Jenseits der Lügen von General Petraeus

Dokument der Woche Welche Verbindungen pflegt der irakische Milizenführer Muqtada as-Sadr zum Iran?

Im Irak kämpfen Schiiten gegen Schiiten. Über den mutmaßlichen und tatsächlichen Einfluss des benachbarten Iran dabei wird viel gerätselt. Teheran zieht mit dem einst verbündeten irakischen Milizenführer Muqtada as-Sadr längst nicht mehr an einem Strang, schreibt Yassamine Mather für die Zeitschrift Critique - Journal of Socialist Theory, die im schottischen Glasgow herausgegeben wird. Wir dokumentieren ihre Analyse zum internen Machtkonflikt der Schiiten im Irak leicht gekürzt.

Die Kämpfe zwischen einzelnen schiitischen Gruppen, wie sie zuletzt in Bagdad und Basra aufflammten, wurden von der imperialistischen Weltmacht und der iranischen Regierung gleichermaßen propagandistisch instrumentalisiert. Beide Seiten streuten eifrig Fehlinformationen über die regierende schiitische Vereinigte Irakische Allianz.

So wurde die Regierung in Teheran von General David Petraeus, Oberkommandierender des US-Irak-Korps, beschuldigt, eine fortgesetzt "destruktive Rolle" am Tigris zu spielen: Iran finanziere militärische Gruppierungen im Irak und habe während der Schlacht um die Hafenstadt Basra der Mahdi-Armee des Schiiten-Predigers Muqtada as-Sadr sekundiert. David Petraeus vergaß geflissentlich zu erwähnen, dass Teheran andererseits zugleich das US-Besatzungsregime unterstützt. Pikanterweise sind dieselben, falschen Behauptungen über die Solidarität mit Muqtada as-Sadr auch aus dem Iran zu hören, um zu beweisen, dass man sich als anti-imperialistische Kraft empfindet und für die irakische Résistance engagiert.

"Ich liebe die Sunniten. Ich bin ein Schiit, aber wir alle sind Iraker", sagt Muqtada as-Sadr

Der Konflikt zwischen den verschiedenen schiitischen Fraktionen im Irak ist kompliziert und verweigert sich jeder schablonenhaften Darstellung. So rief Muqtada as-Sadr seine Gefolgsleute erst dann dazu auf, sich auf eine Waffenruhe in Basra einzulassen, als Iran klar Position zugunsten des irakischen Premiers Nuri al-Maliki bezogen hatte. Schließlich erwog as-Sadr sogar, seine Milizen ganz aufzulösen, falls dies "die höchste schiitische Autorität" verlange. Eine bereits geplante Demonstration gegen die US-Besatzung in Bagdad sagte er gleichfalls ab.

Wenig später freilich bestand Muqtada as-Sadr in einem Interview mit dem Fernsehkanal al-Jazeera darauf, dass sich Teheran aus den inneren Angelegenheiten des Iraks heraushält, und attackierte den Religiösen Führer des Iran, Ajatollah Ali Khamenei, mit den Worten: "Als ich Khamenei zuletzt besuchte, wies ich ihn darauf hin, keineswegs mit den politischen und militärischen Ambitionen seines Landes im Irak einverstanden zu sein. Iran sollte sich nicht länger in die irakischen Belange einmischen."

Im gleichen Atomzug forderte as-Sadr die Arabische Liga und die Organisation der Islamischen Konferenz (OIC) dazu auf, sich der amerikanischen Besatzung im Irak zu widersetzen. "Ich appelliere an Sie, dem Widerstand mehr Legitimation zu verleihen und sich an die Seite des irakischen Volkes zu stellen, weil Iraker die Araber brauchen. (...) Die Besatzer versuchen, Sunniten und Schiiten zu trennen. Sie wollen auch einen Keil zwischen Sadristen und Sunniten treiben. Ich liebe die Sunniten. Ich bin ein Schiit, aber wir alle sind Iraker."

Erwartungsgemäß griffen die iranischen Medien Muqtada as-Sadr wegen seines Seitenhiebs auf Ajatollah Khamenei scharf an. Die konservative Zeitung Tabnak formulierte: "Diese Person war stets verdächtig. Wie allgemein bekannt ist, führt exzessive Militanz oft zu Ignoranz oder Verrat. (...) Von Beginn an gelang es der Gruppe von Muqtada as-Sadr nicht, auch nur im Geringsten den Interessen des Islam zu dienen. Wie kann solch ein Mann es wagen, Ajatollah Khamenei zu ermahnen?" Andere Medien gruben Dokumente aus, aus denen hervorging, dass as-Sadrs Vater bereits die Gerichte des Schah-Regimes in schiitischer Praxis unterrichtet und demzufolge mit den Todfeinden der Islamischen Revolution kollaboriert habe.

Aus Sicht der iranischen Führung bricht Muqtada as-Sadr mit schiitischen Prinzipien, wenn er einen irakischen Nationalismus beschwört und an die Arabische Liga appelliert. Die religiöse Hierarchie in Ghom, dem geistlichen Zentrum des Iran, verschärfte daher noch einmal ihre Kritik. Muqtadas versöhnliche Schritte - etwa die Annullierung der Demonstration in Bagdad - seien doch ein Indiz dafür, wie pragmatisch dieser Prediger mit dem schiitischen Establishment umgehe, wenn das seinen Interessen entspreche.

