Jeder Jeck ist anders

Appetithemmer Gegen Übergewicht hilft nur die Förderung des Rechts auf Genuss. Anmerkungen zu einer angeblichen Massenkrankheit und den Methoden ihrer Bekämpfung

Man is(s)t sich ja oft selbst ein Rätsel. Weil Kartoffelchips in meiner Jugend elterlich nicht erwünscht, also etwas Verbotenes und damit Reizvolles geworden waren, habe ich nach meinem Auszug schnell eine Chips-Sucht entwickelt, die an eine, höchstens zwei Marken gebunden war. Später entwickelte ich immerhin kulinarische Interessen und auch Kompetenz. Ich weiß also, zum Beispiel von Hans-Ulrich Grimm (Die Suppe lügt), dass es in Holzminden eine Fabrik für "naturidentische Aromastoffe" gibt, die selbige suchtfördernde Stoffe nicht nur in Suppen und Erdbeerjoghurts, sondern auch in Kartoffelchips versteckt. Das Knacken beim Kauen dieser Chips wird genauso designt wie das Zufallen einer Autotür beim Porsche oder Mercedes. Ich weiß das heute, und futtere das Zeug trotzdem. Vielleicht aus Trotz gegen die regierungsamtlichen Ernährungskampagnen, das wohlige Gefühl nach dem Verzehr einer Tüte: nun habe ich es euch Umerziehern aber gegeben!?

Das Beispiel soll zunächst demonstrieren, dass der Autor dieser Zeilen selbst über nichts erhaben ist, wenn es hier um "gutes" und "falsches" Essen und Trinken, um Gesundheits-, Ernährungs- und Körperpolitik gehen soll. Da sind zunächst die kürzlich veröffentlichten Eckpunkte der Bundesministerien für Ernährung und Gesundheit "Gesunde Ernährung und Bewegung - Schlüssel für mehr Lebensqualität". Sie schrecken vor vielerlei Kurzschlüssen nicht zurück. Etwa vor dem, einseitige Ernährung könne zu vielerlei Krankheiten führen, deren Folgekosten kurzerhand summiert und somit der Ernährung komplett in die Schuhe geschoben werden (Herz-Kreislauf 35 Milliarden, Muskel-/Skelettsystem 25 Milliarden Euro. insgesamt "30% aller Gesundheitskosten"). Dabei wird weiter hinten in den Eckpunkten kleinlaut gestanden: "Der Einfluss von Ernährung und Bewegung auf die ›großen Volkskrankheiten‹ ... bedarf noch weiterer wissenschaftlicher Aufhellung". Das hindert die Propagandisten aber nicht, schon jetzt gegen Übergewicht zu Felde zu ziehen und an die Unternehmen zu appellieren auf ihre Kantinen zu achten, "da die Beschäftigten (dann) leistungsfähiger sind und weniger Fehltage anfallen." Wenn das kein durchschlagendes Argument ist ...

Folgerichtig hat schon die rot-grüne Bundesregierung unter Federführung der damaligen grünen Bundesministerin Renate Künast eine "Plattform Ernährung und Bewegung e.V." ins Leben gerufen, in deren Vorstand und Mitgliederliste viele auftauchen, die die Zusammenhänge bestens kennen und beherrschen: die CMA (Centrale Marketing Agentur der deutschen Agrarwirtschaft; der Name sagt alles), Nestlè, Intersnack Knabbergebäck GmbH, der Diätkonzern Weight Watchers, Dachverbände von Lebensmittelwirtschaft und Krankenkassen, Apetito AG, Coca Cola, PepsiCo, Danone, Dr. August Oetker, Ferrero, McDonalds, Katjes, Schwartauer, Unilever, Kraft, Margarine und Kaugummi-Verbände, die Sport- und Wissenschaftslobby jeweils in Mannschaftsstärke. Und auch der "Deutsche Verband der Aromenindustrie e.V." - den gibt es also wirklich - ist dabei.

