Jeder kann Experte sein

Demokratie als Lebensform Drei Projekte in München haben beispielhafte Modelle von Bürgerengagement und Selbstbestimmung entwickelt

Wie können sich Menschen in die Streitfragen der Zeit öffentlich einmischen? Mit welchen Methoden lässt sich die vorschulische Erziehung auf Trab bringen? Und: Wie kann man quälende Ängste jenseits der therapeutischen Liege offensiv bekämpfen? Drei thematisch sehr unterschiedliche Projekte in der bayerischen Landeshauptstadt haben eines gemeinsam: Sie praktizieren besondere Formen der demokratischen Mit- und Selbstbestimmung. Dabei wollen sie wichtige individuelle und gesellschaftliche Zukunftsfragen nicht den Experten überlassen, sondern eigene Wege des Engagements erproben.

Eines dieser Projekte trat auf der Bundesgartenschau (BUGA) in München im vergangenen Sommer auf den Plan. Dort erlebten die Besucher etwas, was sie an die Speakers´ Corner im Londoner Hyde Park erinnerte. Von Juni bis August gab es öffentliche Debatten zu aktuellen Kontroversen wie etwa die Notwendigkeit einer Straßenmaut in der bayerischen Landeshauptstadt oder - am Tag der Zeugnisausgabe - die Abschaffung der Schulnoten. Nur: Es waren keine Solisten, die auf Holzkisten oder Leitern stehend um die Aufmerksamkeit der Spaziergänger rangen, sondern Pro- und Contra-Fraktionen aus je drei Personen, die auf wenige Minuten Redezeit begrenzt und im ständigen Wechsel miteinander Vor- und Nachteile einer Maßnahme begründeten, das Publikum in die Debatte einbezogen und auf spontane Zwischenfragen reagierten.

Debattieren ohne Wortgeklingel

Während die Rednerecke im Hyde Park ein buntes Gemisch aus religiösen Eiferern, Weltverbesserern und Nörglern anzieht, die eher predigen als debattieren und sich oft mit ihrem Publikum verbeißen, war die "Gegenveranstaltung" auf dem BUGA-Gelände von gänzlich anderer Qualität: "MitREDEN! Speakers´ Corner für München" versteht sich als Debattierplattform und Demokratieschmiede im Alltag, die öffentliche Streitfragen polarisiert und straff moderiert mit überzeugenden Argumenten, geistiger Frische und spannender Rhetorik austrägt - und somit bewusst einen Gegenpol zum Wortgeklingel in den TV-Talkshows schafft.

Das kam so gut an, dass im Herbst 2005 die Grünen-Fraktion im Münchner Stadtrat den Antrag stellte, auf dem neu zu gestaltenden Marienhof hinter dem Rathaus eine öffentliche Debattierecke einzurichten, die den auf der BUGA praktizierten Regeln folgt. Das Zeitungsecho darauf war so riesig, dass nun auch die SPD hellhörig wurde, die mit den Grünen ein Regierungsbündnis bildet. Im Februar stellten die MitREDEN!-Initiatoren der SPD-Fraktion das Modell vor. Die Freunde des Debattierens sind Mitglieder des "Bündnisses zur Erneuerung der Demokratie" (BED) - 1999 zum 50-jährigen Bestehen des Grundgesetzes gegründet, setzt es sich für mehr Mitsprache des Bürgers in Politik und Gesellschaft ein. Das Mitrede-Forum entwickelte der BED zusammen mit dem Debattierclub München. Er besteht aus Studenten, die sich die Kunst der Debatte an den Hochschulen Englands abschauten und am Münchner Campus ansiedelten. Das möchte nun der BED in die öffentliche Arena tragen.

Die "Munich Speakers´ Corner" als Platz der öffentlichen Auseinandersetzung sei ein lebhafter Ausdruck der Bürgerbeteiligung und der Bürgergesellschaft, warb BED-Mitglied Fritz Letsch, Theaterpädagoge und Moderator, bei den SPD-Stadträten für sein Projekt. Auf Stadtteil- und Bürgerversammlungen sowie in Schulen und Einrichtungen der Erwachsenenbildung werde man mit diesem originellen Beteiligungswerkzeug hervorragend arbeiten können, glaubt er und brachte damit weitere Anwendungen ins Gespräch. Im Mai soll auf einem zentralen Münchner Platz eine große Demo-Debatte stattfinden, unter Anwesenheit der Stadträte und Münchens Ehrenbürgerin Hildegard Hamm-Brücher, Schirmherrin der bayerischen Variante der britischen Speakers´ Corner.

Gemeinsame Weltkultur im Kleinen

Die Idee dazu wurde bei einem Open Space erfunden, einer gruppendynamisch besonders aktiven Form des Brainstormings, veranstaltet im Familien- und Empowerment-Zentrum Casa Luz. Dieses wurde von der gebürtigen Kolumbianerin und Pädagogin Luz Obesso gegründet und beherbergt hauptsächlich einen internationalen Kindergarten und Hort, in dem zwei Dutzend Nationen ein und aus gehen. Drei Idiome werden in der privaten und nicht öffentlich geförderten Einrichtung gesprochen: neben Deutsch die beiden Weltsprachen Englisch und Spanisch. Das Konzept dafür brachte Frau Obesso aus ihrer Heimat mit, in der sie ein englischsprachiges Gymnasium besuchte, in dem junge Menschen aus aller Welt unterrichtet wurden. "Im Zeitalter der Globalisierung, in dem die Distanzen schrumpfen, die Grenzen verschwinden und eine gemeinsame Weltkultur sich etabliert, haben Menschen große Vorteile, wenn sie mit Angehörigen anderer Kulturen, Religionen und Hautfarben aufwachsen und nicht auf eine Sprache fixiert sind", sagt die Gründerin von Casa Luz, was in freier Übersetzung und in Ableitung ihres Vornamens "Sonnenhaus" heißt.