Letztlich ist Muqtadas Anti-Okkupations-Rhetorik ebenso wenig neu wie seine Kritik an Teheran. Sobald sich das Kräfteverhältnis in Basra oder dem Bagdader Viertel Sadr-City wieder zu as-Sadrs Gunsten wendet, wird er seine Vorwürfe erneuern. Seit 2003, dem Beginn der US-Besatzung, hat dieser Schiiten-Führer sich stets für die politische Einheit des Irak und gegen die "persische Einflussnahme" ausgesprochen. Er ließ keinen Zweifel an seiner Überzeugung, dass nur Araber die religiöse Führung im Irak inne haben sollten, niemals Perser, aus denen sich derzeit noch das klerikale Establishment in Nadschaf, dem schiitischen Zentrum des Irak, rekrutiert.

Der schiitischen Geistlichkeit im Iran ist klar, die irakische Regierung würde einen Abzug der US-Truppen nicht überdauern

In Teheran weiß man sehr wohl, dass die eigene starke Position im Mittleren Osten, die nicht zuletzt der schiitischen Regierung in Bagdad zu verdanken ist, bei allen arabischen Staaten auf Misstrauen stößt. Schließlich streitet man - um nur ein Beispiel zu geben - mit der Arabischen Liga über drei Inseln im Persischen Golf. Die Liga drängt derzeit die Vereinigten Arabischen Emirate, "legale und friedliche Wege" zu finden, um die Inseln aus der Hoheit Teherans zurück zu gewinnen. Auch um den Namen des Gewässers wird gerungen: Soll es Persischer Golf heißen, wie Teheran das will, oder Arabischer Golf, wie es die Liga fordert?

Zweifellos sieht der iranische Präsident Ahmadinedschad gerade bei diesen Konflikten in der irakischen Regierung einen Verbündeten. Obgleich iranische Führer öffentlich für ein Ende der US-Okkupation plädieren, dürften sie sich auch darüber im Klaren sein, was das bedeuten könnte. Die konservative Geistlichkeit um Ajatollah Khamenei weiß sehr genau, dass die jetzige Regierung "unseres brüderlich verbundenen Nachbarn", einen Abzug der US-Truppen nicht überdauern würde.

Das Kommuniqué, das auf Ahmadinedschads Bagdad-Visite im März folgte, spiegelt die offizielle Position: Iran spricht sich für eine gefestigte territoriale Integrität des Iraks aus und unterstützt den nationalen Aussöhnungsplan von Premier Nuri al-Maliki. Jeglicher Terrorismus gegen Menschen, Wirtschaftszentren, Staatseinrichtungen und religiöse Institutionen im Irak wird verurteilt. Ahmadinedschad versprach zudem einen Kredit von über einer Milliarde Dollar sowie Handelsverträge.

Derartige Verpflichtungen bezeugen Teherans Strategie, im Irak langfristige Ziele zu verfolgen und deshalb gute Kontakte mit dessen schiitischen Führern zu pflegen. Darüber können auch rhetorischen Scharmützel zwischen der Umgebung Ajatollah Khameneis und einem aufgebrachten Muqtada as-Sadr nicht hinweg täuschen. Letztlich warten die Iraner ab, wer die Oberhand im eskalationsfähigen Konflikt der irakischen Schiiten gewinnt.

Spätestens seit der Revolution von 1979 gilt es für Teheran als Axiom, die Schiiten im Irak zu unterstützen. Schon während des Iran-Irak-Krieges (1980-1988) wurden die in Opposition zu Saddam Hussein stehenden SCIRI*-Partei wie auch die Da´wa-Partei pro-iranisch ausgerichtet.

Der Oberste Rat der Islamischen Revolution im Irak (SCIRI) wurde von Ajatollah Muhammad Baqr al-Hakim geführt, bis dieser im August 2003 einer Autobombe in Nadschaf zum Opfer fiel. Damals beschuldigten viele Muqtada as-Sadr, Drahtzieher dieses Attentats gewesen zu sein, hatte doch Hakim zuvor angedeutet, mit dem von den Amerikanern berufenen Regierungsrat kooperieren zu wollen. Seit Hakims Tod führt dessen Bruder, Abdel Aziz al-Hakim, die SCIRI und sitzt momentan als Minister im Kabinett al-Maliki.

Obgleich unter allen Irakern der Widerwille gegen die Besatzer nicht nachlässt, sehen die meisten mehr politisch als religiös gefärbten Parteien und Gruppierungen der irakischen Schiiten ihre Interessen noch immer am besten unter den derzeitigen Umständen gewahrt. Das heißt, sie bleiben Teil des Problems, das den Namen Besatzungsregime trägt.

Es gibt in Basra eine Kraft, die es Wert ist, unterstützt zu werden: die Ölarbeiter und ihre Gewerkschaft, um deren Sympathien auch Muqtada as-Sadr wirbt. Er weiß, diese Klientel unterscheidet vor allem eines von den Ölarbeitern des Iran: Zu unterwürfiger Loyalität gegenüber religiösen Führern sind sie nicht bereit. Sie empfinden Ajatollah al-Sistani, die höchste geistliche Autorität des Irak, trotz seines überragenden Einflusses auf die schiitische Glaubensgemeinschaft als einen Repräsentanten des Establishments, einer Klasse der Landbesitzer und Großkaufleute.

(*) Supreme Council of Islamic Revolution in Iraq

Übersetzung Dirk Friedrich Schneider, Zwischentitel von der Redaktion

00:00 23.05.2008

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