"Jetzt sind wir in Berlin"

Anti-Atom Linke, Grüne, SPD kommen in Kompaniestärke, die Blöcke bleiben unter sich. Trotzdem: Die Anti-Atom-Demo vom Samstag war ein hübscher rot-rot-grüner Anfang. Eine Reportage

Das Hochzeitsfoto will nicht gelingen. Erst schwenkt eine grellgelbe Anti-Atom-Flagge vor die Linse, dann wieder läuft ein Mann mit Rock und rotem Rauschbart durchs feierliche Bild vor dem Reichstag. Die Brautleute nehmen es gelassen – sie können es sowieso nicht ändern: An der Reichstagswiese zieht die Anti-Atom-Demonstration vorbei. 50 Traktoren knattern ihr voraus, die vor einer Woche im Wendland gestartet sind, dort, wo sich die Politik seit 30 Jahren am Atommüll-Lager Gorleben versucht.

Auch die Jungen kommen

Vor ebenfalls 30 Jahren zog der erste Anti-Atom-Treck nach Hannover, und seitdem haben sie im Wendland keine Ruhe mehr gegeben, haben jeden Castortransport ins Lager Gorleben um Tage verzögert, Rote und Grüne unter Druck gesetzt und die Freie Republik Wendland ausgerufen. Die Demonstration am Samstag ist deshalb nicht zuletzt ein Jubiläum, und sie zieht nicht von ungefähr kurz vor der Bundestagswahl durch Berlin. Es hätte ein Zug der alternden Kämpen werden können, von Atomkraftgegnern der ersten Stunde, die sich noch einmal gegenseitig auf die Schultern klopfen für damals. Doch die massive, unfreiwillige Schützenhilfe aus Politik und Atomwirtschaft treibt auch die Jüngeren wieder auf die Straße, die das Thema Atomkraft schon fast abgehakt hatten.

Es hat sich einiges aufgestaut in den letzten Monaten. Der neue Störfall im AKW Krümmel und der mauernde Vattenfall-Konzern haben das Image der Atomindustrie sogar in konservativen Milieus beschädigt. Die offensichtlich lecke Atomhalde Asse 2, von der keiner mehr weiß, wie viel radioaktiver Müll tatsächlich darin lagert, der heimlich zum Endlager erklärte Salzstock von Gorleben und die vertuschten Sicherheitsbedenken des Bundesamtes für Strahlenschutz regen vor allem die auf, die sich aus Gorleben aufgemacht haben. Und nicht ganz neu ist schließlich der Verdacht, dass die Energiekonzerne das rot-grüne Atomausstiegsgesetz austricksen, indem sie die Leistung ihrer Kernkraftwerke drosseln, ihre restliche Strommenge so über den Wahltag retten und auf einen Sieg von Union und FDP hoffen – und auf längere Laufzeiten.

Edgar jubelt

Anne ist nicht zum ersten Mal auf einer Demo, aber zum ersten Mal mit Edgar. Anne ist 27, ihr Sohn Edgar ein Jahr alt und versteht kein Wort von dem, was die da auf der Bühne sagen, „aber er jubelt gern“, sagt Anne. Und Edgar jubelt. Gerade ruft wieder jemand auf, zur Wahl zu gehen. Und Edgar jubelt. „Man hört ja so oft, alle Parteien seien gleich“, sagt Anne. „Aber genau an solchen Themen merkt man doch, dass das nicht stimmt. Anne deutet auf ein hölzernes Pferd, das sich aus der Menschenmasse erhebt. „CDU/CSU“ steht darauf.

