Judenfeindschaft als Spektakel

Arte/WDR Bei der Antisemitismus-Doku feiert der Boulevard seinen Willen zum Skandal als Dienst an der Aufklärung
Wolfgang Benz | Ausgabe 25/2017 17
Judenfeindschaft als Spektakel
Die einen stehen im Kampf gegen den Hamas-Terror an Israels Seite (links) – die anderen verurteilen die Gegenwehr des Landes (rechts)
Fotos: Ipon/Imago, Anton Thiem/Imago (rechts)

Bild sei Dank konnte die Dokumentation über Antisemitismus doch besichtigt werden. 24 Stunden lang. Arte und WDR hatten Auserwählt und ausgegrenzt dem gebührenzahlenden Publikum zunächst vorenthalten wollen. An vorderster Front der Aufklärung wollte das Boulevardblatt dagegen kämpfen. Es ging Bild darum, einen Beitrag gegen Judenhass zu leisten. Weil der Verdacht „bitter nah“ liege, so die Begründung, „dass diese Dokumentation nicht gezeigt wird, weil sie politisch nicht genehm ist“. Die groß aufgemachte Anklage am 13. Juni 2017 war illustriert mit Proben aus der nicht ausgestrahlten TV-Doku und mit der inhaltlich richtigen, aber in hauseigener Sprache elend formulierten Parole versehen: „Der Kampf gegen Antisemitismus ist in Deutschland ein überragendes Interesse.“

Der Vorwurf, der im Raum steht, ist groß. Einem danach lechzenden Publikum werde eine wichtige Fernsehdokumentation vorenthalten, so heißt es. Es werde Zensur geübt, die Meinungsfreiheit sei beschädigt und etwas Wichtiges werde unter Verschluss gehalten, um den Bürger unmündig zu halten. Solche Anwürfe setzen allemal Erregungen frei. Sie wallen in Debatten auf, bei denen es dann weniger um Inhalte geht – und umso mehr um Befindlichkeiten, moralische Positionen und Postulate.

Das Thema Antisemitismus ist das Minenfeld schlechthin. Jenseits des gesellschaftlichen Konsenses, nach dem Judenfeindschaft in Deutschland geächtet ist, steht auch Israel im Zentrum – bei manchen vor allem oder gar ausschließlich.

Judenfeindschaft auf das Feld „Pro oder contra Israel“ zu reduzieren ist aus vielen Gründen falsch und unnötig. Am Bekenntnis zu Israel lassen die Politik und die Eliten der Gesellschaft ja nicht den geringsten Zweifel. Und Kritik an Entscheidungen der Regierung in Jerusalem ist kein Verdikt gegen den Staat, sondern Freundespflicht. So drückte es Ex-Präsident Johannes Rau bei einer Konferenz über Antisemitismus im Auswärtigen Amt unter Applaus der versammelten Botschafter, Minister, Staatssekretäre und Experten aus.

Der Nahost-Konflikt hat längst eine Dimension weitab vom eigentlichen Schauplatz Israel/Palästina erhalten. Die Solidarisierung junger Muslime mit den Palästinensern auch in der Bundesrepublik äußert sich nicht nur in israelfeindlicher Propaganda und in Demonstrationen. Es wird dabei auch traditioneller Antisemitismus instrumentalisiert. In Osteuropa dient Judenfeindschaft bei der Selbstdefinition nationaler Mehrheiten als Leitmotiv. So ist auch in Polen Antijudaismus im Rahmen katholischer Volksfrömmigkeit en vogue. Das Vorurteil gegen Juden funktioniert in Nachfolgestaaten der Sowjetunion als Katalysator für nationalistische und fundamentalistische Strömungen. Es bildet den gemeinsamen Nenner für antiliberale, antikapitalistische, antikommunistische und antiaufklärerische Bewegungen.

Alltägliche Schuldzuweisung

Argwohn gegen eine rationale Behandlung des Gegenstands „Judenfeindschaft“ wird aus diametralen politischen Lagern artikuliert. Allein die Tatsache, dass in Berlin an der Technischen Universität ein „Zentrum für Antisemitismusforschung“ existiert, beunruhigt einen älteren Herrn. Er macht sich die Mühe, in drei langen handschriftlichen Briefen dem damaligen Leiter dieses Zentrums seine Meinung über „die Juden“ mitzuteilen. Seine Argumentation läuft darauf hinaus – wie es am Stammtisch landauf, landab artikuliert wird –, zu „beweisen“, dass es doch an den Juden liegen muss, dass man sie nicht mag. Die These, dass Judenfeindschaft ein Konstrukt der Mehrheitsgesellschaft ist und instrumentale Funktionen hat, wird mit Empörung zurückgewiesen. Auch das gehört zum Alltag der Antisemitismusforschung, wie zu den Debatten, die außerhalb der Öffentlichkeit geführt werden.