Diese Plattform stellt zum Beispiel fest: "Familien in benachteiligter sozialer Lage, Familien mit Migrationshintergrund und die in ihnen lebenden Kinder sind besonders häufig von Übergewicht betroffen." Was macht die Plattform dagegen: sie "baut ein Expertenforum ... auf." Oder: "Heute sind oft beide Elternteile der modernen Kernfamilie berufstätig. Viele Eltern sind Alleinerziehende. Vor diesem Hintergrund haben sich die Essgewohnheiten zu Gunsten des verstärkten Einsatzes von halbfertigen und Fertigprodukten sowie Verpflegungsangeboten außer Haus verschoben." Also was tun? "Die Plattform setzt sich mit diesem Trend ... auseinander." Wow!

Wenn es mehr nicht wäre, könnten die Übergewichtigen also beruhigt sein. Es wäre alles nur ein weiteres Dokument des Liebedienerns verschiedener Bundesregierungen vor dem großen Kapital der Ernährungsindustrie. Dennoch wird mit solchen Kampagnen Stimmung gemacht. An einer Stelle wird frech behauptet 53 Prozent der Frauen und 67 Prozent der Männer seien übergewichtig. Verschwiegen wird, dass es sich immer um eine politisch-kulturelle Setzung handelt, wo "Normalgewicht" aufhört und "Übergewicht" anfängt, dass es zum Beispiel auch Studien - wie natürlich für fast alles - gibt, die "leicht Übergewichtigen" eine längere Lebenserwartung prophezeien als "normalgewichtigen" Dünnen. Völlig vernachlässigt bei solcher Gewichtspropaganda wird, dass "jeder Jeck" anders ist, dass es zahllose Ausnahmen (von Leistungssportlern bis zu Schwangeren) gibt.

Hatte Marilyn Monroe also Übergewicht? Wer sie mit heutigen Models oder Star-Schauspielerinnen wie Jessica Alba, Angelina Jolie oder Nicole Kidman vergleicht, müsste wohl zu diesem Schluss kommen. Noch 20 Jahre nach dem Tod der Monroe wurden in Karikaturen die fiesen Kapitalisten als Dicke in Anzug und mit Zigarre gezeichnet; in manchen Versionen zogen sie mittels eines Flaschenzuges einen Korb mit Nahrung vor den hungrigen Arbeitermassen hoch. Das ist heute alles umgewertet: die fiesen Kapitalisten sind heute durchtrainierte Männermodels à la Rolf Kleinfeld oder René Obermann. Die Dicken sind die, die von ihnen rausgeschmissen werden. Ums Essen geht es auch nicht mehr, das macht weniger als 15 Prozent der privaten Haushaltsbudgets aus.

Vernachlässigt wird, dass es nicht nur viele Übergewichtige, sondern vielleicht noch mehr Essgestörte gibt. Sie werden zwar in den Eckpunkten der Bundesministerien kurz erwähnt. Auch wirkt ein "Bundesfachverband Essstörungen" in der Plattform mit. Von konkreten Strategien gegen die Ausbreitung dieser Massenkrankheit ist aber leider nirgends die Rede. Schon vor einigen Jahren hat eine Studie der Universität Jena ergeben, dass ein Drittel der 10-31-jährigen Frauen und Mädchen von Essstörungen betroffen ist oder war. Die letzte Woche vom Robert-Koch-Institut veröffentlichte Studie zur Kindergesundheit kommt zu einem ähnlichen Ergebnis für 11-17-jährige: 28,9 Prozent der Mädchen und 15,2 Prozent der Jungen seien betroffen. Adipositas-betroffen sind dagegen nur 8,9 Prozent der 14-17-jährigen, beziehungsweise noch weniger in jüngeren Altersgruppen.

Bei Übergewichtigen lautet das Klischee, sie ließen sich gehen, würden sich selbst vernachlässigen. Da ist es stimmig, wenn Politik und Medien als Umerzieher auftreten und den unter Übergewichtigen stark vertretenen Unterschichtlern vorhalten, sie seien an ihrem Schicksal selber schuld und sollten sich erst mal selbst läutern, bevor sie Staat und Krankenkasse auf der Tasche liegen. Bei den Essgestörten sieht das Bild anders aus. Auch bei ihnen sind die Armen und die mit Migrationshintergrund (letztere laut RKI über 50 Prozent) überrepräsentiert. Sie versuchen, das Leben mit übersteigerter Selbstkontrolle in den Griff zu bekommen, sie üben zu viel Selbstdisziplin. Warum nur? Sigrid Borse vom "Frankfurter Zentrum für Ess-Störungen" beschreibt es als Versuch, "aus einer Ohnmacht heraus den Körper zum Bereich eigener Handlungsmacht" zu machen. Es fehle den Betroffenen an - schöner Begriff! - "innerer Sicherheit"! Und es gibt sie über 90 und unter acht Jahren, die Tendenz geht zur durchschnittlichen Verjüngung.