Die lichtdurchfluteten und mit viel Holz ausgestatteten Räume in München-Schwabing wirken warm und einladend. "Mein pädagogischer Grundgedanke ist, die Kinder so anzunehmen, wie sie sind", erzählt die Südamerikanerin. Das geschehe hauptsächlich durch liebevolle Anerkennung, die den Kleinen das Gefühl gibt: Ich bin okay. "Dieses Urvertrauen wird Kindern durch mehr dirigistische Erziehungsmethoden oft genommen, sodass sie später ein ganzes Leben lang um Sicherheit kämpfen müssen und in schwierigen Situationen immer wieder einknicken", berichtet Frau Obesso. Dies führe häufig zu Störungen wie übermäßige Aggressivität sowie Ängsten und Depressionen, die beiden Volkskrankheiten der heutigen Zeit. Hyperaktivität, in anderen Erziehungseinrichtungen ein zentrales Thema und mit einem ganzen Arsenal von Maßnahmen bekämpft, ist für sie kein Thema. "Kinder sind nun mal von Natur aus quirlig und wollen die Welt entdecken", sagt sie. Das sei nervig für viele Erwachsene, die aus ihrem Ruhebedürfnis heraus die kleinen Plagegeister am liebsten an die Leine legten. Doch im vorschulischen Alter findet im Gehirn neuronale Vernetzungen statt, die zum großen Teil durch Umweltanreize gesteuert werden, die die Kinder dringend brauchen. Zu viel Maßregelungen und Einschränkungen bremsen die Entwicklung der Intelligenz - Autonomie und Selbstbestimmung verkümmern.

Großer Kreis am Vormittag in Casa Luz: 25 Kinder aller Hautfarben sitzen beisammen und lernen ein englisches Lied, ganz spielerisch: "One little, two little, three little Indians", und alle hüpfen und machen Grimassen dazu. Später werden sie eigene Verse dazu dichten, auch auf Spanisch, und ihre Gesangs- und Tanzkunst auf dem Sommerfest im Englischen Garten vorführen. Keiner langweilt sich, alle sind mit großem Eifer dabei. Mit ihren in Bayern gesammelten Erfahrungen baut Frau Obesso im heimischen Medellin in diesem Frühjahr einen Lehrstuhl für Kinderpädagogik auf, während eine ebenfalls aus Kolumbien stammende Pädagogin das "Sonnenhaus" für sie führt - auch eine Form von Globalisierung.

Theatergruppe gegen Sozialängste

In fünf Kilometern Luftlinie von Casa Luz, unweit des Münchner Hauptbahnhofs, steht eine Einrichtung, die mit Menschen arbeitet, die unter Angststörungen leiden. Während einige sich davor fürchten, mit mehreren Personen gemeinsam zu essen, trauen sich andere in keine U-Bahn - manche sogar kaum mehr aus der Wohnung. Neurotische Ängste und Panikattacken machen 15 Prozent der Bundesbürger das Leben zur Qual, Tendenz steigend. Es gibt einen ganzen Irrgarten von Therapien, Psychopharmaka in allen Farben, doch Gerhard Schick setzte vor 17 Jahren auf einen anderen Weg: Hilfe durch Selbsthilfe verschrieb sich der Angstleidende. Er gründete die Münchner Angsthilfe und Selbsthilfe MASH e.V., entwickelte in Anlehnung an die Themenzentrierte Interaktion TZI ein einfaches und sehr effektives Modell für die Leitung von Gesprächsgruppen, gewann das Gesundheitsreferat der Stadt München für eine finanzielle Förderung und hatte bald fast zweihundert Schicksalsgenossen unter dem MASH-Dach - mit durchschlagendem Erfolg. Nach dem Vorbild an der Isar entstanden in ganz Deutschland fast 20 weitere Einrichtungen, die nicht durch Therapeuten angeleitet werden, sondern durch ehemals Angstbetroffene, die sich mit dem Thema genau auskennen.

Untersuchungen zeigten, dass das Sprechen über die persönlichen Ängste enorm entlastend wirkt. Die Teilnehmer der Gesprächsgruppen brauchten weniger Medikamente, die Krankschreibungen gingen zurück, insgesamt wurden sie viel leistungsfähiger - was die Krankenkassen bald zu schätzen lernten und Selbsthilfegruppen mit einem Bonus unterstützten. Neben den Gesprächskreisen gibt es Übungsgruppen für Agoraphobiker, die in immer größeren Kreisen die Umgebungen ihrer Wohnungen und Wohnorte erforschen; seit neuestem hat MASH in seinem Portfolio eine Theatergruppe für Menschen mit Sozialängsten, die dort lernen, ihre Befürchtungen zu spielen und sie gleichzeitig in einem Theaterstück zu übertreiben und auszuagieren. Mit Rollen- und Perspektivwechseln das Gehirn, die Synapsen und die Hormone durchzupusten, alte Rollen des Sich-Unterwerfens abzulegen und aktiver am Leben teilzunehmen - für das alles taugt die Bühne, um letztlich auch im Alltag Regisseur der eigenen Lebensbiografie zu werden.


Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

00:00 10.03.2006

Ausgabe 16/2021

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Kommentare