommen, wie sie sind, und die Gesetze, wie sie sein können.

Schon etwas weniger emphatisch und etwas eher analytisch, ne c’est pas?

Wer sich Kieselsteinchen aus dem Gesamtwerk so herausklopft, dass sie ihm in den Kram passen, wird einem Autor wie Rousseau nicht gerecht. Wo ist der Rousseau als Geburtshelfer der Subjektivität in der Moderne? Wo ist der Rousseau als Entdecker der Dialektik der Aufklärung? Wo ist der Erfinder einer kindgerechten Pädagogik?

Lieber Freitag: Lieber keinen Artikel zu Rousseau als einen solchen. Schon schlimm, wenn man auf der Jubiläumswelle mitschwimmen muss.

Liebe Mitfreitagleser: Lesen Sie Rousseau, und nicht die Jubiläumsliteratur! Sie werden sehen, es ist ein Vergnügen.