Es ist also unumstritten, dass Ess-Störungen eine Massenerkrankung, eine Volkskrankheit sind. Doch es ist merkwürdig, wie wenig das politische Debatten beschäftigt. Die Essgestörten sind schlimme Opfer herrschender Individualisierung. Sie treiben sie gegen sich selbst auf die Spitze, und kommen zu allerletzt auf die Idee, sich gar politisch dagegen zu organisieren. Foren, in denen sie sich zu immer höheren Hungerleistungen anspornen, gibt es dagegen wie Sand am Meer. In Wohngemeinschaften junger Frauen, besonders natürlich wenn sie "schön" sind, gehört das Kotzen zur gemeinsamen Alltagskultur. Sie finden nichts dabei, so wenig wie Alkoholiker ihr Saufen bemerkenswert finden. Den Regierungen fällt offensichtlich nichts dazu ein. Selbst in den Debatten der Feuilletons kommt es selten vor. Sind zu viele in der Branche selbst betroffen? Wer mag schon über sich und seine ganz persönlichen Fehler disputieren?

Doch es ist nicht "ganz persönlich". It´s the economy, stupid! Der Halt, den Berufstätigkeit und Arbeit gegeben haben, wurde und wird demontiert. Heute versuchen alle, nach Kräften zu funktionieren, weil sie nur dann durch Gehalt und soziale Anerkennung belohnt werden. Bei wem das Funktionieren gefährdet wird, verbirgt das lieber - darum auch die abnehmenden Krankheitstage. Das lässt sich der Körper nicht gefallen. Er reagiert bei jedem und jeder anders. Die einen fressen, die andern hungern, wieder andere tun beides. Die häufigste Krankheitsursache, sagt Wiglaf Droste, ist die Arbeit. Wer also gesund leben will, sollte als Erstes das Arbeiten, aber nicht Essen und Trinken einstellen.

But it´s not only the economy. Die Deutschen sind durch eine lange preußische und faschistische Genussfeindlichkeit geschädigt. Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen. (Sic!) War das nicht sogar ein Slogan von sozialdemokratischen Revolutionären? Die Hartz IV-Politik lässt sich jedenfalls genau davon leiten. Hier wird Essen als Nahrungsaufnahme zwecks Funktionieren des Körpers verstanden. Und das ist genau das große Missverständnis. Wenn der Mensch gesund bleiben soll, braucht er Lust und Genuss. Am Mittelmeer wurde das traditionell immer besser verstanden. Weil es dort mehr Licht gibt? Während im winterlich dunklen Skandinavien trotz prohibitiver Steuern und Preise erheblich haltloser gesoffen wird?

Heute existieren längst soziale, technische, wissenschaftliche und kulturelle Instrumente, die aus diesem archaischen Abhängigkeitsverhältnis von der Natur befreien können. Genuss kann gelernt werden, in Frankreich sogar in der Schule. Die internationale Slowfood-Bewegung bemüht sich darum, die sich bedauerlicherweise in Deutschland mehr als elitäre Gourmet-Vereinigung darstellt, als es diesem eigentlich hochpolitischen und sozialen Gedanken gut tut. Global engagiert sie sich unter italienischer Führung für regionale Erzeuger gegen die Patentpolitik der internationalen Saatgutkonzerne und für "das Recht auf Genuss". Auf jeden Fall kann man den nicht autoritär durch Regierungsdekret vermitteln, sondern nur durch Mitmenschen, die Freude und Genuss selbst vorleben können und dürfen. Furcht, Angst, Strafe haben da keinen Platz. Sie breiten sich aber gerade aus. Das ist das Ernährungsparadox dieser Tage. Wer da nicht dran will, wird weder Übergewichtigen noch Essgestörten helfen können.

Der Autor ist 50 Jahre alt, wiegt 80 (oder 81?) Kilo bei einer Körperlänge von 1,80 m.

Informationen über Essstörungen:

www.essstoerungen-frankfurt.de

www.bzga-essstoerungen.de

00:00 25.05.2007

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