Zu lernen wäre aus der Geschichte und Analyse der Judenfeindschaft, dass nicht nur die Schuldzuweisung an die Opfer verhängnisvoll falsch ist. Die Lehre lautet auch, dass es bequem und entlastend ist, die Schuld an dem Übel einer bestimmten, dazu quasi determinierten Gruppe anzulasten. Wenn alle Muslime Judenfeinde sind, weil sie nichts anderes sein wollen und sein können, geht es den Christen gut, denn dann sind sie unschuldig und können getrost den Zeigefinger heben. In diese Falle sind die Urheber des Filmes mit dem mindestens unglücklichen Titel Auserwählt und ausgegrenzt geraten. Aber auch deren Verteidiger, die vom erbosten Produzenten zu Hilfe gerufen wurden. Die Sache stinke zum Himmel, stöhnte eilfertig einer von ihnen und bescheinigte intensive Recherche und wechselnde Perspektive.

Dass es Gründe gegeben haben mag, die Dokumentation nicht auszustrahlen wegen handwerklicher und fachlicher Mängel, wegen ihres Blickes in nur eine Richtung, wegen der Reduktion des Problems Antisemitismus in Europa auf das Agieren der Feinde Israels – das spielte im Meinungskampf und im Getümmel gegen die Öffentlich-Rechtlichen keine Rolle. Bild gab die Melodie und den Takt vor. Sie insinuierte, der Film werde deshalb nicht gezeigt, weil er „ein antisemitisches Weltbild“ in weiten Teilen der Gesellschaft belegt, „das erschütternd ist“. Der Zentralrat der Juden forderte pflichtgemäß die Ausstrahlung. Während WDR und Arte sich den Kopf zerbrachen, wie aus der Ecke herauszukommen sei, in die sie manövriert wurden, verschaffte das Boulevardblatt der Doku Zuschauer, die sie normalerweise nicht gefunden hätte. Der Wille zum Skandal – dekoriert als Dienst an der Aufklärung. Das erschuf die Affäre. Möglicherweise hätten ein paar tausend Gelangweilte abgeschaltet oder weitergezappt, so aber gab es einen Hype, bei dem sich zwei angesehene Anstalten vorführen ließen. Leidenschaft für den Kampf um das Gute und Richtige entfaltete sich, der Einschaltquote nutzt es, denn nach der rechtlich dubiosen 24-Stunden-Ausstrahlung auf Youtube wurde die Doku schließlich doch ins Programm gesetzt, mit anschließender Exegese bei Frau Maischberger.

Freund-Feind-Schema

Was lernen wir aus dieser Geschichte? Wieder einmal blieb die Aufklärung auf der Strecke. Rationaler Umgang mit dem Ressentiment Judenhass wird mit politischer Tendenz von Aktivisten zunehmend in Frage gestellt. Vorgetragen werden in Kampagnen Postulate, fixiert auf ein Freund-Feind-Schema ohne intellektuellen Anspruch, geübt im Eifer des Brandmarkens, Stigmatisierens und Diskriminierens unerwünschter Argumente und ihrer Träger.

Der Anspruch auf Deutungshoheit, was Antisemitismus nun eigentlich sei und wer berechtigt ist, ihn zu erforschen und zu bekämpfen, wird mit unterschiedlicher Begründung erhoben. Moralische und philosophische Argumente werden immer dann vorgebracht, wenn es um politische oder auch ökonomische Interessen geht. Philosemitismus und Betroffenheit allein bieten aber genauso wenig taugliche Instrumente zum sinnvollen Umgang mit dem Übel wie naive Politik. Das gilt auch für parlamentarische und regierungsamtliche oder von internationalen Gremien initiierte Anstrengungen der Beschäftigung mit dem Problem Antisemitismus. Sie beginnen in der Regel mit Definitionsversuchen (die Judenfeindschaft gerne bei irgendwelchen anderen verorten) und enden nach Mutmaßungen mit Resolutionen. Ziel muss aber sein, Judenfeindschaft als gesellschaftliches Phänomenzubegreifen und Aufklärung dagegen zu setzen, um sie öffentlich zu ächten, einzudämmen und politisch zu marginalisieren. Das geschieht übrigens weithin, jenseits der Vermutungen über Denkverbote und insgeheim grassierenden Judenhass in unserer Gesellschaft.

