Jenseits von Kurdistan

Kulturträger Der Berliner "Mîtos"-Filmverleih positioniert orientalisches Arthousekino

In den letzten Jahren hat sich auf dem deutschen Filmmarkt eine Anzahl kleiner Filmverleiher neu etabliert. Einige davon gestalten ihr inhaltliches Profil nach regionalen Gesichtspunkten. Der "Mîtos-Filmverleih" mit Sitz in Berlin-Friedrichshain konzentriert sich auf Filme aus dem Orient. Im Angebot finden sich vorwiegend Arbeiten kurdischer Filmemacher aus dem Iran, dem Irak und der Türkei. Das anspruchsvolle Verleihprogramm richtet sich nicht nur an intellektuelle Arthouse-Kinogänger, es zielt auch auf ein türkisch- und kurdischstämmiges Publikum, das in Deutschland derzeit mit türkischen Mainstreamproduktionen umworben wird.

Gegründet wurde "Mîtosfilm" 2004 von dem Filmproduzenten und Dokumentarfilmer Mehmet Aktas. In den zwei Jahren davor hatte Aktas als künstlerischer Leiter das Programm der Kurdischen Filmtage in Berlin zusammengestellt. Die urban geprägte Filmszene, die sich damals präsentierte, widerlegt hierzulande weitverbreitete Kurden-Klischees, die die Region zwischen der Osttürkei und dem Nordirak als Hort steinzeitlicher Militanz, provinzellem Patriarchat und hilflosem Leid verorten. Den Organisatoren gelangen zudem einige diplomatische Spagate, etwa, als es ihnen gelang, Filme aus Syrien und Israel für das selbe Programm zu bestellen.

Zu den Festivalgästen gehörte damals auch der iranische Regisseur Bahman Ghobadi, dessen Schildkröten können fliegen als erster Spielfilm aus dem Irak gilt. Der internationale Festivalhit und Berlinale-Friedensfilmpreisträger wurde von Mîtosfilm erfolgreich in die deutschen Kinos gebracht. Durch eine Zusammenarbeit mit Medico International, vor allem aber mit lokalen kurdischen Vereinigungen und durch gezielte Vor-Ort-Ansprache des kurdischstämmigen Publikums wurden für Ghobadis anspruchsvollen Arthouse-Film Zuschauer gewonnen, die sich, so Aktas, "ansonsten in den Programmkinos eher nicht sehen lassen". Mit den guten Besucherzahlen wurde der anfängliche Pessimismus der Kinobetreiber aufgefangen, die dem Film zunächst nur ein kleines Zielpublikum zutrauten.

Aktas stellt klar, dass es ihm dabei nicht um ethnisch orientiertes Marketing geht und erwähnt die sponsorenstarken Werbekampagnen des Maxximum-Filmverleihs, der in Deutschland seit einiger Zeit erfolgreich türkisches kommerzielles Kino, zum Teil parallel zu den Filmstarts in der Türkei, positioniert. Maxximum geriet letztes Jahr als deutscher Verleiher des rechtspopulistischen, stark antisemitisch angehauchten Tal der Wölfe - Irak in die Schlagzeilen, ansonsten verzeichnet das Verleihprogramm eher leichtere Kost wie den Familienfilm Mein Vater und mein Sohn. Von den Deutschland-Ausgaben der auflagenstarken türkischen Tageszeitungen publizistisch begleitet, ist das türkische Mainstreamkino mit sieben bis zehn Filmstarts im Jahr in Deutschland gut vertreten. Das Marketing findet jedoch nahezu ausschließlich in türkischer Sprache statt. Aktas kritisiert deshalb, dass sich die Aktivitäten im Endeffekt "gegen interkulturelles Leben in Deutschland" richten würden. Die türkischstämmige Zielgruppe sei ohnehin für das Kino schwer zu erreichen, und so besteht die Gefahr, dass Filme wie Ahmet Uluçays autobiographisch geprägte Coming-of-age-Geschichte Schiffe aus Wassermelonen hinter den dominanten kommerziellen Blockbustern bei den türkischstämmigen ´Communities´ weiter an Aufmerksamkeitswert einbüßen. Schiffe aus Wassermelonen startet Ende Juni bei Mîtos mit der für Arthousefilme inzwischen nicht unüblichen Anzahl von fünf Kopien.

Aktas beschäftigte sich von Anfang an auch mit Lizenzhandel und Filmproduktion. Die Irak-Krise steht ganz oben auf der Agenda der internationalen Politik, und so verkaufen sich Dokumentarfilme wie Bahman Ghobadis Dorfportrait Daf und War is over?!, der die Atmosphäre im Irak in der unmittelbaren Post-Saddam-Zeit reflektiert, weltweit vergleichsweise gut. Ghobadi, dessen Werk Aktas eine "eigene Dynamik zwischen Neorealismus und Yilmaz Güney" attestiert, gehört neben dem Hamburger Yüksel Yavuz (Kleine Freiheit) zu den regelmäßigen Kooperationspartnern. Yavuz produziert mit Mîtosfilm zur Zeit einen Dokumentarfilm über die vergangenen 25 Jahre im türkisch-kurdischen Konflikt, danach ist der nächste Spielfilm Mutterland geplant. Die Pre-Produktion der Geschichte über den Sohn einer kurdischen Aktivistin und eines deutschen Vaters, der auf Drängen der Mutter in den Guerillakrieg zieht, wird von der Filmförderung Hamburg und der Filmförderungsanstalt unterstützt.

Das kurdische Kino, das immerhin einen Sprachraum von 40 Millionen Menschen erreichen könnte, entwickelt ein Eigenleben. Regisseure wie Ghobadi, Kazim Öz und Hiner Saleem repräsentieren ein neues Selbstbewusstsein, das sich aus dem Schatten des omnipräsenten Autorenfilmers Yilmaz Güney löst. Den Traumata der Saddam-Ära und den gegenwärtigen Krisensymptomen geschuldet, zeichnet sich die Filmsprache der neuen Generation kurdischer Filmemacher durch ihre tragikomische Mixtur aus Mystizismus, Realismus und Skurrilität aus. Schildkröten können fliegen hatte in Südkorea übrigens 70.000 Zuschauer, in Spanien wurde sogar eine synchronisierte Fassung aufgelegt. Während die kurdischen Regisseure zu guten Kontakten nach Frankreich verfügen - Saleems Kilomètre zero lief 2005 am Eröffnungstag in Cannes - sieht Aktas in Deutschland in dieser Hinsicht noch Entwicklungsbedarf.

Derweil erweitert der Mîtosfilm sein regionales Profil, wenn es auch bei der beabsichtigen Orient-Ausrichtung bleibt. Vor kurzem wurden die Rechte für Close to home, einem beeindruckenden Portrait zweier Soldatinnen der israelischen Armee, erworben. Neben türkischen, deutschen und irakischen Filmen findet sich damit auch ein Film aus Israel im Programm.


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00:00 21.07.2006

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