Würde Steinmeier hier vor der schwarz-gelben Gefahr warnen – er hätte ein Heimspiel. Merkelpuppen vor Atomfässern, Schmähbanner gegen Merkel und Westerwelle, aus Lautsprechern wettern sie gegen das schwarz-gelbe Gespenst. Linke, Grüne, SPD laufen gleich in Kompaniestärke an den Zuschauern vorbei. Mag die rot-rot-grüne Mehrheit im Demonstrationszug auch bei gefühlten 99 Prozent liegen – die einzelnen Blöcke bleiben lieber unter sich, kein Roter hat einen Grünen untergehakt. Einzelkämpfer von ÖDP und DKP schwenken Fahnen, ein Pirat im orangenen T-Shirt verteilt Wahlbroschüren – in denen kein Wort über Atomenergie steht. Kinder ziehen in weißen Schutzanzügen vorbei, fünf ältere Damen – eine auf ihren Gehwagen gestützt – tänzeln über die Straße und sehen in ihren grünen Kostümen aus wie von der Krönungsmesse einer Apfelkönigin entlaufen. Ein Mann skandiert etwas lahm und etwas peinlich von einem Demowagen aus: „Berlin, Berlin, jetzt sind wir in Berlin“, doch das geht in gnädigem Applaus unter, als sein Nebenmann „Atomkraftwerke abschalten“ ruft. Der Kleinbus der Antifa pflügt mit scheppernder Elektromusik durch die Menschenmasse, und über alledem strahlt auf hunderten Transparenten die rote Sonne auf grellgelbem Grund, die schon in den Achtzigern das Logo der Anti-Atom-Bewegung war.

"Wir können nicht anders"

Uschi und Dieter sitzen unter einem Baum im Tiergarten. Beide sind Mitte 50 und haben die Sorte Falten, die sich mit viel frischer Luft ins Gesicht graben. Sie sind schon auf vielen Demos mitgelaufen, auch beim Treck nach Hannover vor 30 Jahren waren sie dabei. Heute sind sie mit einem Sonderzug nach Berlin gekommen. „Es kann doch nicht sein“, sagt Uschi, „dass das jetzt einfach so weitergeht mit dem Müll und den Lügen und den korrupten Politikern.“

Auf der Bühne wird gerade ein Bauer aus dem Wendland als Held gefeiert, weil er trotz Kartoffelernte nach Berlin gekommen ist. „Wir können nicht anders“, ruft er ins Mikrofon. Uschi nickt, sie legt die Plastikschale mit den Möhrenstücken beiseite und verscheucht eine Wespe. Um Kartoffeln muss sie sich nicht sorgen, „aber wir haben einen großen Garten“, sagt sie und grinst unter ihrer Ballonmütze. Die ganze Zeit über hält die Fahne der „Freien Republik Wendland“ hoch, orangener Stern auf grünem Grund. Uschi grinst auch dann, wenn sie über Atommüll spricht, jedenfalls ein bisschen.

Dass der Müll irgendwo hinmuss, das sieht sie ein. „Aber nur weil da schon so viele Millionen drinstecken, kann man doch nicht einfach sagen, wir machen jetzt ein Endlager aus Gorleben“, sagt sie.

"Wählen gehen"

Der Platz vor dem Brandenburger Tor füllt sich, die Traktoren, die den Demonstrationszug angeführt haben, parken ordentlich hintereinander – der mit der Merkelpuppe und der mit den Atomfässern und den Schaufensterpuppen mit den Schweinemasken, an dessen Seite steht: „Der Trog bleibt, nur die Schweine wechseln“. Die Anti-Atom-Bewegung berauscht sich an ihrer neuen Stärke – 50.000 Teilnehmer haben die Veranstalter gezählt, 36.000 die Polizei, und irgendeine Zahl dazwischen drängelt sich jetzt vor der Bühne. „Abschalten“, fordern die Redner von der Atomindustrie, „Wählen gehen“ von den Zuschauern.

Und was kommt nach dem Wahltag? „Ich befürchte, es wird erst einmal so weitergehen“, sagt Uschi. Wird Schwarz-Gelb gewinnen? Uschi hält kurz inne. Dann nimmt sie eine Hand vor den Mund und sagt: „Ich hoffe nicht.“ Und grinst.

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09:35 06.09.2009

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