Antisemitismus ist kein Reflex auf Charaktereigenschaften oder Handlungen von Juden, sondern vielmehr ein Konstrukt der Mehrheitsgesellschaft, die sich, von Interessen und politischen Zielen geleitet, ihr Bild vom Juden macht. Das ist nicht jedem eingängig. Ähnlich schwer zu erklären ist die Notwendigkeit angemessener publizistischer Darstellung eines gesellschaftlichen Übels. Wissenschaft bedeutet Analyse und Interpretation eines Sachverhalts mit Methoden der Rationalität und dem Ziel der Objektivität. Max Weber hat in einer klassischen Formulierung als Voraussetzung politischen und wissenschaftlichen Handelns die Verbindung von Leidenschaft und Augenmaß gefordert. Das ist immer noch richtig und gilt auch für die TV-Dokumentation.

So abstrus die Vorstellung ist, ein fanatischer Judenfeind könne fruchtbare Antisemitismusforschung betreiben, so selbstverständlich ist auch das Postulat nach Empathie mit der Minderheit, mit der sich der Publizist beschäftigt. Das Augenmaß bei aller Leidenschaft für den Gegenstand besteht aber darin, dass das Motiv nicht im Verlangen nach Beifall aus den Reihen der Minderheit bestehen darf. Akademische Antisemitismusforschung und Pädagogik sind wie seriöser Journalismus Dienstleistungen gegenüber der Mehrheitsgesellschaft, nicht Anbiederung an die Opfer von Abneigung, Diskriminierung und Verfolgung. Das Ziel besteht in der Aufklärung der Mehrheit über Entstehung, Ausformung, Wirkung und Folgen einer aus Hass, Kalkül und Tradition generierten feindseligen Einstellung gegenüber der Minderheit der Juden.

Zwei Determinanten sind Voraussetzung jeder Beschäftigung mit Judenfeindschaft. Die eine ist der Holocaust als Menetekel dafür, wie Ressentiments gegen eine Minderheit mörderisch enden. Und das aus dem Judenmord resultierende Trauma der Opfer und ihrer Nachkommen kennt keine Verjährung, ebenso wenig wie die Scham der Nachkommen der Täter. Die andere Determinante ist das Verhältnis zu Israel, dem Staat der Juden, dessen Handlungen man im Einzelnen kritisieren darf wie die eines jeden Staats, dessen Existenzrecht aber nicht zur Disposition steht.

Der Zweiten Intifada gegen Israel, dem Terrorakt des 11. September 2001, dem Bramarbarsieren und Säbelrasseln des Ex-Diktators Achmadinedschad sind im Westen viel Vernunft und Liberalität zum Opfer gefallen. Populisten und verantwortungslose Demagogen versuchen der Welt einzureden, alle Gläubigen einer Religion, des Islam, seien aus dem einen Grund supekt – weil sie Muslime sind. Und der Iran sei ein für alle Mal der Schurkenstaat. Intoleranz wird propagiert, weil man sich schützen müsse, weil die Religion des Islam aggressiv sei und eigentlich keine Religion, sondern eine politische Bewegung, die seit Jahrhunderten gegen „den Westen“ agiere und Europa, das christliche Abendland, zu dominieren drohe. Dass die Hysterie, die sich „Islamkritik“ nennt, auch Publizisten wie Politiker ergriffen hat, sich politisch gar als Partei formiert, gehört zu den alarmierenden Entwicklungen unserer Tage.

Bedauerlich und besorgniserregend ist es, dass ein existenziell zentrales Thema wie die Judenfeindschaft und der Umgang mit dem Übel auf Nebenschauplätzen behandelt, dass Emotionen bedient werden, wo Verstand und Vernunft gefordert sind. Besonders schlimm ist, wenn Ressentiments genährt werden, die lauten, Unliebsames werde unterdrückt, da politisch unerwünscht. Das nannte man früher Demagogie, heute heißt es Populismus.

Wolfgang Benz ist Emeritus für Geschichte an der TU Berlin. Er leitete viele Jahre das Zentrum für Antisemitismusforschung

06:00 26.06.2017

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